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Jüdische Zeitung · 1907-07-05 · 4 (5.7.1907) · p. Seite 9

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
4 (5.7.1907)
Date
1907-07-05
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 9 Existenz zum Scheitern bringen wird, nicht eindämmen? Der österreichische Jude wählte bisher mit Vorliebe Berufe, die ihn an die Scholle binden, er absolvierte ein Studium, das ihn zwischen den schwarzgelben Grenzpiahlen zurückhielt. Ans Ausland konnten die wenigsten denken, weil ihre Schulbildung und Berufsart es nicht zuließ. Dem Handel begann man den Bücken zu kehren, Sprachenkenntnisse ignorierte man, technische, industrielle, kommerzielle Berufe ließ man links liegen. Ein Doktortitel war Eltern und Studenten das einzig erstrebenswerte Lebensideal. Die statistischen Ausweise der Universitäten, die Berufsstatistiken, die Mittelschulstatistiken zeigen mit'erschreckender Deutlichkeit, wohin die jüdische Intelligenz steuert. Ihre Proletarisierung ist die unausbleibliche Folge. Ein Intelligenzproletariat ist bei jedem modernen Volke vorzufinden, aber nirgends ist es so groß und schädigt so sehr die wirtschaftliche Kraft und Sicherheit der nationalen Gesamtheit, als bei den Juden. Wir meinen also: es ist hoch an der Zeit, daß die österreichischen Juden bei der Berufswahl vorsichtiger ans Werk gehen, auch die Vernunft, nicht nur die Eitelkeit und Bequemlichkeit zu Worte kommen lassen und hiebei die Interessen ihrer Kinder und ihres Volkes voranstellen. Internationaler Austausch jüdischer Kinder. Mehrere jüdische Familien Italiens wollen ihre Kinder^ auf ein Jahr gegen solche deutscher Familien austauschen, damit sie sich im Deutsch resp. Italienisch vervollkommnen und durch den Wechsel der Umgebung in ihrer Ausbildung gefördert werden. Der „Kinderaustausch“ wird in den letzten Jahren von verschiedenen Völkern praktiziert, bei uns Juden aber, die wir ein Volk sind, das in verschiedenen Kulturzentren zerstreut lebt, könnte er von ganz besonderer Bedeutung sein. Zweifellos würde durch ihn das Solidaritätsgefühl und dev nationale Gedanke mächtig gefördert werden. Wir begrüßen daher die von Frau Laura Garsin, Mailand, ausgehende Anregung aufs wärmste und bitten Interessenten, sich wegen näherer Mitteilungen an Gesinnungsgenossen Aw. Gino tRacah, Mailand, Via Vigentina B8, zu wenden. (Statistisches aus der Bukowina.) Vor kurzer Zeit wurde eine Statistik veröffentlicht, die sehr interessante Einzelheiten über die Umgangssprache und Konfession in dem vielsprachigen Ländchen bringt. Laut diesen Mitteilungen des statistischen Landesamtes sind von den als Buthenen gemeldeten Landesbewohnern von 100 0*16 Juden, von 100 Rumänen 0T2 Juden, von 100 Deutschen 57‘63 (also über die Hälfte) Juden, von 100 Polen 0'64 Juden. Im Durchschnitt gehören im Lande von 100 Einwohnern 13T7 der mosaischen Konfession an. In bezug auf die Umgangssprache sind von 100 Juden 051 ruthenischer, 0'27 rumänischer, 95'59 deutscher, O'll polnischer und 0-02 anderer Umgangssprache. Es ist interessant, daß die Juden beinahe einheitlich sich in der Bukowina zur deutschen Umgangssprache bekannt haben, während in Galizien nur 17'06 Prozent an der deutschen, 7 6'5 6 Prozent an der polnischen und 4-99 Prozent an der ruthenischen Umgangssprache festhalten. Der Gott der Rache. Yon Schalom Asch. (Anläßlich der Aufführung im Theater an der Wien.) Schalom Asch ist kein übler Novellist. Seine hebräischen und jüdisch geschriebenen Skizzen des Lebens und Treibens im russischen Getto lesen sich recht angenehm. Ohne Aufregung und Emotion. Tiefe Weisheit hat er hinter seine Aquarelle nicht geborgen, man ist daher der Mühe enthoben, sie dort zu suchen. Er ist nicht besser als Juda Steinberg und lange nicht so gut wie Perez. Was er schrieb, war kein Ereignis. Das Stimmungsbild wechselte mit der psychologisch pointierten Skizze und darunter stand geschrieben: Schalom Asch. Ebenso gut hätte es aber heißen können: Ch. D. Nomberg. Das will