Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 9 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Zeitan Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon Nr. 14.199. Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr vormittags. Wochenschrift. =□ Verkaufstellen in Wien: Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Zeitungsbureau Goldschmiedt, I., Wollzeile Nr. 11. Einzelne Nummern 20 Heller. Abonnementspreise: In Österreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10— halbjäbr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.— In Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.- 1m übrigen Ausland ganzj. Frcs. 15.- =□ =□ Vertretungen in der Provinz: In Brünn: Zeitungsbureau, Ferdinandgasse. — In Prag: Zeitungsverschleiss Wlczek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Buchstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig Nr. 9. Wien, Freitag, den 13. September 1907. I. Jahrgang. Die heutige Nummer konnte der Feiertage wegen nicht rechtzeitig fertiggestellt werden; Nationaler Kleinkrieg. Die nationale Trutzpolitik, die in den letzten Tagen in Prachatitz und Witkowitz mit auffallendem Uebereifer an der Arbeit war, hat in Oesterreich, dem klassischen Boden nationaler Kämpfe, schon viel Unheil angerichtet. Sie sorgt für immer neuen Zündstoff, lässt den nationalen Zwist niemals zu Ruhe kämmen schafft stets neue Streitfragen, entfacht die Leidenschaften, verschärft die Gegensätze. Und doch ist's nur eine Politik kleiner Ziele und kleiner Mittel, ein ideales Betätigungsfeld für nationale Verhetzung und Demagogie. Wenn der nationale Kampf um grosse nationale Fragen tiefgreifender politischer Natur — Sprachenverordnungen, Universitätsforderungen, ernste staatsrechtliche oder verwaltungspolitische Gravamina — geführt wird und das öffentliche Leben beherrscht, gut, das grosse Kampfziel macht leidenschaltliches Aufwallen, Opfer und Lärm begreiflich. Aber wenn irgendein im Grunde genommen harmloser Turnerausflug oder ein Sokolfest ganze Bezirke wochenlang in Atem hält und zwei scharf getrennte nationale Kriegslager entstehen lässt, so ist dies ein abnormaler, nur künstlich und durch jahrelange Verhetzung ermöglichter Zustand, der für die Unnatürlichkeit und pathologische Verzerrung des nationalen Lebens in Oesterreich zeugt. FEUILLETON. Dient die Rassentheorie demFortschritte oder dem Rückschritte? Von Dr. Leo S o f e r. Die Rassentheorie ist in jüdischen Kreisen nicht beliebt. Mit einer wahren Wollust stürzt man sich hier auf die Argumente ihrer Gegner lind verbreitet sie wohlgefällig. Es geschieht dies so auffallend, dass selbst ein Mann von der Objektivität eines Pernerstorfer nicht umhin konnte, dieses ganze Gehaben dahin zu erklären, dass der Wunsch der Vater des Gedankens ist und nur ein treibendes Motiv hier wirke: die ganze Richtung passt mir nicht. H. St. Ch a m b e r 1 a i n, mit dessen eigentlichen Theorien ich zu neun Zehntel nicht übereinstimme, sagt diesbezüglich treffend in »Dilettantismus, Rasse, Monotheismus, Rom“: „Es gibt noch eine Kategorie von Gegnern; sie ernst zu nehmen, fällt aber schwer; ich meine gewisse jüdische Gelehrte und Journalisten, an deren bona fides nicht zu zweifeln ist (mit den andern befasse ich mich nicht). Wie sollen wir es nun nehmen, wenn Männer, deren besondere und ge- Diese „Eroberungszüge“ wiederholen sich alljährlich, nehmen überall den gleichen Verlauf. Ihre typischen Begleiterscheinungen — wütende Zeitungsfehden, affektierte Abwehr, kostspielige Massenmobilisierung, Strassenkrawalle und Prügeleien — wirken in ihrer Wiederholung und programmässigen Abwicklung peinlich, während ihre Reflexwirkungen die politische Entwicklung stören und ungünstig beeinflussen. Kleinliche, unbedeutende Anlässe werden mit einer Virtuosität an Demagogie und Uebertreibung zu grossen politischen Demonstrationen, zu lärmenden nationalen. Kraftproben aufgebauscht. Es wird viel nationale Kraft, noch mehr nicht immer ganz echte nationale Begeisterung in diesem forcierten Kampf um wirklichen oder eingebildeten Besitzstand, in der unökonomisch geführfen ihwehr gegen wirkliche oder eingebildete'nationale Gefahren verbraucht. Es scheint fast, dass die Arrangeure des mit vielem Hurrah arbeitenden nationalen Kleinkrieges die politische „Heiz“ wie ein Karnevalsvergnügen als treibende politische Kraft brauchen und auf so raffinierten Umwegen unversöhnliche