Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 8 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 8 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 kurzem, anläßlich der Reichstagswahl in SfidiiDgarn und des Sieges des Abg. Lukaciu, schrieb der „Altkotmany“, die Volksparteiler gingen lieber mit den Humanen als mit den Juden, obwohl sie bisher mit den assimilatorischen Juden in der „magyarischen Koalition“ gemeinsam gekämpft hatten. Daß derzeit die Juden in den nichtmagyarischen Gegenden bitter gehaßt, von den magyarischen „Freunden" vollständig verlassen sind, ist die Ernte der jüdisch-assimilatorischen Drachensaat, ist eine der traurigsten Früchte jener assimilatorischen Judenpolitik, deren Hauptrepräsentanten gerade die ungarischen Juden sind. Rekriminationen nützen wohl nichts, sie sind aber am Platze, weil gerade in der ungarischen Frage die jüdischen „Führer“ das jüdische Volk verführt und die jüdischen Blätter geschwiegen haben, wo zu reden ihre Pflicht war. Selbst heute noch wird nicht offen und frei die Tatsache zugestanden, daß die von den ungarischen Juden unsinnigerweise gestützte künstliche magyarische Hegemonie und der ganze ungarische Staat in allen seinen Fugen kracht und seine nicht magyarischen Volksstämme, vor allem die Kroaten von einem von Österreich getrennten magyarischen Nationalstaat nichts wissen wollen, sondern eine nationalföderative Gestaltung des gesamten Donaureiches erstreben. "Wir Jungjuden, die nicht die Aufgabe haben, die magyarische Vorherrschaft und eine sie stützende bankrotte Verfassung zu schützen, sondern deren Pflicht es ist, eine Harmonie herzustellen zwischen den Lebensbedingungen des jüdischen Volkes und denen der übrigen Völker der Monarchie, sowie den Existenzbedingungen des Gesamtreiches, rufen unseren Volksgenossen in Ungarn in zwölfter Stunde die ernste Mahnung zu: Besinnet euch auf euere jüdischen Volksinteressen und emanzipiert euch von den falschen Propheten des magyarischen Chauvinismus und Separatismus! Verus. Zur Frage „Jüdisch—Hebräisch“. Von M. Waldmann (Wien). Die jüdisch-nationale Gruppe in Rußland verlangt in einem ihrer Programmpunkte den Gebrauch der nationalen Sprachen an den jüdischen Schulen. In Klammer steht dann die Erklärung: Hebräisch und Jüdisch. Wir Juden sind ein eigenartiges Volk, wir sind nicht nur das Volk ohne Land, wir sind auch das Volk mit den zwei nationalen Sprachen. Es ist nun eine wichtige und ernste Frage, welche Sprache eigentlich beim jetzigen Stande unserer Entwicklung unsere nationale Sprache ist und welche erhalten bleiben wird als notwendiges nationales Gut unseres Volkes. Wir sagen „erhalten bleiben wird“, nicht „soll“. Denn die Sprache ist etwas mit dem Volksleben innig Verwachsenes, mit ihm organisch Verknüpftes, durch Leben und Kulturentwicklung Geschaffenes — und Gesetze und Willensäußerungen, seien sie auch kollektive, sind nicht imstande, eine Sprache zu beleben ' oder zu töten, soferne die objektiven Bedingungen, die Entwicklungstendenzen, welche gesellschaftlichen Kräften entspringen, hierzu nicht gegeben sind. Der Weg, den man bei Untersuchung dieser Frage zu gehen hat, ist klar vorgezeichnet: man muß sie vom soziologischen und nicht vom philologischen Standpunkte aus behandeln. Hie Hebräisch, hie Jüdisch! lautet schon seit Jahren der Kampfruf. Auf beiden Seiten herrscht Voreingenommenheit für den verfochtenen Standpunkt. Die hebräisch Sprechenden, die Misracliisten