Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 5 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 5 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 Wie die „Gazeta Narodowa“ meldet, bereitet die rüthenische radikale Partei für die bevorstehende Erntezeit einen politischen Landarbeiterstreik in Ostgalizien vor, um die polnischen Großgrundbesitzer zur Zustimmung für das allgemeine Wahlrecht für den Landtag zu zwingen. Die Agitation für den Streik ist äußerst rege und hat ihren Hauptsitz im Bezirke Sniatyn. Für die Juden Galiziens bedeuten solche Aktionen immer eine ernste Gefahr. Schon während der Wahlreformkampagne im Vorjahre haben die Großgrundbesitzer den Versuch gemacht, die allgemeine Erregung in Judenexzessen zur Explosion zu bringen und die ruthenischen Bauern so von ihren politischen und nationalen Zielen abzulenken. Der teuflische Plan ist damals dank der ruthenischen Intelligenz mißlungen. * Der freisozialistische R.-.R.-Abg. Simon Starck hat in der Debatte über das allgemeine Wahlrecht in den Landtagen zu dem sozialdemokratischenDringlichkeitsantrag einenZusatzantrag gestellt, daß eine Nationalitätenkommission zur Regelung der nationalen Frage eingesetzt werde. Der Antrag lautet: rEs sei eine Kommission aus allen Nationen zu wählen und mit der Aufgabe zu betrauen, dem hohen Hause einen diesbezüglichen Gesetzentwurf zu unterbreiten, welcher jede Nation Zis- und Transleithaniens, aber auch die Juden als eigene, selbständige, gleichberechtigte Nation betrachtet, jeder Nation die nationale Autonomie gewährleistet und jeder nationalen Unterdrückung, wie sie derzeit, insbesondere von der magyarischen Oligarchie und der galizisclien Schlachta praktiziert wird, ein Ende macht und das gesamte Reich zu einem seiner ethnischen Zusammensetzung entsprechenden Hundesstaat ausgestaltet.“ Dürfte ein nach Parteidrill handelnder Sozialdemokrat den Juden in so offener und mutiger Form nationale Selbständigkeit und Gleichberechtigung zusprechen? Zum 9. Ab. Es war einmal ... So beginnen alle Märchen und erzählen von gewesener Pracht, von einer Herrlichkeit, die vergangen ist und nicht mehr wiederkehrt. Den Kindern erzählt man der Börse durch einen Sensalen verkauft. Ein Beweis, daß die Yormundschaft der lca ganz unnötig war und die jüdischen Bauern imstande sind, sich die modernsten Handelsmethoden anzueignen. Die Kolonisten-genießen die vollste Freiheit und Unabhängigkeit, kein türkischer Beamter kümmert sich darum, was in Petach-Tikwah vorgeht. Deshalb haben sie' ihre eigene Gerichtsbarkeit und sind in den 25 Jahren mit Strafen von drei bis fünf Franks ausgekommen. Eine Illustration zu der oft gehörten Bemerkung, die Juden könnten sich miteinander nicht vertragen. Ein solches Maß von Selbstverwaltung ist in keinem anderen Lande der Welt möglich, als in der vielgeschmähten Türkei, und mit Recht fragte mich einer unserer tüchtigsten Leute in Jerusalem, als ich anfing, von „autonomen Rechten“ zu sprechen: „Ja, was wollen Sie denn noch mehr?