Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 9 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 9. JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 9. kraft; für seine Ideale gegeben. Der Anfang für die Herzliah (das Herzlheim) ist bereits gemacht, das Grundstück um die Herzlzypresse im Umfang von circa 12 Dunam (10800 qm), wovon ein Drittel ein Geschenk der Bne-Brith- Loge, ist bereits in den Besitz der Anglo- Palestine Comp, übergegangen, ein Garten ist angelegt, von einer Trockenmauer umgeben und mit einer grossen Zisterne versehen worden. Nunmehr soll an die Errichtung eines Gebäudes geschritten werden, würdig des Mannes, dessen Namen es führen soll, würdig der jüdischen Nation. Das Unterzeichnete Komitee richtet an das gesamte jüdische Volk die Bitte, sich mit Liebe der „Herzliah“ anzunehmen. Spenden sind zu richten an die Adresse der Anglo Palestine Com. Ltd. Jaffa. Jerusalem, Beirut oder an die Jüdische Kolonialbank London. Das Komitee zur Errichtung des Ferienheims „HERZLIAH“ D. Levontin E. Cohen. I. Levy J. M. Pines. E. Eisenstadt. D. Yellin. Die Juden von Marokko. Von den Juden, die im Jahre 1492 aus Spanien, vier Jahre später auch aus Portugal vertrieben worden sind, haben jene, welche sich nach dem benachbarten Marokko wandten, ihr Gelobtes Land keineswegs gefunden. Vier Jahihunderte schon schmachten sie unter der despotischen Herrschaft der Sultane, wie unter dem tötlichem Hass und der Verachtung der Marokkaner, allen möglichen Beschränkungen und Bedrückungen ausgesetzt. Die letzten Ereignisse in Casablanca haben gezeigt, dass die Marokkaner auch heute noch die Juden als erste und willkommenste Opfer ausersehen, ihre Wohnungen zerstören, sie ihrer Habe, ihrer Frauen berauben und kalten Blutes niedermetzeln. Gewiss hätten sich im Laufe derZeit schon viele dem marokkanischen Joch entzogen, wenn sie nur könnten Die Marokkaner lassen sie nicht fort. Sie wissen sehr wohl, dass bei ihrer eigenen Indolenz Handel und Wandel ihres grossen Landes dahingingen, wenn die Juden nicht mehr vorhanden wären, und so behandeln sie die-' selben geradezu wie Gefangene. Bis in die jüngste Zeit durften Frauen Marokko überhaupt nicht verlassen, Männer nur dann, wenn sie ihre Familien ge» wissermassen als Geiseln zurückliessen. Seit dem Dazwischenkommen der Alliance Israölite und des Engländers Sir Moses Montefiore hat sich die Bewegungsfreiheit der Juden wenigstens in Tanger, unter den Augen der fremden Gesandtschaften, erheblich gebessert. In den anderen Häfen ebenso wie in den Städten des Inlandes müssen sie sich von den Gouverneuren einen Pass erwirken, wenn sie fort wollen, und für diesen werden mitunter so hohe Summen verlangt, dass ihre Befreiung ausgeschlossen ist. Heute noch sind sie mit Ausnahme von Tanger in ummauerte Judenviertel gesperrt, deren Tore von Schergen des Kaid bewacht werden. Bei Sonnenuntergang werden diese Tore geschlossen und erst bei Tagesanbruch wieder geöffnet. In Tanger allein dürfen sie in denselben Strassen leben wie die Mauren und sind wohl ebenso zahlreich wie diese. Die spanische Sprache hat sich bei ihnen bis auf den heutigen Tag erhalten; auch in ihren Lebensgewohnheiten und Sitten zeigt sich noch der altspanische Einfluss. So z. B nennen sie sich selbst „Gueruch Castilla“, d. h. aus Kastilien Vertriebene, und ihre Rabbiner beenden bei Heiraten die Vermählungsformel mit den Worten: „Das alles nach den Gebräuchen von Kastilien.