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Jüdische Zeitung · 1907-08-28 · 7 (28.8.1907) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
7 (28.8.1907)
Date
1907-08-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3 Nr. 7 JÜDISCHE ZEITUNG. Eitelkeit, Eigennutz, demagogisches Buhlen um Volksgunst nachgesagt. Der Begründer und bedeutendste >Iann der Bewegung, Theodor Herzl, antwortete darauf mit dem Opfer seines Vermögens und seines Lebens, und andere tun es ihm nach, wenn nötig bis zum äußersten. (Beifall.) Mau hat das Schlagwort ausgegeben, der Zionismus sei mit der Vaterlandsliebe unvereinbar. Ruhig, im Bewußtsein treuer Anhänglichkeit an unser Geburtsland und gewissenhaftester Erfüllung aller unserer Staatsbürgerpflichten, dürfen wir diese Beschuldigung verachten. (Sehr richtig!) Den Deutschen in den Vereinigten Staaten hat bisher noch niemand Mangel an amerikanischem Patriotismus nachgesagt, weil sie ihre Sprache, ihre Gesittung, ihre Stammeserinnerungen pflegen und auch drüben fortfahren, am Wohl und Wehe ihrer Volksgenossen in der alten Heimat regsten Anteil zu nehmen. Gewiß, ergäbe sich ein Gegensatz zwischen den Interessen des jüdischen Volkes und denen unserer Landsleute, dann müßten wir in schmerzlicher Wahl uns für die eine oder die andere Seite entscheiden. Glücklicherweise besteht ein solcher Gegensatz nicht und wird nach menschlichem Ermessen in absehbarer Zeit auch nicht bestehen. Wir dürfen uns also getrost zugleich als gute Zionisten und als gesinnungsstarke Staatsbürger bekennen. Außer jüdischen Denunzianten und bedenkenfreien Judenhassern, denen jede Gelegenheit zur Feindseligkeit gegen uns willkommen ist, hat denn auch bisher niemand an diesem Doppelbekenntnis Anstoß genommen. Weit verbreitet.ist die Meinung, der Zionismus sei eine Antwort auf den Antisemitismus, die Antwort des jüdischen Trotzes nach den einen, der jüdischen Verzweiflung nach den anderen. Diese Auffassung gab manchen unserer Gegner Gelegenheit, sich in Heldenposen zu werfen und Bramarbasreden zu führen. „Ihr Zionisten“, prahlen sie, „seid feige Ausreißer, wir dagegen sind tapfere Streiter: ihr ergreifet vor dem Feinde die Flucht, wir nehmen den Kampf an, wollen ihn in unserem Geburtslande bestehen und die Rüstung nicht ablegen, ehe wir gesiegt haben.“ Diese Neigung, den Zionismus mit dem Antisemitismus in Zusammenhang zu bringen, den einen als Gegenwirkung des anderen zu begreifen, ist überraschend oberflächlich. Der Antisemitismus war höchstens ein Anlaß, er war sicher nicht-der Grund des Zionismus. Der Judenhaß hat nur in vielen Juden das eingeschlummerte Standesbewußtsein geweckt und sie ermahnt, sich auf ihre geschichtliche Individualität - zu besinnen. Er hat sie genötigt, über ihre Stellung in der Welt, über ihr Verhältnis zu den anderen Völkern, über ihre Aussichten als Einzelmenschen und als Gesamtheit nachzudenken, und dieses Nachdenken, nicht die Ungerechtigkeit der Judenfeinde, hat sie zu überzeugten, ruhig entschlossenen Zionisten gemacht. Der Zionismus ist, wie jede geschichtliche Bewegung, aus einem stark empfundenen und klar erkannten Bedürfnis hervorgegangen, aus dem Bedürfnis nach einem normalen Dasein unter natürlichen Bedingungen. Er ist die eiserne Schlußfolgerung der jüdischen Logik, dieses Grundvermögens der jüdischen Psyche. Denkende Juden lassen sich nicht darauf ein, sich selbst zu täuschen; sie sind gegen sich von der unerbittlichsten Aufrichtigkeit. Wir sind empfindlich, wenn man uns in unserem Geburtslande Fremde schilt. Es ist