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Jüdische Zeitung · 1907-09-13 · 9 (13.9.1907) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
9 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 9. führungen enthält. Präsident Leven sagt: Ich kann mir nicht versagen, Ihre Aufmerksamkeit einige Augenblicke teslzuhalten bei dem unb e s tr e i tbar e n Erfo lg unseres landwirtschaftlichen Ansi edlungswerkes, 'namentlich unseres ältesten Werkes, das seine Existenz dem Gründer unserer Gesellschaft (Baron Hirsch, Anm. d. Red.) verdankt: den Kolonien in Argentinien. Sie wissen, wie gross die anfänglichen Schwierigkeiten gewesen sind. Die Schwierigkeiten lagen zumeist in dem Unternehmen selbst, das darin bestand: ohne Anleitung irgend einer Erfahrung — denn ähnliches war vorher nie versucht worden-— alles von Grund aus neu zu schaffen, mit Menschen, die im Lande fremd waren, nicht seine Sprache noch Sitten kannten, in der Regel von Landwirtschaft nichts wussten, jüdische landwirtschaftliche Ansiedlungen einzurichten, d. h. nicht bloss jüdische Landwirte anzusiedeln, sondern Organisationen zu bilden, die Lebenskraft genug besassen, um Wurzel zu fassen und sich zu entwickeln. Diese Schwierigkeiten wuchsen noch, als die ersten Ansiedler viel zu wünschen übrig Hessen, und aus Mangel an Erfahrung die Grenzlinien zwischen reiner Wohltätigkeit und eigentlicher Kolonisationsarbeit verwischt wurden. Dass es bei Beginn tastende Versuche gab, dass Fehler begangen wurden, dass das Unternehmen sich mit einer gewissen Langsamkeit zu entwickeln schipn — wen hätte das überraschen dürfen? Selbstverständlich hat man uns keine Art von Kritik erspart. Wir wollten kein glänzendes, sondern ein solides Werk schaffen, dessen Entwicklung nicht künstlich in die Höhe getrieben, sondern durch die eigene Lebenskraft erreicht werden sollte. Das ist uns gelungen. Nachdem die Kolonisten mit Getreidebau begonnen und damit infolge Wetterungunst und Heuschreckenplage Fehlschläge erlebt hatten, sind sie allmählich dazu übergegangen, ausser dem Feldbau noch einige etwas weniger vom Wetter abhängige Erwerbszweige zu treiben: Viehzucht, Geflügelzucht,' Milchwirtschaft, Luzerneanbau. Dann haben sie ihre Erfahrungen zur Verbesserung der Feldwirtschaft angewendet, so dass sie heute aut festen Füssen stehen und ihr Lebensunterhalt gesichert ist. Wie immer die Schwankungen und Zufälle des Landbaues auch sein mögen, die Ansiedler gewinnen aus ihrer Arbeit nicht nur ihre Subsistenzmittel, sondern auch die Möglichkeit, ihre Schulden an unsere Gesellschaft abzuzahlen. Die Kolonie Moisesville liefert gerade jetzt einen bemerkenswerten Beweis: Die beiden letzten Jahre sind für den Getreidebau sehr ungünstig gewesen und die vor einigen Monaten, zur Erntezeit, an uns gelangten Meldungen lauteten ebenfalls sehr beunruhigend. Aber dank der verschiedenen Zweige ihres Betriebes haben die Ansiedler trotzdem das zu ihrem Leben Nötige gewonnen und uns noch eine Jahresabzahlung von ungefähr 110.000 Francs leisten können. Die wirtschaftliche Lage schwankt natürlich, je nach den Kolonien und auch nach den verschiedenen Ansiedlern selbst. Einigen von ihnen geht es sehr gut (man nennt in Mauricio mehrere Kolonisten, die in diesem Jahr von ihren Luzerne-Feldern über 30.000 Fr. Einnahme hatten), andere sind weniger günstig gestellt. Im allgemeinen aber herrscht zur Zpit Wohlstand in unseren Kolonien. Die Ansiedler leben gut und zahlen uns von Jahr immer grössere Summen ab. Sie zahlten im Jahr 1900 72.820 Fr. fl fl 1901 221.100 fl 11 1902 189.160 fl fl fl 1903 175.780 fl fl 1» 1904 214.060 fl 1! 