Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 4 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 4!: gleicher Weise geltend und fordert immer gebieterischer ein solidarisches Vorgehen aller österreichischen Juden, einen jüdischen Block auf nationaler Basis. Im deutschen Lager marschieren gemeinsam sogenannte „Judenliberale“ mit ddutschnationalen Antisemiten. Die freisinnigen Jungtscheehen bilden mit den tschechischen Antisemiten einen gemeinsamen Block und die polnischen Freiheitsschwärmer sind Verbündete ihrer konnationalen klerikalen Antisemiten! Dies alles sehen oder wollen die assimilatorischen jüdischen Politiker in Wien, Prag, Brunn und Lemberg nicht sehen. Trotz aller Fußtritte und Niederlagen setzen sie ihre sogenannte „deutsche“, „tschechische“ und „polnische“ Politik fort und sträuben sich gegen jede jüdische Volkspolitik, die sie immer wieder mit der unsinnigen Phrase, sie sei eine Klerikale iind reaktionäre, widerlegt zu haben glauben, trotzdem gerade sie sich in der Gesellschaft nicht nur von Antisemiten, sondern auch von verhüllten und unverhüllten Reaktionären deutscher, tschechischer und polnischer Zunge befinden! Wir nationalen. Jungjuden hingegen lehnen wohl jede Politik ab, die auf unsere nationalsozialen Bedürfnisse keine Rücksicht nimmt, sind aber immer bereit, die Bruderhand all jenen wirklich Modernen sämtlicher Volksstämme Österreichs zu reichen, welche uns als gleichberechtigte Nation anerkennen und gemeinsam mit uns für die nationale Gleichberechtigung aller Volksstämme und für die wirtschaftliche Regeneration Österreichs eintreten wollen. Veruß. 1 I;r V. österreichischer Zionistentag in Bielitz. Am 30. Jnni and 1. Juli 1907. Die Verhandlungen des Zionistentages nahmen zwei volle Tage in Anspruch. Da eine Anzahl von Delegierten bereits Samstag in Bielitz anwesend war, veranstaltete der Verein „Hasch achar“ einen Begrüßungsabend im Saale der Kultusgemeinde. Doktor Blum, der im Namen der Bielitzer Zionisten sprach, wies unter anderem auch auf den eben erfolgten Sieg unserer Bielitzer Gesinnungsgenossen bei den Kultnswahlen hin. Nach ihm hielt Dr. Margulies die Tendenzrede. B.-R.-Abg. Stand wurde von den Anwesenden besonders akklamiert. nach Arbeit an Stelle von Almosen. Die Orthodoxie unter Führung Meiers will mitarbeiten an der Wiedererweckung Palästinas, die sie von uns angebahnt sieht und die sie aus nationalem und lokalem Stolz nicht uns allein überlassen will. Der Geist Herzls, ■dessen Name auch für jene Orthodoxen Palästinas ein Heiligtum ist, die seinen Plänen den heftigsten Widerstand geleistet haben, dringt in die finstersten Winkel Jerusalems und eine Ahnung künftigen Glanzes dämmert im heiligen Lande selbst dem armseligsten Juden heute auf. Die Hauptmasse der Jerusalemiter Juden lebt ~ von der „Chaluka“. Seit langer Zeit besteht in orthodoxen Kreisen Europas der Brauch, an die i heiligen Stätten Jünger zu entsenden, die dort dem Gesetzesstudium obliegen und für ihre Wohltäter beten sollen. Nach und nach wurde System in die Sache jf gebracht und heute existieren -in zahlreichen Staaten |i; Europas Unterstützungsvereinigungen für die in Jerusalem lebenden Landsleute. Die Judenschaft ist dort nach Landsmannschaften zusammengefaßt; die I r „ungarische“ Gemeinde erhält zum Beispiel ihre Unterstützung von der Chaluka-Organisation Ungarns etc. Durchschnittlich entfallen auf ein Familienhaupt i'T 8 Kronen pro Woche, für jedes Familienmitglied separat 2 Kronen. Sind diese Beträge an sich schon ganz unzureichend, so gibt es außerdem noch zahlreiche r ' Juden, welche keiner Chaluka-Gemeinde angehören 3 und gar nichts erhalten, mangels jeder Erwerbsmöglichkeit aber auch nichts verdienen können. Das r Elend der Jerusalemiter Juden ist daher grauenhaft. Die Verhandlungen wurden Sonntag, 10 Uhr Früh, in Anwesenheit von 68 Delegierten im prächtig ausgeschmückten Schießhaussaal von Dr. Blum (Bielitz) eröffnet. Ins Präsidium wurden gewählt: Dr. Salz (Neusandec), Dr. Kornhäuser (Jaslo), G. Torczyner (Wien). Als Schriftführer fungierten: Fräulein Bierer, Hermann Löw, Friedrich Steiner, Alex. Geller. Der Obmann des L.