Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 7 (28.8.1907)
- Date
- 1907-08-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2438141-2438142-2438149--0060-2439547- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 7 Bewegung gewählt zu werden — fürwahr, ein Sieg der Person ist es nicht. Ein Sieg der Sache kann es schon deswegen nicht sein, weil die zionistische Organisation ohne die Bussen ein Torso ist und ihren alljüdischen Charakter, der immer unser Stolz und unsere Stärke war, verliert. Die russischen Zionisten, die auf dem Kongresse ein glänzendes Zeichen von-Disziplin und Parteitreue gegeben haben, werden sich den Dank und begeisterte Anerkennung aller Zionisten verdienen, wenn sie die Demütigung, die ihnen uberfiüssigerweise auferlegt wurde, nicht der Bewegung heimzahlen und ihre Einheit mit Überwindung aller persönlichen Gefühle aufrecht erhalten. Es wäre an der Zeit, daß die Kongresse aufhören, Kämpfe sachlicher Art durch Lösungen persönlicher Natur zu beendigen. Auf dem VliJ. Kongreß war in den Couloirs von der „Ausschiffung“ dieser oder jener Persönlichkeitenviel die Bede. Das Wort charakterisiert die Couloirkünste, die auf dem Haager Kongreß mit Hochdruck arbeiteten, und die vielfach persönliche Politik, die dort getrieben wurde. Stärker wird der Zionismus durch dergleichen Kraftproben und Ausschiffungen nicht, und die Erfahrung lehrt, daß der Steuermann, der unbequeme Passagiere und ihre Führer auf ein fremdes Fahrzeug getrieben hat, von seinem eigenen Schiffe verjagt oder der Führung entsetzt werden kann. Herr Wolffsolin hat zwei Jahre lang Gelegenheit, zu zeigen, daß er mit seinen selbstgewählten Schiffsoffizieren das zionistische Schiff, das so viele Klippen bedrohen, zielbewußt und erfolgreich fuhren kann. Wenn es ihm gelingt, das, was der VIII. Kongreß als die reife Frucht palästinafreundlicher Erkenntnis beschlossen hat, durchzuführen, wenn die Einheit und Größe der Bewegung nicht gestört, sondern gefördert wird, wenn die unter schweren Opfern erkaufte Homogenität der Leitung praktische Besultate zeitigen und die Brücke zwischen politischer Tätigkeit und praktischer Palästinaarbeit nicht nur theoretisch, sondern durch reelle Arbeit schlagen .wird, dann, nur dann wird man die peinliche Präsidentenwahl des VIH. Kongresses vergessen und an diesen selbst in freudiger Erinnerung zurückdenken können. Im Interesse des Zionismus ist es von ganzem Herzen zu wünschen. Die österreichischen Zionisten, die auf dem Kongreß eine Politik der mittleren Linie befolgten und einen Kampf um jeden Preis nach jeder Richtung verhindern wollten, werden überall zu finden sein, wo es gilt, die nationale, wirtschaftliche und kulturelle Kraft der Juden hierzulande und in Palästina zu stärken. Aus der Eröffnungsrede des Präsidenten Wolffsohn. „Klar und bestimmt liegt unser Programm vor den Augen der Welt: Wir erstreben eine öffentlichrechtlich gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina. Die Unantastbarkeit dieses Standpunktes des politischen Zionismus heben wir mit dem ernstesten Nachdrucke hervor. Wir werden auf geradem Wege das Ziel zu erreichen snchen, das wir -uns in unserem Programm vorgezeichnet haben. Es hat unserseits auch an Ansätzen und Bemühungen verschiedener Art im Laufe der letzten zwei Jahre nicht gefehlt Wir haben die Verbindungen, die Herzl geschaffen hat, aufrecht erhalten und seitens maßgebender Kreise manche Ermutigung erfahren, die uns ein mächtiger Ansporn zu weiterem Fortschreiten ist Die Loyalität unserer Bestrebungen, die zivilisatorisch-friedliche Bedeutung unserer Unternehmungen haben wir fortgesetzt der türkischen Begierung nahegelegt und wir hoffen, daß die Hohe Pforte, die unserm Volke große Sympathien bewahrt, den richtigen Maßstab für die Wertschätzung unserer Absichten finden wird. Bedeuten doch diese Absichten für die Türkei selbst einen wirtschaftlichen Fortschritt und einen kulturellen Aufschwung. In der Ehrlichkeit unserer Bestrebungen liegen die Bürgschaften unseres zukünftigen Sieges. Nur müssen wir zäh, unermüdlich und systematisch unserem Ziele zustreben. Auf drei Grundlagen baut sich unser Arbeitsprogramm auf: Politik, Vorbereitung des Volkes und Vorbereitung des Landes. Diese drei Grundlagen greifen ineinander