Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1907-07-19 · 5 (19.7.1907) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
5 (19.7.1907)
Date
1907-07-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2438141-2438142-2438147--0044-2439529
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 5 wir schon nicht das überschwängliche Wort „Markstein“ gebrauchen wollen. Man denke nur einmal zurück! Es gab einmal eine Zeit — und es ist nicht lange her — wo im Westen kein jüdischer Gedanke gefunden werden konnte und im Osten das Bewußtsein fehlte, daß man Jude sei, wo jeder jüdische Doktor in Galizien mit dem Begriffe Täufling identisch war, wo alle Gebildeten des jüdischen Volkes darin wetteiferten, vor fremden Göttern zu scherwenzeln, wo jeder galizische jüdische Advokat die „Konfederatka“ trug, für Sokolvereine spendete und „Jeszcze Polska“ sang. Und jetzt! Da sehen wir jung und alt, Studenten und Arbeiter, Chassid und Maskil vereint in einem Bestreben, Scherflein zu Seherflein zu legen, um ein sichtbares Zeichen ihres Ideales zu errichten, um sich ein Heim zu schaffen, darin jüdischer Geist wohnen soll. Dürfen wir uns da nicht freuen, dürfen wir nicht frische Hoffnung schöpfen, daß die Wahrheit im Donnerschritt daherkommt, daß es einen Tag geben wird, wo ganz Juda geeinigt wieder eintritt in den Völkerbund als ein gleichwertiger, produk' tiver Faktor und aufhört ein Paria unter den Nationen zu sein? Sollen wir da nicht Mut schöpfen für die Zukunft und zu gleicher Zeit Befriedigung für die Arbeit der Vergangenheit? Gliniany soll nicht mehr die einzige Stadt bleiben, wo ein jüdisches Nationalhaus existiert. Czernowitz in der Bukowina hat bereits mit dem Bau eines großen Nationalhauses begonnen und Tarnopol in Galizien haj; Aufrufe versendet, zum Baue eines Nationalhauses beizutragen. Wenn man diesen Aufruf liest, den freimütigen und zugleich stolzen Ton, der aus diesen Zeilen spricht, so fühlt man sich belohnt für so manche Mühe und zugleich angeeifert, weiter den Weg zu gehen, den man gewählt: den stolzen, einsamen Weg der Selbsthilfe! „Vor zehn Jahren“ — heißt es in diesem Aufrufe — „zählte unsere große Idee in unserer Stadt bloß vier Anhänger, vier junge Studenten, Kinder an Jahren, aber Helden an Arbeitsmut; heute steht die ganze Jugend ausnahmslos in unseren Reihen und tausende Bürger wählen wacker die Partei der nationalen Wiedergeburt. Was wurde da nicht alles geschaffen? Eine Toynbeehalle, ein Turnverein, eine Volksbibliothek, eine Lesehalle; durch Vorträge und unermüdliche Arbeit hat man Lieht in die Massen getragen. Nun ist es hoch an der Zeit, für all diese Institutionen ein eigenes Heim zu bauen.“ Wahr ist es, weder das Nationalhaus in Gliniany, noch die zu erbauenden in Tarnopol und Czernowitz stellen einen überragenden Schlußstein nationaler Arbeit dar. Sie sind bloß schlichte Gebäude, von armen Juden errichtet. Den Assimilanten, Überläufern, Neunmalweisen und Superklugen sollen sie .eine Mahnung sein, umzukehren und mitzutun. Uns aber, die wir schon in Reih’ und Glied stehen, bringen sie die frohe, mutspendende Botschaft: Im dunklen Galizien bestehen schon jüdische Nationalhäuser! M. Waldmann. Oie Siedlungsgenossenschaft in Palästina. Der V. österreichische Zionistentag in Bielitz hat den Antrag angenommen, die Projekte Oppenheimers bezüglich der Schaffung einer Siedlungsgenossenschaft in Palästina zu unterstützen. Der Beschluß hat doppelte Bedeutung: eine prinzipielle, weil damit in einem wichtigen Punkte der realen Palästinaarbeit den Wünschen der Poale Zion entgegengekommen wird, und eine praktische, weil nach der Ansicht