Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 5 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 7 Kümmel geworden ist, hat alle Öffentlichkeit gesehen. Und mit dem bißchen deutscher Kultur, die ihm kein Mensch rauben will, gar so viel Staat zu machen, macht den Herrn Bezirksrat lächerlich. Also wozu die leeren, nichtssagenden Redensarten? Herr Dr. Schwarz-Hiller hat in der „Wage“ die Zwecke der neuen Leopoldstädter Organisation mit dankenswerter Offenheit enthüllt: „Der neue Verein wird Ofner-Verein heißen, und sein Programm heißt einfach und deutlich: Dr. Julius Ofner.“ Allen Respekt vor Herrn Dr. Ofner — aber ein Programm ist sein Name nicht. Das „großzügige, freiheitliche und sozialpolitische Programm“ Dr. Ofners verliert durch solchen Personenkult an Wert. Offen gesagt: der Verein soll so eine Art Mandatsversicherungsverein sein, die Leopoldstadt der sichere Besitzstand Dr. Ofners werden. Das Streben ist begreiflich, aber dann soll man den immerhin kleinlichen Zweck nicht hinter hochtrabenden Worten und bramarbasierenden Kampfparolen verschanzen. Herr Neustadtl weiß, warum er die Bekämpfung der zionistischen Partei in der Leopoldstadt in den Vordergrund stellt, und er hat nicht Unrecht, wenn er von ihr rege politische Arbeit erwartet. Aber es muß festgestellt werden: die Ofnerianer sind eine auf einen Bezirk beschränkte Clique, die Zionisten eine organisierte, interterritoriale Partei, die Ofnerianer kämpfen in erster Linie um ein Mandat und für eine bestimmte Person, die Zionisten arbeiten für eine Idee und für weitsichtige Volkspolitik. Es ist also ein ungleicher Kampf, dessen endgültiger Ausgang kaum .zweifelhaft ist. (Wien.) Die „Österreichisch-Israelitische Union“ hat in der Hilsner-Affäre eine Belohnung von 20.000 Kronen ausgesetzt und denjenigen zugesichert, welche dem Gerichte oder dem Verteidiger Dr. Aurednicek innerhalb zweier Jahre, d. i. bis. zum 10. Juli 1909, solche Angaben machen oder Beweismittel beibringen, die zur Entdeckung der Täter oder zur Erweisung der Unschuld Leopold Hilsners und somit zur Wiederaufnahme. des Strafprozesses führen. Der Betrag erliegt zu obigem Zwecke bei dem Notar Dr. Janatka in Polna. — R.-R.-Abg. Dr. Straucher hat in der Sitzung vom 2. Juli 1907 über die Strafsache des Leopold Hilsner eine Interpellation eingebracht, welche 22 Druckseiten des stenographischen Protokolls umfaßt und eine glänzende Zusammenfassung des Materials darstellt. (Oderberg.) Sonntag, am 7. Juli, feierten die hiesigen deutschen Turner ihr Turnerfest. Der Turnverein hat den Arierparagraphen in seine Statuten aufgeiiommen und ist unentwegt judenrein. Die hiesigen Juden haben aus der Tatsache die einzig mögliche Konsequenz gezogen und sind dem Feste ferngeblieben. Mit einer einzigen Ausnahme! Der hiesige Bürgermeister und Obmann des jüdischen Bethausvereines, Viktor Lustig, beehrte das judenreine Fest nicht nur mit seiner Anwesenheit, sondern hielt sich auch für verpflichtet, den Deutschen Turnverein besonders zu feiern und ihm gedeihliche Entwicklung zu wünschen. Es steckt eine politische Spekulation hinter diesem wenig mannhaften Vorgehen: in einigen Wochen finden Neuwahlen statt, und so wollte denn der Herr Bürgermeister die Deutschen günstig stimmen. Es bleibt abzuwarten, ob die hiesigen enragierten Antisemiten auf diesen Köder fliegen