Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 7 (28.8.1907)
- Date
- 1907-08-28
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite, 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 7eher Gefahr laufen, daß der Charter als ein Hirngespinst von Phantasten verlacht wird, und daß nur wirkliche Erfolge unserer Arbeit in Palästina der zionistischen Idee neue Werbekraft verleihen können. Die zweite Frage, die Beteiligung an der inneren Politik in Bußland, brachte weit weniger Gegensätze als die Diskussion über die Palästinaarbeit. Man war allgemein der Ansicht, daß die moralischen Erfolge bei der zweiten Dumawahl die Zionisten nur ermutigen müßten, den gleichen Weg, wie wir in Österreich zu gehen, das heißt, sich an der Politik des Landes zu beteiligen. Nur darüber war man geteilter Meinung, ob dieses Eingreifen unter „eigener Flagge“, das heißt von seiten der Organisation aus erfolgen müsse oder im Anschlüsse an nichtzionistische Gruppen. Sowohl für die Paiästinaarbeit, als auch die Beteiligung an der Politik wurden die Helsingforser Beschlüsse mit geringen Abänderungen bestätigt. Jedoch wird voraussichtlich noch eine Klausel geschaffen werden, die es ermöglicht, daß die Zionisten Bußlands nicht nur als Partei, sondern auch im Vereine mit anderen jüdischen Volksgruppen den Tagesfragen nähertreten. Die übrigen Beratungsgegenstände wollen wir übergehen, da sie zumeist von keinem allgemeinen Interesse sind. Doch seien noch einige Worte der Stellung der russischen Zionisten in unserer Organisation, sowie ihrer Bedeutung gewidmet Aus der Mitte der deutschen Landsmannschaft tauchte der Antrag auf, das engere A.-K. aus drei in Westeuropa wohnenden Personen zusammenzusetzen. Alle schönen Beden helfen über die Tatsache nicht hinweg, daß dieser Antrag seine Spitze direkt gegen die Bussen richtet. Es ist eine ungeschickte Provokation unserer russischen Gesinnungsgenossen, wenn man heute an ihre Ausschaltung denken wollte, wenn man unsere Organisation der Gefahr aussetzt, plötzlich zwei voneinander unabhängige Zentren zu schaffen, die vielleicht nach entgegengesetzter Bichtung arbeiten. Ist man wirklich so blind, zu übersehen, daß nicht In Berlin, scndern in Bußland die jüdischen Massen leben? Und haben wir wirklich ein Becht, das geistige und materielle Kapital des Ostens so gleichgültig zu behandeln? Der Antrag der deutschen Landsmannschaftist natürlich undurchführbar und an eine ersprießliche Arbeit des A.-K. ist nur dann zu denken, wenn minJftgtfltiR zwei russische Zionisten in ihm sitzen. Die österreichische Landsmannschaft hat in dieser Frage die Bolle des Vermittlers übernommen, und ihr ist es zu danken, wenn wir über diese Klippe glücklich hinwegkommen. Die Verhandlungen der IV. Konferenz der russischen Zionisten beweisen, daß nach wie vor der Schwerpunkt der Bewegung in Bußland liegt, daß wir nur von dort die Arbeitskräfte beziehen können, deren wir jetzt so dringend benötigen. Die Ereignisse der letzten zwei Jahre erfüllten die russischen Gesinnungsgenossen mit einer Mutlosigkeit, die durch einen gewaltsam herbeige- -führten Zwiespalt nur noch gesteigert werden könnte. Nur wenn wir die Einheit der Partei nach Möglichkeit aufrecht zu erhalten suchen, nur wenn wir die Zentralisierung der Organisation in den Händen des kleinen A.