“ Früher in krasser Unwissenheit und ohne jede Schulbildung aufwachsend, haben sie heute dank der Alliance Israelite in Tanger zwei vortreffliche Schulen für beiderlei Geschlechter mit ungefähr 100 Kindern. Hier werden sie natürlich auch im Französischen unterrichtet. Viele lernen privatim dazu noch Englisch, und da sie von Kindheit auf durch den Verkehr mit Mauren das Arabische beherrschen, bilden sie geradezu unentbehrliche Vermittler zwischen den Arabern und Europäern. Sogar die Regierung bedient sich ihrer dazu mit Vorliebe. Die Eintreibung der Steuern wird gerne an sie verpachtet, und so manche Regierungsgeschäfte fallen in ihre Hände. In den europäischen Postämtern sind sie geschickte, fleissige, ehrliche Beamte, im Geschäftsleben die rührigsten Bankiers, und die reichen Mauren bedienen sich ihrer als Strohmänner oder zur Verwertung ihrer Reichtümer, denn sie wissen sehr woh', dass sie selbst damit nicht unter die Augen der Regierenden kommen dürfen, soll ihnen nicht alles wieder verloren gehen. In Tanger bilden die Juden jedenfalls den tatkräftigsten, wohlhabendsten und interessantesten Teil der Einwohnerschaft Manche von ihnen, wie die Bankiers Abensur und Nahon wohnen geradezu in Palästen, und auch sonst finden sich in dem Labyrinth enger, vielgewundener Gässchen- und Plätzchen ganz nette Häuser, durchweg nach andalu- L sischer Art gebaut. Viele Juden geben sich auch verschiedenen Gewerben hin. In Tanger wie in den anderen Städten sind sie Schlächter, Bäcker, Gold- und Silberschmiede, Graveure, Schneider, Schuster — niemals aber Maurer, Schmiede, Töpfer oder Sattler. In allen Städten Marokkos, der Küste entlang von Tetuan über Rabat bis Mogador, ebenso wie im Innern des Landes, in Fez, Marrakescb, Mekinez usw. sind die Juden noch immer in schmutzige, streng ummauerte Stadtviertel, die sogenannten Mellah, d. h. Salzplätze zusammengepfercht und müssen ihre Nächte unbedingt dort Zubringer. Der Segen, den Jehova Abraham spendete: Dein Samen soll zahlreich sein wie der Sand am Meere, scheint ihnen ein Gebot zu sein, das sie nach Leibeskräften befolgen. Was gibt es doch in diesen Mellahs für Unmassen Kinder.! Auf den Strassen, in den schmutzigen Patios der überarall nach spanisch-maurischer Art gebauten Häuser, in den dämmerigen Kaufläden ihrer Papas tummeln sich Kinder, halbnackt oder ganz nackt umher, dutzendweise, und Familien mit einem oder anderthalb Dutzend Kinder sind gar keineSeltenheiten. Die Juden vermählen sich schon sehr früh. Von den früheren Beschränkungen ihrer Lebensweise haben sich viele bis auf den heutigen Tag erhalten. Je nach der Strenge des jeweiligen Kaid oder nach seiner Bestechlichkeit werden ihnen grössere Freiheiten gewährt, aber mitunter lehnt sich die mohammedanische Bevölkerung dagegen auf. In früherer Zeit durften die Juden beispielsweise nur in ihrer Mellah Schuhe tragen. Kamen sie in die Maurenstadt, so mussten sie barfuss laufen. Sultan Soliman gestattete ihren das Tragen schwarzer Schuhe. Als sie sich damit in Fez auf die Strasse wagten, waren die Mohammedaner so wütend, dass sie alle beschuhten Juden ohne weiteres niedermachten. Sie selbst baten dann den Sultan, das bezügliche Dekret wieder zurückzunehmen! Noch unter dem letzten, keineswegs strengen Sultan Mulay Hassan war es ihnen verboten, Turbane zu tragen. Sie bedecken sich heute mit schwarzen Käppchen oder blauen Tüchern, die sie unterm Kinn zusammenbinden, aber vor dem Gouverneur oder beim Vorüberschreiten an Moscheen abnehmen müssen. Statt der gebräuchlichen gelben Schuhe dürfen sie nur schwarze tragen, und in der Nähe von Moscheen müssen sie barfuss gehen. Begegnen sie Mauren, so müssen sie nach der linken Seite ausweichen, sie dürfen maurische Bäder nicht besuchen, in der Maurenstadt kein Pferd besteigen, vor Gericht keine Zeugenschaft ablegen, ausserhalb ihrer Mellah kein Haus und kein Grundstück erwerben. Jahrhundertelang