werden. Aber sicher ist, daß die jüdischen Bürger die Taktik des Herrn Lustig entschieden mißbilligen. Als Obmann des jüdischen Bethausvereines, also als der offizielle Repräsentant unserer kleinen Judengemeinde, hat er ausgespielt. (Krakau.) Am 1. Juli fand im Saale des hiesigen Vereines „Hasmonäa“ ein feierlicher Abschiedskommers zu Ehren Samuel Hirszenbergs statt, welcher nach Palästina abreist, um die Stelle eines Lehrers im „Bezalel“ anzutreten. In schwungvollen Worten feierte Dr. Hilfstein den Gast, beleuchtete seine künstlerische Arbeit, die er als jüdischer Künstler, als Schöpfer des Monumentalbildes „Golus“ geleistet, und wünschte ihm Glück für das weitere Wirken im „Bezalel“, wo er ein neues jungjüdisches Künstlergeschlecht erziehen möge. Der nächste Redner, Dr. Bu 1 wa, feierteHirszenberg als treuen Sohn seines Volkes, der aus dem jüdischen Volksleben die Motive für seine Gemälde nimmt. Nach weiteren Toasten dankte Hirszenberg für die herzliche Aufnahme, die er in Krakau gefunden, bedauerte, die ihm liebgewordenen Freunde verlassen zu müssen. Aber das Bewußtsein, einer nationalen Pflicht zu genügen, erleichtere ihm den Abschied. Nach dem Kommers wurde eine Sammlung veranstaltet, damit im Herzl-Walde auf den Namen Hirszenbergs und seiner Frau zwei Ölbäume gepflanzt werden. (Lemberg. — Der Streik der jüdischen Klempner.) Seit einigen Wochen streiken die Lemberger jüdischen Klempner, welche unbedeutende Lohnaufbesserungen und Arbeitserleichterungen verlangen. Mit vollem Nachdruck muß das Verhalten der Meister mißbilligt werden, die nicht einmal in Unterhandlungen mit den Streikenden treten wollen. Ob sie auf solche rücksichtslose Weise die Solidarität und den Widerstand der Arbeiter brechen werden, bleibt abzu warten. (Lemberg.) Aus Lemberg berichtet man uns: Der bekannte jüdische Dramatiker Jakob Gordin aus Amerika weilte einige Tage als Gast hier und fand bei der Lemberger zionistischen Gesellschaft eine ausgezeichnete Aufnahme. Samstag, den 6. Juli, wurde im jüdischen Theater sein Drama „Der Metiref“ aufgeführt, das beifällig aufgenommen wurde. Nach dem letzten Akte wurde er vor die Rampe gerufen und hielt eine Ansprache, in der er auf den Tiefstand der jüdischen Bühnenverhältnisse und den Mangel an geeigneten Kunstkräften hinwies; er bat die interessierten Kreise, mit aller Kraft dahin zu wirken, daß das jüdische Theater eine wirkliche Volksbildungsstätte werde. Am Montag, den S. Juli, wurde ihm zu Ehren ein Kommers veranstaltet, der einen würdigen Verlauf nahm. Jakob Gordin ist in Rußland im Jahre 1S53 geboren, genoß eine streng orthodoxe Erziehung, heiratete in jungen Jahren, war zuerst Lehrer, hernach Redakteur einer russischen Zeitung in Odessa, und als solcher setzte er sich für die sozial-revolutionären Bestrebungen ein. Polizeilicher Schikanen wegen verließ er Rußland und wanderte nach Amerika aus, wo er anfänglich eine Zeitung in russischer Sprache heransgab, dann aber Mitarbeiter jüdischer Zeitungen wurde. Schließlich wandte er sich der Bühne zu. Schon seine ersten Dramen bedeuteten einen Bruch mit dem Goldenfaden-Lateinerschen System, denn was er bot, waren wirkliche Schauspiele und kein Gemisch von Operette und Tragödie. Langsam erwarb er sich die Anerkennung des jüdisch-amerikanischen Publikums und ist derzeit der beliebteste Dramaturg der dortigen