Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 9 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 9. gelehrt wurden, hat zuviel Suggeslivkraft erlangt und verhindert jedes ruhige, klare Erfassen selbst der einfachsten und harmloser Situationen. Diese Suggestion spielt auch in der Haltung der Juden im nationalen Kampf eine grosse Rolle. Sie standen unter dem Banne der Autosuggestion, dass sie Angehörige des deutschen Stammes, wahrhafte und vollwertige Nationaldeutsche seien und den Deutschösterreichern gegen die Tschechen unbedingte Gefolgschaft leisten müssen, und gehören so zu jenen, die an der Verschärfung des nationalen Kampfes direkt oder indirekt, bewusst oder unbewusst mitgearbeitet haben. Der Irrtum über die Stammesechtheit ihres Deutschtums, konsequent in die praktische Politik übertragen, sichert ihnen nicht nur Schaden sondern auch den Fluch der Lächerlichkeit und ist wohl. längst reif geworden erkannt zu werden. Die deutsche Bevölkerung der Sudetenländer hat sich nach Kräften bemüht, die sudetenländischen Juden von ihrer fixen Idee des Deutschseins zu heilen. Es gehört heutzutage nur noch grotesker Mut dazu, trotz allen Heilungsversuclien durch Deutsche und Tschechen als Jude fremden Stammes aufzutreten und Heiterkeit bei Freund und Feind zu erregen. Aber die Sache hat auch eine sehr ernste Seite. Die mährischen Juden haben stets die Kosten des nationalen Kampfes getragen und haben unter seiner Verwilderung in erster Linie gelitten. In geradezu typischer Weise geraten sie jetzt im Witkowitzer Industriegebiet, wo am letzten Sonntag deutsche und tschechische Massenversammlungen den wirtschaftlichen Boykott über den Gegner verhängten, ins Kreuzfeuer der Kämpfenden. Der jüdische Mittelstand wird einen grossen Teil der Kriegskosten tragen, während die jüdischen Grossindustriellen und Kapitalisten fernab vom Schuss deutschnationale Politik treiben. Zweierlei Wege stehen den Juden, die im Kampfgebiete wohnen, zur teilweisen Paralysierung der Schäden des nationalen Kampfes offen: Konsequente, neutrale Haltung und energisches, zielbewusstes Eintreten für die nationale Autonomie. So werden sie sich um die Beendigung des deutsch-tschechischen Streites, um die Schaffung friedlicher Entwieklungsmöglichkeiten, um den Völkerfrieden in Oesterreich ein rühmliches Verdienst erwerben. Die Bedeutung des letzten Kongresses. Von Dr. Paul Weisengrün. Für uns, die wir fest an die Errichtung des Judenstaates glauben, weil wir schon jetzt die einmal sich bemühte, eine gemeinsame Urform der indogermanischen Sprachen zu rekonstruieren und zu dieser Sprache sich einen rassenreinen Urarier vorzustellen, hat längst reiferen Anschauungen Platz gemacht. Nur ganz unheilbare Chauvinisten (siehe Chamberlain, Anm. d. Aut.) reden heute noch von einer arischen Rasse und für den Fachmann ist der Begriff einer arischen Schädelform genau so absurd, als wenn man von einer dolichocephalen (langköpfigen) Sprache reden wollte. Ungefähr ebenso steht es aber auch mit den Semiten. Auch dieser Begriff ist ein linguistischer, kein anatomischer, und man würde irren, wollte man annehmen, dass bei den alten Semiten Sprache und Rasse sich besser decken als bei den Ariern. Als wirklich rassenreine Semiten sind nur die Wüstenaraber, die echten Beduinen zu betrachten.