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Jüdische Zeitung · 1907-07-05 · 4 (5.7.1907) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
4 (5.7.1907)
Date
1907-07-05
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 7 wieder hinaus. (Hört! Hört!) Das war zum Beispiel der Fall in Stanislau. Da war Dr. Mosler Vertrauensmann und da man ihn beim Sbrutinium nicht haben wollte, machte man ihm den Vorwurf, er habe jemanden beleidigt. Es entstand ein Krawall und das einzige Opfer dieses Krawalles war Dr. Mosler, der hinausgeworfen wurde. (Zwischenrufe.) So sehen, meine Herren, die Wahlen aus! Auf eines mache ich die Herren von Westösterreich aufmerksam. Ihr täuscht Euch, meine Herren, in Westösterreich, wenn Ihr glaubt, Ihr habt das allgemeine Wahlrecht. Wir in Galizien haben das allgemeine Wahlrecht; denn bei Euch wählen nur die Lebenden, bei uns wählen aber auch die Toten. (Heiterkeit.) Bei Euch wählen nur die Anwesenden, bei uns auch die Abwesenden (Zustimmung), bei Euch wählen nur die Unbescholtenen, bei uns auch die Sträflinge. Im Momente der Wahl öffnen sich die Strafhäuser und Friedhöfe und Tausende strömen zur Urne. Wir sehen da wirklich neue Errungenschaften der Technik. Während man heute nur telegraphieren und auf die Weite sprechen kann, hat es der Herr Prokopisze in Stanislau soweit gebracht, daß man auch aus Amsterdam und Hamburg stimmen kann. (Heiterkeit.) Ein Kaufmann war in Hamburg, der zweite in Amsterdam. Zwei Eisenbahnbeamte wurden versetzt, der eine nach Czernowitz, der andere nach Halicz und zwei Leute befanden sich sogar damals in Untersuchungshaft und alle diese stimmten und gingen zur Urne. (Zwischenrufe.) Und das merkwürdige ist, daß alle diese abwesenden Stimmen für den offiziellen Kandidaten stimmten. (Heiterkeit. — Abgeordneter Pastor: Loyale Bürger!) Ja, sehr loyale Bürger! So, meine Herren, geht es zu und es ist wirklich traurig, wenn gesagt wird, daß wir ein allgemeines, gleiches, direktes und geheimes Wahlrecht haben. Welche Ironie, das Wahlrecht bei uns geheim zu nennen. .Bezirkshauptleute stellen schon mit dem Namen des offiziellen Kandidaten ausgefüllte Stimmzettel aus. Kein Name kann mehr hereingeschrieben, nichts kann darauf gestrichen werden und in Sokal wurde sogar noch auf die umgekehrte Seite des Zettels eine Stampiglie aufgedruckt. Und offen mit dieser Stampiglie mußten die Wähler zur Urne gehen! Ist das in Ordnung, meine Herren? Sie antworten: Nein! Dieser Ansicht war auch der Herr Samuel Selzer, welcher dafür eingesperrt wurde und dem mau dann seine Bestauration geschlossen hat, und solcher Ansicht war der Uhrmacher Altmann, dem man dafür das Geschäft geschlossen hat. Wenn sich die Wähler zur Urne begeben, werden ihnen die Zettel entrissen und ein Militärkordon steht da und soll das Lokal beschützen. Aber nicht zum Schutze, nicht zum Schirme steht das Militär da, sondern dazu, um einseitige Politik zu machen. Offene Türen finden die Agitatoren des offiziellen Kandidaten vor; sie kommen alle herein und haben alle auf den Schößen des Bockes die Insignien des offiziellen Kandidaten. Sie dürfen selbst hineinkommen und auch ihre Wähler kommen alle hinein. Die anderen Wähler aber müssen sechs bis acht Stunden draußen stehen, sie fallen in Ohnmacht, werden krank und dürfen erst dann hineinkommen, wenn es den andern Leuten gefällt. Das sind schwere Zustände und wenn wir hier die Anklage erheben, so geschieht es durchaus nicht etwa deshalb, weil wir vielleicht irgend ein Volk, irgend eine Nation anklagen wollen. (Sehr richtig!) Wir klagen diejenigen an, die heute die Politik führen. Aber wir Juden schätzen und achten alle das polnische Volk mit seiner glorreichen Geschichte und das ruthenisclie Volk. (Beifall.) Es ist uns eine Freude, zu konstatieren, daß wir, wenn sich die Verhältnisse ändern werden, die ersten sein werden, welche gern und freudig mit dem polnischen und dem ruthenischen Volke Zusammenarbeiten werden zur Hebung der Kultur dieses armen Landes. