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Jüdische Zeitung · 1907-07-19 · 5 (19.7.1907) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
5 (19.7.1907)
Date
1907-07-19
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 5 wenn er aufgenommen wird; denn die ruthenischnationäle Gesellschaft „Dniester“ zum Beispiel nimmt jüdische Versicherungen überhaupt nicht, an. Bekanntlich ist jedoch die Krakauer Versicherungs-Gesellschaft ein rein antisemitisches Institut, sie beschäftigt keine jüdischen Beamten und keine jüdischen Agenten, obwohl sie Gelder ohne Unterschied der Konfession der Geber skrupellos in die nationalen Taschen steckt. Ihre Agenturen sind zugleich auch die Sammelpunkte der allpolnisch-antisemitischen Agitation in den kleineren Städten Galiziens. Wenn also ein derartiges Institut mit jüdisch nationaler Färbungins Leben gerufen werden könnte, würden ihm nicht nur die mästen jüdischen Versicherungen zufallen, so daß seine materielle Existenz bald auf feste Basis gestellt wäre, auch der Zionismus selbst würde als politischer Faktor ungeheuer viel gewinnen. Schon die Schaffung eines so praktischen wirtschaftlichen Instrumentes der zionistischen Partei, die so der kleinstädtischen jüdischen Bevölkerung Galiziens näher käme, müßte diesen Juden besondere Achtung für den Zionismus einflößen. Sie fanden darin eine schlagende Widerlegung der diversen „ Utopie“-Einwände und würden zur Überzeugung kommen, daß der Zionismus auch wirklich reale Politik treibt. Eine jüdisch nationale Versicherungs-Agentur wäre die beste Sammelstelle für den „Schekel“, der sieh dadurch sehr leicht bei den großen Massen der galizischen Judenschaft einbürgem ließe. Und last, not least einige Hundert jüdische Familien hätten dabei eine lohnende Beschäftigung und wir wären nicht mehr gezwungen, mit unserem Gelde unsere bittersten nationalen Feinde zu füttern. Was die finanzielle Frage betrifft, die Frage der Fundierung, so glaube ich als Laie, daß bei der unzweifelhaften Popularität des ganzen Projektes ein Gründungskapital von etwa 2,000.000 Kronen in kleinen Aktien ä 25, 50 und 100 Kronen aufgebracht werden könnte. Ich denke an ein Unternehmen mit gegenseitiger gemeinsamer Haftung und rechne auch mit der Unterstützung der Gesellschaft durch die Jüdische Kolonialbank. Aber noch einen und zwar zunächst mittelbaren Vorteil hätte eine solche Gründung zur Folge. Die sogenannte „Chaluka“ ist eine schlecht organisierte und jeder wirklichen Kontrolle entbehrende Einrichtung, die im Vergleiche zu ihren enormen Mitteln wenig leistet, dafür aber sehr viel zur Verbreitung von Korruption und Bettelei in Palästina beiträgt. Diese „Chaluka“ könnte mit Hilfe einer Lebens- und Rentenversicherungs-Gesellschaft langsam, aber sicher in moderne Bahnen gdenkt werden. Ich denke mir die Chaluka-Metamorphose etwa auf folgende Weise: Jeder Jude hat eine kleine Rentenversicherungs- Polizze, deren Prämien den gewöhnlichen „Chaluka- Büchsen“ -Beiträgen ungefähr gleichen. Die nach dem Überschreiten des 60. Lebensjahres jährlich in Palästina zahlbare Rente soll entweder vom Inhaber sähst, wenn er nach Palästina übersiedelt, oder von einer anderen Person, die im heiligen Lande sich ansäßig macht und vom Inhaber auf Vorschlag einer Kommission bevollmächtigt