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Jüdische Zeitung · 1907-07-05 · 4 (5.7.1907) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
4 (5.7.1907)
Date
1907-07-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 4 direkten Weg ins deutscbnationale Parteilager zurückkielten. Aber wie der Znaimer Abgeordnete Professor Bendel als erster das sinkende Schiff verließ, weil es ihm die Zusammensetzung seiner Wähler gestattete, so hätte manch anderer mit ihm gar gerne den heißersehnten Eintritt in den deutschnationalen Verband vollzogen. Nur mußten sie —die Deutschmährer, Skedl, Demel, Günther, das halbe Dutzend Deutschböhmen — den deutschfortsckrittlichen Schein wahren, weil sie entweder die jüdischen Wähler ihres Wahlbezirkes nicht verletzen oder irgendwelche deutschpolitische Interessen nicht gefährden durften. Sie gehorchten der Not, nicht Parteigrundsätzen. Die Mehrzahl von ihnen ist jederzeit bereit, mit fliegenden Fahnen in dep antisemitischen Verband abzuschwenken. Die Juden deutschliberaler Couleur, die nach wocheulangem Schwanken sieh wieder fest im Parteisattel zu fühlen scheinen, haben zum Jubeln keinen Anlaß: die „Deutschfortsckrittliche Vereinigung“, ihr Schmerzenskind, hat nicht viel Lebenskraft, aber auch nicht viel Lebensfreude. * Die deutschen Provinzjuden sind doch nicht ganz leer ausgegangen. Die Wiener Juden haben mit ihren Auserwählten Pech gehabt. Was hat die liberale Presse mit Baron Hock getrieben! Wie hat sie den Herrn Kuranda herausgestrichen! Baron Hock ward unzähligemale zum Führer hinaufgelobt, zum einflußreichen Volksmann, zum großzügigen Agitator, der alle fortschrittlichen Elemente des Parlamentes um seine Fahne scharen und in den frischfröhlichen Kulturkampf führen werde. Es ist ein kleinwenig anders gekommen. Und es ist recht stille geworden in den Spalten dieser Presse. Die Reklametrommel für Hock und Kuranda hat negative Erfolge gehabt. Sie sind vereinsamt im Hause. Die deutschen Parteien haben ihnen in nicht mißzuverstehender Weise die Türe vor der Nase zugeschlagen. Sogar die Deutschfortschrittlichen! Für die jüdischen Wähler der beiden Herren, an deren Wahl so weitreichende Erwartungen geknüpft wurden, bedeutet die imzweideutige Ablehnung durch die sogenannten Deutschfreiheitlichen einen Fußtritt cömme il faut. Die erträumte Renaissance des Wiener Liberalismus, die unter Hocks glorreicher Führung vor sich gehen sollte, ward ausbleiben. Und auch die deutsclidemokratisehe Partei, die alle ..jungliberalen“ Kreise umfassen und die radikalfreisinnige Erbin der Altliberalen werden sollte, blieb nur Projekt. Die R.-R.-Abg. Baron Hock und Kuranda haben kein Glück mit Parteien und Parteigründungen. Sie sind Wilde wider ihren Willen, parteilos aus Zwang. Vor den Wahlen las man’s anders. * In der Debatte über die Wahlmißbräuche hat der Herr Dr. Löwenstein als unverfälschter Hausjude die Verteidigung des Polenklubs übernommen. Der Abgeordnete von Drohobycz, der Abgeordnete von des Herrn Feuerstein Gnaden! Dieser Feuerstein ist der berüchtigtste Wahlmacher in Galizien, ein Meister in allem Wahlsehwindel, ein skrupelloser Beutemacher in der Politik. Und Dr. Löwenstein hat seinen Wahlkünsten sein Mandat zu verdanken. Das allein richtet den Mann und nimmt ihm das moralische Recht, in einer Debatte über Wahlmißbräuehe mitzureden. Aber was ein rechter Hausjude ist und für die Schlachta jede Dienstleistung, jedes'Geschäftchen, jedes