Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 6 (5.8.1907)
- Date
- 1907-08-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 dern, so muß es auch möglich sein, den deutschen, beziehungsweise tschechischen Mitbürgern begreiflich zu machen, daß auch die selbstverständlichen Konsequenzen der jüdischnationalen Besinnung in bezug auf die Zugehörigkeit zu fremdnationalen Organisationen keine Feindseligkeit gegen das deutsche, beziehungsweise tschechische Volk bedeuten und andere Formen der Förderung fremdnationaler, kultureller und politischer Interessen nicht ausschließen. Eine solche kluge und taktvoll erfolgende Auseinandersetzung ist nur geeignet, die Achtung der anderen Völker vor den Zionisten zu steigern. Wie dem'aber auch sei, die Führer der böhmischen Zionisten werden jedenfalls nunmehr diesen Weg versuchen müssen; denn der Zionistentag hat die Resolution des innerösterreichischen Distriktskomitees angenommen und damit eine vollendete Tatsache geschaffen, vor welcher jeder organisierte österreichische Zionist sieh beugen muß. Der Kongreß kann und wird an ihr nichts ändern. Die formelle Legitimation des Zionistentages, eine solche Resolution zu fassen, ist unanfechtbar und kann auch vom Kongreß nicht in Zweifel gezogen werden. Denkbar wäre nur, daß, wie der österreichische Zionistentag für die österreichische Föderation, so der Kongreß für die ganze Organisation selbst eine allgemeine Weisung über das Verhalten von Zionisten zu andersnationalen Vereinen und Parteien erläßt. Aber die Verhältnisse sind in den verschiedenen Ländern so verschieden, selbst der Begriff eines nationalen Vereines oder einer nationalen Partei in Deutschland oder Amerika so ganz anders wie in Rußland oder Österreich, daß eine solche allgemeine Weisung ganz unangebracht erscheint und, wenn der Kongreß doch dazu gebracht würde, sie zu erlassen, eine unheilvolle Verwirrung anriehten könnte, daß sie aber sicherlich ganz anders lauten würde, als die böhmischen Zionisten sie sich vorstellen. Hoffen wir daher, daß diese doch davon abstehen werden, unabsehbare Gefahren dadurch heraufzubeschwören, daß sie mit dieser böhmischen Angelegenheit von schließlich doch nur lokaler Bedeutung den Kongreß zu beschäftigen suchen und daß sie sich endlich entschließen werden, in dieser Frage ihre Kräfte nach innen, anstatt nach außen zu wenden. Hiezu ist es wahrlich hohe Zeit. Es darf nicht übersehen werden, daß die ganze Angelegenheit noch eine sehr wichtige Seite hat, bei der es ganz gleichgültig ist, wer in der Sache recht oder unrecht hat. Es kann auf die Dauer unmöglich ohne die ungünstigsten Folgen bleiben, daß die Führer der böhmischen Zionisten sich seit Jahren für berechtigt und verpflichtet erachten, Zeit, Kraft und Überredungskunst dazu zu verwenden, um ihre Gesinnungsgenossen für eine Haltung zu mobilisieren, welche den stets vorhandenen Bequemlichkeitsinstinkten und Kompromißneigungen entgegenkommt. Wenn sie durch den Beschluß des Zionistentages nunmehr vor die schweren Aufgaben gestellt werden, unter den böhmischen Zionisten für eine Haltung einzutreten, welche mit einer größeren Selbstüberwindung verbunden ist, so wird die böhmische Organisation dadurch vielleicht zunächst in einzelnen Teilen des Landes eine numerische Schwächung erleiden, innerlich aber, und auf die Dauer gewiß auch äußerlich, zweifellos erstarken. Denn nicht die abstrakte Erkenntnis von der Vortrefflichkeit der zionistischen Ideen, nicht die Palästinaliebe und die Freudigkeit, für den Nationalfonds zu spenden; nur die mit Selbstüberwindung sich behauptende, im- Kampf sich erprobende, den Charakter festigende nationale Gesinnung kann auf die Dauer eine absolut verläßliche und allen Wechselfällen trotzende Grundlage des -Zionismus bilden. Dr. I. M. Die Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Hochschulen Österreichs. R.-R.