worden ist, bezogen werden. Der Vorteil gegenüber dem jetzigen „Chaluka“-System liegt darin, daß dje Verwaltungskosten sehr gering sind und die Kontrolle keine Schwierigkeiten bereitet. Jeder Spender hätte das Bewußtsein, sein Seherflein dem Bedürftigen und Armen in Palästina direkt und voll zugefuhrt zu .haben. Dadurch, sowie durch die Möglichkeit, gegebenenfalls sdbst die Rente zu beziehen, würde sich die Opferwilligkeit verdoppeln und die Büchsengaben würden auf das Zehnfache steigen. Mögen die berufenen Kreise über obiges Projekt nachdenken und die Diskussion in der Öffentlichkeit fortsetzen. Joachim Neiger. Kozlöw, Galizien, im Juli 1907. Rundschau. (Verweigerte Tauffreiheit) Der Berliner „Vorwärts“ schreibt am 14. Juli d. J.: „Die Religion muß dem Volke erhalten bleiben, im Reichslande allerdings nur die jüdische und katholische Konfession; den Protestanten ist es nämlich dureh Landesgesetz gestattet, aus ihrer Religionsgemeinschaft auszutreten, nicht aber den Katholiken und Juden. Über ein Gesuch des Verbandes süddeutscher Frddenkervereine, auch den Katholiken und Juden den Austritt aus ihren Religionsgemeinschaften zu ermöglichen, ging die zuständige Kommission des Landesausschusses einfach zur Tagesordnung über.“ I Arme jüdische Assimilanten und Renegaten! Es ist ein grausamer Zwang, der ihnen die letzte Konsequenz ihrer Assimilationssucht vorenthält und die im übrigen Deutschland und in Österreich so beliebten Karrieretaufen unmöglich macht. Und wie besorgt die „Freidenker“ um die Tauffreiheit jüdischer Konvertiten sind! Es ist wirklich rührend. Ihre Schützlinge werden, wenn es sein muß, den Weg zum Taufbecken schon finden. Die Gewissensnot macht erfinderisch und außerhalb Elsaß’ kann man den Glauben wie Kleider wechseln. (Von Major Dreyfus.) Am ersten Gedenktag der Entscheidung des Kassationshofes veröffentlicht die „Aurore“ einen Brief, den de Pressense namens der Liga der Menschenrechte an Dreyfus gerichtet hat. In den einleitenden Zeilen dieses Glückwunschschreibens wird bestätigt, daß Major Dreyfus den Dienst verlassen will. (Alt-Wien.) V. Chiavacci schildert in einem Feuilleton der „Österr. Rundschau“ ansgestorbene und aussterbende Wiener Volkstypen. Zu diesen Typen, die nach dem Jahre 1848 allmählich verschwanden, gehören die Sesselträger. Im Jahre 1703 erteilte Kaiser Leopold 1. seinem Kammerdiener die Erlaubnis, Tragsessel in Wien einführen zu dürfen. Die Verordnung enthält unter anderem folgende Bestimmung: „Es dürfe indes in diesen Sesseln weder ein Kranker, noch jemand in der Livree, noch eine andere geringfügige1 Person, viel weniger ein Jude getragen werden; nur die Pagen machen eine Ausnahme.“ (Oie Sterblichkeit der Wiener luden.) Dr. Siegfried Rosenfeld behandelt im Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie die Ursachen der jüdischen Mindersterblichkeit In Wien starben in den Jahren 1899 bis 1903 von der Zivilbevölkerung auf je 10.000 Katholiken 211 Personen, bei den Juden aber nur 129. In beiden Geschlechtern weisen die Juden die geringste, die Römisch- Katholischen die größte Sterblichkeit auf, während die Sterbeziffer der Evangelischen in.der Regel die Mitte bildet zwischen der Sterblichkeit der Juden und der Katholiken, sowohl in bezug auf die Todesursachen, die bei