31 1905 464 640 fl 11 fl 1906 614.900 fl Wir ziehen hier verschiedene andere Einnahmen nicht inbetracht, z. B. von Terrains und Immobilien, die von Jahr zu Jahr in gleichem Verhältnis zunehmen. Man sieht für das Jahr 1907 noch weit höhere Abzahlungen voraus. Die Ansiedler schicken auch von Jahr zu Jahr immer bedeutendere Geldmittel nach Russland zur Unterstützung dort lebender Verwandten (im Jahr 1906 waren es über 163.000 Francs). Sie beschäftigen eine immer grössere Zahl jüdischer Landarbeiter, wie im Jahresbericht aus der Bevölkerungstabelle der Kolonien zu ersehen ist, und viele Ansiedler machen beträchtliche Ausgaben zur Verbesserung ihrer Betriebe. Schliesslich gewinnt der Boden, auf dem sie angesiedelt sind und dessen Eigentümer sie mit der Zeit werden, in manchen Gegenden bedeutend an Wert. Diesem materiellen Gedeihen entspricht die Entwicklung des sozialen Lebens; es ist jetzt so wohlgeordnet, dass es sich in voller Freiheit entfalten kann, und die Kolonien stehen fest genug, um sich selbst zu verwalten. Ihre Bevölkerung besteht aus Leuten, die desselben Ursprungs sind, dieselbe Sprache und dieselben Bedürfnisse haben, es sind demnach alle Vorbedingungen zur Verständigung vorhanden. Wir haben homogene Gruppen zusammengestellt, was unsere Aufgabe sehr erschwert hatte. In den Vereinigten Staaten hat man mit denselben Bevölkerungselementen das entgegengesetzte System der einzelwöhnenden Pächter versucht, d. h. genauer gesagt: man hat einzelne Pächter mit der umwohnenden Bevölkerung zu vermischen gesucht. Man verzichtet aber allmählich auf dieses System; die Erfahrung hat gezeigt, dass man besser daran tut, richtige Kolonien zu begründen. Nachdem das Leben der Kolonisten gesichert und die Besorgnis geschwunden ist, dass wir bei etwaigem Missgeschick im Feldbetrieb für ihren Unterhalt würden eintreten müssen, können wir unserem Unternehmen eine weitere Ausdehnung geben. Alles begünstigt seine Entwicklung: man kann in Argentinien noch grosse Terrainstrecken erwerben, und wir haben tüchtige Arbeiter dafür. Das sind Leute, die ins Land gekommen sind, um den Feldbau zu lernen, die in unseren Kolonien eine Lehrlingszeit durchmachen und die wir nach ein- und zweijähriger Probearbeit für geeignet halten, als Ansiedler etabliert zu werden. Da wir jetzt die richtige Methode zur Entwicklung unserer Kolonien kennen, dürfen wir auch sagen, dass wir über ihre ’Zukünft beruhigt sind. Ihr Gedeihen wird durch die allgemeine Lage des Landes erleichtert Argentinien hat seit einigen Jahrpn bemerkenswerten wirtschaftlichen Aufschwung genommen. Dss Land bedeckt sich mit einem Netz von Eisenbahnen; die Beziehungen werden zahlreicher undbedeutender;mitderlandwirtschaftlichenProduktionverbundenelndustrien werden neu geschaffen oder entwickeln sich weiter — was braucht es mehr für den Acker- 'bauer? Die Kolonien in Palästina, für deren Lebensfähigkeit ihr Begründer so viele Mittel hat hergeben müssen, stehen jetzt ebenfalls günstiger. Das Land ist gut, die Erde fruchtbar, und die AnsiedierhabengenügendLandundentsprechende Ausrüstung bekommen, um sich ohne weitere Unte Stützung durchzubringen. Wir haben den grössten Teil unserer Verwalter entlassen, die Kolonien verwalten sich selbst und die Kolonisten arbeiten ernsthaft. Die Vervvaltungsreform des Landes und der Modus der Steuererhebung allein halten den Fortschritt der Kolonisation auf. Ich habe die glücklicheEntwickelung unseres landwirtschaftlichen Werkes so stark betont, nicht nur, weil es unser Hauptunternehmen ist, sondern um dem weitverbreiteten Vorurteil entgegenzutreten, dass die Juden unfähig zur Landarbeit sind. Sie haben in früheren Zeiten immer Landwirtschaft getrieben und haben damit nur aufgehört, weil man sie daran gehindert hat. Aber das ist alte Geschichte, die auch gebildete Leute nicht zu kennen brauchen. Habe ich doch erst kürzlich gehört, wie ein Diplomat den Juden Osteuropas den Vorwurf machte, keine Ackerbauer zu sein, und das in einem Lande, in dem sie nicht nur kein Land erwerben, sondern nicht einmal auf dem Lande wohnen dürfen! Ich hätte diesen Diplomaten gern ersucht, einmal einen Besuch in Argentinien zu machen, wenn Argentinien nicht so weit ab läge; dort könnte er sehen, mit welcher Freude und