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Jüdische Zeitung · 1907-08-05 · 6 (5.8.1907) · p. Seite 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
6 (5.8.1907)
Date
1907-08-05
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. - Nr. 6 unsere Sehnsucht nach Land und Freiheit I besiegen! Und kaum hatten wir wenigstens die Freiheit, zu denken und zu handeln, als dieser /Wille — dessen Verkörperung uns Theodor Herzl war und ist — das Instrument schuf» •mit dem er die Tat vollbringen wird. An allen Enden der Welt regte sich neues jüdisches Leben, die schüchternen Versuche, das alte Heimatland wieder zu beleben, mehrten sich, .und als der große Werkmeister der jüdischen Einigung, als Herzl das Zauberwort sprach, da fand er ein millionenstimmiges Echo. Tausendjähriges, verborgenes Sehnen erwachte mit unerhörter Kraft, ein Taumel ging durch die Heiken unserer Brüder, Abgesandte aus allen Erdteilen folgten dem Kufe zum ersten Kongreß zu Basel 1897 —und unsere Besten schmiedeten dort das eine und einzige jüdische Programm: „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlichrechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina.“ Erwies sich auch — zelrn Jahre sind seither verflossen — manch eines allzu großer Optimismus in bezug auf das Tempo der Erfolge „als trügerisch, ging auch der unersetzliche Führer von uns — die heftigsten Kämpfe nach außen und im Innern konnten nicht einen Buchstaben des Programmes rauben, das bei aller weiteren Erfahrung, aller Kritik und aller Analyse als der vollendetste Ausdruck unseres Strebens und unseres Zieles erscheint. Die Hoffnungen der hämischen Gegner, unsere Willenskraft werde erlahmen, unsere Idee wieder ins Moor der Vergessenheit sinken, sind zuschanden geworden. Die „Träumer mit dem romantischen Programm“ haben sich als die einzigen Träger eines neuen, heute noch lebensfähigen Judentums gezeigt, haben Stück für Stück jüdischen Lebens an sich gerissen, es mit modernem Geiste erfüllt und sind in den großen Fragen des Tages die einzigen jüdischen Realpolitiker gewesen; inmitten einer zerfahrenen, richtungslosen Judenheit schreiten sie zielbewußt vorwärts und fügen Stein auf Stein zu ihrem großen, herrlichen Bau-— Auch der kommende Kongreß wird dieser Arbeit gewidmet sein. Er wird ein Arbeitskongreß im vollsten Sinne des Wortes sein. Neues und Überraschendes kann er nicht bringen. Denn die zionistische Entwicklung erfolgt nicht Warum soll gerade Salomon das Bad ausgießen? Aber Biha ist ein schlauer Kopf. Ehe er noch nach Hause kam, hatte er bereits einen festgefügten Plan. Er brachte seinen Antrag dem Gemeinderate vor, diesmal wurde selbstverständlich Reich nicht eingeladen. Der Gemeinderat beriet die Sache sehr gründlich und die Herren erklärten die Sitzung für. vertraulich. Nach der Sitzung ging, der Vorsteher zum Räch und sagte ihm ganz unumwunden: „Mein lieber Salomon, wir müssen dir die Fenster einsehlagen.“ . „Ja, hör’ auf! Warum denn?“ . „No, du weißt doch, daß wir von der Regierung durch die Aufhebung der Sprachen Verordnungen schwer verletzt wurden. Und die nationale Ehre muß gesühnt werden.“ „Bist du verrückt geworden, Vorsteher? Hab’ ich die Sprachenverordnung aufgehoben?