“ Ein flüchtiger Besuch galt den großartigen Weinkellern in Risclion le Zion. Es ist betrübend, daß das verhältnismäßig geringe Quantum Wein, das die jüdischen Kolonisten erzeugen (60.000 Hektoliter), in Europa so schwer abzusetzen ist, so daß viele Weinpflanzungen wieder ausgerissen werden müssen. Am letzten Tage waren wir in Mozza. Simon Broze, einer unserer wackersten Pioniere, führte uns den Hügel hinauf und zeigte uns sein früheres Wohnhaus — einen halbkugelig aufgeschichteten Steinhaufen —, unter dem er jahrelang gehaust. Mit Blut und Schweiß hat er sich seinen Weingarten erkämpft; mit den Händen hat er die Steine ausgegraben, die dort das ganze Gelände bedecken. diese Geschichten und ihre Augen glänzen, sie leben all die Wunder mit, von denen man ihnen berichtet. Die Wirklichkeit aber hat keine Wunder, sie ist nüchtern und verlangt keine Träume der Vergangenheit, kein: Es war einmal- Aus Kindern werden Jünglinge und Männer, und damit sie es werden, müssen sie nicht nur von gewesenen Wundern, von Herrlichkeiten der Vergangenheit hören und träumen, sie benötigen auch Ideale für die Zukunft, die Märchen müssen für sie auch mit „Es wird einmal sein“ beginnen. Das jüdische Volk kannte nur Märchen aus der Vergangenheit, Glück, welches es einst besessen, Freiheit, welche es einst genossen. Und die Erinnerung an die gewesene Pracht, an die einstige Freiheit war der Born, aus dem es seine Kraft geschöpft, war das Licht, das ihm den einsamen, traurigen Weg des Golus beleuchtet hat. Tief im Inneren aber schlummerte ein Geheimnis, das sich nicht recht ans Tageslicht getraute, eine Hoffnung, die unausgesprochen blieb: ein Märchen, das nicht war, sondern sein wird. Äußerlich war es ein Volk, das in der Vergangenheit lebte, die Vergangenheit beweinte und beklagte. Wieder haben wir Tischo be-Ab. Der Jahrestag unseres größten nationalen Unglücks kommt wieder. Zweimal hat man an diesem Tage den Tempel in Jerusalem, das Palladium unserer nationalen Unabhängigkeit, zerstört; an dem Tage hat man uns aus Spanien vertrieben, an dem Tage ist soviel Leid und Unglück über unser Volk gekommen, daß Jahrtausende nicht den tiefen, tiefen Schmerz dieses einen Tages verwischen konnten. Und Juda klagte viele Jahrhunderte an dem Tage in Sack und Asche, beweinte den Verlust seiner Freiheit. Jahrtausende klagte es am Tischo be-Ab inbrünstig, daß Jerusalems Feste gefallen und die Stadt eine klagende Witwe geworden. Und einigemal glaubte es falschen Propheten, die es nach Palästina zu bringen versprachen, und hoffte auf ein Wunder, das da kommen sollte. Doch das Wunder kam nicht und langsam kam dem Volk die Erkenntnis, daß nur ein Weg aus dem Golus führe: der Weg der Selbsthilfe. Es erkannte, daß es nicht genüge, zu klagen und zu weinen, in der starken Tat, im Durch die härteste Not und die tiefste Verzweiflung ist er gegangen und hat ausgeharrt, bis er es zu einer erträglichen Existenz gebracht hat. Er ist aber nur einer von Tausenden, die das Gleiche getan. Soviel Begeisterung, Liebe und Opferwilligkeit bringt der jüdische Bauer für Palästina auf, aber auch nur für Palästina! Broze führte uns durch seinen Weingarten hinauf zur Zeder, die Herzl gepflanzt. Unter tiefem Schluchzen erzählte er, wie Herzl, Todesahnungen im Herzen, das Bäumchen eingesetzt, das ihn überleben sollte. Keiner von uns konnte sich der innigsten Rührung erwehren .... In kurzem wird sich ein schlichter Denkstein, von den zionistischen Studenten gewidmet, an dieser Stelle erheben. Zn den alten heiligen Stätten in Palästina, die für unsere Geschichte und unseren Kultus Bedeutung haben, ist eine neue Stätte hinzugekommen, die jedem heilig sein muß, der dem Gedanken der Wiedergeburt unseres Volkes ergeben ist. Unser wackerer Simon Broze, der durch seine Arbeit sich als einer unserer tüchtigsten Pioniere erwiesen, der die Begeisterung für unseren großen Führer und für den Königsgedanken des Zionismus tief im Herzen trägt, er war uns das Symbol des neuen Juden, wie es heute Tausende