Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 9 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9. JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5. apa •i-. mit allen Kniffen und Ränken sicherzustellen sich anschickt. Wäre es nicht nötig und zeitgemäss, dass auch die Jüdische Nationalpartei jetzt in die Wahlreformkampagne für den galizischen Landtag aktiv und energisch eingreife? Die UeberflüssigeD. Die Salzburger Hochschulkurse stehen offiziell im Zeichen des Antiklerikalismus, inoffiziell habeu sie nebstbei auch antisemitisches, zumindest aber gewollt judenreines Gepräge. Das steht fest. Nicht einmal diejüdischliberalen Studenten haben bisher den Mut der Anbiederung aufgebracht. Und sie laufen bei allen antiklerikalen Demonstrationen doch gar so gerne mit, sei es in noch so würdeloser Situation. Die Deutschnationalen blieben hübsch unter sich. Es war bei der ganzen Tendenz und Anlage der Salzburger Hochschulkurse selbstverständliche Konsequenz, dass Juden diese und die dazu gehörigen Veranstaltungen mieden. Im heurigen Jahre wollten einige Hochschüler den Festball mit ihrer Anwesenheit beehren und gingen ungeniert hin. Und wurden pünktlich hinausgeworfen. Die Judenreinheit des Festes wurde mit Bracchialgewalt erzwungen. Es ist gut so. Anders bläut man gewissen jüdischen Studenten, die sich trotz hunderterlei Zeichen von Hass und Verachtung in eine deutschantisemitische Gesellschaft drängen, sich politisch eins mit ihr fühlen und ihr kriecherisch nachhinken, Selbstachtung und Stolz nicht ein. Aus solcher Gesellschaft wie ein frecher Eindringling physisch hinausgedrängt zu werden, scheint ihnen nur ein kleines Risiko, keine schwere Beleidigung. Dafür sind sie glücklich und fühlen sich besonders ausgezeichnet, wenn sie — bestenfalls — nicht beachtet, übersehen und geduldet werden. Die Assimilanten, auf die nur ein buchstäblicher Hinauswurf erzieherisch wirkt, im gesellschaftlichen Verkehr nicht minder als in der Politik, pflegen die von Zionisten in ähnlichen Situationen geforderte und geübte Zurückhaltung und gesellschaftliche Separation Sucht nach dem Ghetto zu nennen. Sie begreifen gar nicht, dass gerade ihre Anbiederungssucht einen verächtlichen Zug ins Ghettomässige aufweist. Freilich, nur würdelose Ghettomenschen würden sich selbst so niedrig und erbettelte Gastfreundschaft bei Verächtern alles Jüdischen so hoch einschätzen, dass sie es eventuell auf eine Affäre wie die Salzburger ankommen Hessen. Eine interessante Statistik. Ein russischer, allerdings konservativer Statistiker hat sich der Mühe unterzogen, eine Statistik über die russische Revolutionsbewegung aufzustellen. Die Ziffern haben auch für uns Juden grosses Interesse, obwohl sie sich nur auf die Zeit bis zum 1. Jänner 1904 beziehen, auf eine Phase der revolutionären Bewegung also, die einen relativ geringen aktiven Anteil von Juden aufweist. Ein Vergleich der wegen politischer Verbrechen Angeklagten zeigt eine auffallende Erhöhung der Prozentziffern im Stande der Kleinbürger,BauernundindustriellenAi beiter. In den Jahren 1887 bis 1890 entfielen auf die Arbeiter 20%, auf den Adel 30'6°/0, im Zeiträume 1901 bis 1903 auf die Arbeiter 51'8%, auf den Adel 19’1%! In den Achtziger Jahren stellte dielntelligenzschichte das Hauptkontingent der Revolutionäre, üniversitäts- und Mittelschulbildung war überwiegend. Der Anteil der Juden ist von 13‘4% im Jahre 1890 auf 29’1% im Jahre 1903 gestiegen. Es war eine natürliche Reaktion auf die fortschreitende politische Bedrückung und wirtschaftliche Not. Nach dem Jahre 1904 brach die eigentliche revolutionäre Bewegung aus und es ist zweifellos, dass die allgemeine politische Lage in Russland und die Pogromära eine steigende Tendenz jüdischer politischer Vergehen zur Folge hatten. Aus- und Einwanderung in Rumänien. Ein Bukarester Universitätsprofessor behandelt in einem Artikel der Monatsschrift »Le mouvement economique“ die rumänische Emigrationsbewegung und liefert zur rumänischen Katastrophe des Jahres 1900 einen Kommentar, der kaum den Tatsachen und der Wahrheit entspricht. Als die wirkliche Ursache der jüdischen Massenwanderung stellt er nur die missratenen Ernten hin, welche die Juden veranlasst haben, ausserhalb Rumäniens neuen Erwerb zu suchen, und leugnetVerfolgungen, von denen im Auslande fälschlich die Rede war. Aber längst festgestellte Tatsache