Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 4 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 4 gerade die Unmöglichkeit ist, ein eigenes Heim zu begründen, welche so viele Arbeiter wieder ans Palästina heraustreibt, zumal die exorbitanten Wohnungsmieten in den Dörfern den schon an sich kärglichen Verdienst der landwirtschaftlichen Arbeiter über das erträgliche Maß hinaus schmälern. Weit schwieriger wird die Schaffung einer Bodenkreditinstitution sein, und doch ist eine schnelle Ausdehnung der Kolonisation ohne einet solche undenkbar. Nicht nur würden wir viele Tausende an Ackerbau gewöhnte Juden aus Südrußland in Palästina installieren können, wenn wir über die nötigen Fonds verfügten und die nötigen rechtlichen Grundlagen geschaffen hätten, um ihnen auf langsame Amortisation und mit niedrigem Zinsfuß fertige Siedlungsplätze zur Verfügung zu stellen, sondern fast sämtliche ältere Kolonisten würden Hypotheken auf ihre bisherigen Ländereien, Häuser und Pflanzungen aufnehmen und mit den so erlangten Geldern neue Ankäufe machen und neue Pflanzungen anlegen. Die Deutschen in Palästina haben uns glänzende Beispiele gegeben, wie durch Gewährung eines billigen und langfristigen Bodenkredits die jüngeren Söhne der bisherigen Kolonisten zur Begründung neuer Kolonien in Palästina veranlaßt werden können, während in Ermanglung eines solchen Kredits die jüdischen Kolonistensöhne größtenteils Palästina zu verlassen gezwungen sind. Die Begründung der deutschen Kolonie Wilhelma-Ramidie im Jahre 1903 ist eiD Verdienst der Gesellschaft zur Förderung der deutschen Ansiedlungen in Palästina mit beschränkter Haftung in Stuttgart, welche trotz ihres geringen jetzt zirka 250.000 Mark betragenden Kapitals, dieses schöne Werk einzig und allein durch Belehnung des Bodens •zu humanen Bedingungen zustande gebracht hat. Es ist kein Grund vorhanden, warum nicht jüdischerseits dasselbe erreichbar sein sollte, wenn wir erst über Kapital verfügen werden, das nicht wie der Nationalfonds von der Aureole des „heiligen Besitzes des jüdischen Volkes“ umgeben und nicht, wie letzterer, durch starke, von Mißtrauen geborene hemmende Schranken eingekeilt ist. Die Bildung eines Agrarfonds ist also das Alpha und Omega jedes landwirtschaftlichen Fortschrittes in Palästina. Daher ist unsere wichtigste Forderung, daß die Hälfte des als Ergänzung des Nationalfonds zubildenden Palästina-Zentralfonds einem Agrarfonds zufließen soll, wenigstens bis letzterer die Höhe von einer Million Mark erreicht haben wird. Ich zweifle nicht daran, daß die Verwaltungsbehörde des Nationalfonds veranlaßt werden kann, dem Agrarfonds ein Darlehen in der Höhe des letzteren einzuräumen, so daß der Agrarfonds, wenn er hoffentlich schon innerhalb des nächsten Jahres eine Höhe von 50.000 Mark erreicht haben wird, mit 100.000 Mark die Arbeiten zu beginnen vermag. Auch ein Teil des wirtschaftlichen Palästinafonds, wofür ich ein Viertel des Palästina- Zentralfonds zu bestimmen vorschlage, wird unbedingt den jüdischen Dörfern zugute kommen müssen, sei es durch Einrichtung von Volksküchen, sei es durch Begründung von Wasserleitungen, sei es durch Verbesserung von Transportwegen oder durch Bildung von Pachtgenossenschaften für die Zehntensteüer. Ebenso wird gewiß ein Teil des letzten Viertels des Zentralfonds, der den Palästina- Kulturfonds bildet, für die ländlichen Siedlungen verwendet werden, sei es durch Unterstützung der Schulen und durch Begründung von Volksbibliotheken, sei es durch Einrichtung von Versuchsfeldern und Besoldung von Wanderlehrern. Auch die Versuchsstation und die Lehrfarm könnten eventuell aus diesem Teile des Palästinafonds subventioniert werden. Es ist