Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 4 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 4 Jüdischnationaler Kultuswahlsieg in Bielitz. Bielitz, i. Juli. Energische Agitation, jüdischnationale Aufklärung unter der Bevölkerung, die Aufstellung eines modernen, allen sozialen und wirtschaftlichen Erfordernissen entsprechenden Programms, das die Einführung des allgemeinen, gleichen Wahlrechts in der Kultusgemeinde fordert, das waren die Waffen der Bielitzer Zionisten im Feldzuge gegen die jüdisch-deutsehliberalen Assimilanten, die bisher im Alleinbesitze der Kultusstube gewesen waren. Eine stattliche Zahl von beherzten Bürgern, an der Spitze Herr Professor Dr. Jul. Werner und Advokat Doktor Padawer, ging mit Feuereifer an die schwere Arbeit und fand in der jüdisch-akademischen FerialVerbindung „Emunah“, die sämtliche zur Zeit hier weilenden Mitglieder zur Verfügung gestellt, fleißige Mitarbeiter. Der Sieg war auf Seite der Zionisten. Obwohl die offizielle Partei eine Wählerliste überhaupt nicht herausgab wie in früheren Jahren, obwohl von den jüdischen Wählern aus den benachbarten Dörfern sich nur 20 Prozent infolge der Festsetzung der Wahlzeit auf die ungünstigste Stunde an der Wahl beteiligen konnten (aber diese stimmten geschlossen für die oppositionellen Kandidaten), obwohl mit allen Mitteln der Beeinflußung gearbeitet wurde und die Verwandtschaft der bisherigen Kultusvorstände allein über eine stattliche Stimmenzahl verfügte, obwohl 60 Wahlberechtigte aus dem Mittelstand widerrechtlich nicht in die Wählerliste aufgenommen worden waren, vermochte die zielbewußte und auf demokratischer Grundlage aufgebaute Wahlorganisation dem liberalen Regime zwei Mandate abzuringen und ihren Kandidaten Sitz und Stimme in der Kultusgemeindevertretung zu sichern. Es sind dies die Gg. Dr. Julius Werner und Julius Nichtenhauser. Den in der Minorität gebh'ebenen Kandidaten des jüdisch-demokratischen Wahlkomitees fehlte nur eine geringe Stimmenzahl zum vollen Erfolge. Hätte der Herr Kultuspräsident, kaiserlicher Rat Salomon Pollak, nicht die dem Wiener Magistrate abgeguckte Wahltechnik, unsichere Wähler ganz fernzuhalten oder ihnen die Abstimmung womöglich zu erschweren, angewendet, so wäre zweifellos die ganze Liste der Opposition durchgedrungen. Die Depression der offiziellen Partei ist die denkbar größte. Die ersten Vertreter des freijüdischen Gedankens sind den Kultusjuden deutschnationalen Bekenntnisses gar unbequeme und gefährliche — Kollegen. L. B. Oie Auswanderung nach Brasilien. Von Isidor Wolff, Berlin. In der Zeit der Landsucherei, in der man bemüht ist, immerwährend neue Einwanderungsländer ausfindig zu machen, ist es angebracht, auf schon bestehende Einwanderungsgebiete von neuem hinzuweisen. Nach den letzten Ereignissen in Rußland hat die Auswanderung, wie zu erwarten war, wieder stark zugenommen und wird aller Voraussicht nach weitersteigen. Die Ein Wanderungsmöglichkeit ist nun aber, wie bekannt, in der letzten Zeit sehr erschwert worden. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika wie auch in Kanada werden die Einwanderungsgesetze sehr streng gehandhabt. In dem schon an und für sich überfüllten England ist immer noch die Aliens-Bill in Kraft. Es ergibt sich daher die Notwendigkeit, auf ältere Einwanderungsgebiete, unter anderem auf Brasilien zurückzukommen, von dem bekannt igt, daß es sich schon seit dem Jahre 1812 bemüht, die Einwanderer an sich zu ziehen und das jetzt von neuem durch die letzten sehr günstigen Einwanderungsbestimmungen die Immigration zu fordern sucht. Zwar ist es für Handel treibende Juden und Handwerker dort nicht so leicht, Arbeit zu finden wie in den Vereinigten Staaten. Allein denjenigen, die sich mit Landarbeit befassen wollen, ist die Auswanderung nach Brasilien mit seinen ungeheuren Ländermassen nicht ohne weiteres abzuraten. Die brasilianische Regierung versucht durch den tatkräftigen Verkehrsminister Miquel Calmon (einem Juden) mit den neu erlassenen Einwanderungsbestimmungen (138 Artikel) die seit längerem ins Stocken geratene Immigration neu zu beleben und es ist für die Öffentlichkeit von Interesse, einen Auszug davon kennen zu lernen: Das Gesetz bezweckt in erster Linie, durch das Zusammenwirken der staatlichen Einwanderungspropaganda mit den Eisenbahn- und Dampfschiffsgesellschaften, sowie sonstigen Gesellschaften und Privatleuten, den Transport und das Unterbringen der Einwanderer zu erleichtern. Als Einwanderer werden alle Ausländer angesehen, die unter 60 Jahre alt, gesund und unbescholten sind und auf Kosten der Union, eines Einzelstaates oder auf Rechnung Dritter in einem brasilianischen Hafen landen, ebenso diejenigen, die obige Bedingungen erfüllen, aber auf eigene Kosten gereist sind und die Vergünstigungen der Einwanderer genießen wollen. Personen über 60 Jahre und Arbeitsunfähige können nur als Glieder von solchen Familien aufgenommen werden, die eine entsprechende Anzahl arbeitskräftiger Individuen