“ „Gut, gut, das alles hab’ ich auch gesagt. Du hast es wohl nicht getan, aber ein Jude bist du — .und überall geht’s jetzt gegen die Juden los. Man sagt, es erheische dies die Ehre der Nation. Die Behörde traut man sich nicht zu stürmen, da möchte die Gendarmerie oder sogar das Militär sofort scharf laden und schießen. Also geht’s nun gegen die Juden los. Du verstehst doch das? Aber du sollst . keinen Schaden erleiden,“ sagte Riha vertraulich. „Da hast du fünf Gulden aus der Gemeindekasse, . lasse dir dafür wieder alles herrichten. Sollte es mehr kosten, zahlen wir noch den Rest nach. Und sprunghaft, sondern organisch. Der Kongreß kann keine Strömung „schaffen“, er ist nur das. Kampffeld der vorhandenen Meinungen und Parteien. Diese wiederum Bind das Produkt der Entwicklung des Volkes und der Partei. Der achte Kongreß ■wird nun einiges Neue vorfinden. Seit dem siebenten hat sich bei der überwiegenden Mehrzahl der Zionisten die Auffassung betreffs der Mittel, die zum Ziele führen sollen, gegen die früher herrschende bedeutend geändert. Einerseits wird gegenüber der rein diplomatischen Aktion, dem Charterismus, Notwendigkeit und Wert einer von politischen Ge- _ sichtspunkten aus geleiteten praktischen Arbeit in Palästina immer mehr, erkannt, anderseits hat sich immer mehr die Überzeugung verbreitet, daß ohne Nationalisierung der Massen auf dem Wege realer, ja selbst innerpolitischer Tagesarbeit kein Vorwärtskommen möglich ist Der Kongreß wird sich vorwiegend mit dem Programm für die praktische Paiästinaarbeit zu beschäftigen haben. Da die einzelnen Landmannschaften auf ihren Parteitagen so ziemlich gleiche Beschlüsse gefaßt haben, ist ein Kampf um die hauptsächlichsten Forderungen kaum zu gewärtigen. Die „Nur-Politiker“ und „reinen Charteristen“ bilden nur mehr ein kleines Häuflein. Bezüglich der Frage der innerpolitischen Betätigung der Zionisten ist zu erwarten, daß der Kongreß es ablehnen wird, allgemeine Direktiven zu geben, sondern dies den einzelnen Föderationen überlassen wird. Die soziale Frage wird durch das Erscheinen einer starken Gruppe zion. Sozialisten (hauptsächlich Poale Zion) aufgeröllt werden. Der Kampf wird sich wohl vornehmlich um die Siedlungsgenossenschaft drehen, weshalb wir dieser Frage in unserem Blatte die eingehendste Erörterung widmen. Es ist auch möglich, daß die extrem marxistischen Anschauungen der russischen Poale Zion zu Reibungen führen werden. Jedenfalls werden die österreichischen Delegierten wohl daran tun, dem Parteitagsbeschluß gemäß das Projekt Oppenheimers zu unterstützen. Die Organisationsfrage wird den achten Kongreß kaum beschäftigen. Haften auch unserer Organisation viele Mängel an, so ist es doch besser, nicht wieder eine kleine Flickarbeit zu leisten, sondern die Frage einem späteren Kongreß vorzubehalten. Ein zwingender Grund lasse dir und deinen Kindern heute in der Kammer betten, damit ihr euch nicht verkühlt.“ „Gemacht!“ " * * * Das Haus des Salomon Reich, eigentlich nur die Fenster des Hauses büßten für die an der Bevölkerung verübte Mißgunst der Regierung. Die Demonstration wurde planmäßig durchgeführt, als der Herr Gendarm das Dorf-verließ, um in der Umgebung zu patrouillieren. In das Bezirksblatt wurde eine flammende Notiz gesendet. Dr. Jahelka besorgte es schon, daß sie in alle Prager Tagesblätter komme. . Drei Tage nach der Demonstration brachte Reich dem Gemeindevorsteher'die saldierte Rechnung vom Glasermeister auf fl. 1.60 und die restlichen fl. 3.40 zahlte er zurück. Aber fünf Gulden waren schon in der Gemeindeverrechnung als „unvorhergesehene Ausgabe“ eingetragen; man wendete also diese fl. 3.40 einem gemeinnützigen Zwecke zu! Am Sonntag kam der ganze Gemeinderat — Salomon Reich war auch geladen und erschienen— im Gasthause „An der Spitze“ zusammen und dort wurde manches Krügel Lagerbier zu Ehren der gut gelungenen Demonstration geleert.' 