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Jüdische Zeitung · 1907-09-06 · 8 (6.9.1907) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
8 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 8 in dem alles zum Gegenstände politischen Schachers und parlamentarischer Geschäftchen herabsinkt, der nur die brutale Macht der Ziffern, nicht die natürlichen Bedürfnisse und Wünsche seiner Volker berücksichtigt, muß die Erkenntnis heranreifen, daß nur robuste Mittel und radikalste Betätigung zur Durchsetzung nationaler Forderungen fuhren. Der Wiener Prozeß gegen die ruthenischen Studenten lenkt die Aufmerksamkeit der politischen Welt auf die unhaltbaren nationalen Zustände in Galizien. 4 Millionen Polen, 3 Millionen Buthenen, 800.000 Juden wohnen-in dem Lande, das eine polnische Kaste regiert. Der Landtag ist dank einer empörend ungerechten Wahlmethode unbestrittene Domäne der Polen, polnische Beamte herrschen im ruthenischen Sprachgebiete, hausen dort wie im Feindesland. Juden und Buthenen sind eine Q,uantit4 neglig£able im Lande, Staffage für eine demoralisierende Adelsherrschaft. So war es bis in die letzten Jahre. Aber das Bild hat sich gründlich geändert in dem Momente, da Buthenen und Juden erwachten und sich anschickten, von der eisernen Umklammerung, die kunstvoll, aber brutal ihr nationales Leben unterdrückte, loszukommen. Und wie immer in Zeiten nationaler Erhebung kämpfte die studierende Jugend in den ersten Beihen, leidenschaftlich, opferfreudig, zukunftsfroh. Sie wird den Kampf für ihr Volk entscheiden undderkulturwidrigen, vernunftwidrigen Situation in Galizien ein Ende bereiten helfen. Sie leistet unschätzbare Kulturarbeit, wenn sie ihrem Volke die gebührende Stellung in der Völkerfamilie erringt und ungestörte kulturelle Entwicklung, freie wirtschaftliche Erstarkung ermöglicht. Wir Juden, die wir das harte Los einer nationalen Minorität als vielhundertjähriges Golusschicksal wie kein anderes Volk ausgekostet und kennen gelernt haben, dürfen am allerwenigsten einem Volke, das seine nationale Würde und Freiheit gegen so mächtige Widersacher verteidigt, unsere Sympathien und unsere Unterstützung versagen. Jeder Sieg der Buthenen gegen die Schlachta ist auch ein jüdischer Sieg. Er bringt uns der politischen Emanzipation der galizischen Juden näher, schafft Baum für jüdischnationale Arbeit und für eine Politik jüdischer Interessen, nationaler Kraft und Würde. verrammelt. Sie werden ihm das nicht vergessen. Denn sie sind eine starke Macht mit unversiegbarer Energie, ein Prometheus, der in Ketten liegt Sie sind die Kerntruppen unserer Armee und sie werden hei der ersten Gelegenheit Vergeltung üben. Er ist ein unvorsichtiger Präsident. Er hat in den zwei Jahren seiner Führerschaft nichts Großes geschaffen, jedoch auch unsem Besitz nicht verringert. Er hat das Bestehende ausgebaut und fundiert. Er begegnet jedermann mit Sympathien und hat ein Herz für die ganze Bewegung. Er hat Geist und sogar Witz. Einem Eedner, der da schrie: Es gibt keine Geschäftsordnung! ruft er mit Betonung entgegen: Es gibt eine, zum Beweise entziehe ich Ihnen das Wort! Er ist sachkundig, kennt den Geschäftsgang, scheut keine Mühe, keine Zeit . . - und doch. Er ist Beamtenpräsident geblieben. Herr der Bewegung ist er nicht geworden. Wenn er gute Vorschläge machen und begründen wird, wird man sie befolgen, auf einen Wink seines Fingers wird sich niemand rühren. Er schart keine Jünger um sich, weil ihm die Macht der Persönlichkeit dazu fehlt. Er selbst gesteht es öfter ein, als es not tut. Wenn Sie geglaubt haben, sagte er beiläufig, daß