den Juden häufiger, wie auch auf die anderen, die bei den Juden seltener Vorkommen als bei den Katholiken. Die Juden haben die geringste Sterblichkeit an allen das Kindesalter betreffenden Todesursachen. Es sind dies Masern, Keuchhusten, Diphtheritis, Syphilis, akute Bronchitis,. Durchfall und Darmkatarrh der Kinder, sowie Lebensschwäche. Damit ist aber erst etwas mehr als der dritte Teil der Mindersterblichkeit der Juden erklärt. Am ausschlaggebendsten für die Mindersterblichkeit der Juden ist die Tuberkulosesferblichkeit. Diese ist bei den Juden am geringsten, mag es sich um welche Form oder Lokalisation der Tuberkulose immer handeln, sei es um Lungentuberkulose, zu der die Erwachsenen das Hauptkontingent stellen, sei es um Gehirn- oder Gehirnhauttuberkulose, an der die Kinder am meisten beteiligt sind. Schon der Umstand, daß auch die im Kindesalter häufigen Formen der Tuberkulose bei den Juden eine geringere Frequenz aufweisen, spricht dafür, daß wir es mit einem tatsächlich selteneren Vorkommen der Tuberkulose bei den Juden zu tun haben. Ferner sind „Erkältungskrankheiten“ bei den Jnden seltener. Hieher gehört der akute Gelenksrheumatismus. Da dieser zumeist Ursache der organischen Herzkrankheiten ist, begreifen wir auch deren Seltenheit bei den Juden. Die organischen Krankheiten des Herzens verhalten sieh bei den Juden und Evangelischen anders, als bei den Katholiken, bei denen sie das weibliche Geschlecht weit stärker als das männliche heimsuchen. Seltenheit der Herzfehler bedingt wiederum Seltenheit von Blutandrang zum Gehirn, Gehirnschlagfluß u. s. w. Zum Teil hängen einige der bisher genannten Krankheiten mit der Beschäftigung zusammen. So z. B.: Lungentuberkulose, Bronchialkatarrh, Gelenksrheumatismus, Lungenentzündung. Hierher gehören auch die sonstigen gewaltsamen Todesarten, insofern in ihnen die Betriebsunfälle enthalten sind. Unter den bei den Juden üblichen Todesursachen ist Altersschwäche am häufigsten. Dementsprechend können wir auch ein häufigeres Vorkommen aller jener Todesursachen erwarten, die erst oder wenigstens zumeist im vorgerückteren Alter znr Beobachtung kommen: Krebse und bösartige Neubildungen, Gehirnblutung, Arterienverkalkung, Emphysem und die Erkrankungen der Prostata und viele Blasenkatarrhe. Interessant ist, daß auch bei den Juden die Sterblichkeit mit zunehmendem Wohlhabenheitsgrad ihres Wohnbezirkes sich vermindert, daß jedoch bei ihnen die Sterblichkeitsschwankungen nach Bezirken am geringsten sind und mit abnehmenden Wohlhabenheitsgrad des Wohnbezirkes sich immer mehr von der Sterblichkeit der Katholiken entfernten. Der Grund für die geringe Sterblichkeit der Juden dürfte nach Rosenfeld im wesentlichen auf bessere Pflege und Ernährung der Kinder, auf allgemein unter ihnen besser ausgebildeten Familiensinn, der häufig die günstigen Folgen der Wohlhabenheit für die Erhaltung der Gesundheit zu ersetzen pflegt, auf ihre Berufsgliederung, nicht aber auf Rasseneigentümlichkeiten zurückzuführen sein. Wahlen für den VIII. Zionistenkongreß im Haag. Dem österreichischen L.