Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 7 (28.8.1907)
- Date
- 1907-08-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. - ' ’ Nr. 7 können. (Richtig!) So lange wir ihnen diesen Beweis schuldig bleiben, dürfen wir uns nicht beklagen, wenn sie uns vernachlässigen. Es liegt in unserer Hand, die Regierungen zu einer Änderung dieser Haltung zu bestimmen. Wir brauchen nur Machtfaktoren zu werden. Damit müssen wir anfangen, dazu durch unablässiges Predigen, Lehren, Werben zu gelangen suchen. Ein jüdisches Yolk mit einheitlichem Willen, dem Entschlüsse und den Mitteln, ihn zu verwirklichen, würde nicht vergeblich bitten, daß die Regierungen amtlich seinen Plänen nähertreten. (Beifall.) Noch sind wir nicht entfernt so gerüstet, wie wir sein sollten, wie wir sein müssen, wenn der Zionismus aus dem akademischen ins weltpolitische Stadium treten soll. .Eines haben wir aber schon jetzt erreicht: Wir haben die Jüdenfrage, die von den einen überhaupt geleugnet, von den anderen als unerheblich angesehen wird, mit Nachdruck gestellt. Wir werden dafür sorgen, daß sie nicht wieder aus dem Gesichtskreise der Regierungen und Völker verschwindet, und wir werden nicht ruhen, bis sie im zionistischen Sinne gelöst ist: durch Wiederherstellung des Judenvolkes, das als gleichberechtigtes Mitglied in die Völkerfamilie eintritt. (Anhaltender Beifall.) _ Die Lösung der Judenfrage ist eine Probe auf die ganze menschliche Gesittung. (Sehr richtig!) Die Zivilisation baut auf einer Anzahl letzter Grundsätze auf, die nicht erschüttert, nicht umgestürzt werden können, ohne daß der ganze Bau zusammenbricht. Diese ursprünglichsten Grundsätze sind Achtung des Menschenlebens, Ahndung der Verbrechen gegen Person und Eigentum, Gleichheit aller unbescholtenen Bürger vor dem Gesetz, noch kürzer ausgedrückt: Gerechtigkeit. Justitia regnorüm fundamentuml Die Juden aber werden in dem einen Lande gemordet und beraubt, in dem andern Lande beschimpft und zurückgesetzt, überall behandelt man sie, als stünden sie außerhalb des Völkerrechtes, des Gesellschaftsvertrages, der Verfassung, des geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzes. Den Juden gegenüber verleugnet man die einfachsten Grundsätze der Zivilisation und damit die Zivilisation selbst. (Tosende Zustimmung.) Dagegen erheben wir einen Einspruch, den man -am allerwenigsten im Haag als einen platonischen ansehen darf. (Lebhafter, stürmischer Beifall.) Ln freien Holland tagt gerade jetzt zum zweitenmal die Friedenskonferenz, die alle gesitteten Staaten beider Welten beschickt haben, um das Bestehen einer die ganze Menschheit umspannenden und bindenden Sittlichkeit festzustellen und ihre Regeln in ein Weltgesetzbuch zu fassen. Diese noch nicht kodifizierte, aber von allen Regierungen, den christlichen, mohammedanischen, buddhistischen, fohistischen, freidenkerischen gleichmäßig anerkannte Sittlichkeit rufen wir an. In ihrem Namen fordern wir für unser Volk von 12 Millionen Gerechtigkeit. (Andauernder, stürmischer Beifall. Die Versammlung erhebt sich.) Man konnte sie uns verweigern, solange Barbarei auf Erden herrschte; man darf sie uns aber nicht länger vorenthalten, nun, da alle organisierten Völker sich wenigstens theoretisch zur Zivilisation bekennen. (Heiterkeit.) Solange es eine Judenfrage gibt, erweist sich die Zivilisation als eine •Lüge und jede diplomatische Konferenz zur Kodifizierung der Nächstenliebe und Menschlichkeit als eine Komödie. (Langandauernde Beifalls- und Bravorufe.) Ich zweifle nicht daran, daß wir die ottomanische . Regierung von der Größe und Fruchtbarkeit unseres Vorsatzes überzeugen werden; ja noch mehr: daß wir die Einberufung einer diplomatischen Konferenz nach dem Muster der Haager Zusammenkünfte von 1899 und 1907 zur internationalen Regelung der Judenfrage erleben werden. Voraussetzung so großer Entwicklungen ist allerdings, daß wir