und alle, die an der Festigung dieser Fundamente des zionistischen Baues arbeiten, müssen Hand in Hand gehen. Die politische Arbeit ist notwendig, um die rechtlichen Bedingungen zu schaffen und die erforderlichen Garantien zu erlangen. Das ist der gewaltige Fortschritt vom früheren Chowewe-Ziontum zum Zionismus, der moderne große Zug, der Berührungspunkt mit der großen Welt, die Linie der völkerrechtlichen Zusammenhänge, durch die unsere Bestrebungen aus den Schlupfwinkeln der kleinen Philanthropie sich zu einer weltumspannenden Bewegung durchgerungen hat. Dieser Kernpunkt darf nicht verrückt werden. Parallel und zu gleicher Zeit müssen wir unser Volk für das große Ziel vorbereiten und heranziehen. Der Zionismus muß durch eine sorgsame Pflege der nationalen Erziehung tiefer ins Volk dringen und größere Kreise an sich ziehen. Neue Kräfte müssen sich entwickeln und entsprechende Mittel gesammelt werden, damit wir den großen und schweren Aufgaben, Jenen wir entgegengehen, gewachsen sind. Von ebenso dringender Notwendigkeit ist auch die Vorbereitung des Landes. Diese Vorbereitung wollen wir auf gesunder Basis machen, und wir glauben, einen gangbaren Weg für eine regelrechte Entwicklung angebahnt zu haben. Mit Genugtuung können wir das Gedeihen unserer Finanzinstitute hervorheben. Die Anglo-Palestine Company hat bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Zu der Zentrale in Jaffa und der Filiale in Jerusalem sind seit dem vorigen Kongreß die Filialen in Beirut und Hebron hinzugekommen, deren günstige Entwicklung zu der Gründung neuer Filialen Veranlassung geben wird. Die Tätigkeit der Anglo-Palestine Company wird sich bald auf die Metropole des türkischen Reiches erstrecken. Das Direktorium hat bereits hierfür die Vorarbeiten beendet. Das Aufkeimen neuer Industrien in Palästina, die der Privatinitiative ihre Entstehung verdanken, die Anzeichen einer besseren Richtung in dem Leben der Kolonien 1 zeigen uns, auf welchen Bahnen wir schreiten müssen, um bessere Erfolge erwarten zu dürfen. Für die Einführung des Kunstgewerbes ist ein guter Anfang durch den Bezalel gemacht worden, und für das Erziehungswesen in jüdischem Geiste ist die Gründung eines hebräischen Gymnasiums ein vielversprechender Versuch. Es soll noch dies und jenes in Angriff genommen werden, aber mit großer Vorsicht. Man muß den Drang des Gründertums, auch wenn er den edelsten Beweggründen entspringt, durch weise Mäßigung bezähmen, weil ein Losgehertum mehr schaden als nützen kann. Bei praktischer Arbeit muß der Rechenstift zur Geltung kommen. Eine nüchterne, vorsichtige Beurteilung ist bei diesen Fragen zuträglicher als eine enthusiastische Überstürzung. Viele Dinge sind technisch zu behandeln und können nur durch die Begutachtung der erfahrenen Sachkenner, nicht aber durch Gefühlsregungen entschieden werden. Wir müssen uns bewußt sein, daß es nicht genug ist, Leitsätze aufzustellen, man muß sie auch in die Praxis umsetzen können. Denn die großen Gedanken allein machen es nicht, wenn nicht vorher durch systematische Arbeit der Boden vorbereitet worden ist, auf welchem die Gedanken ausreifen können.“ Rede Dr. Max Nordaus auf dem Haager Kongresse. Geehrter Kongreß! Ein Jahrzehnt wird in wenigen Tagen vollendet sein, seit der erste Zionistenkongreß in Basel eröffnet worden ist. Unser unvergeßlicher Theodor Herzl, dessen Geist auch heute über unserer Versammlung schwebt, erklärte in seiner Eröffnungsrede die Ursachen, den Sinn und die Ziele des Zionismus mit imperatorisch knappen, wuchtigen Worten, die wie eine in Steintafeln gemeißelte Denkmalinschrift klangen: „Der Zionismus ist die Heimkehr zum Judentum vor der. Rückkehr ins Judenland.“ .. . „Wir denken nicht daran, auch nur einen Fuß breit erworbener Kultur aufzugeben.“ ... „Ein Volk kann nur selbst sich helfen; kann es das nicht, dann ist ihm eben nicht zu helfen.“ .. — „Von einem vollständigen Auszuge der Juden kann wohl nirgends die Rede sein; die sich assimilieren wollen und können, bleiben zurück und werden resorbiert.