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Jüdische Zeitung · 1907-08-05 · 6 (5.8.1907) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
6 (5.8.1907)
Date
1907-08-05
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 6 -• JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 7 stattet ist, macht gegenwärtig viel von sich reden und lenkt die Aufmerksamkeit auf den in Preußen vielfach herrschenden Pölizeigeist Der Erlaß geht auf eine ministerielle Verfügung zurück, die generell für die Grenzgebiete gilt und die Behandlung der Slawen und ausländischen Juden festsetzt. Der Wortlaut und der genaue Zeitpunkt sind außerhalb der Regierungskrise nicht bekannt. Der im Parlament schon zur Sprache gebrachte Fall des Ingenieurs Kohn aus Ung.-Brod ist besonders kraß. Er ist nicht vorbestraft, politisch nicht tätig, hatte in einem großen Unternehmen einen guten Posten inne, konnte also in keiner Weise den preußischen Behörden als lästig erscheinen. Die diplomatische Intervention hat nur einen Aufschub der Ausweisung durchgesetzt. Die preußische Verwaltungspraxis zeigt sich da im reaktionärsten Lichte. Im Jahre 1900 wurden im Regierungsbezirke Oppeln 199 Personen ausgewiesen, darunter 13 Russen, 2 Ungarn, die übrigen Österreicher! Ein ebenso krasser Fall spielte sich in Breslau ab. Dort wurde die Ausweisung einer österreichischen Untertanin, die in einem Konfektionsgeschäft angestellt war, durch das Eingreifen des Konsuls abgewehrt, doch wurde ihr der dauernde Aufenthalt in Breslau nur unter der Bedingung gestattet, daß sie sich nicht selbständig mache. Das ist die preußische Freiheit! Gewährt man schon einem Angehörigen eines eng befreundeten Nachbarstaates die jederzeit bedrohte Freizügigkeit, dann unterbindet man ihm den freien Erwerb und macht jeden sozialen Aufstieg unmöglich. Wenn slawische Arbeiter über die Grenze abgeschoben werden, erhebt sich ein Riesenlärm und die betroffenen Konnationalen setzen alle Hebel in Bewegung, um die brutale Maßregel rückgängig zu machen. Aber Ausländer israelitischer Konfession? In der Wertung jüdischer Rechte herrscht in Österreich und Preußen rührende Reziprozität. Amerikanische Einwanderungspolitik. Die Studienkommission, die Präsident Roosevelt zu Erhebungen über die Auswanderungsverhältnisse Europas entsendet hat, und welche ihre Tätigkeit in Österreich begonnen hat, wird schwerlich für die jüdische Emigration günstige Berichte liefern. Denn bezeichnend ist, daß an ihrer Spitze Herr Dillingham steht, der in Nordamerika zu den schärfsten .Gegnern der Einwanderung aus Europa gehört. Er hat seiner Gegnerschaft in Gesetzesvorlagen über die Einschränkung der Einwanderung wiederholt radikalen Ausdruck gegeben. So hat er in einer Einwanderungsbill, die zwar nicht Gesetz geworden ist, das Vermögensminimum der Einwanderer in einer geradezu unerschwinglichen Höhe festgesetzt. Eine andere Bill, die für die ganze Richtung der amerikanischen Einwanderungspolitik charakteristisch ist, verlangt den Ausschluß aller Analphabeten, was allerdings aus volkswirtschaftlichen Rücksichten undurchführbar ist, weil die Entziehung gerade dieser Arbeitskräfte der Industrie in Nordamerika unberechenbaren Schaden bringen müßte. Eine Verschärfung der Einwanderungsgesetze und ihre strenge Handhabung wird hach der Heimkehr der Studienkommission, die mit großer Voreingenommenheit an die Prüfung der Emigrationsfrage herantritt, nicht lange auf sich warten lassen. Die jüdischen Proletarier des Ostens, denen die einschränkenden Einwanderungsgesetze immer hauptsächlich galten, werden dann die humanen Resultate der Enquete am eigenen Leibe verspüren und das tieftraurige Kapitel vom jüdischen Emigrantenelend wird die unvermeidliche Bereicherung erfahren. Korrespondenzen. Vom internationalen Sozialistenkongresse. (Wien.) Bekanntlich haben die Zionisten-Sozialisten in Rußland an das Bureau des Internationalen Sozialistenkongresses, der. im August in Stuttgart stattfindet, ein Gesuch um Zulassung zum Kongreß' und Aufnahme in die russische Gruppe gerichtet. Das Gesuch ist dem russischen Zentralkomitee zur Erledigung überwiesen worden, welches-den Antrag mit der Begründung abgelehnt hat, daß die zionistischsozialistische Parteiden Anforderungen nicht entspreche, welche zur Zulassung zu Internationalen Kongressen notwendig sind. Die Hauptaufgaben des jüdischen Proletariats sind andere, als des Proletariats alter Länder. Das