Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 7 (28.8.1907)
- Date
- 1907-08-28
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2438141-2438142-2438149--0063-2439550- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
Nr. 7 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 Palästinakommission legt aber Wert darauf, auch hier wieder zu betonen, daß sie die Schaffung eines gesunden und billigen Agrarkredits für die momentan bei weitem wichtigste Aufgabe der praktischen Palästinaarbeit ansieht and jede "Verschleppung dieser bedeutungsvollen Angelegenheit im Interesse der Erreichung der Endziele unserer Bewegung für außerordentlich bedauerlich halten würde. Welche vorzüglichen Erfolge man l auf diese Weise erreichen kann, erkennen wir an den sich schnell vermehrenden deutschen Siedlungen in Palästina, in Wilhelma, Betlahm in Galiläa und Amm el Amad zwischen Haifa und Nazareth, die im wesentlichen durch in Württemberg aufgebrachte Fonds, speziell der „Stuttgarter Gesellschaft zur Förderung deutscher Ansiedlungen in Palästina1', begründet werden. Was die kleine Templergemeinde und der immerhin an Zahl und Mitteln beschränkte evangelische "Verein vermag, das sollte die gesamte Judenheit doch mit Leichtigkeit zustande bringen. Von sonstigen Arbeiten ist vor allem das Eintreten der Palästinakommission für die 01baumspende und den Herzlwald zu erwähnen, Institutionen, die ja auch ihren Ursprung der Initiative der Kommission verdanken. Es ist erfreulich, daß im letzten Winter schon der erste Ölbanmhain (bei Chedera) gepflanzt werden konnte, während die Absicht besteht, die Anlage des Herzlwaldes bei Chulda, und in der Nähe der jüdischen Kolonien Ekron und Rechoboth, nahe bei Ramleli an der Bahn Jaffa-Jerusalem schon in diesem Winter zu beginnen. Wenn auch die hierzu gestifteten Bäume leider noch bei weitem nicht die nötige Zahl von 10.000 erreicht haben, so sind doch schon genügend Gelder vorhanden, um die Anpflanzung der ganzen Fläche wenigstens beginnen zu können, und man darf wohl erwarten, daß während dieses Kongresses oder wenigstens bis zum Winter die noch fehlenden Bäume gestiftet sein werden. Die drei noch aus der Herzlsohen Zeit stammenden Projekte, landwirtschaftliche Versuchsätation, Lehrfarm und genossenschaftliches Gut, haben leider kaum Fortschritte zu verzeichcn. Einerseits ist der bisher nötige Landerwerb noch nicht vollendet, anderseits existieren noch prinzipielle Meinungsverschiedenheiten im A.-K.und in der Nationalfondsverwaltung betreffs Ausführung der Projekte; vor allem aber fehlt aber auch noch das Geld zur Durchführung derselben. Die Ansicht der Palästinakommission ist die, daß wir aus prinzipiellen Gründen an den zur Zeit Herzls gefaßten Beschlüssen festbalten sollten; übrigens halten wir eine landwirtschaftliche Versuchsstation für eine absolute Notwendigkeit für Palästina, eine Lehrfarm ist jedenfalls überaus nützlich, und ein genossenschaftliches Gut ist ein eminent wichtiges sozialwirtschaftliches Experiment. Sobald das Land in Athlit uns übergeben wird, soll sofort mit der Einrichtung der Station, vorläufig als einfache Versuchsfarm, begonnen werden; die Lehrlärm hat Zeit, bis das Land bei Hattin erworben respektive zusammengelegt ist, während das genossenschaftliche Gut auf Duleikah-Umeljunn am Jordan, beim Ausfluß aus dem Tiberiassee, zuerst durch eine Administration genügend vorzubereiten ist und erst dann einer Arbeitergenossenschaft in Erbpacht überwiesen werden sollte, vorausgesetzt, daß eine solche genügend Betriebskapital für eine rationelle Bewirtschaftung gesammelt und dasselbe bei der Bank deponiert haben wird. Zum Schluß seien einige Bemerkungen allgemeiner Natur gestattet. Der Palästinakommission kommt es nicht zu, die allgemeine Politik des Zionismus zu kritisieren. So viel glaubt sie aber sagen zu sollen, daß sie die Ansicht vertritt, der Zionismus wird palästinistisch sein, oder er wird nicht sein. Ohne eine sichere wirtschaftliche Unterlage in Palästina ist und bleibt auch der politische Zionismus ein Kartenhaus. Jüdischnationale Bewegungen sind natürlich auch ohne Palästinismus denkbar, Zionismus nioht. Daher wird der Palästinismus immer mehr in den Vordergrund der zionistischen Bewegung treten müssen, mindestens aber kann er Gleichberechtigung verlangen gegenüber den anderen im Zionismus vertretenen Richtungen. Die KongreBbeschlüsse über die Palästinaarbeit. 