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Jüdische Zeitung · 1907-08-05 · 6 (5.8.1907) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
6 (5.8.1907)
Date
1907-08-05
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 ihn dazu trieb, die soziale Frage näher zu studieren. Zwei Jahre intensivster Arbeit verwendete er darauf und es gelang ihm tatsächlich, ganz neue Gesichtspunkte zu finden, die er in seinen Hauptwerken: „Das Bevölkerungsgesetz“ (Berlin 1894), „Die Siedlungsgenossenschaft“ (Berlin 1896), „Großgrundeigentum und soziale Frage“ (Berlin 1898), „Das Grundgesetz der Marxschen Gesellschaftslehre (Berlin 1903), und in zahlreichen kleineren Schriften niederlegte. Theoretisch steht crHertzka am nächsten, doch ist er in seihen Lehren vollkommen selbständig und originell. Seine Hauptbedeutung liegt darin, daß er einerseits den Punkt gefunden und aufgezeigt hat, von dem aus der Marxismus vollständig aus den Angeln zu heben ist (die Theorie der Reservearmee) und anderseits — positiv —' gezeigt hat, daß auf dem Wege der Aufhebung des Großgrundbesitzes und Schaffung landwirtschaftlicher Produktiv- (nicht Produzenten-) Genossenschaften die soziale Frage lösbar wäre, indem die Ausbeutung von Menschenkraft, Arbeitslosigkeit, Aneignung von tatsächlichem Mehrwert unmöglich gemacht werden könnte, ohne aber den mächtigsten Hebel alles wirtschaftlichen Fortschrittes, die Privatinitiative zu vernichten, wie es der marxistische Sozialismus will. . Dadurch erhält aber sein System auch eminente politische Bedeutung. In kurzem wird Oppenheimer ein Werk über „Sozialliberalismus“ veröffentlichen, worin wertvolle Aufschlüsse über die Möglichkeit einer fruchtbaren Verbindung von Individualismus und Sozialismus gegeben werden dürften. Es ist kein Wunder, daß gerade ein Jude diese Richtung einschlägt, denn im jüdischen Volke sind durch uralte Tradition und geschichtlichen Werdegang soziales Pflichtbewußtsein und persönliche Initiative gleich stark entwickelt. Die jüdischnationale Partei hat auch immer in ihren Programmen (Parteitag zu Krakau,. 1. Juli 1906) die Notwendigkeit betont, gleichzeitig soziale Reformen zu pflegen als auch die Privatinitiative zu fördern. Wie dies seit jeher üblich ist, haben die zünftigen Gelehrten Oppenheimer ignoriert oder bagatellisiert, obzwar selbst marxistische Kritiker seine Bücher als grundlegend bezeichnen mußten und manche seiner Theorien (wie zum Beispiel die Erkenntnis, „daß alle Einkommen eines Volkes, das Freizügigkeit besitzt, in ihrer Höhe bestimmt werden durch das Einkommen der tiefet entlohnten Schicht, der Landarbeiter“) unwidersprochen in die Nationalökonomie Eingang gefunden haben. David, der Agrartheoretiker der Sozialisten zum Beispiel, der die Richtigkeit des Marxismus für die landwirtschaftliche Entwicklung selbst bestreitet, fertigt Oppenheimers Theorien mit wenigen flüchtigen Zeilen ab, ohne ihn überhaupt zu nennen. Franz Oppenheimer entwickelt auch auf anderen wissenschaftlichen Gebieten eine fruchtbare schriftsteUerische Tätigkeit. Sein Stil ist von glänzender, unerreichter Klarheit, er hat auch zum ersten Male und mit außerordentlichem Erfolge versucht, die naturwissenschaftliche Methode und die reine Deduktion auf die Nationalökonomie anzuwenden. Als Redner ist er eine nicht minder glänzende Erscheinung, als solcher ist er uns in Wien noch in frischer und angenehmer Erinnerung. Die zionistische Organisation weiß den Wert der Tatsache zu schätzen, daß Franz Oppenheimer in ihrer Palästinakommission mitarbeitet. Diese Mitarbeit kann unser Ziel nur fördern JÜDISCHE ZEITUNG. und unsere Bewegung in sozialen Fragen in durchaus moderner und zielsicherer Form beeinflussen. R.-R.-Abg. Dr. Mahler beim Großherzog von Baden. Der R.-R.