'Weit ins Freie tönte der Ruf: „Daß bei uns der Herr und Knecht tapfer kämpfen um ihr Recht.“ („Montagspost“, von J. J. L.) zur Änderung liegt nicht vor und die gemachten Vorschläge sind alle noch nicht genügend durchdacht und gereift. Was die Wahl der Leitung betrifft, so werden die Delegierten sich wohl auf den Standpunkt stellen, den der innerosterrreichische Distriktstag eingenommen hat, daß es nicht wünschenswert ist, Personen von diametral entgegengesetzten Anschaungen ins engere A.-K. zii wählen. Die Leitung muß eine einheitliche und damit auch eine feste sein. Die Frage des Territorialismus welche auf den letzten zwei Kongressen die Gemüter bis zur Siedehitze erregte, wirdam achten Kongreß keine Rolle spielen. EinBeweis, wie weise die Entscheidung des siebenten Kongresses war. Der Territorialismus, den man als eine Art oder Abart des Zionismus angesehen hatte, hat inzwischen, seit er selbstständig geworden ist, aller Welt geoffenbart, daß er nichts ist, als eine Wohlfahrtsbestrebung,-die man gutheißen kann oder nicht, die aber gar nichts mit dem nationalen Gehalt und den politischen Zielen des Zionismus zu tun hat. Der ächte Kongreß hat eine Fülle schwieriger Aufgaben zu lösen. Wir wünschen und hoffen, daß seine Beratungen und seine Haltung den Worten entsprechen, die unser großer Führer am ersten Kongresse gesprochen: „Unser Kongreß sei ernst und hoch, den Unglücklichen zum Wohle, niemandem zu Trutz, allen Juden zur Ehre und würdig einer Vergangenheit; deren Ruhm wohl schon fern, aber unvergänglich ist!“ Der Ministerpräsident und der „Jüdische Klub“. Im Ministerratszimmer des Parlamentes fand am 22. Juli eine für die österreichischen Juden denkwürdige Konferenz statt: der österreichische Kabinettschef hatte den Obmann des „Jüdischen Klubs“ zu sich geladen, um mit diesem in Fühlung zu treten und sich über seine Tendenzen zu orientieren. Die Konferenz ist denkwürdig, weil der parlamentarische Führer der Jüdischen Nationalpartei zum erstenmal in dieser Eigenschaft zum Chef der Regierung sprach, die Wünsche und innerpolitischen Ziele. der Zionisten verdolmeschte und weil diese Besprechung deutlich zeigt,, wie sich die Richtlinien der jüdischen Politik in Österreich verschoben haben. Einst klaubte man — das Klischee ist ja bekannt — alle Gemeinplätze über jüdische Gleichberechtigung, Patriotismus, Pflichterfüllung zusammen, fabrizierte daraus einen Protest oder eine Resolution, entsandte einen Wiener Kultusvorständ oder sonst eine von einer Clique legitimierte Deputation ins Ministerium — und die kolossale Aktion war fertig. Die schönen Worte, mit denen einMinister pflichtgemäß die gschaftelhuberischen Judenretter hinauskomplimentierte, wurden als der große Erfolg der wichtigtuenden Protestjuden ausgeschrien. Immer der gleiche Protest, immer die gleiche Antwort, immer der. gleiche Jubel auf jüdischer Seite. Wir sind weit davon entfernt, aus der Antwort, die diesmal der Ministerpräsident dem R.-R.-Abg. Dr. Straucher gab, Schlüsse auf eine gründliche Änderung der Regierungspolitik gegen die Juden zu ziehen. Das wäre allzu -voreilig und optimistisch/ Wir nehmen ohne besonderes Echauffement die Erklärung des Ministerpräsidenten zur'Kenntnis, daß er kein Feind der Juden: sei, aber nehmen mit starkem Zweifel die Behauptung entgegen, daß während seines Regimes V®r^e^zungei]i ^er den Juden gewährleisteten staatsbürgerlichen Gleichheit nicht Vorkommen. Der Zweifel gilt

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