-K. fürderhin erstreben, dürfen wir hoffen, daß der TUT. Kongreß solch gefährlichen Tendenzen, wie sie in dem Anträge der deutschen Landsmannschaft liegen, ein für allemal verbeugt Haag. _ Dr. Meist Kiriath Sefer. Haag, 18. August. Israel Beikind, ein Mitglied jener russischen Studentengruppe, welche anfangs der achtziger Jahre unter dem Namen „Bilu“ nach Palästina zog und dort die erste schwere Pionierarbeit in hartem Kampfe vollbrachte, hat vor einigen Jahren ein großzügiges Programm einer landwirtschaftlichen Nationalschule in Palästina aufgestellt und mit großer Energie propagiert. Nach den Kischinewer Exzessen gelangte der ideale Plan von Kiriath Sefer zur teilweisen Ausführung, indem nach einer Anregung Ussischlring die Kischinewer Waisenkinder in Beikinds Schule untergebracht und erzogen wurden. Israel Beikind, der als Delegierter im Haag weilt, hat unserem Redakteur über die Situation seiner Schule folgende Aufklärungen gegeben: An der Bahnstrecke Jaffa-Jerusalem, eine halbe Stunde von der Bahnstation Lydda, wurde eine 50 Dunam große Parzelle von der Anglo Palestine Company erstanden, auf welcher ein stattliches Schulgebäude mit einem Kostenaufwande von 36.000 Frcs. äufgefuhrt wurde. Das Haus enthält genügend Räumlichkeiten für ein Internat und für die Hehrer. In seinem gegenwärtigen Umfange kann es 50 bis 60 Kinder beherbergen. Natürlich genügt es nicht für die ursprünglich in Aussicht genommenen Schulzwecke. Die Lage der Schule und das Klima sind ausgezeichnet. Bis jetzt waren Zöglinge nur die Kischinewer Kinder. Sie haben zum größten Teil die Schule verlassen und sind entweder Kolonisten oder lernen ein Handwerk. Es müssen daher neue Zöglinge aufgenommen werden. Für Freiplätze melden sich viele Schüler aus Palästina, ihre Aufnahme kann jedoch infolge mangelnder Mittel nicht erfolgen. Aus Rußland und Rumänien laufen zahlreiche Anmeldungen von jüdischen Eltern ein, welche bereit sind, im Kiriath Sefer Schulgeld zu entrichten. Der Lehrplan erstreckt sich auf sieben Jahre. Die ersten zwei Jahre sind nur dem Unterrichte gewidmet und das Lehrgeld samt Intematskosten beträgt 600 Frcs. pro Jahr, welcher Betrag im dritten Jahre auf 300 Frcs. sinkt, während im vierten Jahre kein Schulgeld gezahlt wird. Im fünften Jahre erhält jeder Zögling außer Wohnung und Kost 50 Frcs. jährlich, imsechsten Jahre 100 Frcs., im siebenten Jahre 150 Frcs. Die Arbeit, die auf dem Felde zu leisten ist, umfaßt alle Zweige der Landwirtschaft. Das Land, das vom Nationalfonds der Schule pachtweise zur Verfügung gestellt wurde und zur Bebauung gelangt, hat einen Flächenraum von 1600 Dunam (etwa 160 Hektar). Das Haus selbst ist aus dem Fonds gebaut, der seinerzeit für die Schule aufgebracht worden ist, steht aber im Eigentum des Nationalfonds. Das Aktionskomitee hat einallerdings beschränktes Kontrollrecht über die Schule. Herr Belkind plant die Gründung einer Gesellschaft „Kiriath Sefer“, welche für die Schule wirken und Stipendien für arme palästinensische Kinder aussetzen soll. Geschäftsbericht der jüdischen Kolonialbank. Das Geschäftsergebnis des Jahres 1906 ist ein befriedigendes gewesen und zeigt einen wenn auch langsamen, so doch stetigen Aufschwung in der Ausdehnung unserer Geschäfte und der Vergrößerung unserer Einnahmen. Der Gewinn der Zentrale beträgt.. . . £ 7730 17 7 dem ein Verlust bei der Filiale Whitechapel von.„ 383 11 0 gegenübersteht, so daß sich der Nettogewinn, wie aus der nachfolgenden Bilanz ersieht- ~ __ lieh, auf.. . . £ 7347 6 7 steuerfrei stellt. Der Bruttogewinn pro 1906 beträgt £ 15.400 (gegen £ 14.100 in 1905); Spesen undUnkosten £ 8070 (gegen £ 8000 in 1905). Das Aktienkapital hat sich durch Neuverkäufe und Restzahlungen um £ 1421 vergrößert und beträgt per 31. Dezember 1906 .£.252.877. Unser russisches Diskontogeschäft haben wir im letzten Jahre wesentlich eingeschränkt und wir können mit Genugtuung konstatieren, daß sich das zu diesem Zwecke erforderliche Inkasso glatt und ohne Schwierigkeiten abgewickelt hat. Auch sonst sind wir von Verlusten fast gänzlich verschont geblieben. Provisions-Kontokorrent- und Diskontogeschäfte mit hiesiger und auswärtiger Kundschaft. haben an Umfang zugenommen. Einen großen Teil unserer Mittel haben wir dem hiesigen Contangogeschäft zugewandt und dabei lohnende Sätze erzielt. Die Geschäfte unserer Filiale in Whitechapel sind zwar recht