-K., Dr. Schalit, mit lebhaftem Beifall begrüßt, erstattet den Rechenschaftsbericht. Er gibt einen Überblick über die Vorgänge, die zur Wahl des jetzt funktionierenden L.-K. geführt haben, und führt aus, daß der Prager Parteitag den Aufgabenkreis der Zentralinstanz stark eingeschränkt habe. Trotzdem habe sich das L.-K. mit Erfolg bemüht, in seine Arbeit einen großzügigen Zug zu bringen. Die politische Geschichte der letzten zwei Jahre beweise dies Schritt für Schritt. Vom L.-K. sei die Parole ausgegangen, die Judenfrage als eine Frage der europäischen Kultur auf die Tagesordnung der Haager Friedenskonferenz zu setzen. Das L.-K. habe diesen Gedanken mit zäher Ausdauer verfolgt und in diesem Sinne den R.-R.-Abg. Dr. Straucher zu einer Intervention in den österreichischen Delegationen veranlaßt. Viel Zustimmung habe die Anregung in Amerika und England gefunden. Das L.-K. hat sich ferner bemüht, für den zionistischen Gedanken in derzeit gegnerischen Organisationen Anhänger zu gewinnen und hat keine Gelegenheit versäumt, um die Möglichkeit einer gemeinsamen Aussprache jzu schaffen. An der Aktion, eine Gesamtorganisation der österr. Judenschaft herbeizuführen, beteiligten sich nebst dem L.-K. die B.-B., die Allianz, der Gemeindebund, der Galizisehe Hilfsverein und der Vorstand der israel. Kultusgemeinde. Während der Wahlzeit haben die Arbeiten geruht, sie werden im Herbste wieder aufgenommen werden. Die Wahlreehtsaktion und die Wahlbewegung gaben dem Obmanne des L.-K. wiederholt Gelegenheit, in Regierungskreisen über den Zionismus aufklärend zu wirken. Die zionistische Presse in Österreich biete ein erfreuliches Bild vom Wachstum unserer Bewegung. In den letzten zwei Jahren sei eine Anzahl zionistischer Blätter entstanden. Das jüdische Tagblatt und Wschöd in Lemberg haben sich ohne Unterstützung der Zentralleitung besonders entfaltet. Es ist dem L.-K. auch gelungen, unerwünschten Interventionen entgegenzutreten und die nach Tradition und Statut gewährleistete Autonomie zu wahren. Der Rechenschaftsbericht erntete wiederholt stürmischen Beifall. ■ Dr. Stahl überbringt im Aufträge des deutschen Zentralbureaus die Grüße der deutschen Landsmannschaft: „Für die Idee des Judentums verschwinden die Reichsgrenzen, da gibt es nur ein blau-weiß.“ Redner schildert den großartigen Eindruck, den die Erfolge der politischen Aktion der österreichischen Zionisten in Deutschland gemacht haben, die auch eine musterhafte Disziplin in der Partei bewiesen haben. Redner wünscht der österreichischen Föderation, die Ihre Behausungen werden kaum in den berüchtigten Elendsvierteln europäischer Großstädte ein Seiten stück finden. Man darf daher nicht allzu scharf das Bettelwesen verdammen, das in Jerusalem direkt organisiert ist und von da aus die Welt mit Briefen überschwemmt. Wie sollen die Leute, die von Alters her gewöhnt sind, von Unterstützungen zu leben, die in Elend verkommen und denen bei dem heutigen Zustande Palästinas die Erwerbsgelegenheiten fehlen, auf etwas anderes als aufs Schnorren verfallen! Wenn wir auch gegen das Ohaluka-Unwesen sein müssen, so darf doch nicht verkannt werden, daß es der Chaluka zu verdanken ist, daß heute Jerusalem eine jüdische Stadt ist (von 65.000 Einwohnern sind 40.000 Juden) und daß durch sie jährlich ein paar Millionen Franks in jüdische Hände kommen, für welchen Betrag die Juden Konsumenten und damit ein wichtiger Faktor geworden sind. Dazu kommt, daß die ganze Institution in einem Umbildungsprozeß begriffen ist; einerseits dämmert es, wie schon erwähnt, in den orthodoxen Kreisen Jerusalems, anderseits beweisen die letzten Konferenzen der europäischen Hilfsorganisationen, daß auch sie einsehen, daß mit dem bißchen Unterstützung nichts getan ist, sondern daß die Schaffung von Arbeitsgelegenheiten das wichtigste und dringendste Erfordernis ist. Alle Kreise, die an Palästina interessiert sind, treffen heute in dieser Anschauung zusammen. Mit besonderem Stolze mag es uns erfüllen, daß die zionistische Organisation, die ja erst ganz kurze Zeit praktische Arbeit in Palästina leistet, eine Institution unter der Ägide Herzls gegründet wurde, kräftiges Gedeihen. (Lebhafter Beifall.) Der Präsident begrüßt den Vertreter der russischen Zionisten Duschinski und die inzwischen erschienene Abordnung der Poale Zion, Gg. Dr. Feldblum, Nußbaum und Mellen, und läßt den Kassabericht des am Erscheinen verhinderten Gg. Gewitsch durch Gg. Lederer verlesen. In der Debatte bemängelt Dr. Syrop den Rechenschaftsbericht als zu großzügig, er enthält keine Tatsachen. Er urgiert eine Tätigkeit des L.