-Abg. Dozent Dr. Mahler wurde vom Großherzog ' von Baden in einstündiger Privataudienz empfangen. Rundschau. Politik im Talles und Frack. Herr Dr. Natan Löwenstein ist ein Verwandlungskünstler. Er mimt jede Rolle mit gleicher Fertigkeit und Kunst. Deswegen ist er ja so rasch zur vielbewunderten rhetorischen Primadonna des Polenklubs avanciert. Aber er versteht sein Geschäft — der Neid, muß es ihm lassen. Wie meisterhaft hat er in Drohobycz im Wahlkampf geschauspielert! In der Synagoge hüllte er sich in einen weißen Betmantel, er, der assimilierte Nationalpole, und schwur vor der Thora, daß er, falls der Polenklub mit den Antisemiten gemeinsame Sache machen werde, entweder aus dem Polenklub austreten oder sein Mandat niederlegen werde.. Alle Welt weiß, daß die Voraussetzung pünktlich eingetroffen ist, und naive Wähler erwarten und fordern von Dr. Löwenstein die Erfüllung des feierlichen Thoraschwures. Sie meinen offenbar, daß ihres Abgeordneten politische und private Moral die Heiligkeit eines solchen Schwures zu erfassen vermag. Sie dürften sich lauschen. Die Löwensteins und Konsorten zimmern ihre Moralgesetze in der Politik nach dem altpolnischen Spruche: Nie honorowo, ale zdrowo. In Wien hat Herr Dr. Löwenstein in Frack und Claque Politik getrieben und um Freundschaft gebuhlt. Der Drohobyczer Synagogenkomödiant ist in tadelloser Salontoilette vor der Redaktion der „Neuen Freien Presse“ und anderer Blätter vorgefahren und hat sich die Gunst der Wiener Zeitungsmacher gesichert. Schlau, sehr schlau! Welch feine, psychologische Beobachtungsgabe äußert sich .in dieser Fahrt und ihren Äußerlichkeiten! Der Mann kennt sein Geschäft und weiß die Leutchen zu behandeln. Debütierende Schauspieler, Sänger, Musikvirtuosen machen es ebenso, wenn sie einflußreichen Rezensenten nachlaufen und ihr Wohlwollen erbetteln. Die Konfederatka und nationalpolnische Gesinnung hält der rasch assimilierte Sohn des deutschen Rabbiners in Lemberg für den polnischen Schulverein in .steter Bereitschaft. Kurz und gut, Herr Dr. Löwenstein ist ein Fregoli der Politik, vielseitig, listenreich, aalglatt, nie verlegen. Die Rekonstruktion des Ministeriums. Die christlichsozialen Minister werden den österreichischen Juden nicht erspart bleiben. Sie werden im Herbst in den Ministerrat einziehen und dem politischen Siegeszug der Wiener Rathausherren in der Zentralregierung erst die rechte Weihe geben. Der Niedergang und Zusammenbruch des politischen Liberalismus wird angesichts dieser Tatsache auch dem größten Optimisten klär. Schon die Präsidentenwahl und der ganze Verlauf der kurzen Sommersaison hat gezeigt, daß die Christlichsozialen die Herren der Situation sind und die Führung der Deutschen übernommen haben. Im September, wenn sie einige Ministerportefeuilles mit ihren Parteigängern besetzen werden, wird ihre.Regierungsfähigkeit definitiv festgelegt, ihre Macht im Staate unzweifelbar dargetan sein. Ob nun Dr. Weiskirchner Handelsminister, Dr. Ebenhoch Ackerbauminister wird oder ob andere Christlichsoziale andere Ressorts erhalten werden, ist schon gleichgültig. Uns Juden muß das Faktum allein, zur Vorsicht und Kampfbereitschaft mahnen. Die christlichsoziale Verwaltungspraxis hat man in Wien und Niederösterreich nun genügend kennen gelernt und weiß, wie sie skrupellos' überall ein Parteiregiment etablieren und in jeden Zweig der Verwaltung Politik tragen. Die Juden werden alle Energie und Aufmerksamkeit aufwenden müssen, um eine neue Gefährdung ihres Wirtschaftslebens und eine der jüdischen Intelligenz drohende Einengung ihrer Erwerbsmöglichkeiten abzuwehreu. Der schleichende politische Antisemitismus hat sich das Ministerium erobert und wird den bureaukratischen Antisemitismus, der älteren Datums ist und sich doch stets in gewissen Grenzen hielt, ablösen und verdoppeln. Nr. 6 Die jüdische Sprache und ihre Geltung. Wir haben in Österreich, sagt man, Staatsbürger erster und zweiter Kategorie, Nationen ersten und zweiten Ranges, Sprachen erster und zweiter Klasse. Die zweitklassigen Sprachen sind in verschiedenen Kronländern auf dem Gebiete der inneren Amtssprache oder äußerenGeschäftssprache zurückgesetzt. Aber es existiert in Österreich auch eine Sprache, der überhaupt jede gesetzliche Anerkennung versagt ist, die, obwohl mehr als eine halbe Million Menschen sie schreiben und sprechen, sich ihrer als Geschäfts¬ und Umgangssprache