Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 8 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr.' 8 neuer Ankömmling den Bedürfnissen des Landes an gepaßt und spricht hebräisch. Bestrebungen, welche dort auf die Verjüngung der heiligen Sprache hinzielen, finden einen fruchtbaren Boden. Die. stamm- und sprachverwandten Araber verständigen sich in ihrem Arabisch mit einem hebräisch Sprechenden ziemlich leicht, mit einem jüdisch oder spanioliseh Bedenden nicht. Die jüdische Wirtschaft in Palästina befindet sich noch im Anfangsstadium, das jüdische Leben wird dort erst geschaffen. Bedingungen für ein neues Judentum sind nur dort gegeben. Will man dort das Hebräische pflegen und zur-Umgangssprache machen, so ist das ein Eingreifen im JSinne der Entwicklung und wird von Erfolg begleitet sein. Aufbauen auf einem Boden, der unbebaut ist, ist leichter, als zuvor etwas Gesundes niederreißen wollen, um etwas anderes an seine Stelle zu setzen. Im Golus gehört die Zukunft dem Jüdischen. In der eigenen Heimat, in Palästina, kann die klangvolle Sprache der Propheten und der Sängerkönige David und Salömon eine Nationalsprache •im vollen Sinne des Wortes werden, eine Sprache des Alltags, des Theaters, der Politik und der Liebe. Der präsentierte Wechsel. So betitelt das Wiener konservative Organ „Das Vaterland“ einen Artikel, in welchem es sich mit den demagogischen Versprechungen befaßt, die während des Wahlkampfes den Hausjnden des Polenklubs, als fliese von ihren zionistischen Gegenkandidaten recht arg bedrängt wurden, als wirksames Agitationsmittel dienten. Die Herren haben damals skrupellos zu allen möglichen Mitteln ihre Zuflucht genommen. Herr Dr. Löwenstein hat bekanntlich im ungewohnten Talles vor der Thora einen feierlichen Schwur geleistet, dessen Erfüllung nach zweifellosem Eintritt der gesetzten Bedingung naive Wähler vergebens von ihm fordern. Die Synagoge ward überhaupt zum Tummelplatz all der plumpen Demagogie herabgewürdigt. Auch der Fall, auf den das zitierte Blatt anspielt, hat sich in einer Synagoge ereignet. Um Stimmen zu kapern, haben die Polenklubleute offenbar weit mehr Versprechungen gemacht, als sie im Polenklub erfüllen können oder trotz dem Schwurorte erfüllen wollen. Die Unerfüllbarkeit, Unvorsichtigkeit und Skrupellosigkeit dieser Tempeldemagogie charakterisiert das „Vaterland“ ganz deutlich, indem es u. a. schreibt: „,Slowo Polskie* berichtet, daß auch ein Mitglied des Polenklubs in einer jüdischen Versammlung für GaliZien Ausnahmen vom Staatsgesetze d*r Sonntägsheiligung, von der Gewerbeordnung und dergleichen versprochen habe. Es sei dies bei einer Gelegenheit gewesen, da der Bedner das Verhältnis dieses Klubs zu den Juden erörterte, so daß neben jenem jetzt gleichsam auch dieser im Ohligo stehe. Es seheint nun, daß die galizischen Juden den -Wechsel präsentiert haben und darauf dringen, daß der Polenklnb in obiger Richtung eine Aktion einleite. Denn die ,Gazeta Narodowa* bemüht sich heute, den Klecks des betreffenden Mitgliedes des Polenklubs — er soll der nationaldemok' atisehen Gruppe angehören — auszuradieren. Zwar entschuldigt das Blatt den falschen Schritt, daß die •Versammlung in einer Synagoge abgehalten wurde und der Bedner in einer eigenartigen Atmosphäre stand, daß es sich darum handelte, die Entschließung der Versammelten von den Zionisten ab- und dem Polenkiub zuzuwen den; aber dann meint es doch, daß mit Versprechungen im Namen des Polenklubs vorsichtiger vor- . .gegangen werden müsse, da dieser, der niemals in der gegebenen Situation unerfüllbare Versprechnngen gemacht und nach dem poloisehen Sprichworte niemals Birnen anf Weidenbäumen in Aussicht gestellt habe, durch solche übereilte Zusagen verpflichtet werden könnte. Niemals .seien die Polen Antisemiten gewesen: aber bei der jetzigen Zusammensetzung des Reichsrates könne sich der Polenklub keineswegs znr Erwerbung solcher unmöglicher Ausnahmen zugunsten der galizischen Juden obligieren. Der Artikel ist für den unvorsichtigen* Abgeordneten und für die galizischen Jnden geschrieben; sonst würde die ,Dazeta Narodowa“ wohl auch die Rechte der christlichen Bewohnerschaft Galiziens akzentuiert haben, die durch solche Gesetzesausnahmen verletzt würden.