umfangreich, aber leider nur wenig gewinnbringend, so daß die Kosten nicht gedeckt sind; etwas Auffälliges hegt aber hierin nicht, da erfahrungsgemäß Bankfilialen sich hier erst nach Verlauf mehrerer Jahre bezahlt machen. Die Geschäfte unseres Tochterinstituts, der Anglo Palestine Company Ltd., zeigen einen befriedigenden Verlauf; der Geschäftsbericht wird demnächst erscheinen. Unsere Anlagen sind durchweg gute und gesicherte, und bei der vorsichtigen Geschäftsgebarung, deren wir uns unverändert befleißigen, dürfen wir auch weiterhin auf guten Fortschritt hoffen. Von dem Gewinn sind £ 600 auf Reserve für Dubiose übertragen und verbleiben sodann zur Verteilung.£ 6747 6 7 plus Vortrag ex 1905 . ... „ 2018 6 6 zusammen . . . £ 8765 13 1 Das Direktorium hat beschlossen, der Generalversammlung, die am 21. August im Haag stattfand, die Verteilung einer Dividende von 8 d. per £ 1 Share (37s Prozent) vorzuschlagen. Die hebräischen Schriftsteller auf dem Kongreß. Auf dem TUT. Kongreß befindet sich eine große Anzahl bedeutender hebräischer Schriftsteller und Gelehrten, wie fast auf keinem Kongreß zuvor. Unter den Delegierten und den Gästen bemerken wir die Schriftsteller, Dichter und Publizisten: Bernfeld, Bialik, Boruehow, Brainin, Dolches, Ehrenpreis, Gaster, S. Hurwitz, J. Kahan, M. Kahan,Klausner, Kleinmann, Lewinski, Nacht, Niemirower, S. P.. Rabinowitz, Sloutsz, Bokolow und ~ noch manche andere. Erfreulicherweise ist unter dem Publikum das Interesse für die hebräische Sprache und Literatur in der letzten Zeit erheblich gewachsen. Es ist erstaunlich, wie viel jetzt unter den Besuchern des Kongresses Hebräisch gesprochen wird. Man begegnet einer ganzen Menge von Männern und Frauen, die sich erst in der letzten Zeit eine große Fertigkeit im Hebräischsprechen angeeignet haben. Unter solchen Umständen ist es ebenso begreiflich wie erfreulich, daß die Zusammenkunft so vieler hebräischer Sehriftsteller und Gelehrten dazu geführt hat, die Gesellschaft „Sinai“, deren Gründung in die Tage des YH. Kongresses fällt, in eine weitere Öffentlichkeit zu bringen. In den letzten zwei Jahren hatte dieses Unternehmen durch die schrecklichen Ereignisse in Rußland mit denselben außergewöhnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, die allen jüdischen gemeinnützigen Institutionen hinderlich waren. Es ist aber doch ein starker Beweis für die geistige Lebenskraft unseres Volkes, daß die Gesellschaft „Sinai“ trotzdem zahlreiche Freunde und Förderer gefunden hat. Sie ist bereits in die Lage gesetzt, sich ein ernstes Organ zu schaffen, dessen Existenz für eine Reihe von Jahren materiell und geistig gesichert ist. Von Anfang des Jahres 5668 erscheint in Berlin die Quartalschrift „Heatid“, die ausschließlich ernste, wissenschaftliche, kritische und publizistische Abhandlungen über Juden und Judentum enthalten wird: Aufsätze, welche alle Vorgänge im jüdischen Volke und im Judentum, nicht flüchtig, sondern vom geschichtlichen Standpunkt behandeln und beleuchten sollen. Das erste Heft (15 Bogen stark) befindet sich bereits im Druck. Damit ist aber die Aufgabe der Gesellschaft „Sinai" bei weitem nicht erschöpft. Ihr Ziel ist, alle Kulturarbeit des jüdischen Volkes, soweit sie literarisch und organisatorisch möglich und notwendig ist, in sieh zu vereinigen. Die Gesellschaft „Sinai“ will alle Kulturschätze des jüdischen Volkes erhalten und die Möglichkeit geben,- neue zu schaffen. Naeh der formellen Legalisierung des „Sinai“, an der schon jetzt viele hervorragende Männer lebhaften Anteil nehmen, wird ein ausführliches Programm veröffentlicht werden, und es ist zu hoffen, daß alle Juden, denen die Erhaltung des Judentums, dessen natürliche Fortentwickelung und Zukunft am Herzen liegt, . sich diesem jüdischen Kulturuntemehmen tätig widmen. Die materielle Grundlage muß ein unantastbarer Fonds von