aufweisen. Die Einwanderer können sich in einem beliebigen Landesteil niederlassen, unter voller Freiheit der Beschäftigungswahl, Glaubensfreiheit und Vollgenuß aller auch den Einheimischen zustehenden Rechte. Schulen und Kirchen jeder Konfession sollen unverzüglich gebaut werden. — Die zu gründenden Kolonien sollen eine genügende Anzahl von vorrätigen vermessenen und abgesteckten Landlosen, guten Boden, gutes, reichliches Wasser, gutes Klima und gute Verbindung nach den Absatzmärkten haben. Solange nicht eine genügende Anzahl Einwanderer auf eigene Kosten eintrifft, wird die Union den Immigranten, die Landwirte sind und Familien besitzen, folgende Vergünstigung gewähren: 1. Freie Reise III. Klasse vom Ausgangshafen bis zu einem brasilianischen Hafen; 2. freie Verpflegung bis zur Abreise nach der Kolonie, freie ärztliche Behandlung, freie Beförderung von Personen und Gepäck; 3. freie Reise nach der Kolonie. Gepäck, sowie landwirtschaftliche Geräte sind zollfrei. Die Einwanderer haben volle Freiheit bei der Wahl ihres Bestimmungsortes. Es darf keinerlei Druck ausgeübt werden. Die Regierung vergütet den auf eigene Kosten ankommenden Einwanderern ihre Reiseauslagen, wenn die Leute Landwirte sind und in jeder Familie wenigstens drei Personen von über 12 und unter 50 Jahren mitkommen. Für die am besten vorwärts gekommenen Einwanderer sollen Prämien eingeführt werden. Außerdem sollen tüchtigen Landwirten, wenn sie sich mit einer Brasilianerin verheiraten, Kolonialgrundstücke zur Verfügung gestellt werden; das wird ja für Juden nicht in Betracht kommen. Unter den zirka 16,000.000 Einwohnern befinden sich zirka 3,000.000 Eingewanderte. Das größte Kontingent zu den letzteren stellen Italiener und Deutsche, worunter sich nur 2000 Juden befinden. Nach Obigem ist aber sicher anzunehmen, daß die Zahl der Juden in Brasilien nunmehr mit der steigenden Einwanderung zunehmen wird. Rundschau. (Die Wacht an der Moldau.) Sie halten wahrhaft deutsche Wacht, die Prager Juden. Verteidigen in unnachahmlicher Grandezza jeden Fußbreit deutschen Bodens. Sind ordentlich stolz darauf, bei jeder Gelegenheit den Tschechen Prügel herauszulocken und mit diesen dann politische Geschäftsreklame zu treiben. Wir stehen auf der Wacht, wir werden geprügelt, wir retten Deutschtum und Prag! Not und Schwäche führt Juden und Arier zusammen. Sie marschieren getrennt, werden gemeinsam geprügelt. Prügelgemeinbürgschaft! Haben sie den Tschechen auf dem Graben die entsprechende Portion Schläge gemeinsam herausgelockt, dann vollzieht sich mit unfehlbarer Genauigkeit die itio in partes. Hie Juden, hie Arier! Sie haben eine fixe Idee. Sie retten das Prager Deutschtum um jeden Preis. Die freiwillige Rettungsgesellschaft mit nationaler oder konfessioneller Zweiteilung. Zum letztenmal trat sie gegen den Abgeordneten Mahler in Aktion. Die jüdische Rettungsabteilung signalisierte: Der deutsche Charakter der Universität in Gefahr! Und mit der Geschwindigkeit dieses protestgewohnten und reklametüchtigen Rettungskorps ward das Signal zum Feldgeschrei. Die arische Rettungsabteilung mußte mithalten, ihre separate Rettungsaktion unternehmen. Schablonenarbeit: Versammlung, polternde Reden, drohende Resolutionen. Alles, was wahr ist: die jüdischen Protestler haben ihre Sache ausgiebiger und radikaler besorgt. Mit tönenderer Phrasenarbeit, in wirkungsvollerer Pose! Begreiflicherweise. Der zionistische Dozent, gegen den der läppische Rummel arrangiert wurde, ist der ihrer ohnmächtigen Wut auf Umwegen erreichbare parlamentarische Vertreter der Richtung, die aufzuräumen beginnt unter den böhmischen Assimilation sjuden. Es geht ihnen an den Kragen, sie schnappen nach Luft. Sich selbst, ihre arg bedrohte politische Stellung, wollen sie retten und stürzen sich mit gut gespielter teutonischer Wut auf die Dozentur eines Zionisten. Sie spielen Deutschtum, posieren seine Retter. Nichts Echtes ist daran. Und der marktschreierische Lärm, in dem die Protestkomödie sich austobt, erinnert an einen bekannten Heine-Vers: „Wenn die Kinder sind im Bankein, Wird beklommen ihr Gemüt. Und am ihre Angst zn bannen, Singen sie ein lautes Lied.“ ,, (Zum Schulschluß.) Alljährlich, wenn die großen Ferien beginnen und die Frage der Berufswahl an die Eltern studierender Söhne herantritt, werden Warnungen laut, die von der Überfüllung der Berufe reden und ihre weitere Überschwemmung mit Stellen suchenden hintanhalten wollen. Die Frage der Berufswahl ist bei jüdischen Eltern viel schwieriger zu lösen und erfordert auch deshalb gründlichere Beachtung als bisher, weil die Überproduktion an jüdischen Mittelschülern ins Große wächst, weil ihnen ganze Beamtengruppen und Verwaltungszweige verschlossen sind und weil die liberalen Berufe, die nach Beendigung der Hochschulstudien die letzte rettende Insel sind, eine immer fühlbarere Überfüllung mit Juden aufweisen. Ließe sich diese Überflutung, die in wenigen Jahren schwere Enttäuschungen bringen und manche sonst sichere