zunächst das jüdische Volk selbst zur klaren Erkenntnis seiner Lage wecken und jedem Juden, der nicht das Verschwinden des jüdischen Volkes will, die Überzeugung beibringen, sein Fortbestand sei nur durch eine Methode zu sichern: die zionistische. (Bravorufe.) Möge der VIH. Zionistenkongreß uns diesem großen Ziele näher bringen! (Minutenlang andauernder, stürmischer Beifall; Tücherschwenken im Saale und auf den Galerien.) Aus dem Bericht der Palästinakommission. Die Tätigkeit der Palästinakommission wird bestimmt durch den Punkt 1 des Baseler Programms, wo als Mittel zur Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina ah erster SteUe die „praktische Förderung der Besiedlung Palästinas durch jüdische Ackerbauer, Handwerker,und Gewerbetreibende in Aussicht genommen ist“. Die vielfachen Meinungsverschiedenheiten, wie weit man in der Unterstützung der Kolonisten gehen dürfe, oder mit anderen "Worten, wie der Ausdruck „zweckdienliche Förderung der Besiedlung Palästinas“ in Wirklichkeit aufzufassen sei, haben den VII. Zionistenkongreß veranlaßt, die Grenzen der zionistischen Palästinaarbeit durch einige Beschlüsse grundsätzlich festzulegen. Als neue von der Palästinakommission in der Berichtsperiode ins Leben gerufene Organisationen sind vor allem der im vorigen Jahre gegründete „Pflanzungsverein Palästina“ und das in diesem Jahre begründete „ Palästina-Industrie- Syndikat“ zu erwähnen. Der Pflanzungsverein' soll jedem Juden der Welt die Möglichkeit und die Anregung geben, durch Einzahlung von 100 Frank respektive Kronen (80 Ji, 40 Rubel, 20 g, 4 £) der nominelle Besitzer eines kleinen, 1/ll Hektar (lDunam) betragenden Fruchtgartens in Palästina zu werden, von dem er lebenslänglich jedes Jahr eine kleine Palästinagabe in Form von Landesprodukten (Mandeln, Rosinen, Oliven, Wein, Konserven, Orangen etc.) zugesandt erhält. Nach dem Tode des Besitzers gehen die Fruchtgärten in den Besitz des Vereines über, und die Erträge werden zu gemeinnützigen Zwecken verwandt. Da der ganze Besitz nur durch jüdische Arbeiter respektive Kolonisten bewirtschaftet wird, erscheint der Verein berufen zu sein, in Zukunft einen nicht unwichtigen Faktor der landwirtschaftlichen Kolonisation in Palästina In die Judenfrage spielen neben den ursprünglichsten Grundsätzen der Zivilisation auch sekundäre Tendenzen hinein, die augenblicklich die Weltpolitik bestimmen. Jedes Volk fordert heutzutage für seinen Handel die offene Tür; jedes nimmt es als ein natürliches Recht für sich in Anspruch, zurückgebliebene Länder in die Weltwirtschaft einzubeziehen, . wüste Gebiete zu besiedeln und unter den Pflug zu nehmen, allzugroße Verschiedenheiten der Bevölkerungsdichte durch zweckmäßige Wanderung auszugleichen. Genau dieselben Forderungen erhebt auch der Zionismus. ' Wir wollen dem dünn bevölkerten Palästina Millionen arbeitsfreudiger Siedler zuführen, die nur dort und sonst nirgendwo gedeihen können. (Lebhafte Bravorufe.) Wir wollen das brach liegende Land, das einst jüdisch war, unter den Pflug nehmen, ihm Wert geben, es zu einer Stätte lebhaften Güteraustausches, blühender Kultur, musterhafter Ordnung machen, dem türkischen Reiche, dem jüdischem Volke, der ganzen Menschheit zum Gewinn. (Lebhafter Beifall.) Und splche Bestrebungen sollten nicht den Beifall und die Unterstützung aller Regierungen finden? Das glaube ich nicht im Haag der Friedenskonferenz. auszumacben. 