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Jüdische Zeitung · 1907-09-06 · 8 (6.9.1907) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
8 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 8 . . JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 Rede gehalten, die den Weg in die Tagespresse ungehindert fand — sie kitzelt eben die Sensationslust — und der ein gewisser Ernst nicht abgesprochen werden soll. Graf Sternberg hat sich Avohl bemüht, das ernste Thema ernst zu behandeln, aber zu tieferem Verständnis und logischer Erkenntnis konnte er sich nicht emporsehwingen. Sein Sozialistenhaß verleitet ihn beispielsAveise zu der überraschenden Argumentation, daß die tiefe Kluft, die heute zwischen Ariern und Semiten gähne, auf die Unterstützung der Sozialdemokraten durch Juden zurückzuführen sei. Gegen den Antisemitismus, dessen rassenantipathische Grundlagen der Herr Graf so originell bloßlegt, rät er den Juden ein ganz neues Heilmittel: Mittelstandspolitik. In beneidensAvertem Optimismus schildert er die unzweifelbare Heilwirkung des Mittels: Wenn sie diese.Politik treiben werden, Avird im Laufe von wenigen Jahren der Antisemitismus in das Reich der Fabel versetzt sein. Die Phantasie arbeitet sehr ungeniert in der gräflichen Rede. Nur ihr verdanken Avir die Entdeckung, daß die Assimilation in Österreich zu ungeahntem Erfolge gelangt sei. Den BeAveis macht sich der phantasiebegabte Redner sehr leicht: er Aveist auf die Staatsbeamten und dünn gesäten Offiziere hin, die entAveder noch Juden sind oder deren Eltern es waren. Aber Avenn paar jüdische Beamte mit oder ohne Taufe in die Höhe kommen, muß es keine Assimilation sein und kann für die Masse nichts beAveisen. Und Avenn die Assimilation Avirklich im allgemeinen ein so rascher und erfolgreicher Prozeß ist, wie Graf Sternberg furchtlos zu behaupten beliebt, was ist’s dann mit der tiefen Kluft, von der er vorher sprach? Wobei bleibt es also? Konsequent ist der konservative Politiker, als den sich Graf Sternberg stets mit großer Emphase bezeichnet, nicht, der dem im nationalen Sinne konservativsten Volke der Geschichte in einem Atem Assimilierung anrät und im nächsten Satze fordert, die Juden müssen „national und konservativ“ sein. Es steckt überhaupt ein großes Stück echt Sternbergscher Konfusion in der Rede. Auch den Zionismus scheint der Herr Graf nicht voll erfaßt zu haben, sonst könnte er nicht mit solcher Bestimmtheit Isolierung als das von den Zionisten angestrebte Ziel betrachten. Die Originalität seiner Gedanken steht zu ihrer Logik und Richtigkeit in umgekehrtem Verhältnis. Allerdings liegt gerade hierin die Pikanterie der Rede, die Sensation Sternbergscher Politik und Rhetorik. Die jüdischen Hochschüler in Rußland. Die Ausnahmsgesetze, welche für die russischen Hochschulen einen oft minimalen Prozentsatz jüdischer Hochschüler festsetzen und deren strenge Durchführung nicht nur die fortschreitende soziale Deklassierung, sondern auch politischen Radikalismus und revolutionäre Tendenzen unter der jüdischen Studentenschaft forderte, waren eine Zeitlang außer Kraft gesetzt. Seit Monaten Avird ihr Wiederaufleben angekündigt. Die Verfügung, daß die russischen Hochschulen für jüdische Studenten abermals ganz oder zum größten Teile gesperrt werden sollen, ist nun tatsächlich erlassen worden. Das Ministerium für Volksaufklärung hat die Universitäten durch Runderlaß benachrichtigt, daß sie nicht mehr jüdische Studenten aufnehmen dürfen, als die beschränkende Vorschrift gestattet, die in den letzten Jahren nach Wunsch des Ministers Tolstoi nicht mehr gehandhabt wurde. Da auf einzelnen Universitäten der gesetzlich zulässige Prozentsatz jüdischer Studenten Aveit überschritten wurde, Avird in diesem Jahre dort eine Immatrikulation jüdischer Hörer überhaupt nicht stattfinden. Daß die gewaltsame Proletarisierung der jüdischen Intelligenz künstlich neue Unzufriedenheit erregen und die Ausgeschlossenen in radikale Parteilager treiben wird, ist sicher. Auf