mit welchem Erfolg die Juden in einem freien Lande zur Landarbeit zurückkehren. Ist es denn nötig, Europa zu verlassen, um zu beweisen, dass die Juden zu dieser Arbeit geeignet sind? Sind sie nicht in Rumänien, soweit sie dort auf dem flachen Lande wohnen dürfen. Landarbeiter und Milchwirte, obwohl sie selbst nicht Gutsbesitzer werden können? Gibt es nicht in Russland vor langen Jahren begründete landwirtschaftliche Kolonien, wo auf dem von der Regierung sehr eng begrenzten und ganz ungenügenden Terrain das irgend Mögliche erzielt wird, und beschäftigen sich nicht in Bessarabien, Podolien, in den Gouvernements Cherson und Jekaterinoslaw und in den nordwestlichen Gouvernements zahlreiche jüdische Familien ausschliesslich mit Landwirtschaft? In dem Gebiet, wo seit dem Mai 1882 die Juden nicht mehr auf dem flachen Lande wohnen dürfen, haben sie vor den Toren der Städte gedeihliche Gartenindustrien geschaffen Die Ereignisse in Russland. Der Hilfsverein der deutschen Juden erhielt über die letzten Vorgänge in Odessa einen Bericht, in dem es heisst : Jede Möglichkeit, auf telegraphischem Wege irgend welche Berichte über die Vorgänge der letzten Tage in Odessa zu übermitteln, war ausgeschlossen. Soweit sich die traurigen Vorgänge übersehen lassen, seien sie im Nachfolgenden geschildert. Die Beerdigung eines Polizeisekretärs, die am Sonntag stattfinden sollte, hatte eine Panik in der jüdischen Bevölkerung hervorgerufen, da man wusste, dass derartige Beerdigungen immer als Provokation zu Progromen dienen. Die Befürchtung war leider nicht unbegründet. Als der Leichenzug sich zum christlichen Friedhof bewegte, hörte in den entlegenen Stadtteilen jedes Leben auf. Juden, die sich zu einer Trauerfeier auf den jüdischen Friedhof begaben, waren die ersten, die den G ewalttaten der Hooligans zum Opfer fielen. Die Hooligans versuchten die Tore des jüdischen Friedhofes zu sprengen und begannen bald auf die Juden 1 oszuschiessen, wobei einer, Israel Sabsai, auf der Stelle getötet und eine ganze Anzahl anderer verwundet wurden. Der Getötete sowie die Verwundeten wurden in das jüdische Krankenhaus gebracht. Auch dorthin schickten die Hooligans ihnen Schüsse nach. Die Kugeln flogen durch die Fenster des Krankenhauses. Zn gleicher Zeit begannen auf dem Tolkutzymarkt Ausschreitungen der schwersten Art; dort wurde kein Mensch verschont. Ein alter, 66jähriger Jude, Hirsch Sigelmann, wurde mit Kautschukknütteln grausam geschlagen und als er niederfiel, trat man mit Füssen auf ihm herum. Dortselbst wurden die Juden Lewitin, Isak Cohn, Abraham Loyew, sowie viele andere durch Messerstiche verwundet. Die Polizei blieb völlig untätig. Das Schiessen auf den Strassen dauerte noch bis 11 Uhr nachts an. Montag setzten die Hooligans ihre Greueltaten fort. Schon am frühen Morgen sprangen Hooligans in einen Strassenbahnwagen und fie en über die dort befindlichen Juden her. Später verteilten sich die Hooligans in kleine Gruppen und zogen in alle Teile der Stadt. Auf der Prochorowskastrasse hörte man Schüsse fallen, bald wurden vier Juden mit Schusswunden ins jüdische Krankenhaus gebracht. Die Hooligans gelangten ungestört in die Hauptstrassen Odessas, überall auf ihrem Wege misshandelten und verwundeten sie die Juden, die ihnen in den Weg kamen. Auch verschiedene Läden und Wohnungen blieben nicht verschont, sie zerschlugen Fensterscheiben, ruinierten Ladeneinrichtungen und schossen auf diejenigen, die sich in den Läden zu verbergen suchten. Ein Obsthändler, Josef Barbalat, wurde dabei schwer verwundet, ebenso ein christlicher Buchhalter, Dobrowolski, den man irrtümlich für einen Juden hielt. Ins jüdische Krankenhaus wurde ferner eine Anzahl Juden gebracht, die Brandwunden aufwiesen, so Wolf Polakow, Perzacliis, Samuel Jachiz und andere. Einen bejammernswerten Eindruck machte im Krankenhause die Einlieferung der verwundetenKinder, vier

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