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Wir wenden uns gegen drei Kategorien: gegen den Adel, der keine Pflichten kennt, dann gegen die Bureaukratie, welche glaubt, in Galizien wirklich wie in Feindesland wüten zu können. Der Bezirkshauptmann will noch immer blind über die jüdischen Stimmen verfügen und wehe demjenigen, der gegen ihn auftritt! Das wird aber nicht mehr weiter so gehen. Der Jude ist auferstanden und er verlangt nichts Ungesetzliches, er will nicht das Land revolutionieren. Er verlangt die Gleichberechtigung, er verlangt, als Mensch mit Menschenwürde behandelt zu werden, wie es die Verfassung, die vor vier Jahrzehnten gegeben wurde, ihm voll zuerkannt hat. (Beifall.) Und neben dem Adel und neben der Bureaukratie sind es die Hausjuden, die Propinatoren, die jüdischen Bürgermeister und die jüdischen Kultuspräsidenten, die die Todfeinde des jüdischen Volkes sind. (Beifall.) Diese gehen zusammen und unterstützen das alte System. Ein geistreicher Kaufmann, der in Amerika war, hat einmal gesagt: Amerika ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ich behaupte von Galizien, daß es das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten ist. (Lebhafte Zustimmung.) Anderswo stimmt jeder frei nach seinem Urteile und seiner Anschauung, anderswo stimmt man geheim, anderswo gibt es keinen Terrorismus und keine Vergewaltigung, keine Korruption und keine Niedertracht. Bei uns wird das allgemeine Wahlrecht verhöhnt, die Verfassung mit Füßen getreten: hier ist das Beich der wirklichen Unmöglichkeiten. Und wenn wir euch mit einigen Worten sagen sollen, wozu wir hergekommen sind, so sage ich: Nicht um Unfrieden zu säen, nicht um das Land zu beleidigen und zu beschmutzen, sondern wir sind hergekommen, um Galizien in Europa zu verwandeln (Zustimmung) und eine moderne Wirtschaft dorthin zu bringen, um zu ermöglichen, daß das jüdische Volk mit dem polnischen und ruthenischen Volke Zusammengehen kann und mit ihnen zusammen für die materielle und kulturelle Hebung des Landes arbeiten kann. Wir begehen in diesem Jahre eine große Feier: 40 Jahre sind es her, seitdem Österreich die Verfassung bekommen hat. Ihr in Westösterreich habt die Verfassung gehabt; ihr habt die Früchte davon. Doch wir kennen sie nur dem Namen nach und es wird Sache unseres Klubs, des „Jüdischen Klubs", sein, Hand in Hand mit der polnischen Demokratie und mit der ruthenischen Demokratie, Arm in Arm mit allem, was jung, modern, was lebensfähig und lebenskräftig in allen drei Völkern des ganzen Landes ist, gegen die Kliquen dieses Landes und für die Freiheit des so schönen, des so mit Naturschätzen gesegneten Landes zu kämpfen. Wir wünschen dem Lande die gute und schöne Zukunft, die es ehrlich verdient, und wollen* mit allen Kräften arbeiten, damit ihr Galizien entgegengehe. Das1 ist im Interesse der polnischen, der ruthenischen und der jüdischen Nation. (Beifall und Händeklatschen.) Brief aus Mähren. Brünn, 2. Jali 1907, Die mährischen Juden gelten wie die Juden der Sudetenländer überhaupt seit vielen Jahrzehnten als Träger deutscher Kultur und Bildung. In ihren jüdisch-deutschen Schulen war die Unterrichtssprache ausschließlich deutsch, und die Germanisierungspolitik Josef II. hat auf keine nichtdeutsche Bevölkerungsschichte so nachhaltig und dauernd eingewirkt als auf die Juden. Aus der sprachlichen Assimilation ward nach dem Jahre 1848 auch eine politische und nationale, und noch vor einem Jahrzehnt waren Mährens Juden fast ausnahmslos in die deutschliberale Ideenwelt eingesponnen, machten alle deutsche Politik bedingungslos und ohne Zögern mit. Wir wollen heute die allgemeinen politischen und moralischen Folgen der traditionell betriebenen deutschnationalen Judenpolitik nicht erörtern. Nur eine rein praktische Erwägung, die in das wirtschaftliche und geschäftliche Leben hineinspielt — weit mehr, als bisher angenommen wurde — sei besprochen. Die Kenntnis der tschechischen Sprache unter den mährischen Juden läßt allzuviel zu wünschen