Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 3 (20.6.1907)
- Date
- 1907-06-20
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Produkt Wiener Sehmocktums, in zahllosen, spaltenlangen Berichten, juristischen Gutachten sacht sie den jungen Liebhaber kostspieliger Bibliothekswerke zu entlasten. Warum wohl? Wenn die „Presse“ sich für’ einen Privatmann gar so scharf ins Zeug legt, muß sie ihre guten Gründe haben. Und der Verdacht wird in «allen Kreisen rege, daß die leidenschaftliche Verteidigung nicht dem Falle und dem Opfer selbst, sondern der reichen jüdischen Familie galt, die durch den dummen Streich ihres Mitgliedes arg betroffen wurde. Es war kein Wunder, daß die antisemitische Presse die aufgelegte Schmockerei der liberalen Zeitungen gehörig ausschrotete und daß die „Arbeiterzeitung“ ihre höhnischen Glossen über die „besseren jüdischen Familien“ machte. In der Sache selbst hatten beide Recht. Aber was geht die Entgleisung eines getauften Wiener Bourgeoissöhnchens, dem alles Jüdische fremd und verhaßt ist, die jüdische Gesamtheit an? Es ist kein typisch-jüdischer Fall, wohl aber eine bezeichnende Episode in der Geschichte der reichen Wiener Juden und ihrer publizistischen Fürsprecher. Wenn ein jüdischer Gesellschaftskritiker die Wesensart der Wiener Juden wird schildern wollen, dann wird er über das Kapitel ihrer Reichen als Motto die Worte schreiben können, die Hermann Bahr einst niederschrieb: „Mir ist nur um die Kinder dieser durch Reichtum verdorbenen Juden bang. Bang und leid .. .“ Oie Wiener Protestversammlung gegen die galizischen Wahlmißbräuche. Die von den Ruthenen und Jüdischnationalen veranstaltete Protestversammlung gegen die galizischen Wahlen war massenhaft besucht und nahm folgende Resolution an: „Die ruthenisch-jüdische Protestversammlnng spricht über die unerhörten Wahlfrevel in Galizien ihre tiefste Entrüstung aus. Sie appelliert an das Parlament, es möge jene galizischen Wahlen, die auf verbrecherische Weise zustandekamen, annullieren. Sie fordert die Regierung auf, die Schuldigen zu bestrafen und die erschütterte Regierungsautorität gegenüber den galizischen Behörden wieder herzustellen. Die Versammlung wendet sich an die gesamte Öffentlichkeit ohne Unterschied der Partei und der Nation um moralische Unterstützung in dem bevorstehenden schweren Kampfe gegen die galizischen Wahl Verbrecher.“ Den Vorsitz in der Versammlung führte Dr. Ferdinand Kronawetter. Das Referat erstatteten die beiden Kandidaten von Buczacz- Stadt, Dr. Nathan Birnbaum, und der ruthenische Sozialdemokrat Dr. Jarossewytsch. Während die „Arbeiter-Zeitung“ die von den galizischen Zionisten geleistete politische Aufklärungsarbeit beharrlich ignorierte und zum Beispiel verschwieg, daß ihr Genosse Doktor Diamand in Lemberg nur mit zionistischer Wahlhilfe gewählt werden konnte, hat Doktor Jarossewytsch in seiner Rede offen anerkannt, daß die jungjüdische Partei im Kampfe gegen die Schlachta Anerkennenswertes geleistet habe und in den ersten Reihen gestanden sei. Die Ansimilanten, die in der „Arbeiter-Zeitung“ Politik machen und den Zionismus entweder totschweigen oder anpöbeln, habeD auch die nationaljüdische Opposition in Galizien keiner Erwähnung gewürdigt. Um so sympathischer berührte die Rede Dr. Jarossewytsch,, der als .JÜDISCHE ZEITUNG. Ruthene den Juden die Anerkennung als Nation nicht versagt und ihrem nationalen Kampf Würdigung angedeihen läßt. Er sagte: „Die Energie der volksfreundlichen Parteien aller drei Nationen hat es möglich gemacht, daß man in Galizien überhaupt als Oppositioneller kandidieren kann. Er begrüße das Auftreten der neuen jüdischen Partei, die auch das Judentum aus den Klauen der Schlachta befreien werde und ethißch solche Kreise hebe, in welche die Sozialdemokratie nicht Eingang finde.“ Den Wiener Sozialdemokraten, welche gemäß dem Parteidrill ihrer assimilatorischen Führer vor dem Worte „jüdische Nation“ einen Horror haben, werden diese Sätze ihres ruthenischen Parteigenossen vorgehalten werden können, wenn sie den Zionisten wieder mit dem verleumderischen Vorwurf reaktionärer Politik kommen werden. Die Frage der Annullierung der Wahlen wurde in der Diskussion wiederholt behandelt. Extreme Optimisten und große Pessimisten kamen zum Wort. Bezeichnend ist, daß Dr. Ofner, der die parlamentarischen Gewohnheiten gegenüber Wahlprotesten sehr gut kennt, vor allzu optimistischen Erwartungen warnte. Die Zusammensetzung des Hauses dürfte ihm Recht geben. Es wird, wie schon oft, eine scharfe Debatte über das galizische Wahlsystem abgeführt werden — und die Wahlproteste werden im Legitimationsausschusse liegen bleiben. Eine grundlegende Besserung oder radikale Maßregel ist von dem Hause, dessen Majorität sich über Recht und Anstand in der Politik hinwegsetzen wird, weil es sich um Galizien und um jüdische Mandate handelt, nicht zu erwarten. Ein