-K. wurden bisher folgende Delegiertenwahlen zur Kenntnis gebracht: Wien: Dr. Isidor Margulies, Adolf Böhm, Heinrich Lederer, Dr. Isidor Schalit, Dr. David Rothblum, S. Kaplansky-Kaplan als Delegierte, Eisig Torczyner, Dr. E. M. Zweig, Rudolf Nassau, Dr. Israel Waldmann, Nathan Groß als Ersatzmänner. Graz—Leoben: Dr. M. Ehrenpreis. Stanislau: Dr. Markus Braude (Dr. Hillel Sußmann), Dr. Anselm Halpern (Jonas Aschkenasy). Stryj: Dr. Abraham Salz. Czortköw: Dr. Malz. Nadwörna: Dr. Sußmann. Lemberg: R.-R.-Abg. Adolf Stand (Professor B. Schatz). Radautz: Professor Dr. Alfred Engel (Oskar Lieben). Cernowitz: R.-R.-Abg. Dr. Benno Straucher (Löbl Taubes), R.-R,-Abg. Adolf Stand (Dr. Beruh. Stecher), Dr. Salomon Kassner, Dr. Philipp Menczel (Emil Schecht). Troppau: Rudolf Nassau. Friedek — Weißkirchen: Oberlehrer Kraus (Hugo Adler). Karlsbad: Ludwig Steiner (Rabbiner Dr. Thieberger. Teplitz: Frau Elisabeth Perutz (Julius Kohner). Prag: Med. univ. Dr. Moritz Kohn (J. U. C. Ernst Gütig). Büchereinlauf. Palästina-Handbuch von Davis Trietseh*). Die Kommission zur Erforschung Palästinas hat sich durch Herausgabe dieses Palästina-Handbuches,. des ersten dieser Art, ein großes Verdienst um die Verbreitung und Vertiefung der Palästinakenntnisse erworben. Das Werkehen, das sehr schön äusgestattet ist, wird sich bald seine Freunde erobern und allen, die für Land und Leute in Palästina Interesse haben, ein verläßlicher Führer sein. Trietseh gibt über alle einschlägigen Verhältnisse des Landes, die bei Kolonisationsfragen und beim Palästinastndium überhaupt eine Rolle spielen, in gedrängter Übersieht erschöpfende Auskunft. Über Geographie und Geologie, über die Verwaltung und Bevölkerung, über die Wirtschaftslage, Handel, Industrie, Verkehr u. s. w. bringt das Handbuch viele wissenswerte Daten. Eine Anzahl gelungener Kartenskizzen und statistischer Tabellen gibt eine passende Ergänzung der in dem Hilfsbuch anfgestapelten Materialien. Das Handbuch von Trietseh, der auch ein zweites Palästinahuch über Handel, Industrie und Verkehr ankündigt, ist eine dankenswerte Bereicherung der Palästinaliteratnr. Es sei unseren Gesinnungsgenossen, speziell der studierenden Jugend wärmstens empfohlen. Es ist inhaltsreich nnd kann ohne Übertreibung als die beste Arbeit auf diesem Gebiete bezeichnet werden. Es ist unentbehrlich für jeden, der an Palästinas Entwicklung Anteil nimmt. Korrespondenzen. (Wien. — Ein „Ofner-Verein“ in der Leopoldstadt.) Das Wahlkomitee des Herrn Doktor Julius Ofner, das ihm zum Leopoldstädter Mandate verholfen, hat sich mitten in der hochsommerlichen Hitze als „Freiheitlich-sozialer Verein Leopoldstadt“ konstituiert. Herr Bezirksrat Neustadtl ist sein Präsident. Er hat in seiner Programmrede, die den Kampf gegen drei Fronten — Klerikale, Altliberale, Zionisten — ruhmredig verkündete, indirekt gegen die Zionisten polemisiert und gesagt: »Wir wollen uns nicht als jüdische Nation von der Mitwelt ausschließen, sondern mit den anderen Freiheitlichen eine gemeinsame Partei bilden. Wir gehören der deutschen Kultur an, in der wir eben erzogen wurden.“ Es wäre jetzt nach den Wahlen wirklich Zeit, daß der Herr Bezirksrat den Zionismus begreifen lernt. Dieses Argument -mit der Selbstausschließung von der Mitwelt ist ja doch nur eine läppische Phrase. Was aus der gemeinsamen Partei nach dem Hock- *) Bucbhandlerischer Vertrieb: Louis Lamm, Berlin C 2, oder Jüdischer Verlag, Köln, Ubierring 23.

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