-Abg. Dr. Gabel hat am 24. Juli an den Unterrichtsminister folgende Interpellation gerichtet: „Die jüdischnationale Stadentenschaft Österreichs, die den überwiegenden Teil aller jüdischen Hochschüler dieses Reiches repräsentiert, bemüht sich seit Jahren, die Anerkennung der jüdischen [Nationalität bei den akademischen Behörden und bei der TJnterrichtsverwaltung durchzusetzen. Die ganze Angelegenheit ist keine Felge nationaler Macht- oder Postulatenpolitik, deren Lösung nur erfolgen kann mit Verletzung fremder nationaler Interessen oder mit einer Belastung des Staatsbudgets, sondern sie ist eine Ehrensache der jüdischen Akademiker, eine durchaus gesetzliche und erfüllbare Forderung, die von natürlichem National- und Ehrgefühl diktiert ist. Die jüdischen Studenten haben nach der bisherigen Praxis, die bei der Ausfüllung und dem Rnbrikenschema der Nationalia an den Hochschulen geübt wird und in den statistischen Ausweisen der Universität dann falsche Resultate liefert, keine Möglichkeit, ein freies nationales Bekenntnis abzulegen. Sie werden ihres nationalen Selbstbestimmungsrechtes beraubt und fremden Nationen zugezählt, deren Sprache sie in der Rubrik „Muttersprache“ -anführen. Aber die Ausfüllung dieser Rubrik, die nicht über Geburt, Rasse und Stammesangehörigkeit, sondern nur über ein äußeres oder zufälliges Moment Aufschluß gibt, kann die nationale Zugehörigkeit der Juden nicht niedergeben. Sie genügt nicht. Die Rubrik Nationalität1, die hie und da existiert und von der nationalbewußten jüdischen Studentenschaft wahrheitsgetreu beschrieben wird, wird in statistischen Ausweisen ignoriert. Die Juden werden, ob sie wollen oder nicht, anderen nationalen Gruppen zugezählt. Diese selbst wollen vielfach die Juden als Angehörige ihrer nationalen Gemeinschaft, als gleichberechtigt und gleichwertig nicht anerkennen und betrachten sie als Fremdkörper, der die nationale Einheit gefährdet. Die völlige Ausschaltung der jüdischen Nationalität aus allen statistischen Ausweisen unserer Hochschulen fälscht diese und gibt ein entstelltes Bild der nationalen Verhältnisse im Hoehsehulleben. Diese Praxis widerspricht den Grundsätzen von akademischer Freiheit und der staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Gleichberechtigung aller Staatsbürger. Ein freies, nationales Bekenntnis ist das hervorragendste und unveräußerliche Recht, das eine in Österreich lebende Nation für ihre Individuen in Anspruch nehmen kann. Die zwangsweise vollzogene und unnatürliche, vernunftwidrige und ungesetzliche Entnationalisierung der jüdischen Studenten geschieht überall zugunsten der in - der Majorität befindlichen nationalen Gruppe: an den deutschen Hochschulen werden die Juden zu Deutschen, an den tschechischen Hochschulen zu Tschechen, an den polnischen zu Polen gestempelt. Diese schrankenlose Durchführung des Majoritätsprinzipes ist auch jüdischen Studenten gegenüber, die auf gleiches Recht, auf Schonung ihrer nationalen Empfindlichkeit, auf Schutz ihrer nationalen Ehre wie alle anderen andersnationalen Studenten beharren und vollen Anspruch haben, ein schreiendes Unrecht, eine unerlaubte Vergewaltigung. DiejüdischnationaleStudentensebaft kämpft seit Jahren für ihre oberste nationale Forderung, für ihr nationales Grundrecht. Sie tat esstets in der würdigsten Weise, ruhig, sachlich, streng akademisch. Aber es scheint, daß Universitätsforderungen selbst so primitiver Art an den österreichischen Hochschulen ohne lante Demonstration nicht beachtet und durchgesetzt werden können. Die politische Entwicklung der Juden Österreichs führt zu ihrer Nationalisierung. Die jüdische Jugend steht im nationalen Lager und die Frage, ob die Juden eine selbständige Nation oder bloße . Religionsgemeinschaft sind, wird nicht mehr ernst diskutiert. Sieistein für allemalimnationalen Sinne entschieden. Wenn die Mehrheit der jüdischen Studenten national ist und an ihrer Forderung nach Anerkennung der jüdischen Nationalität unverbrüchlich festhält, wenn die nationaljüdische Bewegung auch in Bürger- und Arbeiterkreisen immer festere Wurzeln faßt, wenn die Vernunft, die Wirklichkeit, das Recht und Gesetz für jene Forderung ihre Stimme erheben, dann ist es wohl überflüssig, daß die Unterrichtsverwaltung, wie es geschehen ist, erst das Gutachten der Wiener israelitischen Kultusgemeinde einholt und zur Basis ihrer Entscheidung nimmt. Die Herren der Kultusgemeinde sind antinational und werden selbstverständlich von ihrem politischen Standpunkte aus, der dem Unterrichtsministerium nicht maßgebend sein kann, die nationale Forderung ablehnen. Der Wiener Kultnsvorstand ist weder kompetent, noch unbefangen genug, in dieser nationalen Frage mitzusprechen. Er ist das Exekutivorgan der Wiener Assimilationsjuden, die für die nationale Bewegung im Judentum kein Verständnis und über die von nationalem Selbstbewußtsein diktierte Aktion der jüdisch-nationalen Studentenschaft kein ungetrübtes Urteil haben. Es ist keine Frage des jüdischen Kultus, die zu lösen ist, sondern eine Frage der nationalen Ehre und nationalen Gleichberechtigung. Die akademischen Senate, die sich mit der Angelegenheit wiederholt befaßt haben, legten politische oder nationale Gründe ihrer Entscheidung