blieben sie bedrückt, ausgeschlossen vom öffentlichen Leben, verachtet. Jede Verbindung eines Mauren mit einer Jüdin ist untersagt, zeigten sie sich bei Festlichkeit» n, dann wurden sie mit faulen Orangen und Steinen beworfen, mussten aber das Geld für diese Festlichkeiten zahlen. Heute noch sind sie einer dem Sultun zu zahlenden Toleranzsteuer unterworfen. Alles das erhielt die Mehrzahl von ihnen bis auf die Gegenwartt in Unwissenheit und Aberglauben. Der Bürgermeister jeder Mellah ist wohl ein Jude, untersteht aber einem maurischen Gouverneur, der wieder vom Kaid der Stadt seine Befehle empfängt. In den Mellahs der den Europäern geöffneten Hafenstädte dürfen durchschnittlich je 5—7000 Juden wohnen, in Tanger, Fez und Marrakesch je 8000, und Tausende leben ausserdem bei den Araberstämmen, von denen sie sich den Mezrag d. h. Schutz durch teures Geld erkaufen müssen. Im Ganzen ist die Zahl der Juden von Marokko wohl Hunderttausend. Sie wäre bedeutender, wenn die elenden Gesundheitsverhältnisse, in welchen die Juden leben, nicht vorhanden wären. Die Abwesenheit von Kloaken und frischem Wasser, von Luft und Licht, die Ablagerung allen Unrats in den Strassen und Häusern machen die Wohnungen zu wahren Krankheitsherden, und bei Epidemien haben die Juden die grösste Zahl an Opfern aufzuweisen. An ihrem Judentum halten sie mit grosser Zähigkeit fest. Sie trinken ihren Wein nur aus Gefässen, die kein Andersgläubiger berührt hat, und geniessen nur koscher geschlachtetes Fleisch. Selbst auf den Schiffen setzen sie sich nicht zur gemeinsamen Tafel, sondern lassen sich ihre Mahlzeiten in mitgebrachten Geschirren zubereiten. Die Speisen für den Sabbath werden am Tage vorher zubereitet, und die* Kochtöpfe dürfen nicht abgetrocknet werden. Ihre Synagogen sind indessen auch Christen zugänglich. Die meisten sind klein und von ärmlicher Ausstattung. Mit Kalk belegte Stufen führen in das mit Eichenholz getäfelte Innere. Zwei Säulen stützen in der Mitte eine Tribüne, und hinter dieser erhebt sich das gewöhnlich hölzerne Tabernakel mit den Gesetztafeln. Die sehr reich geschmückten Ornate der Rabbiner und die zum Gottesdienst erforderlichen Gegenstände sind in hölzernen Schränken untergebracht, die, für Marokko merkwürdig genug, unverschlossen sind. Dennoch hat es, wie man erzählt, seit Menschengedenken keinen Diebstahl gegeben. Nach dem Glauben der marokkanischen Juden würde ein Dieb, der sich an diesen heiligen Dingen vergreift, sofort durch den Tod bestraft werden. Korrespondenzen. Vom internationalen Sozialisten-Kongress.* Wien. Die rumänische Delegation auf dem Stuttgarter Sozialistenkongress hat eine Protestresolution gegen ihre Regierung eingebracht, die unverfälscht sozialdemokratische Denkart verrät. Die rumänische Regierung hat sich seit Jahrzehnten im Wege eines aufgelegten Vertragsbruches ihren jüdischen Staatsbürgern gegenüber ein System der Bedrückung und Rechtlosigkeit zurechtgelegt, das wiederholt Anlass zu scharfen Protesten und Ursachen zu katastrophalen Notständen gebildet hat. Die Bedrückung traf fast alle Juden gleich stark und die konsequente Verletzung der Berliner Vertragsbestimmungen ward ein europäischer Skandal. Die Sozialisten schwiegen. Die Sozialistenkongresse ignorierten die rumänische Judenfrage. In Stuttgart erst erhielt das Sozialistenbureau „offizielle“ Kenntnis von den rumänischen Bedrückungen, weil sie sich angeblich gegen die Arbeiterorganisationen richteten. Es spricht sehr krasser Klassenegoismus aus der Resolution und die ganze Engherzigkeit, mit der die internationale Sozialdemokratie Judenfragen zu behandeln pflegt. Die Resolution lautet: „Das internationale Sozialistenbureau