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Jüdische Zeitung · 1907-08-05 · 6 (5.8.1907) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
6 (5.8.1907)
Date
1907-08-05
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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U - --1 Erscheint am 5. n. 20. jeden lonats. J-- -L Redaktion, Administration und Abonnementpreise: Inseratenaufnahme: Ab September 1907 jeden Freitag. ln Österreich-Ungarn: Ganzjähr. K 6.— halbjähr. K 3.—, vierteljähr. K 1.60. IX., Türkenstraße Nr. 9 Telephon Nr. 14.199. Zu haben in Wien: Administration, Türkenstraße Nr. 9. Im Ausland: — Ganzjähr. K 9.—, halbj. K 4.50. Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr Zeitungsbureau Goldschmiedt, I., Wollzeile Nr. 11.. — vormittags. Einzelne Nummern 25 Heller. 3- , n Vertretungen in der Provinz: In Brünn: Zeitungsbureau, Ferdinandsgasse. — In Prag; Zeitungsverschleiß Wlezek, Graben 33. — In Leipberg; Karl Buchstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 6. Wien, Montag, den 5. August 1907. I. Jahrgang. Die nächste Nummer erscheint mit dem vollständigen Bericht über den VIII. Zionistenkongreß am 25. August. — Von Freitag, den 6. September an, erscheint die „Jüdische Zeitung“ als Wochenblatt. Theodor Herzl: Nach dem ersten Kongreß. (Aus einem ungedruckten Manuskript.) Dieses kleine Buch gebt nun zum zweiten Male für hebräische Leser in die weite Welt hinaus. Ich glaube nicht, daß dies um seiner literarischen Eigenschaften willen geschieht, sondern nur wegen des Gedankens, den es ausspricht, und der keinem Einzelnen gehört. So sind denn auch tatsächlich alle stammestreuen Juden heute schon Mitarbeiter an dem Werke, daß uns zusammenruft me'arbä kaufoth hoorez. In dem Augenblicke, wo ich diese Worte schreibe, gehen wir an neue Aufgaben heran, die uns vom Baseler Kongreß aufgetragen wurden. Es handelt sich darum, vom Worte zur Tat überzugehen und die materiellen Grundlagen auszugestalten, nachdem die ideellen in großen Umrissen bereits feststehen. Wir haben gute Hoffnung, daß untf auch dies gelingen -werde. Freilich ist auch dieser Teil des Werkes ein ungeheuerer, und wenn ein Einzelner sich ver- FEUILLETON. Der Kampf ums Recht. Es war anfangs Dezember 1899. Der Gemeindevorsteher von Yeletau, Franz fiiha, ging in die Stadt zum- Markte und wie gewöhnlich, hielt er sich beim „Schwarzen Bössei“ auf. Es ist dies ein Hotel, in welchem vormittags die Notabilitäten der Stadt zum Frühschoppen sich versammelten. Herr fiiha konnte getrost einkehren und beim Herrentisch Platz nehmen, er war ja doch Gemeindevorsteher und ein sehr reicher Bauer obendrein. Im „Extrazimmer“ war es voll und überaus geräuschvoll. Man besprach die Aufhebung der Sprachenverordnungen und die Demonstrationen, welche in der Stadt eben veranstaltet wurden. Wie immer, war auch diesmal der Stadtrat Zykes, „die rechte Hand des Bürgermeisters“, der Wortführer. „Habt ihr in Yeletau auch schon demonstriert?“, frug Herr Zykes den Yeletauer Gemeindevorsteher, ehe sich derselbe beim Tische zurecht setzte. „Nein, wir haben nicht demonstriert“, antwortete Kiha ganz gelassen. „Ich bitt’ Sie, bei uns gibt es nur wenige Nummern, die Einwohner sind durchwegs ruhige Leute, welche froh sind, wenn.. .“ Man ließ ihn nicht ausreden. Ein Sturm von Unmut ward ihm zur Antwort auf seine friedfertigen Worte. Yon allen Seiten wurde Riha mit sehr unparlamentarischen * Ausdrücken, messen wollte, es zu tun, müßte er verzagen. Aber wir heben alles aus der Sphäre der geringen, schwachen, einzelnen Person in die Sphäre der Volkspersönlichkeit. Unser Volk ist nicht zu klein für die Aufgabe, die ihm gestellt ist. Es ist ein vielgeprüftes, standhaftes, unsterbliches Volk, und es wird nicht ruhen, bevor es heimgekehrt ist in sein verheißenes teueres Land. So soll auch Keiner, der sich wie ich als ein verschwindend kleines Teilchen des Gesamten fühlt, ruhen und schweigen, um Zions willen. Der Tag wird kommen, wo die frohen Scharen der Heimgekehrten wieder ans alte Land steigen. Dieses Ziel bleibe für und für der beste Inhalt unseres Lebens. Wir können es nicht besser sagen, als mit dem alten Wort: Lema’an Zion. t* Th. H. ** Das Manuskript ist Si„:-Besitze unseres Gesinnungsgenossen Dr. M. Berkowiez, der die hebräisehe Übersetzung von Herzls Broschüre: „Der Baseler Kongreß“ besorgt hat. Dieser Aufsatz war als Vorwort zur zweiten Auflage der hebräischen Übersetzung bestimmt, welche im Verlage „Achiasaf“, Warschau, als erstes Heft der Kollektion von Zeitfragen, unter dem