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Jüdische Zeitung · 1907-07-05 · 4 (5.7.1907) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
4 (5.7.1907)
Date
1907-07-05
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdische Zeitun 1---:-U Erscheint am 5. u, 20. jeden Monats. J- -, Redaktion, Administration und Abonnementpreise: Inseratenaufnahme: IX., Türkenstraße Nr. 9 Telephon Nr. 14.199. Ab 1. September 1907 jeden Freitag. In Österreich-Ungarn: Ganzjähr. K 6.— halbjähr. K 3.—, Vierteljahr. K 1.60. Im Ausland: " - Zu haben in Wien: Administration, Türkenstraße Nr. 9. Ganzjähr. K 9.—, halbj. K 4.50. Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr ' ’ ' vormittags. Zeitungsbureau Goldschmiedt, I., Wollzeile Nr. 11. Einzelne Nummern 25 Heller. n . - n -n Vertretungen in der Provinz: In Brünn: Zeitungsbureau, Ferdinandsgasse. — In Prag: Zeitungsverschleiß Wlczelr, Graben 33. — In Lemberg: Karl Buchstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 4. Wien, Freitag, den 5. Juli 1907. I. Jahrgang. internationaler Antisemitismus. Unter den Schlagworten, mit welchen die jüdische Assimilantenpartei, die sich fälschlich „freisinnig“ und „fortschrittlich“ nennt, gegen jede nationaljüdische Politik ankämpft, steht an erster Stelle die Behauptung, daß diese Politik die Juden von allen übrigen Völkern isoliere und neue Anhänger dem Antisemitismus zuführe. Nun,- wohlan denn, die Tatsachen beweisen das Gegenteil! Die nationale Politik der „deutschen“ Juden hat Herrn Dr. Geßmann, die der „tschechischen“ Juden Herrn Doktor Baxa und die der „polnischen“ Juden den Pater Stojalowski zu Machtfaktoren gemacht. Die „fortschrittlichen“ deutschen Politiker äla Groß ließen sich von den „deutschen“ Juden nicht abhalten, in der Wahlkampagne mit den deutschnationalen Antisemiten zu kooperieren; die jungtschechische Partei stellte trotz der Unterstützung der „tschechischen“ Juden Doktor Baxa als ßeichsratskandidaten auf und der Polenklub verzichtet zwar nicht auf die Stimmen der polnischen Juden, aber auch nicht auf die Allianz mit den polnischen Antisemiten unter Führung Stojalowskis. So bildet sich allmählich infolge der Politik der assimilatorischen jüdischen Führer — welche die Solidarität im jüdischen Volke ebenso wie die Solidarität aller österreichischen Nationen auf freiheitlicher Grundlage vereitelt — eine Solidarität gegen die Juden im Zeichen des Antisemitismus unter der Flagge Geßmann, Baxa, Stojalowski. Die ebenso unjüdische wie unösterreichische und unmoderne assimilatorische Politik arbeitet also durch ihren Mangel an Verständnis für die Existenzbedingungen des jüdischen Volkes und des polyethnischen Völkerreiches Österreich für die christlichsoziale Partei. Übrigens sind in ganz Deutschösterreich sowohl die Scheinliberalen, wie die Extrem- Deutschnationalen die Bahnbrecher der Christlichsozialen. Sowohl in den Sudetenwie in den Alpenländern haben die sogenannten „deutschfreiheitlichen“ Gruppen abgewirtschaftet; die Alldeutschen, sowie die deutsche Volkspartei und die deutschen Fortschrittler weichen den Christlichsozialen oder schließen mit ihnen Kompromisse! ' Ganz ähnlich liegen auch die Verhältnisse im tschechischen und polnischen Lager. Vor dem Anstürme der KlAikaren und der Agrarier einerseits und der Sozialdemokraten anderseits suchten die Jungtschechen anläßlich der Reichsratswahlen Hilfe bei Dr. Baxa und Fresl. Also auch in der tschechischen Bourgeoisie erschlägt der Chauvinismus und Antisemitismus geradeso wie im deutschen Bürgertum den Freisinn und die Demokratie. Dieselben Erscheinungen treten auch im polnischen Nationalrat zutage. Man zieht dort die Bundesgenossenschaft der chauvinistischen und antisemitischen Allpolen, Christlichsozialen und Klerikalen, die Freundschaft eines Stojalowski einer ehrlichen Auseinandersetzung und Verständigung mit der jüdischen, der ruthenischen, ja sogar der polnischen Demokratie vor. Die Juden sind also heute bereits in ganz Österreich isoliert, nicht etwa durch die jüdische Volkspolitik, sondern durch die Politik unserer assimilatorisch-jüdischen Gegner. Keine einzige der jetzigen Parteien ist bereit, für die Gleichberechtigung der Juden als Volk und als österreichische Staatsbürger mit der Entschiedenheit einzutreteu, wie für die nationalen und staatsbürgerlichen Rechte der übrigen Bewohner des Reiches. Die eine Fraktion bekämpft die Juden aus nationalen, die andere aus konfessionellen, die dritte aus wirtschaftlichen Gründen, im Antisemitismus aber sind Extremnationale, Christlichsoziale und Klerikale aller Volksstämme einig. In Prag haben sich Schneider und Breznovsky verbrüdert, in Bielitz forderte Stojalowski die Reichsratskandidatur Axmanns! Der Antisemitismus ist also trotz des nationalen Chauvinismus vieler seiner Wortführer international! Von Prag bis Triest, von Innsbruck bis Czemowitz, überall macht er sich in FEUILLETON. Palästina. Von Adolf Böhm. III.