Kampfesstimmung wacherhalten wollen. Natürlich kommt der nationale Friede, den in schwachen Stunden manche Politiker predigen und den die breiten Schichten ernstlich wollen, bei solchen durch Zeitungsreklame und Massensuggestion systematisch aufgebauschten Streitigkeiten zu kurz, ln dem Bezirke, in dem sie sich abspielen, weitet sich die nationale Kluft und das Verhältnis der beiden Nationen gestaltet sich unleidlicher. sonderte Existenz, deren ganzes moralisches und intellektuelles Wesen ein Ergebnis strengster Rassenabsonderung ist, und die das Gesetz der Rasse nicht nur als eigene Religion theoretisch bekennen, sondern in einer alle Meere und Berge überfliegenden, alle Verschiedenheiten der Sprachen und Sitten überwindenden, bewundernswerten Solidarität täglich betätigen, wie sollen wir es nehmen, wenn gerade diese Männer uns geschichtlich beweisen wollen, dass Rasse nichts zu bedeuten habe, wenn gerade diese Männer in moralische Entrüstung geraten, ob einer „gemeingefährlichen Lehre-4? Ich glaube, man geht schweigend zur Tagesordnung über.“ Ich kann diesem Rate Chamberlains nicht folgen, denn es kann mir nicht gleichgültig sein, wenn Männer meines Volkes, deren Ansichten ich sonst achte, gerade in Bezug auf Rassentheorie ganz verkehrten Anschauungen huldigen. Die Tatsache der Verkennung ist ja an und für sich so leicht erklärlich, dass es einen Wunder nehmen müsste, wenn sie nicht bestände. Wurde doch unter dem Namen „Rassentheorie“ nicht nur auf der Strasse und auf den Bierbänken, sondern auch in Büchern und Zeitschriften jahrelang — ein Unsinn, wäre viel zu kraftlos umschrieben — sondern auf gut deutsch ein Sammelsurium Aber der ganze Rummel wirkt über die Grenzen des Bezirkes nach und gibt dem unseligen nationalen Zwiste frische Nahrung. Ist der Lärm verrauscht, der Begeisterungstaumel vorüber, dann mag sich mancher Schreier denken: Zu viel Lärm um nichts! Inzwischen hat das Geplänkel seine Schuldigkeit getan und die nationalen Reibungsflächen vergrössert. Den Kampfhähnen auf beiden Seiten, Berufspolitikern und skrupellosen Zeitungsmenschen mag diese Art nationaler Auseinandersetzung und permanenten Kriegszustandes in den geschäftspolitischen Kram passen; alle jene, die eine Beendigung des nationalen Streites in ehrlicher Ueberzeugung herbeisehnen, weil sie eine gesunde Entwicklung Oesterreichs und ruhiges Nebeneinanderleben seiner Völker im friedlichen knlturellen unwirtschaftlichen Wettbewerbe wünschen, müssen solche gefährliche Formen nationalen Sichauslebens bedauern und bekämpfen. Sie sind gefährlich, weil sie Quellen des nationalen Hasses, Erreger eines unsinnigen Chauvinismus, Nährboden einer verwildernden Demagogie sind. Der grossen Masse m den Sudetenländern, die nun seit Jahrzehnten durch intensivsten nationalen Hader bis in den letzten Winkel aufgewühlt wurden, suggeriert man leicht, dass irgendeine Veranstaltung nationaler Gegner provokatorische Tendenzen habe, dass sie den nationalen Charakter von Stadt, Bezirk oder Land gefährde und dass rücksichtsloseste Abwehr heilige, völkische Pflicht sei. Das Schreckgespenst einer nationalen Gefahr, die hinter allem zu wittern Oesterreichs Nationen von Lüge und Verleumdung zum Besten gegeben, besonders von den patentierten „echt deutschen“ Männern, das aber — und darauf kommt es an — mit echter Wissenschaftlichkeit und mit der wissenschaftlichen Rassentheorie, wie sie heute in Deutschland \jon Männern wie Luschan, weiland Woltmann und Ratzenhofer, Ploetz, Christian von Ehrenfels, Kemmerich u. A. gelehrt wird oder gelehrt wurde, ganz und gar nicht gemein hat, höchstens die bedauerlichen Verwechslungen des reinen Sprachbeg r i f f e s „Arier und Semit“ mit gewissen Rassenkategorien, also einer Summe von Menschen, die gewisse körperliche Gemeinsamkeiten aufweisen, auf die die aus der Sprach Wissenschaft hergeholten Bezeichnungen gar nicht passen. Luschan sagt diesbezüglich in der ersten Nummer der „Zeitschrift f. Demographie u. Statistik d. Juden“: „Man müsste die begriffe Juden und Semiten viel schärfer trennen, als dies in der Regel geschieht. Für letztere liegt die Frage genau ebenso, wie für den Arier oder Indogermanen. Der indogermanischen Sprachenfamilie entspricht keine arische Rasse, und die Völker, die heute indogermanische Sprachen reden, gehören sehr zahlreichen und und untereinander völlig verschiedenen Rassen an. Die Begeisterung, mit der man früher