Mandat jenseits von Scham und Ehrgefühl übernimmt, schert sich den Teufel um moralische Bedenken und das - Hohngelächter aller in der Politik nichtkorrumpierten Leute. Dr. Löwenstein bat gut und ebenso kühn gesprochen. Der Mann hat eine eiserne Stirne. Der Sohn des eingewanderten deutschen Rabbiners, der Schwiegersohn des berühmten Edlen von Horowitz, Feuersteins Günstling, des Polenklubs Dolmetsch und Verteidiger — als Nationalpole, als Vertreter der Freiheit, als Freund reiner Wahlen, als Ankläger fremden Terrors: die Kühnheit imponiert! Nicht nur der Polenklub, sogar die Christliehsozialen, diese korrupteste Partei des ganzen Hauses, die ebenbürtigen Partner der galizisehen RekordkorruptioniSten, boten ihm Rückendeckung. Diese saubere Koalition, der natürlich der „Deutschnationale Verband“ unter Verrat aller freiheitlichen Grundsätze nachhinkte, hat die Dringlichkeitsanträge niedergestimmt und will wahrscheinlich die Träger der galizischen Raubmandate vor allen weiteren Anfechtungen schützen. Sie mögen es versuchen! Dann wird die galizische Bevölkerung, deren politischer Wille in so schamloser Weise geknebelt und gefälscht ward, die richtige Antwort nicht schuldig bleiben dürfen. Oer Zionismus und die Landwirtschaft in Palästina. Von Professor 0. Warburg (Berlin). Zweifellos ist die wichtigste Frage der Palästinaarbeit des Zionismus die der Förderung der jüdischen Landwirtschaft in diesem Lande. Wenn es uns nicht gelingt, einen kräftigen jüdischen Bauernstand in Palästina zu schaffen, so werden alle Hoffnungen auf eine auch nur annähernd autonome Heimstätte in diesem Lande aufgegeben werden müssen. Es ist möglich, und sogar nicht unwahrscheinlich, daß die Juden mit der Zeit in einer Anzahl von Städten Palästinas auch ohne Landwirscliaft eine gewisse Präponderanz erlangen. Was nützt ihnen aber eine solche, wenn das Land unjüdisch bleibt? Wir würden nur eine neue und auch nur temporäre Gettokultur großgezogen haben. Denn, hört einmal die Einwanderung von außen auf, so tritt nach wenigen Jahren das ein, was in allen eine höhere Kultur erlangenden Ländern der Fall ist, die städtische Bevölkerung nimmt aus sich selbst heraus nur wenig zu und das Wachstum wird im wesentlichen durch Zuzug der sich schnell vermehrenden Landbevölkerung gedeckt. Ist die ländliche Bevölkerung dann arabisch und nicht jüdisch, so wird ein eventuell bis dahin erlangter Vorsprung alsbald ausgeglichen werden. Der Satz, daß die Zukunft eines Landes dem Stamm angehört, welcher das platte Land im Besitz hat, ist durch zu viele historische Beispiele erwiesen, als daß er bestritten werden könnte. Es muß also nach wie vor unser heißes Bemühen darauf gerichtet sein, das flache Land Palästinas der jüdischen Kolonisation zu erschließen, so schwierig diese Aufgabe auch momentan noch ist. Die sogenannte industrielle Kolonisation mag ein gutes Mittel sein, um die jüdische Bevölkerung Palästinas in der ersten Zeit zum schnelleren Wachstum zu bringen, als es mit den beschränkten Mitteln auf dem Lande möglich ist, man dax-f aber nicht vergessen, daß sie immer nur ein, dazu etwas ungesundes, Surrogat darstellt. Städte mit großer jüdischer Bevölkerung bilden zweifellos einen gewissen Machtfaktor, namentlich nach außen tritt eine kompakte städtische Bevölkerung mehr in Erscheinung I als eine weit zahlreichere ländliche, aber politisch ist eine solche Kolonisation von geringem