ich Herzls Lücke voll und ganz ausfüllen werde, dann ist Ihre Enttäuschung Ihr eigenes Verschulden. Auf die Bemerkung eines Redners, daß Herzl praktische Arbeit gemieden hat, erwidert er: Alle praktischen Institutionen, die wir besitzen, stammen ja Die politische Lage in Ungarn. Ungarn steht am Vorabende einer großen Krise, die sich heute bereits für die ungarischen Juden in der täglich erstarkenden christlichsozialantisemitischen Bewegung fühlbar macht. Das unnatürliche Parteigebilde der magyarischen Koalition, welche ebenso wie der „Deutschnationale Verband“ aus den heterogensten Elementen, Chauvinisten, Scheinliberalen, Klerikalen und Antisemiten besteht, steht vor der nahen Auflösung. Die Volkspartei wartet nur noch eine Weile, bis einerseits die Kossuthisten noch mehr als bisher abgewirtschaftet haben und anderseits die Koalition und das ganze Land von der christlichsozial-antisemitischen Propaganda genügend infiziert ist; dann wird der klerikale Heerbann aus der Koalition austreten 'und im ganzen Lande als christlichsoziale Partei nach dem Vorbilde der zisleithanischen Parteigenossen sich organisieren. Vorläufig allerdings sind Volksparteiler und Kossuthisten aufeinander angewiesen und haben das gemeinsame Interesse, den Ausgleich mit Österreich und ein möglichst reaktionäres Wahlgesetz durchzupeitschen, da sonst die Bückkehr eines Ministeriums Fej erväry-Kristoffy keineswegs so ausgeschlossen ist, wie man vielfach glaubt. Die Position der Koalition ist ohnedies nach „oben“ wie nach „unten“ sehr erschüttert. Die Krone scheint gar nicht geneigt zu sein, einem Ministerium „Verfassungsgarantien“ zu bewilligen, welches selbst die Verfassung, speziell gegenüber den nichtmagyarischen Nationalitäten, verletzt und auch die „oben“ gegebenen Versprechungen, besonders betreffs Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes, einzulösen nicht bereit ist. Die Kegierung macht aber die Bechnung ohne den Wirt. Die Abgeordneten der nichtmagyarischen Nationalitätenpartei sind nämlich, wie sie in ihren Wähler Versammlungen unter tosendem Beifall erklären, fest entschlossen, alle Vorlagen — den Ausgleich nicht ausgeschlossen — im ungarischen Reichtage zu obstruieren, solange nicht das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht im ungarischen Beichstage zur Annahme gelangt. Dazu gesellt sich ferner die kroatische Opposition. Die kroatische Koalition scheint unter dem Drucke der mächtig anschwellenden großkroatischen „Rechtspartei“ unter Führung des Abg. von Herzl, und fügt in einer unglücklichen Redewendung hinzu: Sagen Sie mir, was ist denn überhaupt seit Herzls Tode Praktisches geschehen? (Zwischenruf: Das fragen wir ja auch?) Er beschwört Herzls gigantische Manen öfter, als es für ihn gut wäre. Er ist ein unvorsichtiger Präsident. Er soll mehr an sich glauben, dann tun wir es auch. Nicht einem unvergleichbaren Vorgänger zu gleichen ist die Pflicht eines Volksführers, sondern dem Volke seine Arbeit, seine Seele und sein Herz zu geben. Die Massen wollen Opfer haben. Er aber hat.was zu geben, denn seine Vorzüge sind nicht zu unterschätzen. Nur glaubt er nicht ganz an sie. Und dieser Kleinmut teilt sich dem Volke mit, das in seiner Person nicht den Punkt findet, von dem aus Archimedes die Welt aus den Angeln heben wollte. Leben und Zionismus sind bei ihm noch nicht unifiziert. Deshalb gilt er als Beamtenpräsident. Und deshalb wäre er schier von einer mächtigen Brausewoge schonungslos hinweggeschwemmt worden — wenn nicht gerade seine heftigsten Gegner, die Russen, ihn gerettet hätten. Daß er selbst die Gefahr nicht