das rapide Anwachsen der sogenannten Poluintelligenz und auf das ganze soziale und kulturelle Milieu, in welchem die russisch-jüdischen Studenten leben, Avurde vor Jahren in der ausgezeichneten Broschüre „Eine jüdische Hochschule“ hingewiesen. Die Frage wird sicher Avieder aktuell werden und vielleicht ist auch das Projekt, das damals mit Kopfschütteln und starker Skepsis aufgenommen worden ist, spruchreifer geworden. Orthodoxer Kampf gegen Konsumvereine. In dem russischen Städtchen Wjeruschin haben Christen einen Konsumverein gegründet, der den jüdischen Geschäftsleuten empfindliche Konkurrenz macht. Die Juden des Städtchens traten nun zusammen, um über die mögliche Abwehr «drohenden Schadens zu beraten. Und sie kamen — der Ortsrabbiner brachte sie aut den rechten Weg — zu der Überzeugung, daß ihre eigene Sündhaftigkeit die geschäftliche Gefahr heraufbeschworen habe. Zu den größten Sünden zählten sie die traurige Tatsache, daß die Frauen Hüte tragen. Abhilfe mußte geschaffen werden, streng und radikal. Der Herr Rabbiner forderte «also alle jüdischen Frauen auf, ihre Hüte auf den Schulhof zu bringen und sie dort verbrennen zu lassen. Als die Frauen sich Aveigerten, Avurden sie mit dem Banne belegt. Die Männer erklärten sich mit ihren Frauen solidarisch und boykottieren die Synagoge bis zur Zurücknahme des Bannes. So geschehen im Jahre 1907! Jeder Kommentar ist überflüssig. Es ist ein Schulbeispiel von orthodoxer Unvernunft und Rückständigkeit. Aus der „Jugend“. Immer da3 Neueste. „Also ist es dein Ernst, Isidor, du willst dich taufen lassen?“ — „Mein fester Entschluß! Ich werd’ Reformkatholik.“ Zeitungsschau. Das „Frankfurter Israelitische Familienblatt“ schreibt in einem ausführlichen „Rückblick und Ausblick“ betitelten Artikel über den letzten Kongreß: „Durch die offiziellen Berichte der Landsmannschaften und des Generalsekretärs der zionistischen Organisation, noch mehr aber durch den allgemeinen persönlichen Eindruck und durch private Gespräche mit den kompetenten Persönlichkeiten mußte jeder den Eindru k gewinnen, daß der Zionismus in diesen Jahren der großen Wirren und Kämpfe nicht nur sich erhalten hat, sondern anch mit gestählter Kraft ans diesem Bingen hervorgegangen ist. Der Zionismus ist mehr denn je der Träger und Erzeuger des nat:onaleri Lehens geworden. Dies gilt besonders von Rußland nnd Österreich, wo sieh die zionistische Bewegung mit Eifer nnd Erfolg an den konstitutionellen Kämpfen der Völker beteiligte. Die Folge davon war eine Vertiefung der zionistischen Doktrin; der Zionismus wurde seinen Anhängern eine Weltanschauung, eine große historische Konzeption, die alle politischen, kulturellen, nationalen und.staatlichen Fragen des Judentnms in ihren Gesichtskreis zieht. Diese Vertiefung des Zionismus zeigte sich besonders bei den russischen und österreichischen Delegierten, von welchen man ohne Übertreibung sagen darf, daß sie auf der Höhe ihrer Aufgabe standen. Aber auch bei den anderen hat sich ein tieferes Erfassen der zionistischen Probleme geltend gemacht. Man ist allgemein von der mechanischen, ich möchte sagen: katastrophalen Auffassung der jüdischen Staatsidee zn einer organischen erolutiven Auffassung übergegangen.“ Der „Israelit“, das bekannte Frankfurter Zentralorgan für das orthodoxe Judentum, widmet dem pol.tn-chen Zionismus in seinem Leitartikel „Entwicklungstendenzen im Zionismus“ zunächst eine etwas übereilte Grabrede, um im weiteren Verlanfe einen sogenannten wirtschaftlichen Zionismus neu zn prägen nnd Bich mit der MisTachi auseinander zu setzen. Er schreibt n. a.: „Es ist müßig, heute Betrachtungen darüber anzustellen, welche Erfolge in Palästina erzielt werden können. Darüber sind sich alle beteiligten Faktoren wohl klar, daß es Jahrzente harter, saurer Arbeit kosten wird, bis von einer Kolonisation in größerem Maßstahe die Rede sein kann. Dafür wird Palästina auch alle ihm zugewendete Arbeit ganz anders lohnen, als dies bisher der Fall war. Denn, was für Palästina aufgewendet