und alle diejenigen, welche ein Cheder besucht und Tanach gelernt haben, sind natürlich für das Hebräische. Auch viele westeuropäische Nationaljuden sprachen sich dafür aus. „Weg mit dem gelben Golusfleck, mit dem Gettoandenken, mit dem Gemauschel“ war die Parole. Man führte tausenderlei Gründe ins Treffen, Pietät und Ahnenstolz, Ästhetik und Renaissance. Man wies auf die reichen Schätze hin, die in den alten Büchern schlummern, und berief sich außerdem auf die modernen Literaturgrößen in der hebräischen Sprache: Gordon, Mapu, Smolensld, Brainin, Achad-Haam, Bialik, Katzeneisohn und — last, not least — Sokolow. Man nannte die Zeitungen und Zeitschriften, die in moderner Art, in schöner, klangvoller Sprache Tagesereignisse behandeln und so die Brauchbarkeit und Schmiegsamkeit der hebräischen Sprache dartun, das heißt die Sprache vom philologischen Standpunkte aus als geeignet und brauchbar zeigen. Für die Bundisten, die Separatisten, Zionisten-Sozialisten und viele andere nationale Gruppen hingegen gilt die hebräische Sprache als etwas Totes, Abgelebtes und darum aus dem Register der jüdischen Wirklichkeit zu Streichendes. Ihr Hauptargument lautet: Die jüdische Sprache — nenne man sie nun Gettofrucht oder Gemauschel — bleibt eine Tatsache, mit der man zu rechnen hat; der größte Teil des Volkes drückt in dieser Sprache seine Gedanken und Gefühle aus und in letzter Zeit haben sich Ansätze zu einer reichen Volksliteratur gezeigt. Die vielen Zeitungen, die in jüdischer Sprache erscheinen, die - große Verbreitung, die sie namentlich in den unteren Volksschichten finden, die Rosenfeld und Reisen, Asch und Perez, Pinski und Gordin sind lautsprechende Zeugen, daß diese Sprache lebt und entwicklungsfähig ist. Man weist schließlich auf die verschiedenen spöttischen und derben, saftigen und kräftigen aber auch zarten und innigen Akzente hin, die diese Sprache des Volkes auszeichnen. Ob die jüdische Sprache Eigentum des jüdischen Volkes oder etwas Entlehntes darstellt, ist für sie ganz einerlei; denn nicht die Etymologie der Wörter kennzeichne eine Sprache, sondern der Geist der aus ihr spreche, und in der jüdischen Sprache komme unverkennbar der eigenartige jüdische Geist zum Ausdruck. Auch wird auf die Analogie der englischen Sprache verwiesen, die ihren Wortschatz vielen Völkern entlehnt hat, aber doch eine Weltsprache par excellenee ist und die reichste Literatur besitzt. So weiß eine jede Partei recht viele und darunter auch plausible Gründe für ihre Sache anzuführen. Bei genauerer Analyse findet man aber, daß die Parteigänger des Hebräischen mehr auf systematische Arbeit und zielbewußte Bestrebungen hinzuweisen imstande sind, während die Amateure des Jüdischen ihre Gründe der tatsächlichen Entwicklung des Lebens entnehmen. Die hebräisch lesen und schreiben, gehören zu den höher stehenden Individuen des Volkes. Ihre Bildung ist eine verfeinerte, sie stellen höhere Kulturtypen dar: die jüdisch- Redenden aber sind die überwiegende Masse des Volkes. Bei den Schriftstellern der hebräischen Sprache sieht man es klar und deutlich: die Sprache, der Stil wird ihnen zum Zweck. Die jüdisch Schreibenden bedienen sich der Sprache als des Mittels. Das Leben der jüdischen Massen im Osten ist ein beständiger Kampf. Zu diesem Kampfe gehören Waffen. Erkenntnis und Bildung tun vor allem not. In welcher Sprache soll man zum Volke reden, in der jüdischen, die alle Juden des Ostens ausnahmslos verstehen, oder