-K. zur Schaffung eines zionistischen Tagblattes in polnischer Sprache. Dr. Margulies (Wien) sagt, daß dem L.-K. durch die Prager Beschlüsse keine anderen Agenden übrigblieben, als eine gewisse Oberleitung. Daher kann man keine Detailarbeit erwarten. Die Mängel, die vorhanden sind, liegen in der Organisation, diesbezüglich werde er Anträge stellen. Doktor Reich (Lemberg) führt in außerordentlich temperamentvoller Weise aus, daß durch die von Dr. Schalit inaugurierte politische Aktion mehr für den Zionismus geschehen ist, als durch bloße Gewinnung neuer Schekelzahler hätte erreicht werden können. Wir haben die Apathie der Juden überwunden. Redner appelliert an die Gesinnungsgenossen im Westen, die Gründung eines polnischen Tagblattes zu unterstützen, denn diese sei im allgemeinen, nicht bloß im provinzialen Interesse gelegen. Nachdem noch einige Redner gesprochen hatten, sagte Dr. Schalit im Schlußworte, das L.-K. habe nur die Oberleitung und damit die Aufgabe, über die usuellen und traditionellen Wege hinaus für den Zionismus zu wirken. Diesbezüglich Erfolge zu erzielen hängt nicht nur von den betreffenden Männern ab, sondern auch von der Tagesstimmung. Der Antrag’ des R.-R.-Abg. Dr. Gabel und Dr. Reich: „Der Zionistentag nimmt den Rechenschaftsbericht mit Dank, insbesondere für den Vorsitzenden Dr. Schalit, zur Kenntnis“, wird einstimmig angenommen. Ferner wird der Antrag Dr. Syrop angenommen : „Der Parteitag spricht sein Bedauern darüber aus, daß das Aktionskomitee im letzten Jahre mit Umgehung der Landesorganisation und der einzelnen D.-K. Schekel in Österreich verteilt und dadurch eine prinzipielle Bestimmung des Organisationsstatutes verletzt hat.“ Über „Organisation“ referiert Dr. Isidor Margulies (Wien). Er schlägt vor, das L.-K. aus 12 bis 15 Personen aus allen Distrikten zusammenzusetzen, das durch zwei Zentralbureaux (in Wien und Lemberg) seine administrativen Agenden besorgen läßt. Diese haben den ganzen Schekelverkehr in der Hand, fungieren als Sammelstellen des N.-F. und sollen tunlichst auch die administrativen Agenden der D.-K. übernehmen. Niederösterreich und Mähren sollen zu einem Distrikt vereinigt werden. Das L.-K. sei zu beauftragen, Besprechungen einzuleiten, um eine Form zu finden, daß die Poale Zion im L.-K. und am Parteitage vertreten seien. Schließlich beantragt Doktor geschaffen hat, die in dieser Hinsicht auf das segensreichste zu wirken bestimmt ist, ich meine den „Bezalel“ . . . In allen nationalen Bewegungen, die groß und kulturfördernd geworden sind, gruppierten sich die ersten Anfänge wie um eine Standarte, um irgendeinen kleinen, unscheinbaren Zweig der betreffenden Bewegung. Welche Bedeutung hatten zum Beispiel die Jahnschen Turnvereine für die großdeutsche Bewegung! Was ist ein Turnverein im Hinblick auf die gewollte nationale Renaissance? Und doch hatten sich alle großdeutschen, alle freiheitlichen Elemente in den Zeiten der Reaktion um diese Turnvereine gruppiert. In ähnlicher Weise sammelt sich in Palästina alles, was national, was zionistisch fühlt und denkt, um den Bezalel. Professor Schatz hat mit ihm ein geistig-kulturelles Zentrum für unsere Bewegung in Jerusalem geschaffen. Freitag abends finden allwöchentlich in den Räumen der Schule gesellige Zusammenkünfte statt, jeder Jude, der nach Palästina kommt und irgend etwas unternehmen will, kommt zu Professor Schatz. Dieser prächtige Mann weiß alles, er ist der beste Kenner des Landes und seiner Produkte geworden. Er hat in ganz kurzer Zeit Hebräisch erlernt und heute wird der Unterricht in der Schule nur hebräisch erteilt. Damit weniger fortgeschrittene Schüler ihm folgen können, ist ein hebräischer Sprachkurs der Schule angegliedert. Die großartige künstlerische Erziehungsarbeit des „Bezalel“ kann ich hier nur flüchtig erwähnen. Mit Erfolg haben Schatz und seine Schüler die hebräischen