ist, dass man den Juden mit Absicht ErwerbsmögUchkeiten erschwert und Existenzbedingungen genommen hat. Die damals begonnene Auswanderung scheint nun" dauernd geworden zu sein, da nach den Ausweisen der amerikanischen Statistik jährlich etwa 8000 Menschen aus Rumänien in die neue Welt einwandern. Der Herr Professor, der das von seinem Staate an den Juden begangene Unrecht auf ein Minimum zu reduzieren sich bemüht, spricht natürlich auch der bekannten Protestnote des Staatssekretärs Hay, der die Ursachen der steigenden Auswanderung in der Verfolgung der Juden erblickte, jede Berechtigung ab. Er hat sonst gegen die jüdische Auswanderung nichts, nur die Emigration Militärpflichtiger, die doch begreiflich in einem Staate ist, der alle Pflichten auferlegt und alle Rechte verkürzt, möchte er gesetzlich eindämmen. Von grösserer Bedeutung für Rumänien sei die Einwanderung, die zahlreiche jüdische Elemente aus Galizien, Russland und Polen nach Rumänien führe. In der Moldau ist nach den Angaben Prof. Negulescus die Zahl der Juden von 37.000 (1859) auf 118.000 (1881) angewachsen. Die Einwanderung soll nun (Ein alter jüdischer Ansiedlungsplan.) Als ein interessanter Beitrag zur Geschichte der jüdischen Siedlungsversuche wird der .Voss. Ztg.“ folgender Brief mitgeteilt, den der Reichsfreiherr von M o n s t r, über den nichts Näheres bekannt ist, unterm 15. Februar 1785 an Moses Mendelssohn gerichtet hat. Er macht hierin den etwas utopistischen Vorschlag einer jüdischen Ansiedlung auf einem freien, reichsunmittelbaren Territorium, dessen Lage nicht näher angegeben wird. „Ihre Nation, mein Herr, ist in der ganzen Welt mehr oder weniger unterdrückt; in keinem Lande geniesst sie bürgerliche Rechte, in allen ist Ihnen die Zuziehung zu öffentlichen Aemtern und Geschäften versagt. Wollen nun etwa hundert Familien Ihrer Nation zu mir kommen, so sollen sie die Hälfte des zur Stadt bestimmten Grundes erb- und eigentümlich gegen einen mässigen Grundzins und eine dem Werte des Grundes proportionierliche Summe haben; die andere Hälfte gebe ich Christen, weil Ihre Leute sich mit vielen Sachen nicht abgeben, die doch notwendig sind. Die Landeshoheit und einige Vorzüge behalte ich. Keine Lasten, Accisen u. dgl. nie: eine Art von Magistrat, welcher aus einer gleichen Anzahl Juden und Christen bestehen soll und in welchem ich den Vorsitz behalte, soll alles bestimmen, was zur Unterhaltung der öffentlichen Bedienungen und Gebäude erfordert wird Kurz der Punkt und die ganze innere Verfassung, welche die Rechte der Untertanen und des Herrn auf ewig bestimmt, soll festgesetzt werden, sobald ich mit einer gewissen Anzahl Familien kontrahieren kann; denn mit einzelnen würde ich mich nicht einlassen. Ich rechne, dass 300 bis 400 Häuser Platz hätten; die Hälfte also für Juden. Zum Handel ist wohl keine bessere Gelegenheit in Deutschland; Freiheiten werden nirgends mehr gegeben werden . . . Reichtum verlange ich nicht dadurch zu erlangen, nur Gelegenheit, einige Menschen glücklich zu machen und die Gewissheit der Welt zu geben, dass doch noch ein Fleckchen auf dem Erdboden ist, wo wahre Freiheit ist, wo der Mensch denken und sagen darf, was er will.“ Mendelssohn bleibt demgegenüber etwas skeptisch. Er will den Plan einer Gesellschaft aufgeklärter Freunde, zu denen auch Dohm zählt, anvertrauen. Er halte freilich eine öffentliche Bekanntmachung des Planes für geraten. .Ich setze voraus,“ meint Mendelssohn weiter, „dass Sie von Seiten des Kaisers und des Reichs gesichert sind und von keiner benachbarten Macht etwas zu befürchten haben, und dass Sie dafür die Gewähr zu leisten imstande sind, so werden Sie Subjekte genug finden, die sich Ihnen in die Arme werfen und die Bedingungen, welche Sie Ihnen vorschreiben, herzlich gern annehmen werden.