jüdische Proletariat müsse erat ein eigenes jüdisches Territorium besitzen, ehe es sich selber befreien könne. Das Zentralkomitee hat im zweiten.Teile der Begründung nicht ganz unrecht. Aber _ ist denn nationales öder zionistisches Streben mit gut sozialistischer Gesinnung nicht vereinbar? Und soll die abnormale Situation des jüdischen Proletariats nicht durch den Zionismus beseitigt, seine kulturelle Kraft auf heimatlichem Boden für den Sozialismus freigemacht, seine-Lebenshaltung verbessert, seine ökonomische Entwicklung sichergestellt werden? Der jüdische Proletarier, der Zionist ist, leistet doppelte Kulturarbeit. Aber kommt Zeit, kommt Rat! Die Herren sind in nationalen Fragen, umsomehr wenn sie Juden betreffen, gewohnheitsmäßig schwerfällig und unentschlossen und lassen sich prinzipielle Entscheidungen erst von der unabänderlichen Entwicklung und gewissen Machtverhältnissen abringen. Morris Rosenfeld — gestorben? (Wien.) Einige Blätter — darunter die „Neue Freie Presse“ — brachten vor einigen Tagen die Nachricht vom Tode Morris Rösenfelds, der in New-York in größtem Elend gestorben sein soll. Die Nachricht ist vorläufig nicht kontrollierbar. Rosenfeld hat sich, um seinen Stammesgenossen nicht zur Last zu fallen, als Todkranker zurückgezogen und hat seinen Aufenthalt verheimlicht. Im Jahre 1862 in einem kleinen Städtchen Russisch-Polens geboren, wanderte er in jungen Jahren nach England aus, wo er das Schneiderhandwerk erlernte. In New-York brachte er sich zuerst als Schneidergehilfe, später als Privatlehrer kümmerlich durch. Seinen Weltruhm als Jargondichter begründeten seine „Lieder des Getto“, die im Jahre 1898 der Professor der Haward-Universität, Wiener, unter dem Titel „Songs from the Ghetto“ mit einer Übersetzung in englischer Prosa und einem Jargonwörterbuch herausgab. Dieses Buch hat auch Vrchlicky ins Tschechische übersetzt. Dem deutschen Lesepublikum hat Berthold Feiwel die Kenntnis der Gettolieder vermittelt. Welcher Wertschätzung sich Rosenfelds Dichtergenie in nichtjüdischen Kreisen erfreut, ist auch aus einer Bemerkung ersichtlich, die das Prager Realistenorgan „Gas“ an die Todesnachricht knüpft: „Wenn die Nachricht wahr ist, dann ist' der größte neuzeitliche Dichter der Juden dahingeschieden . . . .“ Ein Militärbefreiungs-Schwindel. (Wien.) In die jüdischen Mitglieder des Polenklubs ist plötzlich großer Arbeitseifer gefahren. Sie handeln solidarisch, intervenieren in jüdischen Angelegenheiten beim Kriegsminister und protzen in den Blättern mit der ungeheueren Errungenschaft, daß laut einer Zusage des Ministers die jüdischen Soldaten in Galizien von den im September stattfindenden Manövern und Übungen angesichts der in diese Zeit fallenden hohen jüdischen Feiertage „tunlichst“ befreit werden. Das ist denn doch aufgelegte Demagogie und parlamentarische Hochstapelei. Erstens sind die jüdischen Soldaten an den hohen Feiertagen seit Jahren auf Grund einer ministeriellen Verordnung vom Dienste befreit und zweitens liegt in der Antwort des Kriegsministers, der dem Obmann des Polenklubs ^tunlichste Berücksichtigung seiner Bitte“ zusagte, ein Erfolg, den der erstbeste intervenierende Rabbiner auch erreicht hätte. Die Hansjuden des Polenklubs greifen zu recht plumpen Mittelchen, um ihr Prestige in der jüdischen Bevölkerung ein kleinwenig aufzufrischen. Es war eine sehr wohlfeile Intervention, die kaum ihren Zweck erfüllen und nicht geeignet sein wird, den üblen Eindruck, den die christlichsozialjüdischpolnische Koalition in den galizischen Städten gemacht hat, wegzuwischen! Generalmajor R. von Eiß. (Wien.) Der Oberst d. R., Alexander R. v. Eiß, ist zum Generalmajor ernannt worden. Generalmajor Eiß ist ein begeisterter Anhänger der zionistischen Bewegung und hat einige Jahre hindurch für den jüdischen Nationalfond eine eifrige Tätigkeit entwickelt. Generalmajor Eiß hat als aktiver Offizier und Regimentskommandant zu deu tüchtigsten Landwehroffizieren der österreichischen Armee gehört und wurde wiederholt ausgezeichnet. Die Furcht der Hausjuden. (Krakau.) In dem klerikal - antisemitischen „Dzennik polskie“ denunziert ein mosaischer Schlachzizenknecht die Zionisten, daß sie der polnischen Nation einen glühenden Haß nachtragen und stimmt über die Zukunftseiner polnischen Brüder und deren Hausjuden folgendes Klagelied an: „Der heutige Jude ist nicht mehr der von ehemals. Die Kahalvorstände haben auf ihn keinen