zugrunde und sind einer direkten Lösung durch Voranstellung von allerlei Kompetenzgründen ausgewichen. Bloß der akademische Senat der Czernowitzer Universität hat in seiner Sitzung vom 29. Oktober 1906 beschlossen, den Studenten zu gestatten, neben der im Nationale geforderten Angabe der Muttersprache auch ihre Nationalität zu vermerken, welcher Vermerk im statistischen Ausweise anmerkungsweise berücksichtigt werden sollte. Der Beschluß, hieß es in der Rektoratskundmachung, tritt mit dem Sommersemester 1907 in Kraft, wofern nicht bis dahin eine definitive Regelung des Rubrikenschemas seitens des Ministeriums für Kultus und Unterrieht erfolgt. Diese Senatsentscheidung, die einer Forderung nationaler Gerechtigkeit entsprach, wurde infolge Erlasses des Unterrichtsministeriums vom 17. Februar 1907, Z. 43.465, suspendiert und eine einheitliche Regelung der Angelegenheit für alle Hochschulen in Aussicht gestellt. ' Diese Regelung ist bisher nicht erfolgt, obwohl dem Unterrichtsministerium fast 2000 Unterschriften von jüdischen Hochschülern übermittelt'wurden, die der Forderung znstimmen, obwohl die jüdische Studentenschaft aller Hochschulstädte die Forderung nach Anerkennung ihrer Nationalität erhöhen und in Versammlungen sowie Resolutionen naehdrüeklichst unterstützt hat und obwohl seine Exzellenz der Herr Unterrichtsminister der Deputation jüdischnationaler Studenten die unbefangene, also von einem Wiener Kultusvorstande unbeeinflußte Prüfung der Angelegenheit zugesagt hat Die jüdischnationale Studentenschaft fordert: 1. die Anerkennung der jüdischen Nationalität an den österreichischen Hochschulen; 2. als Ausdruck der Anerkennung die allgemeine Einführung der Nationalitätenrubrik oder zumindest die Gestattung der Nationalitätenklausel bei der Angabe der Muttersprache; 3. Berücksichtigung dieser Eintragung in allen statistischen Ausweisen der Hochschulen. Sie wird sich bei Fortsetzung ihres Kampfes, falls er ihr aufgezwungen werden sollte, an die Worte halten, mit denen der Rektor der technischen Hochschule in Wien, Oherbaurat Hochenegg, den Standpunkt der jüdisehnationalen Studentenschaft gebilligt hat: ,Die Nation ist ja jedem heilig, und was dem einen recht ist, ist dem andern billig.1 Mit Rücksicht darauf, daß die Frage längst spruchreif und ihre Lösung angesichts des bevorstehenden Beginnes der Inskription für das Wintersemester dringlich ist, mit Rücksicht darauf, daß die Forderung der jüdischnationalen Studentenschaft wirklich nur dem Gebote der Vernunft, der nationalen Gleichberechtigung entspricht und im Rahmen der bestehenden Gesetze ohne weiteres erfüllbar ist, stellen die Gefertigten die Anfrage: 1. Ist der Herr Minister bereit, noch im Laufe der Ferien die im Februar dieses Jahres zugesagte Regelung des Rubrikenschemas durchzuführen? 2. Ist der Herr Minister bereit, der jüdischen Nationalität an den Hochschulen die ihr gebührende Anerkennung zu verschaffen und die bisher geübte Praxis, die ein ganz falsches statistisches Resultat zutagefördert und der Selbstachtung der jüdischen Studenten Fesseln auferlegt, ein Ende zu machen?“ Franz Oppenheimer. Durch sein Projekt einer Siedlungsgenossenschaft in Palästina, welches dem VIH. Kongreß vorgelegt werden wird, rückt die Persönlichkeit Franz Oppenheimers und sein Sozialsystem wieder in den Mittelpunkt des Interesses. Schon einmal — am VI. Kongreß — hatte Oppenheimer geradezu Aufsehen erregt, als er persönlich, als Mitglied unserer Palästinakommission, sein Referat über die Ansiedlung hielt. Unvergessen bleibt sein Ausspruch: „Bauern muß schaffen, wer Städte schaffen will“ — ein Leitsatz, an dem wir immer festhalten wollen. Herzl war ein warmer Anhänger der Oppenheimerschen Gesellschaftslehre und davon durchdrungen, daß der genossenschaftliche Sozialismus auf dem Boden Palästinas verwirklicht werden wird. Wir haben schon in der vorigen Nummer unseres Blattes die Grundzüge deB Projektes angedeutet. Wir sind heute in der Lage, das vollständige Referat*) Oppenheimers abdrucken zu können. In diesem gibt der Autor selbst einen flüchtigen Grundriß seiner Lehre. Wir wollen nur einige Daten hinzufügen. Dr. Franz Oppenheimer, 1864 geboren, studierte Medizin und hatte schon einige Zeit praktiziert, als die fortwährende Berührung mit denärmstenundelendestenBevölkerungsschichten *) Das Referat, das eine kleine Broschüre umfaßt, wird unseren Abonnenten nnentgeltlich als Beilage dieser Nummer zugesandt Nichtabonnenten erhalten die Broschüre bei der Administration unseres Blattes. Preis pro Exemplar K —-50.