in der hebräischen, die man sie erst lehren müßte? Solange das jüdische Volk im Golus lebt und ihm der ökonomische Kampf in solchen Dimensionen und Formen aufgezwungen wird, wie es jetzt der Fall ist, muß die Hoffnung oder das Bestreben, Hebräisch zur allgemeinen Volkssprache zu machen, aussichtslos erscheinen und an der Unerbittlichkeit der jüdischen Not scheitern. Die gewiß edeln Bestrebungen, die heilige Sprache zu verjüngen, werden bloß einer anserwählten Anzahl zugute kommen. Man kann ganz gut — ohne zu übertreiben — behaupten: die hebräische Sprache ist bei denjenigen, die sie gebrauchen,' eine unter vielen Sprachen,- die sie sprechen. Sie können in ihr eine größere oder geringere Fertigkeit erlangen, auf einfachere oder kunstlosere Weise Gedanken in ihr ausdrücken. Die erste, einzige, im Leben dominierende Sprache ist sie nimmer. Die jüdische Sprache zeigt hingegen ein kraftstrotzendes Sich - anpassen an die Bedürfnisse des täglichen Lebens, sie ist momentan die Pulsader des Goluslebens und dem größten Teile der Judenheit das einzige Ausdrucksmittel für Freude und Schmerz. Und wenn man sich die Frage vorlegt, welche die nationale Sprache der Juden ist, das heißt, welche Sprache von der überwältigenden Mehrzahl des Volkes gesprochen wird, welche die Sprache des jüdischen Volks- und Wiegenliedes ist, dann kann man nichts anderes antworten als: das Jüdische. Man kann wohl einwenden, daß ein großer Teil der Juden das Jüdische nicht versteht, z. B. die Spaniolen, daß hingegen alle Juden zum Hebräischen Beziehungen haben und daß darum diesem der erste Platz gebühre. Theoretisch mag dies richtig sein, praktisch ergibt sich daraus lediglich, daß das Hebräische das interterritoriale Verständigüngsmi ttel des zerstreuten Judenvolkes bildet. Nationalsprache aber ist nur diejenige, die täglich und stündlich in allen Lebenslagen von einem Volke gesprochen wird, und tägliche Umgangssprache ist das Hebräische allerdings auch — aber nur für einen bescheidenen Bruchteil der Judenheit, ftlr die Juden in Palästina. Welche Sprache wird also erhalten bleiben? Die Antwort ist leicht: beide. Diejenigen Juden, die im Golus leben und dort voraussichtlich noch lange bleiben und ihre jüdische Eigenart bewahren werden, wollen sich ihre Sprache nicht nehmen lassen. Sie werden sie weiter pflegen und ihr zur Entwicklung verhelfen. Die Sprache der Golusjuden — ich verstehe darunter die Juden Osteuropas — ist aber das Jüdische, sie wird darum weiter bestehen. Aber auch das Hebräische ist berufen, eine große Rolle in unserem Volksleben zu spielen. Im Volksleben unserer eigenen Heimat. In Palästina ist schon heute das Hebräische die Sprache der Jugend, die Unterrichtssprache an vielen jüdischen Schulen. Es ist selbstverständlich, daß die Allianceschulen zu diesen jüdischen nicht zählen. Ein hebräisches Gymnasium wurde in Jaffa begründet und die Verkehrssprache in den Kolonien ist das Hebräische. Die Kultur, die dort geschaffen werden soll, ist schon in ihren Anfängen mit der hebräischen Sprache innig verknüpft. Letzthin wurde in Jaffa ein hebräisches Theaterstück aufgeführt. Die Vortragssprache im Bezalel ist die hebräische. Es scheint somit, daß die hebräische Sprache bei den palästinensischen Juden dominierend ist. Die Einwanderung der anders sprechenden Juden wird daran nicht viel ändern, ihre Zahl ist vorläufig im Verhältnisse zu den dort Ansässigen gering. Nach einigen Monaten hat sich ein solch