Wert, denn in der diplomatischen Welt fallt die bodenstete ländliche Bevölkerung mit Recht, und zwar nicht nur aus militärischen Gründen, weit mehr ins Gewicht als die mehr zum Fluktuieren geneigte Bewohnerschaft der Städte. Untersuchen wir nun, was hat der Zionismus bisher geleistet, um die ja ganz speziell für diese, politische Ziele erstrebende Bewegung so unumgänglich notwendige landwirschaftliche Kolonisation zu fordern, und was kann er in der Zukunft leisten? * Das große Mittel, mit dem die zionistische Bewegung diese wichtige Aufgabe lösen wollte, war die Gründung des Nationalfonds, der anfangs nur zum Bodenkauf in Palästina bestimmt war; und zwar sollte dieser Fonds nach der ursprünglichen Fassung erst in Angriff genommen iverden, nachdem er eine Höhe von 5 Millionen Krqnen erlangt habe. Der sechste Kongreß erweiterte den Zweck des Natiönalfonds dahin, daß der Fonds schon jetzt Land kaufen könne, so\\rie auch die gekauften Länder verwalten und verpachten dürfe. Die jetzige rechtliche Form des Nationalfonds, eine englische Genossenschaft, beschränkt durch Garantie, gestattet zwar theoretisch gleichfalls den Kauf des Landes,, verhindert aber den Verkauf nnd gestattet nur Verpachtung an Juden. Diese Einschränkungen, sowie die von unseren juristischen Sachverständigen betonte Tatsache, daß zur Zeit die Erwerbung von Grund und Boden in Palästina mit irgendeiner rechtlichen Sicherheit durch den Nationalfonds ein Ding der Unmöglichkeit ist, da und solange er keine juristische Person im türkischen Sinne darstellt, Averden den Landkauf durch den Nationalfonds in absehbarer Zeit auf nur ganz vereinzelte Objekte beschränken, nämlich auf solche, bei denen die prinzipielle Bedeutung des Kaufes über die juristische Unsicherheit und über die praktischen ScliAvierigkeiten hiniiregsehen lassen Averden. Der Grundbesitz des Fonds Avird sieh also bis auf einige städtische Parzellen im Avesentlichen auf die für die Olbaumspendfe nötigen Terrains, sowie auf die drei für Versuchsstation, genossenschaftliches Gut und Lehrfarm angekauften, respektive noch anzukaufenden Ländereien beschränken, es sei denn, daß man noch einige geschichtlich denkwürdige Plätze sich sichern will, oder noch Landkauf für Avichtige kolonisatorische oder A'olksAvirtsckaftliclie Versuche riskieren Avill. Es ist klar, daß damit der ländlichen Besiedlung Palästinas nur in indirekter Weise gedient ist. So enorm AA'ichtig auch die Versuchsstation ist, so wünschenswert auch eine Lehrfarm ist und so bedeutungsvoll auch ein genossenschaftliches Gut sein mag, so haben diese Institutionen doch nur dann eine Existenzberechtigung, Avenn überhaupt eine iveitere jüdische ländliche Besiedlung des Landes stattfindet: für die bestehenden 24 Dörfer würden sie einen zu großen Apparat darstellen; auch Avürde die Versuchsstation, wenn es ihr gelingt, die LandAvirtschaft zu heben, in umTerhältnismäßig höherem Maße den Fellachen zugute kommen und dadurch indirekt dazu dienen, die Landpreise zu steigern. Wohl ist der Nationalfonds nach seinen Statuten auch berechtigt, Darlehen auf ländliche Unternehmungen zu geben, aber auch das kann nur gegen absolute Sicherung der Forderung geschehen und eine einfache Hypothek auf Land würde allein keine solche Sicherheit verleihen, da. Avenn das Land dem Nationalfonds später zufallt, es ja aus den vorher angeführten

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