Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 8 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Zeitnn Redaktion, Administration und Inseratonaofnahme: IX., Türkenstraße Nr. 9 Telephon Nr. T4:199. Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr vormittags. Wochenschrift. Erscheint jeden Freitag. Verkaufsstellen in Wien: Administration, Türkenstraße Nr. 9. Zeitungsbureau Goldschmiedt, I., Wollzeile Nr. 11. Abonnementpreise: In Österreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K3.- Einzelne Nummern 20 Heller. =□ Vertretungen In der Provinz: In Brünn: Zeitungsbureau, Ferdinandsgasse. — In Prag; Zeitungsverschleiß Wlczek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Buchstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 8. Wien, Freitag, den 6. September 1907. 0 I. Jahrgang. Alle unsere Gesinnungsgenossen und Leser wollen auf diesem Wege unsere besten Glückwünsche anläßlich des Neujahrstages entgegennehmen! Die Redaktion und Administration der , Jüdischen Zeitung“. Der Prozeß gegen die ruthenischen Studenten. Der Prozeß, der sich in der laufenden Woche vor dem Wiener Gerichte abspielte, hat einen tiefernsten politischen Hintergrund und rollt das nationale Problem in Galizien vor Europa auf. Es war ein unverfälscht österreichischer Prozeß, mit geschichtlicher Notwendigkeit herausgewachsen aus einem Regierungssystem, das starke, einflußreiche Nationen verhätschelt und fördert, schwächere aber unterdrückt und vernachlässigt, das den politischen Willen nationaler Minoritäten und ihr Recht auf Autonomie mißachtet, ihre kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung lähmt und stärkeren nationalen Gegnern überantwortet. Der Prozeß mußte kommen. Die ihm zugrundeliegenden Exzesse kamen nicht überraschend, sie können nicht gebilligt, aber müssen begriffen werden. Ein Dreimillionenvolk läßt sich auf die Dauer von einer rücksichtslosen Adels- und Beamtenclique nicht knechten. Sobald es zur Erkenntnis seines nationalen Ich gelangt und der Helotenrolle, in die es jahrzehntelang gezwungen ward, um jeden Preis entrinnen will, sprengt es seine Fesseln. Die Lemberger Universitätsskandale, die auch an deutsch-österreichischen Universitäten möglich, ja gewiß wären, wollte man deutschen Studenten nationale Rechte kürzen und ihre Sprache beiseite schieben, sind eine lehrreiche Episode in dem geschichtlichen Kampfe, den das ruthenische Volk in Österreich gegen seine Unterdrücker und für seine Freiheit führt. Sic sind syra-^omatisöli für die österreichische Art, kulturelle Fragen zu lösen, Schulpolitik zu treiben. Die Forderung eines Dreimillionenvolkes nach einer Universität ist recht und billig, die Forderung nach tunlichster Anerkennung der ruthenischen Sprache an einer eigentlich utraquistischen Anstalt nicht unbescheiden und nicht unerfüllbar. Die Schule ist nun einmal ein Politikum, und das heißumstrittenste, geworden und wenn Schulfragen nur als Machtfragen behandelt und gelöst werden, dann treibt eine solche Regierungstaktik ungeduldig gewordene Minoritäten endlich auf den Weg der Gewalt, zur Selbsthilfe. In Wien wollten-4&utsohnationale Studenten eine nationale Minorität zwingen, bei Absingung eines deutschen Kampfliedes die Ehrenbezeigung zu leisten und ohne Kopfbedeckung zuzuhören; als einige den Kotau verweigerten, provozierten die Deutschen regelrechte Krawalle. Wenn eine deutsche Majorität auf ihre numerische Übermacht pochend in purem Übermut die Wiener Aula zum Schauplätze wüster Balgereien macht, dann entschuldigt man alles mit der jugendlichen Leidenschaftlichkeit, nationalen Begeisterung der Studenten. Die Kultur eines „Herrenvolkes“ schützt vor schärferer Kritik und Ahndung. Aber einer Jugend eine» zertretenen, gedrückten Volke», da» wie ein Helotenvolk behandelt wird, einer sich wehrenden, mit Recht unzufriedenen Minorität will man die Milderungsgründenationaler Erregungundjugend- Hchen Überschwangs nicht zubilligen. Die Gleichberechtigung der Nationen steht in Österreich wirklieh nur auf dem Papiere, denn die Gleichwertigkeit wird von Staats wegen aberkannt, und von Regierungs wegen wird jedes nationaler Recht mit verschiedenem Maße gemessen. Es ist kein Wunder, wenn einer als minderwertig behandelten Minorität endlich die Geduld reißt. In einem Staate, der