Titel „Misman lisman“, erscheinen sollte. Ans unbekannten Gründen ist aber eine Neuauflage dieser hebräischen Broschüre nicht herausgegeben, somit auch obiges Vorwort nicht abgedruckt worden. Der Schluß des Vorwortes „lema’an Zion“ bezieht sich auf den Wahlspruch Herzls norm vh }VS [»ab (Jesaias 62,1.), der sieh nebst seiner Unterschrift in hebräischer Kurrentschrift nnter seinem Bilde befindet, das der ersten Auflage der hebräischen Übersetzung beigedruckt ist. Oie Redaktion. Drohungen und mit Hohn bestürmt. Nur der Stadtj rat Zykes behielt Buhe und Besonnenheit und erklärte dem verblüfften Gemeindevorsteher, wie sehr es geboten sei, zu beweisen, daß auch der ehrwürdige Ort Yeletau die politische Lage vollkommen erfaßt hat. Der ganze Bezirk muß beweisen: „Daß bei uns der Herr und Knecht tapfer kämpfen um ihr Becht.“ Man belehrte den Gemeindevorsteher: Versammelt euch abends am Kapellenplatze, oder vor dem Spritzenhause, dort ist ein passender Ort dazu. Dorten werdet ihr die Nationalhymne singen, dann kann jemand auf die Stiege der Johannesstatue steigen und einige warme, patriotische Worte sagen. Fällt ihm nichts ein, könnte er ein Gedicht deklamieren, meinetwegen „Die drei Zeiten Böhmens“. Na, dann werdet ihr wieder singen, durchs Dorf der Länge nach ziehen and den Juden die Fenster einschlagen. . . . „Aber wir haben im Dorfe nur einen einzigen“, meinte der Vorsteher, der wie auf Nadeln bei Tische sa£. „Alles eins“ donnerten ihn die Tischgenossen an. „Aber meine Herren, unser Jud’ lebt mit uns in bestem Einvernehmen bereits seit seinen Jugendjahren.“ „Alles eins, ein Jud ist und bleibt er doch!“ „Er ist auch Mitglied der Gemeindevertretung.“ „Das macht nichts. Die Begierung hat uns beleidigt und wir müssen ihr eine gehörige Antwort geben.“ „Da hört sich allesauf“, riefßiha, „wasgeht das unseren Salomon an, was die Begierung gemacht oder nicht gemacht hat?“ Der jüdische Weitkongreß. Zum achten Male tritt am 14. August der Zionistenkongreß im Haag zusammen. Wir haben uns an die regelmäßige Wiederkehr des Kongresses schon so gewöhnt, daß er uns als eine Institution erscheint, über deren Dasein wir uns keine Gedanken mehr machen, die etwas ganz Selbstverständliches darstellt und deren ungeheuere Bedeutung wir nicht mehr empfinden. Wenn wir rückschauend den zurückgelegten Weg überblicken, dann müssen wir stolz bekennen, daß sich in wenigen Jahren eine wunderbare Wandlung im jüdischen Volke vollzogen hat. Nicht durch äußere Einflüsse, nicht durch gewaltige geschichtliche Veränderungen — sondern durch der Nation eigene Kraft, durch ihren eigenen, unbesiegliehen Willen! Zwei Jahrtausende hindurch haben wir Juden allen Schrecken der Hölle gegenüber an unserer nationalen Sonderexistenz festgehalten, durch Feuer und Wasser sind wir gegangen — durch die Feuer der Scheiterhaufen und der Mordwaffen, durch die Wässer der Assimilation — tausend Metamorphosen haben wir durchgemacht und überstanden, unser unversiegliches Leid haben wir getragen und tragen es noch, niehts aber konnte in uns den Willen zur Erhaltung unserer Eigenart, zu neuem volklichen und staatlichen Leben, Kein guter Geist war es, welcher dem Veletauer Gemeindevorsteher diese unglückseligen Worte eingegeben hat. „Da elender Hilsnerianer!“ „Du Judenknecht!“ „Da Landesverräter!“ „Milota von Dedic!“ Solche und ähnliche Ausbrüche der Vaterlandsliebe fielen dem Gemeindevorsteher in sein Bier und verbitterten es ihm zur Gänze. Er sah, daß er die Herren allzusehr gegen sich gereizt hat — und ruhigen Gemütes, wie er war — erhob er sich nnd ging nach Hause. Am Heimwege sann er darüber nach, was man ihm beim „Schwarzen Bössei“ auferlegt hat. Es ist wohl wahr, Salomon Beich hat gar nichts verschuldet. Beich ist ein braver, rechtschaffener Mann, der zu allen nationalen Zwecken viel mehr beisteuert, als die Übrigen, er spielt Tartel nur mit „Nationalkarten“ — -und überhaupt macht er alles, was die anderen Patrioten tun oder tun sollen. Aber wahr ist es auch, daß ihm Dr. Jahelka, Sekretär Marek und Stadtrat Zykes immer gut geraten haben. Es sind sehr einflußreiche Leute, sie haben ein Wochenblatt in Händen. Wird Veletau nicht demonstrieren, dann nimmt das Schimpfen kein Ende. „Es bleibt nichts anderes übrig,“ sagte der Gemeindevorsteher — doch Salomon Beich, mit welchem er in die Schule gegangen war, mit welchem er seit langen Jahren in bester Freundschaft lebt, die durch kein Mißverständnis je getrübt wurde, trat in seinen Gedanken hervor.

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