bedienen, gesetzlich aus dem Prozeßleben ausgeschaltet und auf das Niveau .eines Zigeuiierjargons herabgedrückt ist. Natürlich ist es eine jüdische Sprache. Denn welche Nation ließe sich so ruhig und widerspruchslos mit alten Hofdekreten, aus denen uns vormärzlicher, judenfeindlicher Geist entgegen weht, ihre Sprache rauben und degradieren? Die Juden haben sich daran gewöhnt und glauben fast, es müsse so sein, daß sie überall um eine Rangstufe tiefer, um eine Kategorie minderwertiger rangieren. Die nationalen Kämpfe, die Österreich seit Jahrzehnten aufwühlen und in seinen Grundfesten erschüttern, sind meist Sprachenkämpfe gewesen und oft geringfügig scheinenden, subtilen sprachlichen Forderungen zuliebe stockte die Staatsmaschinerie, tobte der nationale Streit. Die nationale Ehre und Empfindlichkeit fand zum Schutze der nationalen Sprache immer die schärfsten Waffen. Wie tief muß man uns Juden national werten, wenn man unserer jüdischen Spräche, weil ein Hofkanzleidekret von 1814 und ein Justizhofdekret von 1846 es bestimmte, die prozessuale Anerkennung und jede gesetzliche Giltigkeit vorenthält? Und wie lax führen die Juden den Kampf um ihre nationalen Rechte, wenn erst zionistische Abgeordnete im Jahre 1907 mit parlamentarischen Mitteln den Versuch unternehmen, dem unwürdigen, schmachvollen Zustand ein Ende zu bereiten! Der Gesetzesantrag, den R.-R.-Abg. Dr. Gabel auf Aufhebung obiger längst veralteter, rückständiger und materiell schädigender Verordnungen eingebracht hat, wird hoffentlich dank den energischen Bemühungen des „Jüdischen Klub“ in der Herbstsession zur Beratung kommen und eine Lösung finden, die mit dem faktischen Geltungsgebiete der jüdischen Sprache und der nationalen Gleichberechtigung der Juden einzig vereinbar ist: die bedingungslose Anerkennung der jüdischen Sprache auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens. Es ist kein Demonstrationsantrag, keine chauvinistische Äußerung, nur ein Gebot des -alltäglichen Lebens und Verkehrs im Osten Österreichs. Die jüdischen Magistratsbeamten in Wien. Der praktische Antisemitismus der Christlichsozialen hat sich bisher nur an Juden herangewagt, deren wirtschaftliche Position oder soziale Stellung leicht zu untergraben oder zu erschüttern war. Hausierer, kleine Beamte, Gewerbetreibende, Lehrer, Stenographen mußten die Christianisierungsbestrebungen der Wiener Antisemiten an ihrem Leibe verspüren. Die' brutale Behandlung jüdischer Kommunallehrer stand jahrelang auf der Tagesordnung. Das Los der jüdischen Magistratsbeamten macht jetzt wieder von sich reden. Gegen die Juden, welche die christlichsoziale Kommunalverwaltung übernahm, praktizierte man ein ebenso einfaches wie empörendes Mittel: man ließ sie nicht avancieren, wollte sie so förmlich aushungern und zürn Verlassen des städtischen Dienstes zwingen. Etwa ein Dutzend harrte aus und diente unter der. Parteifuchtel der Patentchristen weiter. Kein Mensch nahm sich ihrer an. Vor einigen Tagen wurde die Öffentlichkeit durch die Nachricht ' überrascht, daß im Vorstand ■ des Vereines der. Magistratsbeamten ein Antrag zugunsten dieser jüdischen Kommunalbeamten gestellt und angenommen worden war. Der Vorstand, dessen Beschluß die Gemeindegewaltigen verschnupfte, kroch reuig zu Kreuz und warf den grollenden Rathauspolitibern den Antragsteller als Opfer hin, der die Zwecke des Vereines, die auf Wahrung der beruflichen Interessen aller Magistratsbeamten hinauslaüfen, so engherzig interpretiert und auch für die jüdischen Kollegen kollegiales Empfinden aufgebracht hat. Die schleunigst vollzogene - Reassumierung des loyalen Beschlusses zeigt den Mannesmut und die Gesinnungsstärke der beteiligten Vorstandsmitglieder im schärfsten Lichte. Der Vorfall beweist, wie korrumpierend die christlichsoziale Parteiherrschaft auf alle wirkt, die mit ihr in Berührung kommen. Preußen allezeit voran! Ein Erlaß des Regierungspräsidenten von Oppeln, wonach Ausländern israelitischer Konfession der dauernde Aufenthalt im Regierungsbezirke nicht ge-

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