wird, ist Gegenwarts- und Zukunftsarbeit zugleich. Gelingt es der zionistischen Bewegung die weiten menschenarmen Gefilde des Heiligen Landes neu zn beleben, in den Städten Handel und Gewerbe zn entwickeln, neue Industriezweige zu schaffen und das alles durch Juden nnd für Juden zu tun, so wird damit auch für die an 3ich recht ansicheren politischen Ziele des Zionismus das beste getan sein, was unter den obwaltenden Verhältnissen geschehen kann. So darf sich derjenige, der im Zionismus eine groß- - angelegte und weitausschauende Hilfsaktion zugunsten der dem Elend preisgegebenen jüdischen Brüder erblickt, der Entwicklung ehrlich freuen, die zu der vom VIII. Kongreß vollendeten Umbildung der zionistischen Taktik geführt hat. Welche Folgen diese Umbildung für den Zionismus als geistige Größe, als Kulturfaktor haben werde, das wäre einer tiefgehenden Betrachtung sehr wohl wert. Hängt ja hiervon allein die Stellung ah, die das überlieferte Judentum in einer weiteren Zukunft gegenüber den vom Zionismus geschaffenen geistigen Werten einznnehmen haben wird. Es würde vielleicht übereilt sein, schon heute ein abschließendes Urteil über diese Frage auszusprechen. Denn noch läßt sich nicht voraussehen, oh — wie es auf dem Kongresse der Fall war — hinter den drängenden wirtschaftlich-praktischen Aufgaben des Tages der eigentliche Kehrgedanke der .nationalen Wiedergeburt* immer mehr zurückgedrängt, ob ans Mangel an Mitteln auch die .nationale Erziehung* nur lässig betrieben werden wird, oder ob man umgekehrt als Ersatz für die zugerollte Standatte des politischen Zionismus die Kulturanfgaben in den Vordergrund schieben nnd damit unbewußt die Entwicklung der in der zionistischen Idee schlummernden antireligiösen Antriebe beschleunigen wird. In beiden Fällen ist für das gesetzestreue Judentum bei aller Sympathie die größte nnd geistige Wachsamkeit gegenüber dem Zionismus geboten. Das Wesen des modernen Zionismus besteht in der völligen Umwertung des Begriffes „Judentum“, in der Verdrängung des Religiösen ans dem Zentrum in die' Peripherie des jüdischen Kulturkreises. . . .“ Korrespondenzen. „Nüchterne Politiker.“ (Wien.) Die bevorstehenden Landtagswahlen in Galizien haben in der polnischen Presse das Interesse am Zionismus plötzlich vervielfacht. Die „Gazeta NarodoAva“ meint, daß die Erörterung der nationalen Bewegung unter den Juden nicht erst während des entscheidenden Kampfes beginnen dürfe, sondern in friedlichen Zeiten dnrchgeführt werden müsse. Für die polnischen Länder mit ihren vielen Juden und dem zahlreichen jüdischen Proletariat sei der Zionismus ohne Zweifel ein zu beachtender Faktor, um so mehr als die an den Gymnasien und an den Universitäten studierende jüdische Jugend mit der orthodoxen jüdische Masse im Zionismus eins sei. Im ganzen könne man die Juden als nüchterne Politiker ansehen, also anch die Führer der Zionisten. Die Erfahrungen der letzten Reichsratswahlen scheinen die polnischen Politiker stutzig gemacht zu haben. Während sie früher über die Zionisten mit einem verächtlichen Achselzucken zur Tagesordnung übergingen, schlagen sie jetzt andere Töne an nnd ergehen sich in respektvollen Betrachtungen. Sie wurden eben eines Besseren belehrt, wie ja auch der galizische Statthalter Graf Potocki, der nach den Wahlen den Lemherger Knltuspräses Edlen von Horowitz mit Vorwürfen überhäufte, weil er ihn über den Umfang und die Tiefe der zionistischen Bewegung falsch informiert hatte. Sie sind wirklich sehr nüchterne Politiker, die Herren Polen! Dr. Ofner bei den Freidenkern. (Wien.) Vom 8. bis 12. September findet in Prag ein internationaler Freidenkerweltkongreß statt. Daß Herr Dr. Julius Ofner auf dieser Tagung mitzusprechen und mitzuberaten das Bedürfnis hat, überrascht uns nicht und braucht die Juden auch nicht zu tuschieren. Aber bezeichnend ist jedenfalls, daß er ein Referat über „die Trennung des Staates von der Kirche“ ankündigt. Es gibt ja andere Themen,

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