übrig. Es ist eine Nachwirkung der übertriebenen deutschtümelnden Politik und eine folgenschwere Ignorierung der Tatsache, daß im Lande fast drei Viertel der Gesamtbevölkerung sich zur tschechischen Umgangssprache bekannt haben. Daß die Juden die dadurch gebotenen Konsequenzen nicht gezogen und auch auf sprachlichem Gebiete einseitige Assimilationspolitik mit Hintansetzung aller Interessen des alltäglichen Wirtschaftslebens besorgt haben, rächt sich bitter. Je schärfer der Konkurrenzkampf wird, je mehr die Tschechen auf ihre wirtschaftliche Erstarkung und Erringung möglichst großen geschäftlichen Einflusses bedacht sind, desto fühlbarer werden auf jüdischer Seite die unangenehmen Wirkungen und Folgen der einseitigen sprachlichen Ausbildung. Fast in allen Berufen und in allen Orten hört man diese Klagen. Der jüdische Kaufmann, der Reisende und Fabrikant engt sich so durch eigene Schuld seine Erwerbsmöglichkeiten ein und muß der sprachlich besser qualifizierten Konkurrenz weichen. Der jüdische Advokat und Arzt ist in gemischtsprachigen Gegenden ohne genaue Kenntnis der tschechischen Sprache im voraus gehandicapt. Der jüdische Student, der sich der Beamtenkarriere widmen will — viel Auswahl hat er ohnehin nicht — vermindert bedeutend die Chancen einer Anstellung, wenn er die Sprache der Landesmajorität nicht beherrscht. Mit dem bißchen „Küchenböhmisch“, das er aus der Volksschule herübergerettet hat, paar Brocken für den Hausgebrauch, findet niemand ein rechtes Auslangen. Weder der Kaufmann, noch weniger der Reisende und Privatbeamte, am wenigsten der Advokat und Staatsbeamte! Zu den praktischen Nachteilen, die sonnenklar zutage liegen, tritt der im politischen Leben und gesellschaftlichen Verkehr nachwirkende schlechte Eindruck, den die konsequente Nichtbeachtung und provokatorisch wirkende Vernachlässigung der tschechischen Sprache durch die Juden auf nationalgesinnte Tschechen, die dabei gar nicht chauvinistisch veranlagt zu sein brauchen, machen muß. Es ist von Tschechen wiederholt zugegeben worden, daß ihr Antisemitismus, der in erster Linie gegen den Juden als Deutschen, als enragierten Tschechenfeind gerichtet ist, auch in den erwähnten sprachlichen Verhältnissen Begründung und Nahrung findet. In den letzten Jahren ist allerdings eine schwache Besserung eingetreten. Der Prozentsatz jüdischer Schüler an tschechischen Anstalten steigt von Jahr zu Jahr und diese Steigerung ist nicht nur auf die Zunahme tschechischer Mittelschulen, sondern auch auf die wachsende Erkenntnis der mährischen Juden zurückzuführen, daß die Aufrechterhaltung des bisherigen Zustandes einen Schnitt ins eigene Fleisch bedeutet. Auch die Deutschen sind, durch die Erfahrungen bei Beamtenemennungen und Avancements belehrt, zur Räson gekommen und haben sogar in Böhmen in einer Kundgebung ihres Nationalrates die Erlernung der tschechischen Sprache ihren Studenten dringendst anempfohlen. Die jüdischen Studenten Mährens haben, bevor dieser deutsche Volksrat die Parole „Deutsche, lernt tschechisch!“ ausgegeben, auf ihrem Studententag (September 1906) die Notwendigkeit erkannt, eine radikale Besserung unter den jüdischen Studenten anzustreben. Sie haben demgemäß tschechische Sprachkurse abhalten wollen, es scheint jedoch, daß die wichtige Sache, da man nichts mehr von ihr hört, rasch wieder eingeschlafen ist. Wir wollen sie den studentischen Korporationen, welche sich zu ihrer Ferialtätigkeit rüsten, mit dem Wunsche in Erinnerung bringen, daß sie dieses so eminent praktische und unaufschiebbare Projekt energisch in Angriff nehmen. Das ist „Gegenwartsarbeit“ allerpraktischester Art; sie fördert wirtschaftliche, politische, gesellschaftliche Interessen der mährischen Juden. Keine komplizierte politische Frage kommt hier in Betracht und fordert irgendwelche Opfer. Nur ein leicht erkennbares und leicht erfüllbares Gebot der Klugheit ist es, das die Erfahrungen und Erfordernisse des Alltags diktieren.

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