1. Der Kongreß beschließt, daß ein besonderes Palästinaressort innerhalb des engeren A.-K. geschaffen wird, welches das Recht hat, sich Beiräte zu ernennen. Dieses Palästinaressort soll unter der Leitung eines Mitgliedes des engeren A.-K. stehen. Ihm wird ein in Palästina befindliches, aus einem oder mehreren besoldeten Beamten bestehendes Palästinaamt unterstellt.. 2. Der Kongreß beschließt, daß 25°/0 aller Einnahmen des A.-K. sofort nach Eingang dem Palästinaressort beim Jewish Colonial Trust zur Verfügung gestellt werden. Außerdem fließen dem Palästinaressort die für seine besonderen Zwecke gesammelten und gespendeten Beträge zu. 3. Der Kongreß beauftragt das Palästinaressort, die Frage der Siedlungsgenossenschaft in Palästina zu studieren und der Jahreskonferenz darüber Bericht zu erstatten. 4. Der Kongreß empfiehlt dem engeren A.-K. und 'dem Direktorium der A. P. C., dafür Sorge zu tragen, daß bei der A. P. C. eine Abteilung für langfristige Kredite auf ländlichen und städtischen Boden eingerichtet werde, welche auch das Recht haben soll, städtischen und ländlichen Boden zu kaufen und zu verkaufen, zu parzellieren, zu pachten, zu verpachten und zu ameliorieren. Die österreichische Landsmannschaft. Die österreichische Organisation war auf dem Kongresse durch 43 Delegierte vertreten und stellte die zweitstärkste Gruppe. In der Landsmannschaft waren Dr. Schalit zum Obmann, Dr. Braude und Dr. Kornhäuser zu Stellvertretern, Adolf Böhm zum Schriftführer gewählt worden. In den Permanenzausschuß entsandte die Landsmannschaft Dr. Schalit, Doktor Braude, Dr. Gabel, Dr. Salz, Stand. Im Präsidium des Kongresses war Österreich vertreten durch Dr. Schalit als Vizepräsidenten und Dr. Braude als Beisitzer. Ins große Aktionskomitee wurden für Österreich gewählt: Doktor. Schalit, Böhm, Dr. Mahler, Dr. Gabel, Dr. Braude, Dr. Salz, Adolf Stand. IV. Konferenz der russischen zionistischen Landsmannschaft. Freitag, den 9. August, begann die Vorkonferenz der russischen Zionisten und am Vorabende des Kongresses waren ihre Arbeiten noch nicht erledigt. Darum fanden noch während der Tagung des Kongresses gelegentliche Sitzungen statt, in denen die noch übrigen Fragen diskutiert wurden. Der allgemeine Eindruck dieser Vorkonferenz kann als günstiger bezeichnet werden. Trotz der bekannten Redelust, die manche Delegierte zum Überflüsse entwickeln, darf man von den meisten doch behaupten, daß sie mit großem Interesse und Eifer den einzelnen Fragen gegenüberstehen, daß das Niveau der Debatten oft ein sehr hohes war, daß manche der machtvollen Reden die Hoffnung rechtfertigen, daß in der russischen Organisation Begeisterung und Arbeitsfreude noch leben. — Die Eröffnungssitzung wurde durch einen Nachruf des Präsidenten des Z.-K., Rechtsanwaltes Rosenbaum, für den unter so tragischen Umständen verstorbenen Moisse Zeitlin eingeleitet. — Der Überblick über die allgemeine Lage des Zionismus in Rußland (von Dr. Pasmanik erstattet), sowie der Rechenschaftsbericht des Z.