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Jüdische Zeitung · 1907-09-13 · 9 (13.9.1907) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
9 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 9. Völker selten aufzuweisen hat. Nach der ersten gewonnenen Schlacht steht das „polnische“ Judentum rehabilitiert vor der ganzen Welt da und nun haben auch die östlichen Regimenter ihre Fahne. Aber der Kampf ist noch lange nicht zu Ende. Wenn unsere westlichen Brüder, die von der Vorsehung mit materiell reicheren Glücksgütern ausgestattet wurden und den Vorzug haben, mehr äussere Zivilisation zu besitzen, ihr bisheriges Vorurteil aufgeben und die begangenen Fehler gutmachen wollen, so müssen sie den galizisehen Juden näherzukommen trachten, müssen die Ursachen ihres Elends erforschen, um es zu bekämpfen, müssen das geistige Niveau der galizisehen Judenmassen heben und ihre wirtschaftliche Selbständigkeit vorbereiten. Vor allem obliegt der einheitlichen zionistischen Organisation die Pflicht, hier bahnbrechend zu wirken, denn der Zionismus hat sich doch das edle Ziel gesteckt, einst das ganze Judentum in sich aufzunehmen. Hier ist für ihn die Eroberung eines sozusagen politisch neuentdeckten Gebietes mit Bestimmtheit zu erwarten. In erster Reihe müssen die Juden Galiziens von der Knechtschaft der Schlachta, die jede unabhängige politische Regung im Keime erstickt, befreit werden. Mit einem oder auch mehreren Wahlsiegen kann die Befreiung nicht als verwirklicht gelten, denn solange wir vor Ungesetzlichkeiten und Willkür nicht geschützt sind, ebensolange werden auch die Wahlen nur „gemacht“ werden und ebensolange wird der wirtschaftliche und administrative Terror den Stimmzettel beherrschen. Kann man denn für alle Zeiten in jedem Durchschnittsjuden einen Helden und in jedem jüdischen Wähler einen Märtyrer suchen? Völker von Helden und Märtyrern gab es nicht und wird es nicht geben. Man muss also das Übel an der Wurzel fassen, die Willkür überall bekämpfen und dadurch wird 9s zu einem Märtyrertum eo ipso nicht kommen. Um das zu erreichen, soll ein allgemeiner Rechtsschutz organisiert werden, dessen Aufgabe es wäre, jedes Unrecht, das einem Juden geschieht, bis in die letzte Instanz zu verfolgen, jeden bureaukratischen Übergriff anzunageln und keinen Willkürakt ungestraft zu lassen. Die galizisehen Juden bedürfen dieses Schutzes nicht nur deshalb, weil sie, zwischen zwei einander befehdenden Nationen eingekeilt, den Chikanen am meisten ausgesetzt sind, sondern auch weil sie das Gesetz zum grössten Teil nicht kennen, ja sogar des Lesens nnd Schreibens sehr häufig unkundig sind, wodurch da werden die Urteile versiegelt. Am Vorabend, vor dem Neilah - Gebete wird das göttliche Petschaft auf jedes Urteil gedrückt Am Tage selbst hatte man Zeit, Gott um Milde zu bitten, Lob- und Bittgesänge zu sagen, Selbstanklagen und Beichten, Gebete für die Verstorbenen, für Väter, Mütter, Schwestern und Brüder, auch für all die Namenlosen, die am Wege gefallen, die bei Pogromen getötet wurden, bei Verfolgungen zugrunde gegangen sind — eines jeden Name wird erwähnt, für jede Seele wird gebetet, denn Waffengefährten waren es, die in der Schlacht gefallen, in dem Kampfe des jüdischen Lebens. Und Pflicht treuer Kameradschaft ist, ihrer zu gedenken vor Gottes Thron! Stunde um Stunde verrinnt und fastend und weinend, barfuss und im weissen Totengewande windet sich und ächzt der Jude und — Gott verzeiht. Es ist etwas Einziges und Wunderbares um diesen wetterfesten, ungeheuren Glauben eines Volkes, des Gottesvolkes. Einerseits steht es da gross, alt und gepeinigt, gross an Leiden, alt vom Wandern und gepeinigt von der Geschichte und ihm gegenüber ein Gesetz, ein Ewigkeitsprinzip: Gott! Gott strafend, lohnend, verzeihend und erhaltend! Und nie ist ein Murren wider diesen Gott vernehmbar; nein, es heisst bloss: „Du, der uns auserwählt, Du bist ein grosser, gerechter und langmütiger Gott!