aller, die das Projekt begrüßen und fordern, seine Ausführung ein glänzendes Mittel bietet, uns in Palästina einen weiteren Stock jüdischer Landwirte zu schaffen. Die Gegner haben eingewendet, es handle sich um ein „Experiment“, das noch nirgends erprobt und daher mit einem großen Risiko verbunden ist. Sie hätten damit recht, wenn Oppenheimer die Absicht hätte, nach dem in seinen großen theoretischen Werken aufgestellten Schema zu arbeiten. Dies ist jedoch nicht der Fall, sondern er hat den Plan einer Siedlungsgenossenschaft in Palästina so praktisch modifiziert, daß der erhobene Einwand nicht stichhältig ist. Dem VITT Kongreß zu Haag wird er sein Projekt —- hoffentlich persönlich — vorlegen. Nach allem, was Oppenheimer bisher darüber verlauten ließ, argumentiert er, wie folgt: Die landwirtschaftliche Kolonisation durch Ansetzung einzelner Bauern ist, wie die Erfahrung gelehrt hat, zu kostspielig, 'ferner verfugen wir nicht über das geeignete Menschenmaterial, denn die Massen, mit denen wir zu tun haben, rekrutieren sich aus den Schichten der Kleinhandwerker und Kleinhändler. Auch würde mit der Ansiedlung privater Eigentümer die wilde Bodenspekulation und die Bereicherung nichtarbeitender Elemente gefordert werden. Oppenheimer schlägt nun vor, als Modellversuch einen Großbetrieb zu schaffen, der, wie er sich ausdrüekt, eine „versteckte Genossenschaft“ wäre. Die Unternehmer — Anteilscheinbesitzer — hätten in den ersten Jahren das Risiko voll zu tragen, das bei Berücksichtigung aller Erfahrungen, die man mit der landwirtschaftlichen Kolonisation Palästinas bereits gemacht hat, bei fachkundiger Leitung verschwindend wäre. Die Kolonisten müßten in den ersten Jahren im Lohn beschäftigt werden und so viel erhalten, daß sie mit ihrer Familie existieren können. Man wird ihnen auch, um sie langsam zur Selbständigkeit zu erziehen, ein eigenes Häuschen mit kleinem Feldstück geben, das sie mit ihrer Familie in den Freistunden zu bestellen haben, und zwar auch dies unter fachmännischer Leitung. Um die volle Intensität der Arbeitsleistung zu erzielen, wird sich die unternehmende Gesellschaft mit einer bescheidenen Verzinsung ihres Kapitals begnügen, den Reingewinn aber zum großen Teil den Arbeitern zufließen lassen. Auf diese Weise werden die Ansiedler physisch und technisch erzogen und es ist nach allen Erfahrungen zu erwarten, daß der Ertrag eines solchen genossenschaftlich verwalteten Großgutes reich genug sein wird, um die unentbehrliche Kreditbasis für weitere ähnliche Gründungen abzugeben. Sobald eine Arbeiterschaft weit genug gediehen ist, um den Betrieb in eigene Regie nehmen zu können, und ihren Ernst durch Einzahlung eines entsprechenden Kapitalteiles bewiesen hat, soll ihr das Großgut ohne großen Aufschlag eines Gewinnes überlassen werden. Sie mag nun den erprobten Gemeinbetrieb fortsetzen oder das Land teilen, wie sie es vorzieht. Nur das eine wird man sicherstellen, daß niemals der Einzelne sogenannter freier Eigentümer des Bodens wird, den er bearbeitet. Er darf nur ewiger Nutznießer sein, darf aber unter keinen Umständen Spekulationen damit treiben können, an denen er sich auf Kosten späterer Bearbeiter bereichert. Darum wird die Genossenschaft aller Arbeiter für ewigeZeiten die Eigentümerin des Bodens sein müssen, zu dem jeder Einzelne nur im Verhältnis des Erbpächters steht. Auf diese Weise werden wir nebst der Erreichung des unmittelbar praktischen Zieles: Erziehung jüdischer Massen zu Landwirten und ihre dauernde Festsetzung in Palästina, eine vielleicht für die ganze Welt vorbildliche soziale Musterleistung vollbracht haben, die ebenso dem