schon Zeit, daß die Zionisten beginnen, sich ernstlich mit Palästina zu befassen und besonders den ländlichen Verhältnissen ihr Augenmerk zuwenden. Die Kolonien, die jetzt ja nur noch in geringem Maße von anderer Seite unterstützt werden, befinden sich großenteils infolge der hohen Steuern und der Weinkrise in einer außerordentlich kritischen Lage. Hunderte von jungen Leuten, Kolonistensöhne und Arbeiter, verlassen die Dörfer, um in den schon überfüllten Städten Palästinas, in Ägypten, Amerika und Australien Zuflucht zu suchen, und wie leicht würde es sein, ihnen zu helfen. Der Zionismus beginnt nachgerade mit seinen großen Worten und seiner absoluten Hilflosigkeit jeder praktischen Frage gegenüber eine traurige Figur in Palästina zu spielenj er wird tatsächlich verlacht und nicht mehr ernst genommen. Der Nationalfonds ist durch seine Statuten geknebelt und die Bank ist bisher nicht imstande gewesen und wird auch in Zukunft nicht imstande sein, etwas Wesentliches zur Linderung der ländlichen Schmerzen beizutragen; im Gegenteil hat sich schon wiederholt der Kredit, den sie gewährte, infolge der Höhe der Zinsen, die sie nehmen muß, und besonders wegen der schweren Rückzahlungsbedingungen, respektive großen Amortisationen, die sie im eigenen Interesse fordern muß, als geradezu verderblich erwiesen. Schaffen wir einen Fonds, der wirklich leistungsfähig ist, und unterstellen ihn einer besonderen Organisation, die an einem Orte zentriert und mit genügenden Vollmachten versehen, wirklich arbeitsfähig ist. Das wird die große Frage des nächsten Kongresses sein. Ob der Nationalfonds etwas schneller wächst oder langsamer, das ist von sekundärer Bedeutung, hier ist die Frage vor allem wesentlich, auch in politischer Beziehung: wollen wir unser wichtigstes Bollwerk, die ländliche Kolonisation in Palästina, halten und ausbauen, oder wollen wir sie, in blinden Doktrinarismen befangen, verfallen und verkommen lassen? Die galizischen Wahimißbräuche im Parlament. In der Debatte über die galizischen Wahlen hat R.-R.-Abg. Stand zweimal das Wort ergriffen und sich als gewandter und wirkungsvoller Redner eingeführt. Seine erste Rede, die durch ihre maßvolle und energische Kritik viel Beachtung fand, geben wir laut dem stenographischen Protokoll im Wortlaute wieder: Abgeordneter Stand: Hohes Haus! Es haben bis nun die Vertreter der Demokratie der Polen und der Ruthenen gesprochen. Ich erscheine vor Ihnen als Vertreter der jüdischen Demokratie und bringe mehr oder weniger dieselben Klagen vor. Wie man gegen das polnische Volk vorgegangen und gegen das ruthenische Volk vorgegangen ist, ist man auch gegen das jüdische Volk vorgegangen. (Zustimmung.) Meine Herren! Ich will Ihnen nun systematisch in einigen markanten Zügen, die Geschichte einer Wahl in Galizien schildern. Zu aller Anfang werden die Listen fertiggestellt. Vom gesetzlichen Standpunkte kennt' man gewöhnlich zwei Kategorien von Bürgern. Man teilt sie in solche ein, die das Wahlrecht haben, und in solche, die das Wahlrecht nicht haben. Der galizische Bezirkshauptmann teilt sie ein in solche, die sicher sind, und in solche, welche nicht sicher sind. (Heiterkeit und Zwischenrufe.) Nach dieser Zweiteilung handelt er. Er schaut sich früher die Sicheren an und gibt auch denjenigen das Wahlrecht, die es nicht verdienen. Die sogenannten Unsicheren aber, von denen er im vorhinein annimmt, daß sie etwaigen demokratischen Strömungen zugänglich sind, werden gestrichen. (Zustimmung.) So ging es zum Beispiel in Krystynopol zu. Dort gab es 900 Wahlberechtigte. Davon wurden kurzerhand 250 gestrichen, weil sie zu den Unsicheren gehörten. (Zwischenrufe.) Diese reklamierten später, die Reklamationen