“ Monstr spinnt seine Pläne noch eine Weile fort, ohne sie jedoch zur Ausführung bringen zu können. Jüdische Jugendwehr in England. Die Assimilationsfähigkeit der Juden hat sich bei der jüdischen Einwanderung in England von der trefflichsten Seite gezeigt. Die jüdischen Zuzünglinge aus Russland, die in ihrer Heimat jede körperliche Übung missachteten und demgemäss vernachlässigten, haben in dem klassischen Lande des Sports mit überraschender Schnelligkeit erkannt, wie grossen Wert die Ausbildung der physischen Fähigkeiten besitzt. Aber nicht bloss theoretisch erkannt haben sie den Wert; sie haben sich beeilt, von der Gelegenheit Gebrauch zu machen, die sich ihnen bot, in den neuen Künsten Fertigkeit zu gewinnen, ihren Körper zu stählen und die moralischen Einflüsse, die daraus hervorgehen, auf sich wirken zu lassen. Der Sport — das Turnen der Engländer — hat unter den geborenen Engländern selbst keine eifrigeren Anhänger als unter den russinach amerikanischem und englischem Muster durch ein strenges Einwanderungsgesetz eingeschränkt werden. Die ausländischen Handwerker scheint die „im Werden begriffene“ heimische Industrie nicht entbehren zu können, denn ihnen soll die Freizügigkeit gewahrt bleiben. Der Artikel trägt die Merkmale aller rumänischen Politik in Judensachen; er ist unaufrichtig und nnwahr. Pogrome. Eine ständige Pogromrubrik würde die Leser der Tagespresse nicht überraschen. Sie würde aber auch keine tiefe Wirkung üben. Wir sind abgestumpft gegen die Schilderungen russischer Barbarei und jüdischen Elends, zucken kaum mehr, wenn wir von neuen Exzessen lesen. Kein Gedanke an Protest wagt sich hervor, in ohnmächtigem Grimm, stillem Schmerz lässt man den grausamen Dingen ihren Lauf. Odessa, Kischinew, Lodz meldete der Telegraph am 11. September als Pogromstätten. Auch an das Gesetz der Serie wird man sich gewöhnen. Die Haltung der Behörden, Zahl und Art der Verwundungen, Umfang der Plünderungen, Bestialität der Folterungen — nichts überrascht. Man nimmt die Pogrome wie ein alltägliches Ereignis, wie ein unabänderliches Charakteristik on des jüdischen Lebens hin, forscht nicht nach ihren Ursachen, fragt nicht nach dem Ende. Die Politik der Almosen, mit denen gutgläubige, aber naive und bequeme Juden des Westens die russische Judenfrage zu lösen und sich vom Halse zu schaffen gedachten, hat jämmerlich Schiffbruch gelitten. Die Hilfsgesellschaften arbeiten mechanisch weiter, appellieren von Zeit zu Zeit an die jüdische Mildtätigkeit und sammeln Gelder, die kaum einen Bruchteil der Not lindern können. Ihr Hilfswerk ist Flickarbeit. In Marokko wie in Russland, in Rumänien wie in Persien. Zum Teile haben sie es längst erkannt und widerwillig jüdischen Emigrations- und Kolonisationsfragen erhöhtes Interesse zugewendet. Aber die Katastrophen in den verschiedenen Ländern, die Unmöglichkeit dauernde Hilfe zu bringen, treiben sie schrittweise, aber sicher zu der einzig wahren Erkenntnis: Es gibt in den GolusländernkeineradikaleLösungderJudenfrage! Der Präsident der Ika Uber jüdische Landwirtschaft. Narcisse Leven, der Präsident der Alliance israelite universelle und der Ica, hat in der letzten Generalversammlung über die Tätigkeit der Ica eine bemerkenswerte Rede gehalten, die über die landwirtschaftlichen Unternehmungen der Gesellschaft sehr interessante Aussehen Juden, die seit wenigen Jahren erst ins Land gekommen sind. Die Grundlage für die besondere Form der körperlichen Ausbildung der jüdischen Jugend hat der weitbekannte englische Oberst Goldsmith gelegt. Dieser, als Kind von den Eltern der Taufe zugeführt und später zum Judentum zurückgekehrt, schuf im Jahre 1894 die jüdische Jugendwehr, die Jewish Lads Brigads, in der strenge militärische Zucht mit der Freiheit englischen Sports sich vereinigt. Die J- L. B„ die bei ihrer Gründung 60 Mitglieder zählte, hat jetzt deren schon über 4000. Diese stattliche Zahl ist in 17 Londoner Kompagnien gegliedert und in ein Provinzregiment, dessen einzelne Kompagnien in Manchester, Liverpool. Hüll Birmingham, Leeds, Sheffield, Bradford und Newcastle stehen. Auch in den Kolonien ist bereits die Grundlage für ein neues Regiment vorhanden, ln Montreal ist ein Bataillon, in Johannesburg und Port Elisabeth je eine Kompagnie. An den ersten Manövern, die im Jahre 1S96 abgehalten wurden, beteiligten sich nur 19 junge Leute; in diesem Jahre sah Oberstleutnant Sir Frederic L. Nathan bereits über 1000 Jünglinge als Manöverteilnehmer. Für das Provinzregiment wurde in Zitham eine besondere Uebung abgehalten. Diese jährlichen Uebungen finden meist an der Meeresküste statt und währen etwa 8 Tage. Zelte werden im Freien aufgeschlagen, und nach den militärischen Exerzitien geben sich die jungen Leute dem Krikettnnd Fussballspiel, der Athletik und Schwimmübungen hin. Für die musikalische Unterhaltung sorgt eine eigene Musikkapelle, die übrigens während des 'Sommers auch in öffentlichen Londoner Parks spielt. Aus „Ost und West“. -.\2P