ist von der rumänischen Delegation in Kenntnis gesetzt worden von den Unterdrückungen, die die Regierung Rumäniens gegenüber dem städtischen und ländlichen Proletariat entfaltet hat. Tn Erwägung dessen, dass durch diese Politik Tausende von Landarbeitern ihre Lehen einhüssten, die durch das Regime der Unterdrückung und grenzenlosen Ausbeutung auf den Weg der Empörung gedrängt wurden, und dass die Regieiung jetzt diese Politik auch auf die gewerkschaftlichen und sozialistischen Arbeiterorganisationen übertragen hat, indem man ihnen die Ausübung jeden Rechtes untersagt und Massenverhaftungen und Ausweisungen vornimmt, und dass diese Ausweisungen nicht allein gegen die in der rumänischen Industrie beschäftigten ausländischen Arbeiter gerichtet sind, sondern auch gegen eine ganze Kategorie rumänischer Bürger, die jüdischen Arbeiter, die, da sie nicht als Bürger eines anderen Landes betrachtet werden, gegenwärtig nirgends Schntz linden und denen die Aufnahme in jedes ausländische Staatsgebiet verweigert wird, in Erwägung, dass die jeder Humanität Hohn sprechenden grausamen Verfolgungen in Widerspruch stehen mit den internationalen Verpflichtungen der Rumänischen Regierung, beantragt das Bureau, der Kongress möge dem klassenbewussten rumänischen Proletariat, das für seine Rechte kämpft, seine Wünsche auf vollen Erfolg zur Anfeuerung aussprechen und zugleich seinen Protest und seine Entrüstung über die gehässige Politik der rumänischen Regierung ansdrücken; es ersucht zu gleicher Zeit die sozialistischen Abgeordneten der einzelnen Parlamente, die Forderung za stellen, dass die rumänische Regierung ihren Pflichten gegenüber den verschiedenen Kategorien rumänischer Bürger nachkommen soll, die die internationalen Verträge unter ihren Schntz genommen haben.“ Die Resolution ist so gefasst, als ob nur die jüdischen Arbeiter unter der Vertragswidrigkeit rumänischer Verwaltungspraxis leiden. Im übrigen darf man auf die parlamentarischen Schritte der österreichischen Sozialdemokraten, die jüdischen Fragen am liebsten meilenweit aus dem Wege gehen, neugierig sein. Angenehm ist ihnen der Auftrag des Stuttgarter Kongresses gewiss nicht. Von der „Neuen Freien Presse44. Wien. Die „Neue Freie Presse“ hat sich in ihrer Berichterstattung über den Ruthenenprozess ein bezeichnendes Eskainotagekunststück geleistet. Als der Vorsitzende den Zeugen Dr. Winiarcz nach der Zahl der Hörer an der Lemberger Universität fragte, antwortete dieser nach den gleichlautenden Berichten der Wiener Blätter: 3500; darunter sind 300 ruthenische Theologen, 500 Ruthenen an den anderen Fakultäten, dann 700 Juden, die sich zum Teile aus Polen bekennen, zum Teile aber sagen, sie seien jüdischer Nationalität“. Die „Neue Freie Presse“ unterschlägt die jüdischen Ziffern und sie, die während der ganzen Zeit eine ruthenenfreundliche Haltungbeobachtethat, fälscht lieber das Ziffernverhältnis zugunsten der Polen, bevor sie der jüdischnationalen Studenten Erwähnung tut. Vom Freidenkerkongress in Prag. Prag. Der Delegierte der organisierten polnischen Jugend Wasserzug (Warschau) hat folgenden Antrag betreffend die Judenfrage gestellt: .Der 14. internationale Freidenkerkongress spricht bezüglich der Judenfrage folgende Wünsche aus und erwartet von allen Organisationen eine stetige Arbeit für deren Realisierung: Da der Antisemitismus der frappanteste Ausbruch des religiösen und Rassenhasses und die Juden stets seine ersten Opfer sind, da ferner die antisemitische Propaganda auf die niedersten menschlichen Instinkte spekuliert und deshalb eine schädliche Macht in jeder Hinsicht ist, fordert der Kongress die Freidenker aller Länder auf, ihre Kräfte der Bekämpfung