jüdischen Theater. Sein Meisterwerk „Gott, Mensch und Teufel“ erschien bekanntlich unter dem Titel „Geld“ in deutscher Übersetzung in dem zionistischen Zentralorgan „Die Welt“. (Stanislau.) Das hiesige „polnische“ Gymnasium zählt 1200 Schüler, davon 800 Polen und 200 Ruthenen. Das führende Polenblatt „Slowo Polskie“ beschäftigte sich in der vorigen Woche mit den nationalen Verhältnissen auf unserem Gymnasium und kam zu dem Resultate, daß dieses den Namen einer polnischen Anstalt mit Unrecht führe, denn es besitze bloß eine polnische Unterrichtssprache. Von den 800 Polen sind nach seinen Angaben nur 370 wirklich Polen, die übrigen seien Juden, die sich gar nicht oder gezwungen zur polnischen Nationalität bekennen, in Wirklichkeit aber Zionisten sind. Diese Konstatierungen sind ja recht interessant. Sie beweisen zweierlei: erstens, daß die jüdische Jugend Galiziens fast ausnahmslos zionistisch ist, zweitens, daß die Herren Polen zur Erkenntnis gelangt sind, wie sehr ihr politischer Einfluß auf die Juden im Schwinden begriffen ist. (Jassy.) Die „Jüdische Zukunft“ ist der Titel eines zionistischen Monatsblattes, welches ab nächster Woche in Jassy erscheinen wird. Die Zeitschrift wird von Arje Keisch herausgegeben und vom Direktor der jüdischen Schule in Buzeu, Lewi Seg al, redigiert. Die „Jüdische Zukunft“ erscheint in jüdischer Sprache und will den Zionismus in den breiten jüdischen Schichten Rumäniens propagieren. Auch alle anderen jüdischen Angelegenheiten und Probleme will sie behandeln. Eine Reihe von hervorragenden jüdischen Schriftstellern und Publizisten, wie Dr. Safir in Odessa, Lewinsky, Dr. Lokimowitz, Spektator und Scheinkin in Jaffa, haben ihre Mitarbeiterschaft zugesagt. (Radautz. — Gründung eines jüdisohpoliiischen Vereines.) Vor einiger Zeit fand im hiesigen Gemeinderatssaale eine gut besuchte Versammlung jüdischer Bürger statt, die namens eines vorbereitenden Komitees von Professor Dr. Spitzer einberufen wurde. Sie hatte den Zweck, die Idee der Gründung eines jüdisch-politischen Vereines zu propagieren! Nach den ausgezeichneten Ausführungen des Einbernfers, denen eine lebhafte Debatte folgte, wurde ein provisorischer Vereinsausschuß gewählt, der aus seiner Mitte ein Komitee mit der Ausarbeitung und Überreichung der Statuten betraute. Diese wurden nun von den Herren Professor Dr. Spitzer, Advokat Dr. Menkes, B. Terner, Aron Stein und Jean D r a c h als Proponenten der Landesregierung zur Genehmigung unterbreitet. Der Verein bezweckt die Besprechung öffentlicher Fragen überhaupt und im besonderen derjenigen, die mit der Erweiterung und Vertiefung der politischen Freiheiten und mit der wirtschaftlichen Förderung der breiteren Bevölkerungsschichten, insbesondere der jüdischen, im Zusammenhänge stehen. Vorträge, Erörterungen mit allenfalls sich daranschließenden Resolutionen und Enqueten dienen der Erreichung dieser Ziele. Der Verein führt den Namen: „Jüdischdemokratischer Verein in Radautz“. (Jerusalem.) Man schreibt uns aus Jerusalem, daß R e b Meier als Grandrabbiner nach Salonichi berufen wurde, welche Gemeinde als die angesehenste des Orientes gilt. Es ist dies zwar eine große Ehrung für Meier, aber leider sind die Aussichten, daß er wieder Chacham-Baschi von Jerusalem wird, wesentlich geringer geworden, was vom zionistischen Standpunkt aus sehr zu bedauern