gesehen und die Sturzwelle ruhjg an sich herankommen ließ, beweist, daß er ein unvorsichtiger Präsident ist. D. Rb. Spa, am See von Warfaz. Dr. Franck fest gewillt zu sein, die Obstruktion der slowakisch-rumänisch-serbischen Nationalitätenpartei mit allen Mitteln zu fordern. Daß auch unter den großen Massen die Unzufriedenheit wächst, wird klar, wenn man berücksichtigt, daß die ungarländische Sozialdemokratie die Agitation gegen die herrschende magyarische Koalition mit der Verbreitung einer sehr aggressiven Flugschrift in einer Auflage von einer Viertelmillion in sämtlichen Landessprachen eingeleitet hat. Dieser stets sich steigernden Erbitterung — auch in magyarischen Volkskreisen — gegen die Koalition, welcher leider der größte Teil der ungarischen Juden noch immer Heeresfolge leistet, verleiht das „Neue Pester Journal“ folgendermaßen Ausdruck: „Die Koalition repräsentierte eine Idee, solange es einen Kampf galt, jetzt aber ist sie nur ein Sammelsurium der verschiedensten Bichtungen und Ideen und erfordert-jede kleinste Vorlage eine Summe von Kompromissen, Konzessionen,. Verhandlungen, ehe sie die allgemeine Zustimmung erhält! — Und politische Moral? Das ist schon etwas der Koalition ganz Fremdes. Kleinliches Strebertum der einzelnen, ununterbrochene innere Kämpfe, bei denen jede Partei die andere, ja jede Gruppe die andere (innerhalb der Kossuthisten) terrorisieren will.“ Das also ist die politische Moral der magyarischen Koalition, mit der sie das öffentliche Leben Ungarns immer mehr versumpft, so daß nicht nur die Fernstehenden, sich in immer größerer Zahl von der Koalition abwenden, sondern auch jene, die durch irgendwelche Verhältnisse an die Koalition geknüpft sind, sofern sie Sinn für politische Reinlichkeit haben, von Tag zu Tag verdrießlicher werden. Zu jenen, die früher zu den Stützen der Koalition gehörten und jetzt entschieden gegen sie (als „reaktionäre und feudal-kapitalistische Clique“) Stellung nehmen, gehört auch der jüdische demokratische Abgeordnete von Budapest, Doktor Vaszoni. Er veröffentlichte vor kurzem in der „Neuen Freien Presse“ einen Artikel, in welchem er der chauvinistisch-klerikal-antisemitischen Koalition ein Sündenregister vorhält und mit Ausschaltung aller staatsrechtlichen Streitigkeiten die Bildung einer radikal-demokratischen Partei des politischen und wirtschaftlichen Fortschrittes in Ungarn fordert. Leider hat Dr. Vaszoni sich noch zu wenig von dem Banne der magyarischen Auffassung vom „ungarischen Nationalstaat“ emanzipiert und ist sich als Jude keineswegs der Pflichten gegen sein Volk und über die einzunehmende Stellung der Juden im polyglotten Ungarn klar. Die Wahl des rumänischen Nationalisten Lukaeiu (gegen den Kossuthisten und jüdischen Assimilanten Kardos) zum ungarischen Reichstagsabgeordneten, sowie die Gärung in den rumänischen, slawischen und deutschen Gegenden Ungarns gegen die magyarische Oligarchie sollte um so mehr für die ungarischen Juden ein ernster Mahnruf zur Umkehr in der Nationalitätenfrage sein, als die klerikalen Volksparteiler nun mit den Nichtmagyaren zu liebäugeln beginnen und die Juden als die Hauptrepräsentanten des magyarischen Chauvinismus und ausbeuterischen Kapitalismus den nichtmagyarischen Bevölkerungskreisen hinstellen. Die Völkspartei aber ist — wie in Zisleithanien die Christlichsozialen — die Partei der Zukunft, wenn sie den Ausgleich mit den nichtmagyarischen Nationalitäten und die Sozialreform auf ihre Fahne schreibt. Es scheint, daß die Volksparteiler dies beabsichtigen,* denn vor

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