Geiste unserer uralten Bodengesetze, als den? Sinne unseres vom modernen sozialen Empfinden diktierten Programms, möglichst viel Boden im Gemeineigentum des ganzen Volkes zu bewahren, entspricht. Franz Oppenheimer hat seinen Plan in Berlin und Wien mit vielem Erfolge vertreten. Es ist kein Zweifel, daß sich genügend viele wohlhabende Juden moderner Gesinnung finden werden, die durch Anteile das Kapital aufbringen können, wenn der Plan von der zionistischen Organisation und ihrer Palästinakommission, deren Mitglied übrigens Franz Oppenheimer ist, propagiert wird. Gewiß handelt es sich um einen „Versuch“. Aber darin muß ja eben unsere praktische Palästinaarbeit bestehen, daß wir solche Modellversuche anregen und leiten. Die Anteilscheinbesitzer werden die Mk. 500'— oder Mk. 1000'— gewiß gerne riskieren und sich über einen eventuellen Verlust nicht kränken. Die Arbeiter aber, die heute nichts zu verlieren haben und hungern, können, auch wenn der Fall ein treten sollte, daß der Versuch gänzlich scheitert, gewiß keinen Schaden davon haben, wenn sie einige Jahre mit ausreichendem Lohne in gesunder Beschäftigung ihre Kenntnisse und Fertigkeiten vermehren. Die österreichische Landsmannschaft, die sich als erste für das Projekt Oppenheimers ausgesprochenhat, wird hoffentlich im Haag mit allem Nachdruck dafür eintreteu und der VIII. Kongreß kann sich den Ruhm sichern, ein Unternehmen von großer sozialer und praktischer Bedeutung inauguriert zu haben. Hofrat und polnischer Jude. In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 12. Juli d. J. brachten die R.-R.-Abg. Dr. Heinrich Gabel und Genossen an den Minister für Kultus und Unterricht die nachstehende Interpellation ein: „Laut bisher nicht dementierten Berichtes der .Wiener Allgemeinen Zeitung“ vom 5. Juni 1907, Nr. 8781, wurde der Installateur A. Bauch dieser Tage von einem Verwandten, einemreichen polnischen Juden, der einen seidenen Kaftan trug, aufgesueht und gebeten, ihn in die Privatordination des bekannten Professors der Augenheilkunde, Dr. Ernst Puchs, zu führen. Beide begaben sich zur Zeit der Sprechstunde nach der Privatklinik des Professors, wurden aber, als sie im Wartezimmer Platz genommen hatten, von der Dienerin ziemlich barsch aufgefordert, sich zu entfernen, da der Professor polnische Juden nicht behandle. Als Bauch bemerkte, daß sein Begleiter bemittelt sei und die ärztliche Behandlung selbstverständlich honorieren werde, antwortete die Dienerin, sie hätte den Auftrag, derlei Patienten nicht vorzuführen. Bauch richtete an Professor Fuchs ein Schreiben, worin er sehr höflich um Auskunft bat, ob die Dienerin nach Instruktion gehandelt habe oder ob es sieh vielmehr um einen Verstoß derselben handle. Darauf erhielt Herr Bauch folgende offene Korrespondenzkarte: .Sehr geehrter Herr! Ich kann die polnischen Juden in ihren Nationalkostümen den anderen Kranken zuliebe, die über deren Geruch sich beschweren, nicht in mein Sprechzimmer einlassen und empfange alle diese Patienten unentgeltlich in der Klinik- Hochachtungsvoll Dr. Ernst Fuchs. Herrn A. Banch, hier, H., Förstergasse 8.“ Durch das geschilderte Vorgehen des Professors Fuchs wurde einerseits das Ansehen und die Würde der alterwürdigen Wiener medizinischen Fakultät auf das schwerste kompromittiert. Diese Falkultät und ihre Lehren, unter denen sieh stets Männer befanden, die nicht nur dureh ihre außerordentliche wissenschaftliche Bedeutung, sondern dureh ihre hervorragende, geradezu sprichwörtlich gewordene Humanität und Herzenswärme den internationalen Ruf der Wiener Universität be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.