* Aus diesen Sätzen folgt, dass alle Rassenanschauungen, die mit den Begriffen Arier und Semit arbeiten, mögen sie von Freunden oder Feinden der Juden zum Besten gegeben werden, unwissenschaftlich sind, mit der einzigen Ausnahme, dass diese Worte nicht als strenge Begriffe, sondern als allgemein bekannteVerständigungsmittel gebraucht werden. Was darüber hinausgeht, hat nichts mit der wissenschaftlichen Rassentheorie zu tun. Symptome der grossen seelischen Umkehr, die ersten Anzeichen der psychischen Vertiefung und Verinnerlichung des jüdischen Volkes bemerken, ist dieser letzte Kongress mehr als ein äusseres Erlebnis gewesen. Für uns bedeutet Haag einen gewaltigen Schritt nach vorwärts. Die Bewegung ist mit einem Rucke wirklicher, lebensverknüpftergeworden. Ach, wie fern scheint uns jene Zeit zu liegen, wo Taten und diplomatische Verhandlungen identische Begriffe waren, wo Reden und Berichte über Audienzen die Glanzpunkte der Kongresse darstellten! Freilich, manche können dieses „goldene Zeitalter* noch immer nicht vergessen und mit einer tiefen Instinktunsicherheit, die manchen Köpfen charakteristisch ist, hat der Hauptwortführer der „diplomatischen* Richtung mit der einen Hand wirkliche Gegen wartsarbeit in Palästina, die freilich erst begonnen worden ist, gesegnet, mit der andern verflucht, dabei immer den Geist Herzls anrufend. Es gibt zwei Herzl!!! HerzlalsMensch und Organisator ist grundverschieden von Herzl dem Bekenner und Formelbildner. Der Zauber von Herzls Persönlichkeit wird fortwirken, solange es eine Geschichte des Judentums geben wird. Und die Organisationsformen, die er dem Zionismus gegeben, werden den wirklichen Inhalt, manche grosse zionistische Einzelbewegung überdauern. Der Kongress, der Nationalfond, viele andere Institutionen, sie werden sicherlich unsere und die Tätigkeit der uns nachfolgenden Generation überleben. Aber einen grossen Mann wirklich verehren, heisst die Grenzen seiner Begabung erkennen, die relativen Ewigkeitswerte seiner Leistungen mit richtigem Griffe herausschälen. Herzl ehren heisst ihn erkennen und überwinden. So muss es denn ganz offen herausgesagt werden, dass seine Lösungsversuche der Judenfrage weit hinter seiner Organisationsfähigkeit zurückslehen und dass er bei seiner Unkenntnis der historischen Bedingungen und wirtschaftlichen Entwicklungstendenzen der Gegenwart zu keinem anderen Resultate gelangen konnte als zum mechanischen Judenstaate, zu keiner anderen Gegenwartsaufgabe als zu der eines papierenen Cnarterismus und zu keiner anderen Lieblingsmethode als zur diplomatischen Verhandlung. Es steckt ein Körnchen Wahrheit in dem Schmerzensschrei manches Herzl-Dogmatikers und selbst in dem Aufruf Krenbergers, der sich wie eine Persiflage Marmorekscher Weisheiten liest, steht ein Satz, der so ganz des Zusammenhangs nüchterner Wahrheiten nicht entbehrt. Ja, auf dem letzten Kongresse ist Herzls Geist erschlagen worden, aber nicht von Ussischkin! Will man ein wenig paradox sein, so könnte man sagen, Herzl der Programmatiker ist von Herzl dem Organisator erschlagen worden. In der Tat, gerade die Organisations- Nach dieser sind die heutigen Juden ihrer grossen Masse nach eine Mischrasse, vorwiegend aus hethitischen, brachycephalen (kurzköpfigen) Elementen bestehend, die mit langköpfigen, brünetten semitischen Einwanderern verschmolzen, welche aber grösstenteils in der hethitischen Rasse aufgegangen sind. Ausserdem wird eine Vermischung mit einer blonden langköpfigen Rasse angenommen, um den Prozentsatz von 11% blonden Juden zu e klären. Mit einem Worte: die Juden sind aus den drei Rassen zusammengesetzt, die heute Europa bevölkern. Die blonden Elemente entsprechen der nordischen, blauäugigen, langköpfigen Rasse, für die man m i t Unrecht die Bezeichnung Arier wählt, die semitischen Elemente entsprechen der mittelländischen, brünetten Rasse und die Hauptmasse der Juden besteht aus dei alpinen, kurzköpfigen Rasse, die in einer langen Linie die Gebirge von Syrien und dem Kaukasus bis zu den Alpen und Pyrenäen bevölkert. Dieser Artikel wurde betitelt: Dient die Rassentheorie dem Fortschritte oder dem Rückschritte? Diese Frage ist keine wissenschaftliche, sondern eine politische, denn die Wissenschaft ist um ihrer selbst willen da und fragt nie um die Wirkung ihrer Erkenntnisse auf die Aussenwelt. Aber trotzdem muss man sich mit dieser Frage beformen, die Herzl geschaffen, haben eine solche Ausbildung und Erweiterung des Zionismus