nur, wenn er unbedingt muß, kleineren, in der Minorität befindlichen Nationen freie kulturelle Entwicklung ermöglicht, FEUILLETON. Silhouetten. (Zum Haager Kongresse.) I. Am See von Warfaz liegt es sich gut. Diesen Winkel hat der liebe Herrgott in einer guten Laune geschaffen. Er grub in das Gestein eine tiefe Mulde und goß Wasser in sie, das so klar ist wie ein Quell, wenn er dem jungfräulichen Boden entspringt. Und die Bergabhänge entlang pflanzte er die großen, starken Bäume, deren Kronen im blauen Äther schwelgen. Den See aber, den sie von Warfaz nennen, bettete er so, daß ihn die Morgenstrahlen küssen, wenn er erwacht, und die letzten Gluten einer scheidenden Sonne über ihn hingleiten wie eine Mutterhand über das teure Haupt ihres Kindes. Es ist gegen Abend. Ein wunderbarer blauer Himmel ist über dieses zaubervolle Plätzchen gespannt. Der See atmet ruhig und tief. Von den Bergen her schallt zuweilen der Lockruf eines unruhigen Vogels, der den Schlaf nicht finden kann. In dieser göttlichen Ruhe tanehen die Ereignisse der letzten Tage wie aus dem klaren Wasserspiegel empor. Menschen und Gestalten, die man im Getriebe nicht unterscheiden konnte, erhalten plötzlich klare Umrisse und deutliche Züge. Hier in dieser reizvollen Einöde sieht man ihnen klar ins Auge, hört ihre wahre Stimme, bemerkt ihre Schwächen. Sie gleichen einer Weise, die man gehört, an der man sich ergötzt, die aber erst nach einiger Zeit sich ganz unvermittelt dem innera Ohre erschließt. .Der Präsident. Er ist ein ansehnlicher Mann. Seine Haltung ist tadellos und er schreitet, wenn er geht. Ein hübscher Bart umrahmt sein männliches Gesicht. Die Angen blicken scharf, fast spähend. Wenn er an der Spitze seiner Kollegen das Podium betritt und die Augen des Kongresses auf ihn gerichtet sind, da ist es, wie wenn ihn ein unbehagliches Gefühl beschliche. Er verliert die Sicherheit und seine Bewegungen werden eckig. Seine Stimme ist kalt. Er liest seine Rede ruhig, aber tonlos. Viele schöne Stellen gehen im gleichmäßigen Fall seiner Stimme verloren. Es sind Sätze in seiner Rede, die er wie Golddukaten auf eine Marmorplatte hätte klingen lassen können, er aber läßt sie im Einerlei seines Tonfalles verkümmern. Während des Lesens gleitet ihm sein Zwicker langsam, aber sicher von der Nase. Er rückt ihn mit einer nobeln Handbewegung zurecht. Der Zwicker läßt sich dies nicht gefallen und gleitet diesmal etwas beschleunigter ab. Der Präsident erwischt ihn noch und setzt ihn energisch zurecht. Der Zwicker gleitet ab. Der Präsident muß von nun ab mit seiner Rechten den Zwicker vor den Augen halten. Seine Aufmerksamkeit ist geteilt. Das Lesen wird ihm zur Qual. Er atmet auf, als er schließt. Der Kampf mit dem Zwicker ist zu Ende. Eine Brille hätte ihre Pflicht besser erfüllt. Er ist ein unvorsichtiger Präsident; Er hat viele Feinde und, was schlimmer ist, viele Neider. Sie benrteilen seine Tätigkeit mit lauter, selbstgefälliger Stimme, aber auch mit Zorn und Ingrimm. Sie schimpfen über das Komitee, lassen aber die schwersten Hiebe auf seinen Schädel niedersausen. Auf filzernen Sohlen wagen sie sich an seine Fähigkeiten heran und zupfen ihn an seiner Würde. Er aber sitzt ruhig über ein weißes Blatt Papier gebeugt, in Gedanken vertieft, wie wenn er gerade mit der Lösung einer Gleichung von unzähligen Unbekannten beschäftigt wäre. Hie und da zuckt es ihm im Gesicht. Dann aber geht ein Lächeln über seine Lippen, wehmütig und verächtlich, und er setzt die Lösung seiner Gleichungen fort. Seine Verteidigungsrede ist scharf. Ihr Grundsatz ist: Die beste Parade ist der Hieb. Seine kalte, eindringliche Stimme kommt ihm sehr zustatten. Man hört ihm gerne zu, wie er seine Gegner zaust und die spitzen Worte scharfen Lanzen gleich gegen sie schleudert. Nachdem er Trietsch mit elegantem Stich außer Gefecht gesetzt, bringt er Pasmanik mit-einem sicheren Schuß zur Strecke. Dann schleudert er eine gut gefüllte Bombe in die Mitte aller Russen. Keiner von ihnen bleibt unverletzt. Sie schäumen getroffen auf nnd I rnfen Worte des Zornes ihm zu. Er läßt nichts unerwidert und schenkt ihnen nichts. Er läßt im Gegenteil sie allzusehr seine starke Hand fühlen, als I er ihrem Vertrauensmann den Weg in die Oberleitung -I :"ß . - S | *- ■-;*X!U I' Jt ■ V- ■<>. •Lj ’v* 1. t-