hatten aber keinen Erfolg. In Sokal zum Beispiel gibt es ein neues Gymnasium. Der Bezirkshauptmann teilte die Professoren dieses Gymnasiums in zwei Kategorien ein. Er gab den polnischen Gymnasialprofessoren das Recht zu stimmen, obwohl sie dort erst seit fünf Monaten wohnten, die ruthenischen Professoren aber wurden dieses Rechtes für verlustig erklärt. (Hört! Hört!) So werden die Listen zusammengestellt und auf Grund dieser Listen soll dann die Wahl vorgenommen werden. Nun beginnt der zweite Akt der Tragödie. Es melden sich die Kandidaten, der Bezirkshauptmann favorisiert den einen offiziellen Kandidaten und tritt mit aller Macht gegen den anderen auf. Da beginnt der Terrorismus, von dem‘Sie, meine Herren, in Westösterreich gar keine Ahnung haben. (Zustimmung.) Am meisten bedrückt in dieser Hinsicht sind die Juden, welche durch 40 Jahre gewohnt waren, blind zur Urne zu gehen, ohne eigenen Gedanken, ohne sich überhaupt ihre demokratischen Kandidaten wählen zu können. Dieser idyllische Zustand hat ein Ende genommen, der Jude hat ebenso wie die Polen und Ruthenen zu denken angefangen (Beifall), er wurde selbständig und trachtet heute danach, entweder den Juden zu wählen, wo er in der Mehrzahl ist — und dazu hat er ein gesetzlich vollkommen gewährleistetes Recht (lebhafte Zustimmung) — oder er wählt den Demokraten. Die Bezirkshauptleute beginnen nun mit einem Terror: Sie schließen die jüdischen Läden, sie lassen ' die jüdischen Häuser demolieren (Ruf: Die Bäckereien!), die Bäckereienwerden gesperrt. Dadurch leiden nicht nur die Juden, es leiden auch viele Arbeiter. Es beginnt aber noch etwas ganz Eigenartiges: Auf einmal beginnt in diesem verwahrlosten Galizien die Hygiene zu funktionieren (Heiterkeit), auf die Hygiene wird dann so außerordentlich geachtet. Sechs Jahre hat man von ihr keine Ahnung gehabt, jetzt kommt der Bezirkshauptmann in alle jüdischen Läden, er kommt zu den Fleischselchern, um ihre Ware zu untersuchen u. s. w. Meine Herren! Der Professor der Hygiene auf der Wiener Universität könnte dort sehr viel lernen. (Heiterkeit.) Die Untersuchungsmethoden, die wir in Galizien haben, die kennt die modernste Hygiene hier nicht. (Heiterkeit und Zustimmung.) Die Hygiene * dieser Leute besteht zum Beispiel in folgendem: Der Physikus kommt in ein Geschäft. Kaum winkt ihm der Kaufmann, ich stimme für den Regierungskandidaten, ist alles in bester Ordnung. (Heiterkeit und Zustimmung.) Hat aber der Kaufmann so ein verdächtiges Gesicht — und der Physikus ist Physiognomist genug, um zu wissen, wer ein verdächtiges und wer ein gutes Gesicht hat (Heiterkeit) — oder macht so eine verdächtige Miene, dann wird alles untersucht. Und — mag alles noch so hygienisch sein — der Laden wird gesperrt, das Haus wird demoliert, die Bäckerei wird gesperrt, es herrscht ein Terror wie in Feindesland. (Zustimmung.) Das ist der zweite Akt der Tragödie. Nun beginnt der Wahlakt selbst; es sollen die Vertrauensmänner ernannt werden. Sagt doch das Gesetz so ganz deutlich: Jede Partei kann ihre Vertrauensmänner stellen!- Unter verschiedenen Vorwänden werden die Vertrauensmänner nicht zugelassen. Derselbe- Bezirkshauptmann brachte es zustande, daß er, als ein Gesuch zur Aufnahme und Zulassung von Vertrauensmännern gemacht wurde, einmal sagte: Ja, das hat die Partei unterschrieben, das hat aber der Kandidat selbst nicht unterschrieben, und daß er, als am nächsten Tag der Kandidat unterschrieb, sagte: Ja, das hat der Kandidat unterschrieben, aber die Partei hat es nicht unterschrieben. (Lebhafte Heiterkeit.) Meine Herren! Solche Dinge geben vor und wenn schon die Vertrauensmänner zugelassen werden, so wirft man sie unter den nichtigsten Vorwänden