* schrankenlosester Willkür Tür und Tor geöffnet ist. Es kann Vorkommen, dass nicht nur einzelnen wehrlosen Personen, sondern ganzen Gemeinden gegenüber in Angelegenheiten, welche die vitalsten Interessen des Judentums betreffen, die Staatsgrundgesetze einfach mit Füssen getreten werden.*) Am ärgsten kommt aber der hilflose Jude im administrativen Verfahren vor den politischen Behörden davon. Hier steht ihm nicht, wie beim Gerichtsverfahren, der Rechtsanwalt zur Seite, der jeden Hieb geschickt zu parieren weiss. In politischen Strafeachen oder in Steuerangelegenheiten ist er auf sich selbst angewiesen und im voraus auf eine einseitige Entscheidung zu seinen Ungunsten gefasst. Das ist der Grund seiner politischen Abhängigkeit, seiner Furcht, seiner Ohnmacht und hier muss zuerst Wandel geschaffen werden. Dem wehrlosen galizisehen Juden muss auch dort, wo er der Willkür preisgegeben ist, ein Berater und Beschützer beigegeben werden, wenn er anders nicht im Sumpfe stecken bleiben soll. Es ist zu diesem Zwecke in jeder Kr e is s t a d t Gali z i e n s ein Rechtsschutzbureau zu errichten, welches jedem Juden seines Kreises unentgeltlichen Rechtsbeistand und Rat gewähren soll. In jeder jüdischen Gemeinde soll das Bureau wenigstens einen Vertreter haben, der ihm die zu vertretenden Fälle des Ortes mitzuteilen und die erforderlichen Daten zu sammeln hätte. Eine lebhafte Agitation muss entfaltet werden, damit kein einziges, einem Juden widerfahrene Unrecht der Kenntnis der Rechtsschutzbureaux entgehe. Aber rücksichtslos muss vorgegangen werden. Es sollen Entscheidungen desVerwaltungs g er i chtshofes und des Reichsgerichtes provoziert und Interpellationen imReichsrate durch den Jüdischen Klub überreicht werden, bis die polnische ßureaukratie zur Überzeugung kommt, dass der Jude nicht mehr vogelfrei ist, dass die Staatsgrundgesetze auch ihmgegenüberrespektiert werden müssen und dass der Jude durch administrativen Druck politisch eher trotzig als mürbe gemacht werden kann. Erst unter solchem Rechtsschutze wird sich auch der *) Mir ist ein Fall bekannt, dass ein röm.-kath. Geistlicher als Vorsitzender des Ortsschulrates, in einem amtlichen Schriftstücke den Schulleiter ganz offen zur Rede stellt, weil er mehr als 10°/0 jüdische Kinder in die Schule aufnahm. Offenbar hält dieser geistliche Herr Galizien für eine russische Provinz. Langmütiges, treues Volk! Trotz Qualen und Autodafes, Grossinquisitoren und praktischer Christenliebe hast Du kein einzigesmal gezuckt und gezagt, Du bist treu geblieben, treu Deinem Gotte. Und mochten auch viele Verräter in Deiner Mitte gewesen sein, Dein Kern blieb gut und treu . . . Sie fragen uns, unsere Gegner und hämischen Klügeren, welche Vogel-Strauss-Politik treiben und hinter Schössen Fremder ihre Judennasen verstecken, warum wir uns noch um Dich kümmern, warum wir noch immer treu an Dir hängen und an Deine Grösse glauben. Die Schwachen, Feigen und Faulen! Rufen möchte ich sie einmal hierher in den Osten, nicht in Tempel und Betpaläste, sondern in alte, verfallene Synagogen und Gotteshäuser, rufen sie am Tage des Jom-Kippur und ihnen zeigen, wie ein Volk mit seinem Gotte spricht, wie ein Volk glaubt, wie es hofft, wie gross sein Vertrauen und wie herrlich seine Seele ist! . . . - Allerlei. Die „Wiege Abrahams“. In dem Berichte der „Alliance Israölite Universelle“ für das Jahr 1906 erzählt Herr Ni6go, ehemaliger Leiter der israelitischen Schule der Alliance in Jaffa, von einer Reise im Euphratgebiet u. a. folgendes: „Wenn man den Euphrat bei Biredschik überschritten hat, gelangt man nach Mesopotamien und einige Kilometer weiter, zunächst auf erhöhtes, kalkreiches, kahles Land, später auf eine Ebene von grosser Schönheit und polnische Jude politisch frei entwickeln, erst dann wird er wahrhaft frei werden und erst dann ein kräftiges Rekrutenmaterial für den nationalen Kampf liefern können. Kozlöw, Galizien. Joachim Neiger. Rundschau. Nationale Kataster. Das Katastersystem, das vor zwei Jahren die mährische Landtagswahlreform eintührte und nach welchem