sagen: der Mann führte kein neues Wort im Munde. Er ist keine Individualität. Er erhebt sich nicht, um ein biblisches Wort zu gebrauchen, von der Schulter aufwärts unter der Menge russisch-jüdischer Schriftsteller, die die hebräische und jüdische Literatur mit ihren „Skizzen“ überschwemmen und ans ihrer literarischen Not eine Tugend machen. Nun ist Schalom Asch unter die Dramatiker gegangen. Gorkis Lorbeeren raubten ihm den Schlaf. Der Zeitpunkt war gut gewählt. In Kußland tobt die Revolution, die Leidenschaften wühlen und prallen gegeneinander. In solchen Zeiten kommen große Männer zur Welt. Die Juden tun in Rußland mit. Viel für die anderen, wenig für sieh, denn selbst mit der errungenen Freiheit wird dort die Judenfrage nieht gelöst. Juden fallen für ein Menschenideal. Und als Rahmen zu dieser Revolution die große Erhebung der jüdischen Nation zu eigenem Sein auf der ganzen Erde. Welch eine Zeit für einen jüdischen Dichter, der ein Judendrama auf die Bühne zu bringen vermag! Und Sehalom Aseh ist unter sein Volk gegangen und hat einen Bordelljuden gefunden. Und vier Freudenmädchen und einen Zuhälter und einen Kuppler. Hat in einer völlig kunstlosen, Motivierung und Zusammenhang entbehrenden, zusammengeilickten Szene die Tochter des Freudenhäuslers durch die schale Überredungskunst einer Dirne dem Schandgewerbe zuführen lassen. Sohin große Tragik: die Hoffnung des Mädchenhändlers, ein reines Gesehlecht in seiner Tochter aufblühen zu sehen, ist zerschmettert. Sohin großer Konflikt: der Zweifel an der Milde Gottes, dem zu Ehren er eine Thora schreiben ließ. Sohin große Katharsis: der Jude schleift Frau und Kind „nach unten“, ins Geschäft. . . Das alles in rohen, krassen Formen, ohne jeden Hauch einer wahren Poesie. In hohlen, talentlosen Szenen, in effektehaschenden Dialogen, in schreienden Farben und Bnmbum-Gepolter . . . Vom nationalen Gesichtspunkte ist dieses Drama eine Schmach. Nicht weil es ein Freudenhaus auf die Bühne bringt — denn schließlich darf es einem Dramatiker nicht verargt werden, wenn er sich auf einem Gebiete versucht, auf dem er sich am stärksten fühlt. Auch nicht, weil es so hilflos zusammengezimmert, so schlecht gemacht ist — denn Schalom Asch ist kein nationaler Dichter und wir haben uns für ihn nicht zu schämen. Die Schmach liegt darin, daß auf ihn von den anderen als auf den größten Jargondichter unserer Tage gewiesen und dadurch diese junge, aufstrebende Literatur dem Fluche der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Und darin: daß von keiner Seite gegen diese Klassifizierung eines Alltagspoeten Protest erhoben wurde. David Rb. So ist’s gut. Rufet alle laut „Hurrah“! Der „Zusammenschluß“ ist da. Deutsche Männer aller Arten Neigen festlich die Standarten Unter Odins großen Hut — So ist’s gut. Mancher schweigt, der früher schumpf, „Allweg deutsch“ ist itzo Trumpf. Fröhlich sitzt man schon beim Biere, Einer bleibt bloß vor der Türe, So da ist der „deutsche Jud“ — So ist’s gut. Unbegründet scheint da Weh- Klagen am Franz Josefs-Kai; Man riskiert beim steten Bücken Einen Tritt am Unterrücken. Hat man dorten kühles Blut: So ist’s gut. Beda. Studentisches Herzl-Denkmal in Moza. Wir erhalten vom Denkmalkomitee folgende Zuschrift: Da die Sammlungen für das studentische Herzl- Denkmal demnächst abgeschlossen werden, ist es unbedingt nötig, daß die Einsendung der ansständigen Sammelbogen und der darauf gesammelten Beträge unverzüglich erfolge. Die wiederholten Urgenzen während des letzten Schuljahres haben nnr teilweisen Erfolg gehabt. Es ergeht hiemit an die Besitzer von Sammelbogen die dringende Aufforderung, Bogen und Geld bis znm 15. Juli d. J. an die Adresse: Techn. Otto Krasny, I., Johannesgasse 3, abzuführen. Ausständig sind die Sammelbogen Nr. 1, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12,14, 15, 17,19, 20—31, 36, 37,45, 51—73, 75, 78, 79, 80, 81, 90—97, 102—109, 112. Die Vereine, resp. Einzelpersonen, auf deren Namen die Bogen lauten, werden um sofortige Erledigung