ja auch in der Tat eine Bosheit, uns als fremd auf der Scholle anzusehen, auf der unsere. Wiege stand und unter der die Gebeine unserer Väter ruhen. Aber wenn man mit Unrecht unsere Zugehörigkeit zum Boden, zum Lande, zum Staate leugnen will, müssen wir es doch anderseits verstehen, daß die Menschen, unsere Landsleute, uns als Fremde empfinden, da wir es beharrlich ablehnen, uns in ihnen aufzulösen. Da richtet sich ein Entweder-oder vor uns auf, vor dem es kein Entrinnen gibt. Entweder, wir wollen ein Volk bleiben oder wir wollen kein Volk bleiben. Wollen wir kein Volk bleiben, dann gehen wir, so rasch wie es die demographischen Verhältnisse irgend gestatten, in unserer Volksumgebung auf. Wollen wir aber ein Volk bleiben, wie unsere beharrlich gewahrte Sonderstellung beweist, dann müssen wir auch die nötige Anstrengung zur Ermöglichung eines Volksdaseins machen. (Stürmischer Beifall.) Auf die Dauer aber ist es unmöglich, sich als abgesondertes, stammreines Volk zu behaupten, wenn man als scheel angesehene Minderheit inmitten einer mindestens unsympathischen, kalten, wenn nicht aggressiv feindseligen Mehrheit lebt. Wofür erhalten wir uns aber als besonderes Volk in der Zerstreuung? Für welche Zukunft? Für welche Geschicke? Was ist der Endzweck, zu dem wir unsere Eigenart pflegen, die von der unserer Umgebung absticht? Was hoffen wir, was erwarten wir, daß wir alle Widerwärtigkeiten, alle Nachteile einer schmerzlichen Ausnahmestellung geduldig ertragen? Ist es für die nationale Wiedergeburt, dann rüsten wir uns zu ihr auf die einzigmögliche Weise, durch den Zionismus. (Lebhafte Zustimmung.) Erwarten und hoffen wir aber keine nationale Wiedergeburt, dann ist es lediglich stumpfe Gedankenlosigkeit, dann ist es reine Unfähigkeit, den eigenen Standpunkt zu begreifen, wenn man unter den größten Opfern und mit den schwersten Leiden ziel- und zwecklos in einer Sonderexistenz verharrt, die keinen Sinn mehr hat. Also: Zionismus oder nationale Liquidation. (Beifall.) Alles andere ist Halbheit und beunruhigt die Logik. Vergebens reden Tüftler Haarspaltereien und Spitzfindigkeiten um diese unerschütterliche Schlußfolgerung herum. Sie drängt sich dem schlichten Menschenverstände der selbstdenkenden Juden auf und bestimmt häufig ihr Handeln. Wer an die Daseinsberechtigung des jüdischen Volkes glaubt, wer ihm eine Zukunft wünscht, der wird Zionist. Wer diesen Wunsch, wer diesen Glauben nicht hat, der fallt ab. Und das würde noch viel häufiger geschehen, wenn der Abfall vom Judentum, um vollgültig zu sein, nicht vom formellen Übertritt zu einem andern Glauben begleitet sein müßte, zu dem anständige Juden sich denn doch nicht leichten Herzens entschließen. Seit zehn Jahren rufen wir diese Wahrheiten in alle Winde. In großen Seelen haben sie mächtigen Widerhall geweckt; die Menge aber hat sie noch nicht hören oder noch nicht verstehen wollen. Denn wir wollen uns und andern nichts vormachen. Wir organisierten Zionisten sind leider immer noch eine betrübend kleine Minderheit im jüdischen Volke. Wir lassen uns das jedoch nicht anfechten. Es ist kein Grund zur Entmutigung für uns. Eine Wahrheit hat ihre eigene Tugend und Würde, die ganz unabhängig davon ist, ob sie von anderen begriffen wird oder nicht (Beifall), und sie muß sich schließlich durchsetzen, denn sie ist unverwüstlich, und die Zeit kann ihr nichts anhaben. Die Geschichte ist überdies da, um uns vor Kleinmütigkeit zu behüten. Sechzig Jahrelang sangen Deutsche: „Was ist des Deutschen Vaterland?