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Jüdische Zeitung · 1907-09-13 · 9 (13.9.1907) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
9 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 9. JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 zum Selbstziel. Und als in wenigen Jahren der Choweweh - Zionismus scheiterte, tauchte mit elementarer Macht der Gedanke auf, wir brauchen vor allem eine Garantie, die formale Möglichkeit, nach Palästina zu kommen, alles andere ist Nebensache. Als die Erlangung dieser Garantie sich verzögerte, begann der Jude nachzudenken und stiess überall auf eine grosse Anzahl von Vorbedingungen, notwendigen Voraussetzungen zur Erlösung. Die Alleinherrschaft der Garantieidee wurde zersprengt, man glaubte nicht mehr an das rein formale Moment der Erlösung. Da drängte sich wiederum ein einzelner Faktor, eine von den vielen Vox-bedingungen und notwendigen Voraussetzungen, in denVordergrund: diewirtschaftlicheErschliessung Palästinas ist alles. Und schon ist in unserar rasch lebenden Zeit vom rascher lebenden Juden diese Periode halb überwunden, das Ende des Ussischkinismus naht. Ja, wir brauchen die wirtschaftliche Erschliessung Palästinas wie einen Bissen Brot. Wir brauchen die Filialen in Beirut und Haifa, aber wir brauchen auch Bildungsanstalten und Bezalel und das hebräische Gymnasium, die hebräische Sprache am Kongress, wir brauchen die Erweckung des Intei’esses für jüdische Kultur im Westen, wir brauchen die Pflege der originellen Kullurelemente und Fermente im Osten, wir brauchen das Durchdringen der europäischen Kultur ohne Assimilation, wir brauchen nationale Kultur ohne nationale Ueberschwänglichkeit, wir brauchen nicht nur wirtschaftliche Klein- und Grossarbeit in Palästina und kulturelle Erziehung des jüdischen Volkes, sondern wir benötigen auch wirtschaftliche Gegenwartsarbeit in Russland, Rumänien und Galizien, ebenso dringend benötigen wir der politischenGegen wartsarbeit in denjenigen Ländern, wo sie möglich ist, wo kein einheitlicher-, nationaler Staat existiert. All das brauchen wir gleichzeitig und so beginnt sich im Judenkopfe und in der Judenseele der Prozess der Gleichwertigkeit aller Vorbedingungen, Voraussetzungen und Vorbereitungsmomente zu k r y - stalli sieren. Der Ussischkinismus ist überwunden wie der Herzlianismus. Wir brauchen keine wirtschaftliche Erschliessungsarbeit in Palästina, wir brauchen nur den Charter — ein überwundener Standpunkt! Wir brauchen hauptsächlich die wirtschaftlichen Erschliessungsarbeiten in Palästina, sagten gestern viele, sagen heute manche. Dies wird morgen ein Überwundenerstandpunkt sein. Wir brauchen die wirtschaftliche Erschliesung Palästinas neben so und so viel Kulturarbeiten, neben politischen Gegenwartsarbeiten u. s. w. So wissen wir klar und bestimmt, wohin wir treiben. Der Zionismus steht schon heute jenseits von „Charterismus und Ussischkinismus“. Die Zukunft des Zionismus aber wird darin bestehen, Herzls Organisationsformen zu verbinden mit einem nationalen Universalismus, den ein grösserer Genius als Flerzl selbst, nämlich die Wirklichkeit des jüdischenLebens, unsvorschreihenwird. Jüdische Dominikaner. (Die Wiener Kultusgemeinde verweigert einer Anzahl orthodoxer Tempel vereine die Bethaus-Errichtung, obwohl die Vereine aus eigenen Mitteln einen ihren religiösen Gefühlen entsprechenden Gottesdienst sich einrichten wollen. Gegen diese Verweigerung haben die Vereineheim WienerMagistrat Beschwerde geführt.) In das Wiener Rathaus, in dessen gothischen Hallen der Hauch des Mittelalters weht, kommen seltsame Gäste. Alte Juden mit zerzausten Bärten undzerschlissenem Kaftan; schmächtige Rabbiner mit den übermüdeten Augen und kleinen, weissen Priesterhänden. Sie gehen scheu und mit schlürfenden Schritten durch die dunkelnden Gänge: wie im Feindesland. Aber der Feind ist gut, ist gerecht. Er hört ihnen zu, er ist freundlich. Er weist ihnen nicht die Tür, wie die stolzen Heri-en in der Seitenstettengasse, er höhnt sie nicht, wie der läppische Affe in den vornehmen Restaurants. Sind ja arme, arme Teufeln. Was sie wollen? Almosen, Brot, Kleider für den nahenden Frost?