bekanntlich auch in Mähren die Reichsratswahlen vorgenommen wurden, setzt sich über die nationale Eigenart der Juden hinweg und zwingt diese, durch Eintragung in den deutschen oder cechischen Wahlkataster eine neutrale Stellung im nationalen Kampfe aufzugeben und ein nationales Bekenntnis abzulegen, das weder ihre Gesinnung, noch ihre Nationalität wirklich zum Ausdruck bringt. Die mährische Landtagswatilreform brachte nicht nur den Juden, sondern auch anderen mächtigeren Parteifaktoren im Lande eine unliebsame Ueberraschung und stellte sie vor ein fait accompli. Die Erfahrungen, die uns Mähren beschert hat, wo die Juden bei der Neugestaltung der nationalen Verhältnisse einfach übergangen und ihres politischen Einflusses ohne Aequivalent fast ganzberaubtwurden, sollten den galizisehen Juden als Warnung dienen. Galizien steht vor einer Reform seiner Landtagswahlordnung. Es ist nicht ausgeschlossen, dass man auch dort zum nationalen Kataster greift und ihn zur Grundlage der Reform macht. Ein Delegiertentag der allpolnischen Partei hat sich einstimmig für den Wahlkataster ausgesprochen, von dem er die einzige dauerhafte Sicherstellung des polnischen Besitzstandes erwartet. Bei der Skrupellosigkeit galizischer Gesetzesfabrikation bedeutet einesolche Besitzstandpolitik Fortsetzung und gesetzliche Festlegung nationalpolnischer Raubpolitik, die den Juden gar nichts und den Ruthenen nur gibt, was unerlässlich ist. Die galizisehen Zionisten, die während der Wahlreformaktion genügend gezeigt haben, dass sie in der jüdischen Bevölkerung feste Wurzeln gefasst haben und die jüdischen Massen für nationale oder demokratische Politik mobilisieren können, müssen gerüstet sein, die Volksenergie, die sie vor und bei den Reichsratswahlen so imponierend zu wecken wussten, muss auch die Reform der Landtagswahlordnung in national-jüdischem Sinne beeinflussen und den Juden möglichste Anerkennung des jüdischen Besitzstandes sichern. Es heisst auf der Hut sein, wenn die polnische Landtagsmajorität eine Wahlreform zu machen und ihre politische Zukunft verschwenderischer Fruchtbarkeit. Es ist die Ebene Sorudsch, das alte Batus. In geringer Entfernung liegt 0 r f a oder Urfa. Diese Stadt lohnt einen Aufenthalt. Sie ist das Ur-Kasdim der Bibel, das Edesse der Kreuzzüge, inmitten einer reichen, fruchtbaren, von zahlreichen Quellen und Nebenflüssen des Euphrat bewässerten Ebene errichtet. Etwa 39 Kilometer von Orfa liegt Haran, die Heimat des Erzvaters Abraham, den die Muselmanen freilich in Orfa selbst geboren sein lassen. Am Fusse des Hügels Top-Dag, auf dem die Häuser von Orfa gebaut sind, finden sich zwei herrliche, in rechtwinkelige Bassins gefasste fischreiche Quellen. Auf Top-Dag steht eine alte Festung, die von zwei schlanken Türmen überragt wird. Grosse Plantagen umsäumen die Becken der Quellen. Zur Seite des einen Quellenbeckens erhebt sich eine Moschee, zum zweiten führt überaus malerisch die belebteste Strasse der Stadt. Die Karpfen in den Becken sind unantastbar. Niemand beunruhigt sie, jedermann füttert sie mit Brot; sie wachsen und mehren sich. Etwas weiter entfernt, aber noch immer am Fuss des Top-Dag, steht eine zweite Moschee auf dem Boden, auf dem Abraham geboren sein soll. Im Innern der Moschee sprudelt in einer Grotte eine Quelle mit ungewöhnlich frischem und klarem Wasser. Von der Decke herab hängt die angebliche Wiege des Erzvaters, mit einem grünen Mantel bedeckt, wie er in den Moscheen die Gräber der Heiligen umhüllt. Vordem wurde weder Jude noch Christ hier zugelassen. Seit dem Tode des letzten Mollah aber waltet ein Scheich, der moderner und praktischer ist. Er gewährt Personen, die ihm empfohlen sind, Eintritt gegen Entgelt. Als ich ihn aufmerksam machte, dass bei der grossen Feuchtigkeit der Grotte das Holz der Verwitterung nicht entgehen könne, antwortete er einfach : „Wir erneuern die Wiege von Zeit zu Zeit, bringen sie aber immer wieder an dieselbe Stelle.“

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