Einfluß mehr. Der heutige Jude ist ganz durchtränkt von Radikalismus und Zionismus. Die ganze jüdische Jugend steht unter dem Banne dieser Irrlehren. Schon von den untersten Klassen der Mittelschulen bis zu den höchsten Jahr gängen der Hochschulen gehört die ganze studierende Jngend der zionistischen Bewegung an. In sechs Jahren, wenn die alten Juden sterben werden und die jungen heranwächsen und das Wahlrecht erlangen, dann wird keine Macht die zionistische Hochflut aufhalten können. Daher Achtung! Man muß alle Kräfte sammeln, um den Zionismus zu vernichten. Man muß sich vereinigen mit den Polen „mosaischer Konfession“, welchen überhaupt die größte Gefahr droht.“ Sehr treffend bemerkt hiezu „Der Jüdische Arbeiter“,: „Daß die alten Juden sterben müssen, tut uns wahrlich herzlich leid, aber der mosaische Pole, welcher bei den Klerikalen um Hilfe winselt, um den Zionismus zu vernichten, ist politisch längst tot. Seinem Vernichtungsplan gegen den Zionismus könnte man als Motto voranstellen, die Worte: „Wenn wir Toten erwachen“. Reorganisationspläne in Galizien. (Lemberg.) Der Obmann des Lemberger D.-K., Dr. Gerson Zipper hat folgendes Zirkular an alle Vereine Galiziens verschickt: „Ich erlaube mirhiemit folgende Vorschläge der geneigten Erwägung der verehrl. Vereinsleitung zu unterbreiten: 4. Man müßte baldigst eine Bank mit dem Sitze in Lemberg und mit Filialen in Drohobycz, Stanislau, Brody und Tamow begründen. Die geeignetste Form wäre ein Vorschußverein mit beschränkter Haftung. Es ist selbstverständlich, daß mit der Zeit auch in anderen Orten Filialen enstehen würden. 2. Die jetzige Organisationsform der Distrikte läßt auch viel zu wünschen übrig. Die Bezirke sind zu groß und müßten bedeutend verkleinert werden. Man müßte Galizien in mindestens zehn Bezirke einteilen, von welchen jeder die den D.-K. obliegenden Funktionen erfüllen würde. Das Zentralbureau mit dem L.-K. an der Spitze müßte seinc-n Sitz in Lemberg haben. Es müßte den Verkehr zwischen dem D.-K. und dem A.-K. vermitteln und über die richtige Gebarung der D.-K. wachen. Vorläufig lege ich keinen Plan der Reorganisierung vor. 3. Zwecks Durchführung dieser zwei Punkte schlage ich die Einberufung einer Landeskonferenz vor, an welcher Delegierte aller zionistischen Vereine und der gegenwärtigen D.-K. teilnebmen. Die Obmänner der jetzigen 3 D.-K. sollen die Konferenz für den 15. September 1907 mit folgender Tagesordnung einberufen: Reorganisierung der zionistischen Partei in Galizien, Gründung einer Bank, Resolutionen. Die Landeskonferenz würde in Galizien tagen. Als derzeitiger Obmann des Lemberger D.-K. würde ich gerne die Vorbereitung der Landeskonferenz übernehmen.“ Der Bielitzer Parteitag hat die Schaffung eines Zentralbureaus für Galizien und die Bukowina allerdings einer einzuberufenden Landeskonferenz überlassen. Er hat aber auch über Zusammensetzung und Sitz des Landeskomitees einen bindenden Beschluß gefaßt und es ist wohl weder opportun, noch möglich, vor dem nächsten Parteitage in dieser Hinsicht Änderungen durchzuführen. Tätigkeitsbericht des Czernowitzer Kultusvorstandes. (Czernowitz.) Der im Druck erschienene Verwaltungsbericht der Czernowitzer Kultusgemeinde umfaßt die Wahlperioden 1901—1904 und 1904-—1907. Die finanzielle Gebarung, die rituellen und religiösen Institutionen, das Schulwesen und der Religionsunterricht, Stiftungen, Legate und Wohltätigkeitsanstalten werden eingehend behandelt und geben ein. deutliches Bild des Aufschwunges, den die Czernowitzer Kultusgemeinde unter der zielbewußten und tatkräftigen Führung Dr. Strauchers, der ihr Präsident ist, nimmt. Den jüdischnationalen Geist, der den Kultusvorstand bei allen Aktionen leitet, charakterisiert am besten der Beschluß, „ein eigenes Gemeindehaus und als zentrales Nationalhaus — ein jüdisches Volkshaus — auf Gemeindekosten zu errichten“. „Dieses Gemeindehaus soll“ — heißt es in dem Aufruf des Kultusrates — „in der Zeit der nationalen Wiedergeburt unseres Volkes ein wahrhaft jüdisches Nationalhaus, eine Pflegestätte jüdischer Kultur* jüdischer Wissenschaft und Kunst, eine Sammelstätte, woselbst sich das nationale, kulturelle und gesellige Leben der jüdischen Bevölkerung konzentrieren soll, werden.“ Wie der Bericht mitteilt ist der Bau schon in Angriff genommen un<( soll noch im Laufe dieses Jahres seiner Bestimmung zageführt werden.

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