- „Wirwollen janur beten, Herr Kommissär!“ Und der blonde Herr fühlt, wie in seinem Herzen etwas rege wird, was jenseits steht von Amt und Partei. Sie wollen ja nur beten. Vom ersten Tageslicht bis in die tiefe Nacht laufen sie mit ihren kranken, alten Füssen durch die Strassen dem kleinen Stückchen Brot nach, das sie heimbi-ingen wollen der blassen, verhärmten Frau und den hungrigen Kindern; sie haben kein Haus, keine Heimat, keine Hoffnung. Nur ihren Gott haben sie. Ihren Gott, den sie lieben mit der ganzen, unendlichen Liebe der Heimatlosen, Darbenden, Verachteten. Und mit derselben Glut, mit der sie ihren Gott lieben, lieben sie auch seine Lobgesänge, wie sie ihre Ahnen und Urväter in dem dumpfen Kerker der Ghetti gemurmelt haben; sie gehen nicht in den Tempel, um ihre Pietät zu zeigen oder ihre Kleider, wie die stolzen Herren, die sie auf die Gasse weisen. Sie sehnen sich nach dem Gebet, um die ganze unbeschreibliche Last ihres elenden Lebens loszulösen von der jüdischen Seele. Und darum hassen sie die Orgelklänge; ihr Gewissen schreit auf, wenn sie in der Ornamentik des Altars ein Kreuz erblicken. Ihre Sehnsucht ist ungelöscht, wenn sie auch nur ein Wort nicht beten sollen, wie es die Ahnen gebetet — das sind die „Orthodoxen.“ Es mag jeder über ihren Glauben denken, wie er will; aber der unerhörten Roheit, diesen armen Menschen ihr Alles zu versagen, hätte ich nicht den senilsten Tropf in der Seitenstettengasse für fähig gehalten. Die Herren, welche mit begeistertem Geschrei unter der schäbigsten Fahne des Fortschrittes marschieren, die sich täglich mit dem Wort „Freiheit“ zehnmal den Mund ausspülen, für deren abgeschmackten Halbwitz die Unfehlbarkeit des Papstes als liebste Zielscheibe gilt, erdreisten sich, in das heilige Seelenleben dieser armen Menschen ihre Dekretaiien zu schleudern! — — Auf dem Tisch des Magistrats-Rates Späth liegen viele Beschwerden orthodoxer Tempelveieine, denen die Wiener israelitische Kultusgemeinde, steif hirgepatzt auf die zähen Paragraphe des Statutes, die Errichtung von Bethäusern versagt hat. Es wäre der eitlen Gemeinheit unwert, den treibenden Gründen dieser Verweigerung nachzuforschen. Die Freidenker in der Kultusstube wollen wenigstens in ihrer Gemeinde das Seelenleben reglementieren und im Sinne der Taussig, Kohn und Stern einen Kosmopolitismus mit treudeutschem Unterton zur Haupt- und Staatsreligion erheben. Mit zwei Zitaten aus „Nathan dem Weisen“, einigen angeschimmelten Maximen des Jahres 1848 und dem ganzen Apparat eines triefäugigen Liberalismus marschiert man gegen ein lebendes, hoffendes, kämpfendes Volk! Wahrlich, die übermächtige Lächerlichkeit dieses Schauspiels trocknet die Tränen der Wut. Beda. Briefe aus Galizien. i. Rechtsschutz. Den vielgeschmähten galizischen Jxxden begegnet man mit mehr Achtung, seitdem sie bei den letzten Reichsratswahlen die politische Feuerprobe überstanden nnd bewiesen haben, dass auch im Herzen der kulturell etwas zurückgebliebenen Juden des Ostens der alte nationale Stolz noch nicht erloschen ist. Unvermutet erwachte ihr Trotz, durch den Übermut der Feinde zu einem hell lodernden nationalen Feuer angefacht. Das verletzte rationale Gewissen dieses so lange verbannten Volkes bäumte sich auf gegen die bisherige Zurücksetzung und mit der Vehemenz eines Verzweifelten kämpfte es heldenmütig gegen seine mächtigen äusseren und inneren Widersacher. Es fehlte in diesem Kampfe, wenn es