Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 7 (28.8.1907)
- Date
- 1907-08-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Türkenstraße Nr. 9 Telephon Nr. 14.199. Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr vormittags. Erscheint am 5. u. 20. jeden Monats. Ab September 1907 jeden Freitag. Zu haben in Wien: Administration, Türkenstraße Nr. 9. Zeitungsbureau Goldschmiedt, I., Wollzeile Nr. 11. J ■ --i Abonnementpreise: In Österreich-Ungarn: Ganzjähr. K 6.— halbjähr. K 3.—Vierteljahr. K 1.60. Im Ausland: Ganzjähr. K 9.—, halbj. K 4.50. Einzelne Nnmmern 25 Heller. r Vertretungen in der Provinz; In Brünn: Zeitungshnreau, Ferdinandsgasse. — In Prag: Zeitnngsverschleiß Wlezek, Grahen 33. — In Lemberg: Karl Buchstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 7. Wien, Mittwoch, den 28. August 1907. I. Jahrgang. Die nächste Nummer erscheint Freitag am 6. September. Von da ab wird die „Jüdische Zeitung“ wöchentlich erscheinen. Der VIII. Kongreß. Es war kein Kongreß großer Entscheidungen, tiefer Probleme und aufregender Prinzipienkämpfe. Der Haager Kongreß wird nur als ein Kongreß der Klärung und einer Fübrerdiktatur in der Geschichte der zionistischen Bewegung verzeichnet werden. Es gab kein abgegrenztes Kampfgebiet, kein Kampfobjekt sachlicher Natur. Und so mager die sachliche Auslese aller Debatten und der positive Niederschlag aller Beschlüsse ist, so lehrreich und folgenschwer kann der Endeffekt der Kulissenwirtschaft sein, die sich im Haag breit machte und dem Kongreß seine letzten Beschlüsse diktierte. Schon die Vorbereitung des Kongresses konnte nicht befriedigen und forderte zur Kritik heraus. Am H. Verhandlungstage lag noeh keine Tagesordnung vor und die Landsmannschaften waren nicht imstande, durch gründliche Vorberatung im Plenum gerüstet und einheitlich vorzugehen. Die ersten drei Tage wurden mit einer ziemlich leeren Debatte über den Rechenschaftsbericht, der erst nach ihrer Beendigung gedruckt vorlag, ausgefüllt. Der Debatte fehlte jedes hohe Niveau, jeder große Zug. Die Russen verhielten sich reserviert und die anderen Gruppen wollten offenbar über die Klippe einer unausweichlichen scharfen Kritik des Generalberichtes rasch hinwegkommen. 'Während in den letzten zwei Tagen in der Palästinadebatte die Klotüre vorzeitig und gründlich einsetzte und das neue Organisationsstatut vor einem halbleeren, ermüdeten Kongresse durchgepeitscht wurde, schleppte sich in den ersten Tagen eine öde, zwecklose Diskussion über den Tätigkeitsbericht des A.-K. uferlos vorwärts. Die Wechselwirkung zwischen der planlosen Tätigkeit der letzten zwei Jahre und dem sachlichen Inhalt der sie durchhechelnden Kritik trat peinlich zutage. Von größerem Interesse war die Debatte über den Bankprozeß, in welcher die Majorität des. Kongresses zweifellos von dem Wunsche beseelt war, den Prozeß über die Statutenänderung der Bank so bald als möglich beendet zu sehen. Den Luxus eines solchen Justamentstrittes, der. allzu große Kosten verschlingt und eine prinzipielle Frage doch nur in sehr problematischer Weise lösen dürfte, kann sich die zionistische Organisation bei der bescheidenen Fundierung ihrer finanziellen Institute und bei der Vielseitigkeit ihrer Aufgaben nicht leisten. Der materielle und moralische Schaden, den der langwierige und kostspielige Prozeß der Kolonialbank bringen kann, steht in keinem Verhältnis zu den Vorteilen und Sicherungen, die eine siegreiche Beendigung erwarten läßt. Die Mehrheit der Delegierten hat dem A.