*) Ich besuchte aber auch die Talmud-Thoraschulen der Orthodoxen. Ich selbst habe keine Neigung für die Orthodoxie und muß gestehen, daß ich nicht ohne eine gewisse Scheu in diese fanatischen Kreise ging. Die Schulen sind infolge der unbeschreiblichen Armut der Jerusalemer Judenschaft in elenden, schmutzigen, licht- und luftlosen Baracken untergebracht. Und dennoch hinterließ der Besuch dieser Räume einen unvergeßlichen Eindruck. Die enge Stube, wo an einem wurmstichigen Tisch der alte Lehrer mit dem typischen gramdurchfurchten, doch geistvollen Antlitz und ein paar ganz kleine Jungen im Kaftan über die heiligen Schriften gebeugt sitzen — das ist ganz so, wie man es unzähligemale auf alten Bildern gesehen. . In eine solche Schule mag ein Acosta, ein Spinoza gegangen sein. Man wird ergriffen von der eisernen Zähigkeit der Orthodoxie. Jahrhunderte mögen kommen und gehen, alle Schrecken der Hölle mögen auf das arme Volk losgelassen, durch die ganze Welt mögen die Armen gejagt werden, heute so wie einst — unzerstörbar und unwandelbar bleiben die Einrichtungen der Orthodoxie. Die Worte der Schrift *) Siehe Nr. 2 und 3 dieses Blattes. und des Talmud, tausendjährige Weisheit, werden von den kleinen Jungen mit Lust und Begeisterung eingesogen. Befragt man einen dieser Knirpse, so stürzen auch alle anderen eifrig herbei, um zu zeigen, was sie können. Sie überbieten einander, die schwierige Materie nur recht verständnisvoll herzusagen. In dieser engen Stube merkt man, welche grandiose Kraft in der oft. verachteten Orthodoxie steckt; daß sie mit ihrem zähen Festhalten an alten Formen und Buchstaben es war, die unser Volk bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Man begreift die eminent nationale Bedeutung unserer Religion. Solange unser Volk frei auf eigener Scholle saß, da war der Kultus nicht strenger als etwa im alten Hellas. Erst vom ersten Exil, infolge der Erfahrung, wie schnell in der Fremde die Assimilation vonstatten geht, datieren die ersten strengen Ritualvorscbriften eines Esra und Nehemia, die so großartig sind, daß sie ihre Aufgabe, das Volk bis zum Augenblick seiner Befreiung zusammen zu halten, bis auf den heutigen Tag erfüllen. Die Orthodoxie kann erst verschwinden, bis dem Bestand des Volkes keine Gefahr mehr droht, bis es wieder im eigenen Land unter eigener Regierung lebt. Von diesen nach Hunderten zählenden Schülern der Talmud-Thoras werden aber höchstens nur fünf Prozent Rabbiner. Alle anderen widmen sich weltlichen Berufen und stellen dort ihren Mann, denn die Beschäftigung mit der spitzfindigen Dialektik des Talmuds ist eine Geistesschärfung, wie nur etwa das Studium der Hegelschen Philosophie. Als Religionsgemeinschaft besitzen die Juden Palästinas, ebenso wie die anderen Konfessionen in der Türkei volle Autonomie, ihr geistliches Oberhaupt gilt den Behörden gegenüber als Vertreter der Gemeinde. Da bei den Juden des Orientes die Religionseinheit gleichzeitig eine Nationaleinheit darstellt, so ist es für uns von nicht geringer Bedeutnng, wer dieses Oberhaupt ist. Bis vor kurzem war ein sehr ehrwürdiger, aber uralter, gebrechlicher Mann, der für die Erneuerung des Judentums gar nicht in Betracht kam, Ghacham Baschi, das heißt Oberrabbiner von Jerusalem. Das Judentum schlief unter seinem Regime. Als er im Herbst 1906 starb, wurde an seinerstatt — und dies ist ein Zeichen des neuen Geistes — ein feingebildeter, hochintelligenter Mann von prachtvoller Repräsentation gewählt, Reb Jakob Meier. Seine Wahl ist zwar noch nicht bestätigt worden, weil eine Intrige gegen ihn angezettelt wurde, aber diese galt nicht seiner Person, die unbestrittene Autorität genießt, sondern wurde nur eingeleitet, weil die Aschkenasim, einen besonderen Chacham Baschi wünschen. Von der türkischen Regierung wurde bis zur Schlichtung des Streites ein provisorischer Oberrabbiner, Reb Panigl, eingesetzt, doch ist kein Zweifel, daß sich die streitenden Gruppen bald einigen werden und Reb Meier sodann definitiv zum Chacham Baschi gewählt werden wird. Dieser Mann ist dazu prädestiniert, in der Orthodoxie einen vollkommenen Umschwung anzubahnen. Schon jetzt vernimmt man in den Blättern der Jerusalemer Chalnkaleute ganz neue Töne, den Wunsch nach praktischer Betätigung,

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