“ und ließen sich nicht irre machen, obschon die bedeutendsten maßgebendsten Männer, Minister, Würdenträger, einflußreiche Praktiker aller Art die Forderung der deutschen Einheit als eine Schwärmerei für Schützenfeste und Gesangvereine verspotteten. Ebensolange erklärten bedächtige, nüchterne Diplomaten Italien für einen geographischen Begriff, und an eine italienische Nation glaubten nur einige romantische Verschwörer, die in Italien selbst sieben organisierte, zum Teile mächtige Staaten und außerhalb Italiens ungefähr alle Regierungen gegen sich hatten. Camille Desmoulins sagte nach Verkündigung der französischen Republik: „Im Jahre 1789 hat es in Frankreich keine zehn Republikaner gegeben.“ Thomas Payne, der treffliche Verfasser von „Common sense“ tat die Äußerung: „Im Jahre 1778 gab es in ganz Nordamerika nicht einen Republikaner.“ Michelet schrieb im Jahre 1859: „Im Jahre 1854 habe ich in ganz Italien nicht einen Italiener angetroffen.“ Diese Beispiele sind geeignet, uns über die Zukunft des Zionismus zu beruhigen, obschon die Zahl der Zionisten heute noch nicht entfernt so groß ist, wie sie sein sollte. Wir sind gewiß die letzten, uns selbstgefällig die Hände zu reiben und uns zu beglückwünschen, daß wir es so herrlich weit gebracht haben. Gewiß: was wir erreicht haben, ist noch blutwenig. Gleichwohl haben wir keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen, yrenn wir auf das Jahrzehnt seit dem ersten Zionistenkongresse zurückblicken. Selbst unsere materiellen Erfolge, so bescheiden sie scheinen, sind nicht allzu gering einzuschätzen, kurz sind sie schon von Herrn Wolffsohn zusammengefaßt worden: Unsere Kolonialbank, von uns mit bitterer Mühe und schweren Opfern aufgerichtet, hat mit ihrem kleinen Grundstock die Anglo Palestine Company geschaffen, die in Palästina gute Arbeit verrichtet, im dortigen Wirtschaftsleben als ein kräftiger Gärungserreger wirkt und dem jüdischen Namen das Ansehen erwirbt, das in zurückgebliebenen Ländern schöpferische Finanzinitiative begleitet Dank dieser Anstalt sind die Juden in den Augen der palästinischen Eingeborenen nicht mehr wie früher verachtete Bettler, sondern Wohltäter, die das Land befruchten und Wohlstand um sich verbreiten. Unser Nationalfonds ist wurzelständig geworden und verspricht, in langsamem Wachstum sich zu einem kräftigen Organismus zu entwickeln. Ansehnlicher, wirklich ansehnlich sind unsere moralischen Erfolge. Daß der Zionismus seinen Bekennem Selbstachtung und Würde gegeben hat, ist eine zum Gemeinplatz gewordene Feststellung. Wir Zionisten tragen unser Judentum wie eine Kokarde (Beifall und Händeklatschen), und das ist uns so selbstverständlich geworden, daß es bereits unser heiteres Staunen erregt, wenn wir sehen, daß andere es wie eine Brandmarke scheu verheimlichen. (Beifall.) In den Ländern mit verschiedenen Nationalitäten haben unsere Gesinnungsgenossen die jüdische Nationalität mit der Forderung gleicher Rücksicht auf ihre Volksbedürfnisse und gleicher Achtung ihrer ethischen Individualität angemeldet. (Beifall.) Unserer Jugend gibt der Zionismus Stolz auf ihre Geschichte, Glauben an sich selbst und den sittlichen Halt eines Ideals. (Lebhafter Beifall.) Unsere Gegner hofften, der Zionismus werde seinem Begründer ins Grab folgen. Er hat die schwere Erschütterung des Verschwindens seines ersten Führers ohne Schaden ertragen und damit den Beweis erbracht, daß er,, von Personen unabhängig, aus eigener Kraft besteht. (Zustimmung.) Schwere Gefahr drohte dem Zionismus von den zahlreichen mörderischen Überfallen, die