-K. und drei Fachleuten die definitive Entscheidung überlassen und sie, an deren unbedingter Palästinatreue der ganze Verlauf des Kongresses keinen Zweifel übrig läßt, wird einen ehreni vollen Rückzug der drohenden Schädigung des j Bankkredites und der eigensinnigen Fortführung; eines zweifelhaften Prozeßverfahrens gewiß vorj ziehen. | In der Frage der praktischen Palästinaj arbeit hat der Kongreß die wünschenswerte j Klarheit geschaffen unck weiden tige Beschluss!.' '■ gefaßt, deren strikte Durchführung nur vom! ernsten Willen der Parteileitung abhängt. Die Schlußdebatte über die weitgehenden Anträge des Palästinaausschusses bildet den Höhepunkt der Plenarberatungen und wurde durch die glänzenden oratorischen Leistungen Dr. Mozkins und Weizmanns auf ein sehr hohes Niveau gehoben. Die beliebt gewordene Unterscheidung in „Politische“ und „Praktische“ spielte auf dem Kongreß, wie wir glauben, mit Unrecht, eine große Rolle. Die „Politischen“ erklärten sieh in der Theorie für die praktische Arbeit, die „Praktischen“ beteuerten ihre prinzipiellen Sympathien für politische Tätigkeit. Aber man traut den beiderseitigen Beteuerungen nicht. Mögen die „Politischen“ endlich ihre diplomatischen Arbeiten in Angriff nehmen und durchführen — sie sollen dabei nicht gestört werden! Aber mit verschränkten Armen auf ein diplomatisches Wunder zu warten und mit fatalistischem Gleichmut zuzusehen, wie in Palästina fremde Nationen ihre Macht entfalten und das Land für sich in Beschlag nehmen, das können und werden vollbewußte Zionisten, aufrichtige Palästinafreunde nicht akzeptieren. Extremer Chowewe-Zionismus ist ebenso überholt und unmöglich wie ein einseitiger Charterismus. Die Klärung der zionistischen Politik ist auf dem VIH. Kongreß im Sinne realer Palästinaarbeit erfolgt. Und alle Deklamationen der Nurpolitiker täuschten darüber nicht hinweg, daß heute hinter dem Gerede von Diplomatie und Politik wenig Positives und Verläßliches' steckt. Die Schaffung eines Palästinaressorts, seine finanzielle Fundierung, die Verwirklichung des , siedlungsgenossenschaftlichen Modellversuches, die Ermöglichung eines langfristigen ländlichen und städtischen Bodenkredits, das sind die Programmpnnkte, welche der Kongreß dem neugewählten A:-K. zur Durchführung übertragen hat und welche die positiven Resultate der Haager Verhandlungen darstellen. Ihre DurchfüBr»ä^<^ allein sichert ihm einen ehrenvollen Platz in der Reihe unserer Weltkongresse. Auch sonst hat sich auf dem Kongresse das gesteigerte Interesse für alle kulturellen und wirtschaftlichen Palästinafragen kundgegeben. Die reiche Unterstützung, die dem hebräischen Gymnasium in Jaffa zuteil wurde, und die rege Anteilnahme, welche allseits dem Bezalel gewidmet wurde, lassen ein gedeihliches Aufblühen dieser Institute und eine mächtige Förderung der geistigen und materiellen Kultur in Palästina erhoffen. Was für Palästina wirklich geschah oder beschlossen wurde, bildet den scharf hervorstechenden Lichtpunkt des Kongresses' und ist geeignet, die Zuversicht und Arbeitsfreude der Delegierten zu heben, der Palästinaarbeit neue Kraft und Begeisterung znzuführen. Die Wahl des A.-K. hat diese freudige Stimmung sehr wesentlich herabgedrückt und bei sehr vielen Delegierten ein Gefühl tiefer Depression zurückgelassen. Der Präsident Wolffsohn hat einen Pyrrhussieg errungen. Sein Machtwort, daß er nur in einem dreigliedrigen Komitee, und zwar mitWarburg und Jakobus Kann, arbeiten könne, bedeutet die Ausschaltung der Russen aus der Leitung und war in erster Linie gegen Ussischkin gerichtet. Der mehrtägige Kampf, der im Permanenzausschnß geführt wurde, hat erst am letzten Tage, kurz vor der entscheidenden Abstimmung, die Russen mürbe gemacht und sie zur Resignation veranlaßt. Sie haben als die derzeit Schwächeren im letzten Momente freiwillig das Feldgeräumfc und Ussischkin selbst, der Vielgehaßte, der trotz allem die stärkste Individualität in der Leitung wäre und dessen eiserne Energie auch dem Gegner Achtung abringen muß, hat durch seine im Interesse der Bewegung bewiesene Nachgiebigkeit sich weit mehr Freunde und Respekt erworben als Herr Wolffsohn durch seine selbstherrische Forderung nach Ussischkins Beseitigung. Es wird sich zeigen, ob Herr Wolffsohn klug daran gehandelt hat, als er eine zufällige Konstellation des Kongresses und eine zweifellose, aber doch nicht dauernde Unersetzlichkeit so rücksichtslos und bis zur letzten Konsequenz ausnützte. Schon die Abstimmung über seine Wahl kennzeichnet die schiefe, gefährliche Situation, in die er geraten ist. Mit 132 gegen 59 Stimmen, bei etwa hundert Stimmenthaltungen, und von einem kampfesmüden Kongresse zum Präsidenten der