25 Vereinsmitglieder können schon durch ihre Beiträge eine in Palästina beschäftigte Arbeiterfamilie durch diese Nebenbeschäftigung bodenständig machen, .50 Mitglieder ermöglichen die volle Beschäftigung einer Familie auf den Vereinsländereien. Wir verdanken unserem Gesinnungsgenossen Struck eine schöne Originalradierung, die nur für die Vereinsmitglieder bestimmt ist; die ersten J000 Mitglieder erhalten je eine Radierung, die ersten 100 immerwährenden Mitglieder, das heißt diejenigen, die zehn Parzellen kaufen, die ersten numerierten und mit Unterschrift des Künstlers versehenen Drucke. Die ersten Anpflanzungen sollen in diesem Winter bei der Kolonie Rechoboth für den Verein in Angriff genommen werden; ein dahin gehendes Übereinkommen mit den Kolonisten ist schon getroffen worden. Es ist aber dringend erwünscht, daß noch recht viele neue Mitglieder in nächster I Zeit, diesem Vereine, beitreten, damit die erste Pflanzung gleich in Eindruck machender Größe geschaffen werden kann. Das Palästina-Industrie-Syndikat ist erst im vorigen Monat mit einem Grundkapital von 100.000 Mark als Gesellschaft mit beschränkter .Haftung in Berlin begründet worden. Der Zweck des Syndikates ist, die verschiedenen industriellen Möglichkeiten Palästinas auf ihre Rentabilität hin zu prüfen und, falls die Untersuchung günstige Resultate zeitigt, Industriegesellschaften hierfür zu gründen respektive private Unternehmen hierfür zu gewinnen. Es liegt schon eine Anzahl Projekte vor, und einige derselben werden jetzt gerade in Palästina durch Sachverständige geprüft. Stellt es sieh heraus, daß es dem Syndikat gelingt, das jüdische Kapital für den Zweck zu mobilisieren, so ist eine Kapitalerhöhung des Syndikates ins Auge zu ■fassen, damit dieses Syndikat, wie die im Orient arbeitenden belgischen, französischen und deutschen Syndikate, auch an größere Betriebe, speziell bergbauliche und Transportunternehmungen,Beleuchtung, Kanalisation, Kraftanlagen, Be- und Entwässerungsunternehmungen herantreten kann. Von zionistischer Seite ist den Syndikatsbestrebungen gegenüber verschiedentlich betont worden, daß die Einleitung derartiger Unternehmungen!eigentlich Sache Rer Bank sei; demgegenüber ist aber zu bemerken, daß die Anglo Palestine Co. noch auf Jahre hinaus zu viel mit den einfachen Bankgeschäften und der Gründung neuer Filialen zu tun haben wird, um die Gründung neuer Gesellschaften mit Erfolg in die Hand nehmen zu können; auch wird ihr geringes Kapital wohl auf absehbare Zeit durch die gewöhnlichen Bankiergeschäfte völlig absorbiert sein. Der Jewish Colonial Trust aber, der eher hierzu berufen und imstande wäre, hat eine zu komplizierte Verwaltung, um Geschäfte, bei denen es in erster Linie auf schnelle I Ausnützung zufälliger Chancen ankommt, selber [ unternehmen zu können; hingegen ist, falls sich unserVersuch bewähren. sollte, bei einer Kapitalerhöhung des Syndikates eine stärkere Beteiligung des Jewish Colonial Trusts ins Auge zu fassen. . Im letzten Monat wurde auch der Grunde stein gelegt zu einer Arbeiter-Heimstätten-Genossenschaft, welche den Zweck verfolgt, den jüdischen Arbeitern (speziell den ländlichen) die Möglichkeit zu geben, mittels langsamer Amortisation und niedrigen Zinssatzes mit der Zeit Besitzer einer Heimstätte, bestehend aus Haus und zirka 1/2 Hektar Gemüseland, zu werden. Vorläufig hat sich hierzu in Berlin ein kleines vorbereitendes Komitee gebildet, welches sich mit der Anglo Palestine Co., juristischen Sachverständigen und mit den Kolonien in'Verbindung gesetzt hat, um die rechtlichen Grundlagen für diese Institution festzulegen. Die Anteile der Genossen sollen nicht unter 20 Mark (respektive 1 betragen, und es sollen nicht über 3 Prozent Dividende verteilt werden; der Überschuß soll, soweit er nicht durch die Verwaltung verbraucht- .wird; dem Reservefonds zugeteilt werden und demnach das Vermögen der Genossenschaft vergrößern. Der Wunsch des Komitees geht dahin, die Genossenschaft bezüglich der Verwaltung dem Jewish Colonial Trust anzugliedern, und es wird Sache der englischen Juristen sein, gemeinsam mit dem Board des J. C. T. hierfür die Modalitäten festzustellen. An die viel wichtigere Begründung des Palästina-Ägrarfonds konnte die Palästinakommission deshalb nicht heräntreten, da die letzte Jahreskonferenz das engere A.-K. mit der Ausarbeitung dieses Projektes betraut hat. Die