“ Das polnische Blatt hat recht: es ist wirklich eine -eigenartige Atmosphäre“, die sich die Polenklubjtiden geschaffen haben, um den Zionisten Wind aus den Segeln zu nehmen. Auch der polnische Artikelschreiber steht unter dem Banne dieser Atmosphäre, wenn er nicht nur das Motiv des wohlfeilen Wählerfanges, sondern auch den heiligen Ort als Milderangsgrand hinstellt. Eine eigentümliche Logik und Moral! Aber wertvoll ist das indirekte Eingeständnis, daß die Hausjuden des Polenklubs, der sich für spezifisch jüdische Forderungen nicht engagieren dürfe, „Birnen auf Weidenbäumen“ versprochen haben. Das „Vaterland“ mag ruhig sein! Für die galizischen Juden ist der Artikel nicht geschrieben. Denn er stellt ihnen ja vom Standpunkt des Polenklubs die Aufrechterhaltung des Status quo der gesetzlichen Sonntagsruhe in sichere Aussicht, somit auch für weiterhin die Vernichtung zahlreicher Existenzen und die ernste. Gefährdung vitaler Geschäftinteressen. Er verkündet ihnen eine schmerzliche Wahrheit: Euere Abgeordneten haben euch geködert, sie werden den von euch präsentierten Wechsel nicht einlösen! Brief aus Mähren. Olmütz, 2. September. In der tschechischen Presse Mährens ist in den letzten Wochen eine erregte Diskussion über das Verhältnis der mährischen Juden zu ihren tschechischen Landsleuten durchgeführt worden. Der geringfügige Anlaß, eine Saalmiete, paßte zwar schlecht zu den großen Worten, die in der Diskussion fielen, und zu der heldenhaften Pose, in die sieh überempfindliche Nationale eiligst warfen. Der Sachverhalt ist rasch erledigt: Die Ferialverbindung „Massada“ feierte in Prerau ihr zehnjähriges Stiftungsfest und mietete zur Abhaltung der Feier den Saal im „Zälozensky düm“, einem tschechischen Hause, das jedoch nicht im Mittelpunkt des tschechischen Lebens der Stadt steht. Die Mitglieder des zionistischen Vereines haben das tschechische Gymnasium in Prerau absolviert, beherrschen also die tschechische Sprache und sind vor jedem Verdachte sicher, deutscktümelnde Politik direkt und indirekt treiben oder irgendwie unterstützen zu wollen. Sie haben den jüdischnationalen Parteigrundsätzen gemäß sich stets einer neutralen Haltung im nationalen Kampfe befleißigt, haben die Behauptung, „deutsche“ Juden in einem politischen oder nationalen Sinne zu sein, stets zurückgewiesen und durch ihre ganze politische Betätigung widerlegt, sie haben ihre Vereinstätigkeit und agitatorische Arbeit nur in den Dienst der zionistischen Propaganda, niemals fremdnationaler Bestrebungen gestellt. Die zehn Jahre hätten genügen können, um die weiteste tschechische Öffentlichkeit über die klaren Tendenzen und die unzweideutige Taktik der mährisch-zionistischen Studenten aufzuklären. Das seheint nicht der Fall zu sein, sonst wäre die Debatte, die sich an jene Saalmiete knüpfte, unmöglich und eine Demonstration gegen die Veranstaltung ausgeschlossen gewesen. Der Vermieter des Saales ging nicht nur vom rein geschäftsmänmschen Standpunkt aus, sondern wohl auch von der richtigen Ansicht, daß die zionistischen. Studenten keinerlei deutsche Demonstration planen und ihre ganz unpolitische Feier, in einem tschechischen Vereinshause abgehalten, eher als tschechischfreundliche Kundgebung aufgefaßt werden kann. Er rechnete nicht mit der sonderbaren Logik chauvinistischer Hetzer und unreifer Judenhasser, die in der Saalmiete eine jüdisckdeütsche Provokation sahen, von