gibt und wie es bald Hunderttausende geben wird, die alle daran ihr Leben setzen, um aus uns Juden wieder das zu machen, was wir einst waren, was wir wieder werden wollen und werden müssen: Ein freies Volk auf freiem Grund! starken Wollen liege die Erlösung. Wir Juden haben eine einzigartige Krisis durcbgemaeht. Solange wir nur aus der Vergangenheit unsere Lebenskraft schöpften, die Vergangenheit in uns als Petrefakt trugen, waren wir schwach und unproduktiv. Unsere Dichter sangen von der Vergangenheit, unsere Gelehrten deuteten an ihr herum. Ein Lebenszeichen, eine Tat war nicht vorhanden. Wir hatten keinen Sinn für die reale Welt, wir waren Jahrtausende lang eingepfercht in dunklen Gassen, ohne Licht und Freude, inmitten von altem Moder, alten Träumen und grauen Sorgen. Wir lebten nicht, wir waren bloß ein von dem Schicksal konserviertes Gespenst aus längstvergangener Zeit, denn Leben heißt sich entwickeln, hoffen und leben wollen. Auch jetzt begehen wir den Tag unseres nationalen Unglücks, den leidensreichen Tag des neunten Ab. Er mahnt uns an unser Unglück, aber Schmerz ist nicht mehr das einzige Gefühl, das uns dabei beschleicht, wir hegen zu gleicher Zeit eine große, unzerstörbare Hoffnung. Die Erinnerung an die Vergangenheit ist nicht mehr etwas Totes für uns, sie erweckt in uns etwas Knospendes und Jugendfrisches: das Wollen. Wir haben das Märchen geändert. Es beginnt nicht mehr mit „Es war einmal“. Wir rufen stolz und zukunftsfroh in alle Welt: Es wird einmal sein! . . . Nur wenn wir nicht wollen, ist es ein Märchen. Wir aber wollen! Jüdische Nationalhäuser. Gliniany ist eine kleine Stadt in Galizien. Sie zeichnet sich weder durch Schönheit und Lage, noch durch Kunstsammlungen, noch durch den Gewerbefleiß ihrer Einwohner, die Größe ihrer Fabriken, die Heilkraft ihres Wassers aus; I sie ist kein Sitz eines großen, gottesfürchtigen Schriftgelehrten und trotzdem ist es schwer, diesen Ortsnamen nicht mit Stolz und innerer Befriedigung zu nennen. Der Grund hiefür ist der: in Gliniany besteht das erste jüdische Nationalhaus in Österreich. Es ist kein Prachtbau; ich weiß nicht einmal, ob dem Baumeister bei der Herstellung des Planes zu diesem Gebäude irgendwelcher Stil vorgeschwebt hat, und trotzdem schlägt beim Anblicke dieses Baues jedes jüdische Herz höher und jedes Auge leuchtet froher auf. Man sieht da nicht , die Steine, den Giebel und die Fensterrahmen — nein, man fühlt bloß: Dieses Haus da gehört mir, dir, uns, dem ganzen jüdischen Volk. Begeisterung hat den Grundstein gelegt, Liebe hat den Schlußstein gesetzt und Hoffnung aut bessere, glücklichere Zeiten umschwebt diese schliehte Hülle des großen Selbsthilfegedankens. So sind wir Menschen. Mögen wir von der Existenz einer Sache noch so sehr überzeugt sein, immerhin betrachten wir das Materielle, das durch eine Bewegung, einen Gedanken geschaffen wurde, erst als den entscheidenden Beweis für die Richtigkeit unserer Überzeugung, für die Lebenskraft unseres Ideales, für die Existenz der imponderabilen Kraft unserer Bestrebungen. Darum löst der Gedanke, daß irgendwo in Galizien ein Gebäude in einem Städtchen rein zu dem Zwecke erbaut wurde, damit dort eine jüdische Lesehalle, eine jüdische Turnhalle Platz finde, damit dort unverfälscht der nationale Gedanke gepflegt werde, in uns frohe Gefühle aus. Und wahrlieh, wir haben auch ein Recht, uns zu freuen! Der Tag der Einweihung dieses ersten jüdischen Nationalhauses war ein Merktag in der jüdisehnationalen Bewegung — wenn m. iMM*