dieser letzten Urgenz dringendst ersucht. Es geht absolut nicht an, die Sache noch weiter zu verschleppen! Korrespondenzen. (Köln.) Das engere Aktionskomitee hielt am 23. Juni eine Sitzung ab, in der die Tagesordnung des Kongresses endgültig festgesetzt wurde. Der Kongreß wird am 14. August beginnen. Nach der Eröffnungsrede des Präsidenten wird ein allgemeines Referat über die Lage der Juden in den verschiedenen Ländern erstattet werden. Am Nachmittage werden die verschiedenen Wahlen vorgenommen werden, worauf der Bericht des Aktionskomitees folgt. Für die Generaldebatte über diesen bleibt auch der gesamte zweite Tag reserviert. Aui 16. (Freitag) wird das Palästinareferat erstattet und die Spezialdebatte abgeführt werden. Am Samstag finden keine Verhandlnngen statt. Sonntag, am 18., wird das Organisationsstatut verhandelt Am Montag gelangen der Nationalfonds, die Anträge und die Wahlen zur Erledigung. Da die Generalversammlung der Bank Mittwoch stattfindet, bleibt der Dienstag eventuell noch zur Verfügung des Kongresses. Die Verhandlungen werden täglich um 9 oder 9% Ohr beginnen und mit einer zweistündigen Mittagspause bis 6 oder höchstens 6‘/2 Uhr nachmittags dauern. Die Abende bleiben für die Beratungen der Kommissionen, die Sitzungen der Landsmannschaften und anderes frei. (Czernowitz. — Die Ausweisung der russischen Juden.) Die Ausweisung der russischen Juden, welche in allen Kreisen, die die traurige Situation der armen Leute sicher kennen, auf das unangenehmste wirke, veranlaßte die jüdisch-nationale akademische Verbindung „Zephirah“, sich auf telegraphischem Wege an den Abgeordneten Dr. Strauclier und den „Jüdischen Klub“ zu wenden, damit dieser das Asylrecht der Flüchtlinge wahre und sie nicht Opfer der Handlanger Dritter werden lasse. Doktor Straucher intervenierte sofort telegraphisch beim hiesigen Landespräsidinm, indem er dringend um Sistierung des Vollzuges der Ausweisungsbefehle gegen die schutzlosen Juden bat. (Wien.) Der Protest, den namens der gesamten zionistischen Studentenschaft Österreichs 22 zionistische Studentenkorporationen an das Unterrichtsministerium und den akademischen Senat der Prager Universität geleitet haben, ist eine ruhige und würdevolle Kundgebung, welche das chauvinistische Kesseltreiben der aufgeregt tuenden Prager Deutschtumsretter in die Schranken weist. Sie sticht von dem kraftmeierischen Gepolter der Prager Anlapolitiker sehr vorteilhaft ab. Die Eingabe lautet: „Die zionistische Studentenschaft Österreichs erhebt energischen Protest gegen die kulturwidrige Hetze, die von Prager Universitätshörera gegen die Dozentur des R.-R.-A. Dr. Arthur Mahler inszeniert wird. Die Protestbewegung, die von jüdischer Seite ausging und in erster Linie gegen die jüdisch nationale Gesinnung Dr. Mahlers, nicht gegen seine akademische Stellung gerichtet ist, widerspricht allen Grundsätzen von akademischer Freiheit, von Lehrfreiheit und Achtung vor ehrlicher, fremder Gesinnung. Die Universität ist Kulturträgerin, nicht politische Arena. Wenn daher gegen Dr. Mahler aus rein politischen Gründen Stellung genommen und seine Entfernung aus dem Lehrkörper verlangt wird, so entspricht dies weder den Kulturaufgaben einer Universität, noch den- Bedürfnissen freier Wissenschaft. Wir weisen darauf hin, daß Andersnationale an fast allen deutschen Universitäten lehren und gelehrt haben, und weisen mit aller Entschiedenheit den absolut unwahren Vorwurf zurück, daß ein zionistischer Hochschullehrer die freie Wissenschaft und Forschung gefährde und daß im Zionismus klerikale Tendenzen vorwalten. Dies ist im allgemeinen eine Unwahrheit, die eine totale Unkenntnis der zionistischen Bewegung verrät, gegenüber Doktor Mahler eine bewußte tendenziöse Herabsetzung. Wer für freie Forschung und Wissenschaft ist, darf eine ehrliche politische und nationale Gesinnung eines freiheitlich gesinnten Dozenten nicht zum Gegenstand einer unwürdigen Hetze machen. Wir erblicken und

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