galt, einen heissumstrittenen Platz zu halten, an patriotischem Heroismus nicht und es ereigneten sich dramatische Episoden, wie sie die Geschichte anderer, politisch bereits reiferer das sind keine Zufälle, sondern im körperlichen Baue begründete Eigentümlichkeiten. Man missverstehe uns nicht; wie wir uns frei von den Ausbrüchen des Chauvinismus halten wollen, so verabscheuen wir in gleichem Masse eine würdelose Assimilation. Und diese Zeilen haben sicher nicht den Zweck, die Juden irgend einem andern Volke anzubiedern. Auch ist hier von Angehörigkeit zu verwandten Rassen, aber nicht zur gleichen Rasse die Rede, und auch die Verwandtschaft wird zum Teile zugegeben. Immerhin, wir werden diese Abneigung zu ertragen wissen. Auch sollen die tiefgreifenden Verschiedenheiten nicht geleugnet werden, die selbst bei verwandten Rassen die Jahrtausende in Sitte, Gesittung und Charakter hervorbringen. Aber diese Verschiedenheiten sind rein geistiger Natur — darauf lege ich das Hauptgewicht — und die daraus entspringenden berechtigten und unvermeidlichen Gegensätze und Kämpfe sollen mit geistigen Waffen ausgetragen werden und nicht durch rohe, körperliche Gewalt. Und diese Erkenntnis zu verbreiten, ist die wahre Rassentheorie in erster Linie geeignet. Jom-Kippur. Von Moses Waldmann. Verklungen ist der Posaunenton des Neujahrsfestes. In inbrünstigem Gebete stand an diesen Tagen ein ganzes Volk auf seinem langen, leidensreichen Wege. Es zog förmlich die Bilanz des verflossenen Jahres. Und alles, was es sah, alles, woran es sich ex-innerte, war schwarze Sünde. Sünde, begangen durch Gedanken, Worte und Taten, Sünde, begangen wider Gott und Menschen. Und derweil es im Laufe des Jahres von Sünde zu Sünde geeilt, Fehl auf Fehl gehäuft und im Trubel des Lebens vergessen hatte zu denken, dass droben im Himmel flinke Schreiber in grossen Büchern fleissig Haben- und Soll-Seite mit Posten füllten, hatte sich unendliche Schuld gesammelt und nun war die Zeit gekommen, wo die Bücher abgeschlossen, die Fakturen jedem ausgestellt, die Ueberträge auf ein frisches Konto gefaucht werden sollten. Im Himmel ist man um diese Zeit fleissig an der Arbeit, kein Posten bleibt unberücksichtigt. Und die Zeit, die Rechnungen einzulösen, ist so kurz bemessen! Während dieser kann noch das Urteil geändert, das Resultat der göttlichen Buchführung verwandelt werden. Am Vortage des Rosch-haschonoh war man früh aufgestanden, ganz früh, bevor noch der Tag graute. Alle gingen sie ins Gotteshaus, um Verzeihung zu erflehen, um sich tür die kommenden schrecklichen Tage würdig vorzubereiten. Das ist das Einigende und Birdende unter den Juden: vor ihrem Gotte sind sie alle gleich — der Rabbiner und Schi-iftgelehrte, der Wasserträger und Ungebildete. Im Gotteshause gibt es keine Rangunterschiede, keine kirchliche Hierarchie, darum auch kein Pfaffentum. Erst die neue Zeit, ihre neue Ordnung haben uns Ober- und Landesrabbiner beschert, sonst galt nur der Könnende, der Glaubende, der Jude! Alle sind sie gekommen und beten inbrünstig. jeder für alle. Da gibt es keine Privatgebete pro persona: ein jeder muss für alle Juden beten, denn ein einig Volk sind sie, jeder als Einzelner etwas Unvollkommenes, im Vereine mit den anderen erst etwas Wert- .volleres. Am Rosch - haschonoh wird die Himmelsrechnung abgeschlossen und das Urteil für jeden Sterblichen festgesetzt. Wer da am Leben bleiben soll, wer da sterben muss; wer durch Feuer, wer durch Wasser; wer durch Unfall, wer durch Pest, wer durch Verfolgung, wer durch Pein! Eine lange Liste von Todesarten wird aufgezählt! Dem Urteile des Neujahres ist noch keine Rechtskraft erwachsen. Man kann es noch mildern, aber Gebete müssen gesagt, Busse und Wohltat geübt werden. Am 10. Tage erst,

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