-K. (Dr. Jaffe) suchen in ihrem allgemeinen Teile die Ursachen des relativen Tiefstandes der Bewegung aufzudecken. Zirka 40.000 Schekel wurden in diesem Jahre gesammelt, gewiß eine an sich geringe Ziffer, aber immerhin bedeutend, wenn man die Umstände bedenkt, unter denen sie zustande kam. Revolution, Pogrome und der Territorialismus schwächten die Bewegung außerordentlich. Die Debatte über den Rechenschaftsbericht war nur wenig fruchtbar. Einige brachten unter anderem die Frage der Bankstatutenänderung in diesem Zusammenhänge zur Sprache, und allgemein wurde darüber geklagt, daß zu wenig für Palästina geschehe. —Die wichtigsten Verhandlungsgegenstände bildeten „die Fragen der realen Arbeit in Palästina“, sowie_ die „Beteiligung an der russischen Politik“. — Über, den ersterwähnten Punkt referierte Ussischkin. Er gab einen kurzen Überblick über die Entwicklung dieses Gedankens während der letzten zehn Jahre. Mit dem Auftauchen des Herzischen Zionismus glaubten die früheren „Palästinafreunde“, daß die Palästinaarbeit in neue Bahnen gelenkt werden könnte. Diese Voraussetzung traf jedoch nicht zu und da zudem die diplomatischen Verhandlungen auf große Hindernisse stießen, mußten Anhänger des Charters wie auch alle anderen sich auf das Programm der realen Arbeit in Palästina einigen. — Vielfach ist die Meinung verbreitet, Ussischkins Absichten gingen auf die Rekonstruktion des Chowewe-Zionismus, sowie Ignorierung aller politischer Ziele. Das ist ein Irrtum. Die ungekünstelte, mitunter rücksichtslose Art, mit welcher Ussischkin seine Ideen vorbringt, bedingt es, daß man ihnen eine Einseitigkeit zuschreibt, die durchaus jeder Begründung entbehrt. Man weiß, daß Ussischkin kein allseitiger Genius ist, aber so manche seiner Leistungen konnte uns von seiner für die Bewegung unentbehrlichen Kraft überzeugen. Die Details seiner Vorschläge beweisen, daß Ussischkin durchaus nicht gesonnen ist, „praktische“ Arbeit um jeden Preis zu betreiben. Er will die agrarische Kolonisation durch Mobilisierung unserer Nationalfondsgelder, die industrielle Kolonisation durch Mobilisierung des Bankkapitals fördern. In der ersten Richtung muß das Projekt einer Agrarbank von einer Kommission studiert werden, die gewillt ist, der Frage ernsthaft nahezutreten und das Projekt nicht zu begraben. Ussischkin will den Bodenankauf auf alle mögliche Weise durchgeführt wissen. Der ganze Komplex der Kulturfragen muß von der zionistischen Organisation übernommen und ausgeführt werden. In politischer Hinsicht sei die Schaffung einer Vertretung in Konstantinopel, die die Form einer juristischen Person besitzen muß, unser nächstes Ziel. Die Vorschläge Ussischkins werden von der überwiegenden Majorität der russischen Zionisten gebilligt. Sie betrachten diesen Weg als den momentan einzig möglichen, der die Organisation aus der Mutlosigkeit der letzten zwei Jahre führen kann. Man hat versucht, sowohl in der russischen Landsmannschaft, wie auch auf dem Kongresse einen Gegensatz zwischen zwei Richtungen zu konstruieren, der „politischen“, in der Person Tschlenows repräsentierten, und der „praktischen“, durch Ussischkin vertretenen. Abgesehen davon, daß die Grenzlinien der Begriffe „politisch“ und „praktisch“ auch für unseren Fall durchaus unbestimmt sind, muß konstatiert werden, daß dieser angebliche Gegensatz anf einem Mißverständnisse beruht. Ussischkins Resolution deckt 3ich inhaltlich durchaus mit der von Tschlenow vorgeschlagenen, nur daß letztere die „diplomatischen Bestrebungen“ an die Spitze ihres Textes stellte, während Ussischkin über diesen Punkt schweigt. Beide sind aber für praktische Arbeit und Ussischkin erklärte ausdrücklich, daß er politischer Zionist im Sinne des Baseler Programmes sei. Aber das ist die Frage, ob wir einen anderen Weg als den der Ussischkinschen Resolution kennen, und darauf blieben seine Gegner die Antwort schuldig. Ein wichtiger Einwand gegen Ussischkins Vorschläge war der, daß nur eine so glänzende Idee wie der Charter elementare Kraft genug besitzt, um Massen für uns zu werben. Man vergaß aber, daß diese bestechende Idee von einer so glänzenden Persönlichkeit wie Herzl vertreten wurde und nur deswegen Begeisterung erzeugte, man vergaß, daß die kleinen Menschen, die wir heute sind, auch nur zu kleinen Mitteln greifen können, und wir