ist. Die Einwanderung nach England. Nach dem englischen Fremdengesetz vom Jahre 1905 dürfen ausländische Zwischendeckpassagiere, die auf einem Einwandererschiff ankommen, in Großbritannien-Irland nur in bestimmten Häfen und mit besonderer Erlaubnis landen. Schiffe, die mehr als zwanzig ausländische Zwischendeckpassagiere nach dem vereinigten Königreich bringen, gelten als Einwandererschiffe. Einwandernngshäfen sind: Cardiff, Dover, Falkestone, Crangemouth, Grimsby, Harwich, Hüll, Leit h, Liverpool, London (Queensborrough), Newhaven, Southampton und die Häfen am Tyne (Newcastle, North Sehie 1 ds und South Schieids). In diesen Häfen sind Einwanderungskommissäre und Sanitätsinspektoren bestellt. Der Einwanderungskommissär erteilt die Erlaubnis. Gegen ein Verbot kann der Einwanderer an das Einwanderungsamt appellieren. Unerwünschten Einwanderern wird die Landungserlaubnis nicht erteilt. Als solche gelten: 1. Einwanderer, die nicht darzutun vermögen, daß sie die erforderlichen Mittel besitzen oder imstande sind, solche zu erwerben, um sich selbst oder ihre sie begleitenden Angehörigen anständig zu erhalten. 2. Irrsinnige und Blödsinnige und Personen, die durch Krankheit oder körperliche Gebrechen voraussichtlich der Armenversorgung aus öffentlichen Mitteln zur Last fallen oder sonst der Öffentlichkeit Schaden bringen werden. 3. Personen, die in einem fremden Lande, mit dem ein Auslieferungsvertrag besteht, wegen eines nichtpolitischen Verbrechens, das im Sinne des Auslieferungsgesetzes von 1870 ein Auslieferungsverbrechenist, verurteilt wurden. 4. Personen, die schon einmal auf Grund des Fremdengesetzes aus dem vereinigten Königreich ausgewiesen worden sind. Der Besitz von 5 Pfund Sterling (120 Kronen) seitens des Einwanderers und von weiteren je 2 Pfund Sterling (48 Kronen) für jeden begleitenden Angehörigen wird in der Regel als genügend angesehen. Ob ein Einwanderer, der den Besitz solcher Geldmittel nicht nachweisen kann, landen, darf, entscheidet der Einwanderungskommissär nach Erhebungen nach freiem Ermessen. Die Erhebungen beziehen sich hauptsächlich darauf, über welche Betriebsmittel der Einwanderer verfügt, um ein Erwerbsunternehmen anzufangen, und ob er ein bestimmtes Handwerk oder eine bestimmte sonstige Beschäftigung hat. Der Einwanderungskommissär wird bei seinem Urteil die jeweilige Konjunktur in der betreffenden Branche in Betracht ziehen. Auf fremde Zwischendeckspassagiere, die beweisen können, daß sie bloß in England landen wollen, um von dort ohne unnötigen Verzug nach einem anderen außerhalb Englands gelegenen Bestimmungsort weiterzureisen, findet das Gesetz keine Anwendung. Vereinsnachrichten. (Sniatyn.) In der hiesigen Synagoge hielt das Mitglied der jQdischnationalen Verbindung „Emunah stud. med. Israel Taubes (CzernowitzJ die Trauerrede nach dem verstorbenen Führer Dr. Theodor Herzl. Aber sogar bei solchen Anlässen mnß die Sniatyner Judenschaft die Rache der polnischen Sehlaehzizen auskosten. Nach dem „Erlasse“ der Bezirkshauptmannschaft mußte der Redner 'die Trauerrede nur in einer Landessprache halten, mehr als 150 Personen durften in die Synagoge nicht hinein, die Frauenabteilung war ganz abgesperrt und schließlich lauschten noeh ein schlachziziseher Kommissär, vier Gendarmen und sechs Polizisten den Ausführungen des Redners. Freiheit in Galizien! J. T.