unabhängiger Wahlgerichtshof, der dem europäischen Skandal solcher kulturwidriger Gewalttaten einzig ein Ende setzen könnte, ist vorläufig ein unerreichbares Ideal;, für Österreicher. So erübrigt nur, die öffentliche Meinung aufzurütteln, die parlamentarische Tribüne zum allerschärfsten Protest zu benützen und im Lande selbst unablässig Aufklärungsarbeit zu verrichten. Die Wiener Presse hat auch hier — mit wenigen Ausnahmen, die auf parteipolitische Motive zurückzuführen sind — ihre Kulturpflicht versäumt, hat auch politisch ihre Unverläßlichkeit dargetan. Sie hat sich begnügt, hie und da Notizen und Berichte über galizische Wahlen und ihre Sonderlichkeiten zu bringen, an energischer und schonungsloser Kritik hat sie es fehlen lassen. Der Bericht über die Protestversammlung, den sie stark gekürzt brachte, kam post festum und erfüllte nur teilweise seinen Zweck. Eine wahrhaft liberale Presse hätte die Schandwahlen ganz anders unter die Lupe nehmen müssen! Palästina. Bericht über Handel und Verkehr Palästinas für das Jahr 1906. (Erstattet von Generalkonsul Freemann [Jaffa].) Der Gesamtwert des Imports und Exports (der sich tatsächlich mit dem von ganz Palästina etwa deckt) betrug im Jahre 1906 ungefähr 1,600.000 Lstr., was gegen das Jahr 1905 eine Zunahme von 330.000 Lstr. oder 40 Prozent ausmacht. Der Wert des Imports stieg von 464.000 Lstr. auf 660.000 Lstr. und der des Exports von nicht ganz 370.000 auf 500.000 Lstr. (Bezieht man die Zahlen für Gaza mit ein, sp belaufen sich Import und Export je auf ungefähr 700.000 Lstr.) Der Durchschnitt der vorhergehenden Jahre war für Jaffa etwa 300.000 Lstr. für Export und ebensoviel -für Import und Nr. 3 neigte für den Import häufiger als für den Exdort zu höheren Zahlen. Diese außerordentlich günstigen Ausweise sind (mit Ausnahme der weniger günstigen Gerstenernte im Bezirk um Jaffa) hauptsächlich den guten Ernten und den daraus erzielten großen Gewinnen zu danken. Die Mehreinfuhr erklärt sich großenteils durch den Bedarf der ständig zunehmenden Zahl von Einwanderern, Pilgern und Touristen. 1905: Import 473.320 Lstr., Export 295.300 Lstr. Im ganzen 768.620 Lstr. Import. Die Zunahme der Einfuhr im Berichtsjahre macht sich bei allen Artikeln bemerkbar, hauptsächlich aber bei Baumwollwaren, Petroleum, Bauholz und sonstigen Baumaterialien. Nach Zucker und nach Kaffee war auch größere Nachfrage, denn seit langen Jahren. Nur die hohen Preise fast aller Manufakturwaren in Europa hinderten ein noch gewaltigeres Anwachsen des Imports. * * Baumwollware. Die bedeutendste Einnahme zeigt Baumwollware. Die Einfuhr dieses Artikels hat sich im Verlaufe der letzten sieben Jahre betreffs der Quantität mehr als verdoppelt, im Werte sogar vervierfacht. Die ansässige Bevölkerung ist von der Arbeit am Webstuhl abgekommen und man ersetzt überall die Wollstoffe durch farbigen Baumwollflanell, den man von Deutschland und Italien bezieht. Einen großen Teil (etwa 30 Prozent) des Handels in Baumwolle-Kleidungsstücken haben die italienischen Fabrikanten einerseits durch ihre billige Herstellungsweise, anderseits durch ihre entgegenkommenden Geschäftsusancen an sich gezogen. Zahlen: 1904: 160.000 Lstr., 1905: 180.000 Lstr., 1906: 259.000 Lstr. Durchschnitt 1901—1906: 164.600 Lstr. Baumaterial. Infolge des Anwachsens der Bevölkerung durch den ständigen Zufluß jüdischer Emigranten aus Rußland und anderen Ländern nimmt die Einfuhr von Baumaterial, wie Eisen- und Stahlträgern, Eisenwellblech, Ziegeln, Brettern und Zement beträchtlich zu. Eine bemerkenswerte Veränderung geht jetzt mit Jerusalem und anderen Städten vor sich, indem Ziegeldächer mit Eisenträgern die altehrwürdigen Kuppeldächer verdrängen. Alle diese günstigen Ausblicke haben deutsche, französische und belgische Exporteure sogleich in Rechnung gezogen und es. dürfte auch für britische Exporteure und Dampfschiffahrtsgesellschaften lohnend sein, gleich billige Frachtsätze aufzustellen, wie sie zwischen Hamburg oder Antwerpen und Jaffa bestehen. Petroleum. Der Petroleum-Import hat sich in den letzten 6 oder 7 Jahren verdoppelt, da es der Landbevölkerung neuerdings zu Leuchtzwecken das Olivenöl ersetzt und ferner infolge der Einführung von Petroleummotoren. * (Jaffa.) Unser Gg. Dr. Ernst Müller hat eine Berufung an das hebräische Gymnasium in Jaffa erhalten. Er ist Professor für Mathematik und Physik und hat an der Wiener Universität studiert. Dr. Müller war seit Jahren in der zionistischen Organisation tätig und redigierte zuletzt die Monatschrift „Unsere Hoffnung“. (Jerusalemer Brief.) Unser Korrespondent in Jerusalem schreibt uns ain 4. d. M.: „Die Spannung zwischen Sephardim und Aschlcenasim, welch letztere einen eigenen Cliacham Baschi verlangen und aus diesem Grunde nicht zustimmen wollen, daß der sonst hochaDgesehene Reb Meir definitiver Chacham Baschi wird, dauert leider an. Nachdem von Constantinopel