Gefährdung des nationalen Charakters des reintschechischen Prerau phantasierten und sogar die „Ehre des tschechischen " Mährens, der ganzen Nation“ — so war es wörtlich im hiesigen „Pozor“ zu lesen — besudelt erachteten. In dem Wust von nationaler Unduldsamsamkeit und Empfindlichkeit, der sieh in der mit fast komischem Ernst geführten Preßfehde offenbarte, ist es ein Trost, daß die reifen und intelligenten Schichten der Prerauer Bevölkerung sieh nicht verhetzen - ließen und die geplante Arrangierung einer Straßendemonstration verhinderten. Wir fragen: Hat der Kommers auch nur ein Jota an dem tschechischen Charakter der Stadt geändert? Ist auch nur ein Wort gesprochen worden, das gegen die Tschechen gedeutet und als Provokation aufgefaßt werden könnte? Vernünftig sind derartige aufgebauschte Diskussionen nicht, weil sie die durch die Jüdischnationalen mit zäher Konsequenz angebahnte Neutralisierung der Juden im nationalen Kampfe verlangsamen und die sichere politische Entwicklung der mährischen Juden, die sich von der deutschen Gefolgschaft loszusagen beginnen, stören. Solche Kundgebungen des tschechischen Chauvinismus, wenn sie auch meist von unreifen Leuten ausgehen und getragen werden, werden von den Deutschen und ihren jüdischen.Schleppträgern, nach Kräften ausgenutzt. Rein lokale Angelegenheiten dieser Art äußern über die Grenzen der betreffenden Stadt hinaus jahrelang ihre Wirkung. Eine kluge Taktik würde. tschechischen Patrioten im Gegenteil gebieten, die tschechische Bevölkerung über die zionistische Bewegung gehörig aufzuklären und sie davon zu überzeugen, daß die österreichischen Zionisten sieh in die nationalen Streitigkeiten der anderen Nationen einzumischen keine Lust verspüren und die Juden nur als solche organisieren, politisch schulen und national machen wollen. Sie würden durch Verbreitung solcher Erkenntnis ihrer Sache und der natürlichen nationalen Entwicklung im Lande weit größere Dienste leisten. Die Prerauer Afiare weist auf alte zionistische Unterlassungssünden hin, von denen wohl zeitweise die Rede war, die aber in der zionistischen Agitationsarbeit nicht gebührend gewürdigt worden sind. Man hat sich in zionistischen Kreisen viel zu wenig bemüht, die zionistische Propaganda auch in die nichtjüdische Bevölkerung zu tragen. Speziell in Mähren war es von großer Bedeutung. Das starke, zum großen Teile berechtigte Mißtrauen, das die Tschechen den Juden als bisherigen nationalen Bundesgenossen der Deutschen entgegenbringen und das, wie sich ja in Prerau gezeigt hat, sehr "tief wurzelt, ist durch eine ehrliche Auseinandersetzung, durch regeren geistigen Kontakt, den die Presse, Broschüren, Vorträge hersteilen könnten, zu mildern oder zu beseitigen. Besonders ein regerer Verkehr unserer ' studentischen Organisationen mit der tschechischen Studentenschaft wäre von großem Vorteil und leicht anzubahnen. Eine politische Anbiederung, eine Neuauflage tschechischer Assimilation ist darin gewiß nicht gelegen. Gegenseitige Aufrichtigkeit, loyaler Meinungsaustausch in diesen Kreisen würde auf die übrige Bevölkerung wohltuend zurückwirken und viel angenehmere gesellschaftliche und politische Verhältnisse schaffen, als sie derzeit infolge des Mißtrauens auf der einen und der oft feindseligen Zurückhaltung auf der andern Seite bestehen. Rundschau. Graf Sternberg über jüdische Politik. Als Graf Sternberg vor Jahresfrist in einer Wiener jüdischen Versammlung über die Judenfrage sprach, hatte er nicht viel zu sagen und enttäuscht ging das zahlreiche Publikum, das wie zu einer sensationellen Premiere herbeigeeilt war, nach Hause. In Marienbad hat der Herr Graf, bei dem philosemitische und antisemitische Anwandlungen dem Aprilwetter gleich regellos wechseln, in der vorigen Woche über die jüdische Politik in Österreich abermals eine