erst ermöglicht, die den Charterismus, tvie wir hoffen wollen, für immer beseitigt haben. Herzl lebt weiter, aber der Herzlianismus ist tot. Stets haben sich seine Epigonen nur an seine Schwächen geklammert, haben mit geschäftiger Hand die Klüfte zwischen ihm und wahrem Volkstum erweitert und haben unter allerlei Gebärden die tiefsten Einseitigkeiten in Ewigkeitswerte umzusetzen versucht. Ussischkin!!! Eine kleine Durchgangsstation des Zionismus auf seiner weiten, weiten Fahrt. Ich weiss, Ussischkin ist kein Choweweh-Zionist, er möchte gerne umfassend, universalistisch sein. Aber das sind alles nur Reflexionen, die mit dem Urwirken der Persönlichkeiten nichts zu tun haben. Der umfassende Geist Herzls konnte bei all seiner Unvertrautheit mit den historischen und praktischen Problemen des Judentums die grossen und weiten Rahmen schaffen, deren alle zionistische wie alle nationalistische Entwicklung zum Weiterleben bedurfte. Aber Ussischkins einseitige, starre, unkultivierte Persönlichkeit vermag beim besten Willen über das enggesteckteZiel sofortiger wirtschaftlicher Tätigkeit in Palästina nicht hinauszugelangen. Und all die schönen Worte von jüdischer Kultur, die er gelegentlich im Munde führt, kommen nicht aus seiner Seele, sind nicht verknüpft mit seinem Wesen. Ussischkin bedeutet für uns nur die Reaktion gegen die Einseitigkeit der diplomatischen Schule, gegen die Auswüchse des Herzlianismus. Die Russen wollen Ussischkin, weil sie die Marmoreks nicht mehr wollen und den Diplomatismus nicht und dpn Charterismus nicht, weil sie heraus wollen aus den Engen und Dürftigkeiten des letzten, oder besser gesagt, des vorletzten Zionismus. Aber sie wollen Ussischkin nicht, es fällt ihnen nicht ein, seine Dürftigkeit einzutauschen gegen die grandiose Einseitigkeit Herzls. Der Ussischkinismus bedeutet nur, dass heute Tausende und Abertausende zwei Wahrheiten erkannt haben, die vor einem halben Dezennium nur wenigen Einsichtigen schwanten. Erstens: selbst der gewonnene und gegebene Charter ist ein Stück Papier, welches das jüdische Volk unvorbereitet trifft. Zweitens: Staaten gründet man nicht, sie werden. Mehr als ein Zeichen deutet darauf hin, Ussischkin ist nur eine Episode, eine Zwischenstation. Ueber ihn hinaus will das jüdische Volk, die zionistischen Organisalionsformen Herzls benutzend. Ja, über ihn hinaus, aber wohin? In unserer rasch lebenden Zeit lebt der Jude vielleicht am raschesten. Als er aus der Nacht der Assimilation erwachte, wollte er mit einem Rucke sich von aller seelischen und wirtschaftlichen Not befreien. Auswanderung schlechthin wurde schäftigen. Denn es gibt genug Männer unter uns, und nicht die schlechtesten, die die Rassentheorie nur deshalb bekämpfen, weil sie in ihr ein Element des Rückschrittes sehen, einfach deshalb, weil sie die Theorie nur in ihrer Verzerrung und Entstellung kannten, in der sie den schlimmsten Instinkten der Art homo sapiens zur Entschuldigung diente. Bei ruhigem Nachdenken müssen sich aber die Männer des guten Willens sagen, dass wahre Wissenschaft stets dem Fortschritte diente. Das gilt auch für die wahre Rassentheorie. Man fürchtete von ihr eine Verschärfung des nationalen Kampfes. Sie hat aber damit nichts zu tun. Gerade ihre Anwendung auf die Juden zeigt es. Während die Juden früher, nach welcher Theorie immer, als ein ganz fremdes Element betrachtet wurden, das mit keinem europäischen Volke Blutsverwandschaft habe, stellt die moderne Rassentheofie die Juden als die Verwandten aller Bergvölker hin, die den Berggürtel bewohnen, der sich von Asien nach Europa zieht, also der Armenier, Tiroler, Schweizer, Basken u. s. w. Wenn ein biederer Tiroler diese Zeilen zu Gesicht bekommen sollte, so wird er sich sicher dreimal bekreuzen. Aber das hilft ihm nichts. Man treibe nur ein bischen Physiognomiestudien in Tirol und achte auf die tiefe gutturale Aussprache,