die Juden in den Ländern des Antisemitismus der Tat zu erleiden hatten. Nicht nur, weil unsere unglücklichen Brüder durch Mord, Brand, Schändung, Raub vollständig zugrunde gerichtet wurden, nicht nur, weil ihre Verzweiflung über das grausame Ende teuerster Angehöriger jeden andern Gedanken aus ihrem Bewußtsein verdrängte, sondern auch wegen treuloser Hetzreden, durch die bedenkenfreie Gegner die armen, verängstigten Opfer am Zionismus irre zu machen suchten. „Wo war der Zionismus“, hörte man spöttische Stimmen rufen, „als entmenschte Horden im Osten die Juden niedermetzelten? Was hat er für die Verfolgten getan? Wie hat er ihnen geholfen? Welchen Schutz hat er ihnen gewährt?“ Zur Ehre unserer schwer heimgesuchten Brüder sei es gesagt: Auch in ihrer tiefen Verzweiflung bewahrten sie genug gesunden Menschenverstand, um die Torheit dieser Spottfragen zu erkennen. Unsere Massen sehen sehr wohl ein, daß sie selbst in ruhigen Tagen für den Zionismus nicht genug getan haben, um von ihm erwarten und verlangen zu dürfen, daß er nun in den Tagen der Not für sie Entscheidendes tun werde. (Beifall.) Der Zionismus besitzt gerade nur, was das jüdische Volk ihm gibt. Das jüdische Volk aber hat ihm bisher nicht die Mittel geliefert, für die Volksglieder in Gefahr wirksam eintreten zu können. Seine Würde verbot ihm eitle Kundgebungen und wichtigtuerische Geschäftigkeit. Die Zionisten verschlossen ihre Trauer in ihr Herz und arbeiteten mit zusammengebissenen Zähnen an ihrer großen Aufgabe weiter, deren künftige Verwirklichung die Gegenwart nach Maßgabe ihrer Kräfte vorbereiten muß. Inzwischen haben unsere Massen besser als bisher begreifen gelernt, daß der Zionismus, wenn er sie heute nicht retten und schützen kann, morgen das Heil ihrer Kinder sein wird. (Beifall.) Die Regierungen, um deren Wohlwollen zu werben ein wichtiger Punkt unseres Programms ist, haben uns keine nennenswerte Förderung angedeihen lassen. Um die ganze Wahrheit zu sagen: sie haben sich bisher überhaupt kaum um uns gekümmert. Das scheint manchen ein Beweis, daß wir von allem Anfang einen falschen Weg eingeschlagen haben, und daß unsere Politik, die ihre Hoffnung teilweise auf die Regierungen setzte, ein Irrtum war. Das ist jedoch ein Fehlschluß. Regierungen sind heutzutage ganz gewiß keine Verächter der Imponderabilien, und sie würden niemals zugeben, daß große Geschichtsgedanken, daß Forderungen der Sittlichkeit und Gerechtigkeit für sie inhaltslose Begriffe sind. Aber Regierungen haben sich vor allem mit konkreten, materiellen Interessen zu beschäftigen, und sie sind gewohnt, amtlich nur von solchen Angelegenheiten Kenntnis zu nehmen, für die ein Machtelement irgendwelcher Art ihre Aufmerksamkeit fordert. Solange die Regierungen im Zionismus nur die verschwommene Sehnsucht eines kleinen Häufleins weltfremder Träumer und Schwärmer vermuten, so lange ihnen unsere Kongresse, unsere Organisation, unsere Propaganda, unsere Pläne, unsere Beschlüsse rein theoretische Geistesspiele zu sein scheinen, haben sie von ihrem Standpunkte aus wirklich keine Veranlassung, sich mit uns einzulassen. Das würde mit dem Augenblicke anders werden, wo der Zionismus Millionen oder doch Hnnderttausende gegliederter, zielbewußter, einiger Anhänger, festgegründete, wirksame Einrichtungen, Geld, Einfluß, zahlreiche geistige Potenzen hinter sich hätte. Die Regierungen als Abwäger von Wirklichkeiten verlangen mit Recht von uns den Beweis, daß wir etwas sind, etwas haben, etwas V:m■-

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