“ Dies sind einige der Kernsätze, die Herzl damals verkündete und die an Klarheit, sollte man meinen, nicht zu übertreffen sind. Gleichwohl verhinderten sie weder Mißverständnisse noch Verständnislosigkeiten, Verdrehungen und Entstellungen. Ein Mißverständnis war es, daß man im Zionismus eine große Bewegung der Barmherzigkeit sehen wollte. (Bravorufe.) Es gab viele gute, gebildete Juden, besonders in den freien Ländern des Westens, die anfangs sich zum Zionismus bekannten oder ihm doch Wohlwollen entgegenbrachten, weil sie glaubten, er bedeute eine Anstrengung der Juden, die sich des Glückes eines Vaterlandes, der Rechtssicherheit, des Wohlstandes erfreuen, um die Leiden ihrer Glaubensgenossen in den Ländern der Bedrückung und Verfolgung zu lindern, um ihnen eine Heimstätte und vollständige Arbeitsfreiheit zu verschaffen, um ihnen Leben, Menschenwürde und Eigentum zu gewährleisten. So war es jedoch nicht gemeint. Der Zionismus ist eine Wohltat, er ist keine Wohltätigkeit. (Bravorufe und lebhafter Beifall.) Einem Volke reicht man keine milde Gabe. (Erneuter Beifall.) Ein Land ist kein Almosen. Der Zionismus kann dem jüdischen Volke und will dem einzelnen Juden nichts schenken. Er bemüht sich, die Kraft zu wecken, zu entwickeln, zu schulen, zu sammeln, mit der das jüdische Volk sich aus zweitausendjähriger dumpfer Ergebung aufraffen soll, um sich natürliche Daseinsbedingungen aut eigenem Boden und selbstgeschmiedetes Glück zu schaffen. (Beifall.) Die Zionisten aus Mitleid, die den geringen jährlichen Beitrag zur Bewegung, den Schekel, darboten, wie man eine kleine Münze in eine flehend ausgestreckte Bettlerhand gleiten läßt, sind denn auch großenteils abgefallen, als sie ihren Irrtum erkannten, und treu blieben nur die, die sich bewußt waren, daß im Zionismus ein zerrissenes Volk um die Wiedervereinigung seiner umhergestreuten Gliedmaßen und um die Wiedergeburt ringt. Verständnislosigkeit war es, daß man den Zionismus als einen Rückfall in religiösen Fanatismus, als eine Absage an deu Fortschritt, an die Gesittung und Wissenschaft der Neuzeit, an Europa, als Sehnsucht nach Asiatentum und Gettoabsperrung verklatschte. Von religiösem Fanatismus weiß der Zionismus sich vollkommen' frei; zu frei, sägen gewisse jüdische Kritiker und Gegner. Er vereinigt Vertreter der Konservativsten und der Freisinnigsten des Judentums in sich. (Bravorufe.) Das Wort Asiatentummacht uns keine Angst, denn das Beispiel des japanischen Volkes lehrt (lebhafter Beifall), daß man sehr wohl Asiate und gleichzeitig höchst fortschrittlich sein kann. (Erneuerter, andauernder Beifall.) Tatsächlich aber sind wir unseres 2000 jährigen Europäertums so sicher, daß wir über die Neckerei, wir würden in Palästina Asiaten werden, lächeln dürfen. (Sehr richtig!) Wir würden dort so wenig Asiaten im Sinne anthropologischer und kultureller Minderwertigkeit werden, wie die Angelsachsen in Nordamerika Rothäute (Heiterkeit), in Südafrika Hottentotten und in Australien Papuas geworden sind. Wir würden uns bemühen, in Vorderasien zu tun, was die Engländer in Indien getan haben — ich meine die Kulturarbeit, nicht die Herrschaft —; wir gedenken, nach Palästina als Bringer von Gesittung zu kommen und die moralischen Grenzen Europas bis an den Euphrat hinauszurücken. (Andauernder, lebhafter Beifall.) Gettoabsperrung? Man verzeihe uns, daß wir über diese kindische Formel die Achsel zucken. Freie Seelen würdigen das Gefühl, aus dem heraus der Brite sein stolzes Wort spricht: „My house is my castle“. Wer Lächerlichkeit nicht fürchtet, der nenne immerhin unser Verlangen nach einem eigenen selbstgebauten Heim Gettosehnsucht. Wir wissen, daß die allermodernste völkerpsychologische und ethnologische Erkenntnis zur Forderung führt, ein jedes Volk solle, wie jedes Individuum, sich nach seiner organisch begründeten oder geschichtlich gewordenen Eigenart ausleben und es ablehnen, sich durch Druck, Geringschätzung und Feindseligkeit verkümmern zu lassen. (Händeklatschen und Beifall.) Wir sind niemals fortschrittlicher, niemals moderner, als wenn wir lieber echt, als noch so vollkommene Nachahmung, lieber harmonisches Original, als eine Karikatur anderer sein wollen. (Bravorufe, lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Verdrehungen und Entstellungen haben jede Tat des Zionismus, jede Äußerung und Bewegung seiner Führer verzerrt, verdächtigt und verleumdet.; Man hat den leitenden Persönlichkeiten der Bewegung uneingestehbare Beweggründe, Ehrgeiz oder gar nur