Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 3 (20.6.1907)
- Date
- 1907-06-20
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 Wort von der Rückkehr zum Judentum wahr geworden ist, haben wir alle Ursache, anzunehmen, daß auch das Wort v»m der Rückkehr ins Judenland zur Wahrheit werden wird. Die vier jüdischnationalen Abgeordneten sind die ersten Vorboten einer neuen Zeit für das Judentum. Sie haben eine schwere Mission auf sich genommen und wir setzen das‘größte Vertrauen in sie, daß sie den Völkern Österreichs zeigen werden, wie die wahren Juden denken, empfinden und handeln. Wir hoifen, daß sie stolz, frei, unabhängig den ungewohnten Weg wandeln werden und wir hoffen auch, daß sie allen Nationen zurufen werden: Wir haben ein unverjährbares, historisches Recht auf jenes Morgenland, das wir mit unserem Blute gedüngt haben! (Beifall.) Die Festrede hielt Jur. S. Stöckel, der den Gegensatz zwischen Assimilations- und nationaler Politik darlegte und seine Rede mit den Worten schloß: „Wenn ich dein vergesse, Jerusalem, verdorre meine Rechte!“ Namens der Nationalpartei sprach Dr. Paul Weisengrün: „Nicht die nationale Idee hat gesiegt, sondern eine spezifisch moderne Form hat gesiegt. Nur jenlr Nationalismus triumphiert, der den sozialen Grundgedanken tiefinnerlich enthält. Politisch konkurrenzfähig ist nur der Nationalismus, der sich jenseits von Chauvinismus und Reaktion klar vorwärtsbewegt. Unter dem Zeichen dieses Nationalismus haben wir gesiegt. Unsere große Freude gilt der Tatsache, daß der jüdische Klub zur Wahrheit geworden ist. Die Massen des jüdischen Volkes haben gezeigt, daß man auf sie vertrauen kann, daß sie die große Belastungsprobe ausgehalten haben und daß sie schon reif sind für den großen Gesundungsprozeß des jüdischen Volkes. Früher haben Religion und Glaube die Juden auch innerlich und psychologisch wie mit eisernen Ketten zusammengeschmiedet, jetzt beginnt sich der Gedanke eines geeinigten, gekräftigten Judentums in der Seele dieser Massen zu entwickeln. Tm Osten haben die Massen in ihrer Seele ein Zion errichtet und wir müssen nun trachten, bevor wir die physische Heimstätte uns erwerben, die geistige Heimstätte zu errichten. Den Lehren dieser Wahlen folgend, werden wir am besten die synthetische Brücke zwischen Nationalismus und Zionismus schlagen.“ (Lebhafter Beifall.) Nach einem Toaste des Technikers Hochstädter auf 'die Abgeordneten ergriff Abgeordneter Doktor Straucher, mit stürmischem Beifall begrüßt, das Wort: „Volksgenossen! Wer vor einigen Jahren von jüdischer Politik gesprochen hätte, wäre verlacht worden und noch mehr, wenn man jüdischnationale Politik getrieben hätte. Man kannte nur die sogenannte israelitische Politik, jene Politik, die 3ich mit der heuchlerischen Maske eines fremden Volkes „geziert“ hat. Ich selbst habe eine große Genugtuung erlebt: ich stehe nicht mehr allein im Parlament! Das gesamte jüdische Volk in Österreich sieht jetzt gespannten Blickes auf die Jüdischnationalen und fragt, was werden sie im Parlamente tun? Wir erleben das Schauspiel, daß in dieses Haus, in welchem ganze Parteigruppen den Eintritt von Juden nicht dulden, vier aufrechte jüdische Männer einziehen, die niehts anderes sein werden, und sein wollen, als jüdische Abgeordnete, die zuerst die nationalen Interessen ihres Volkes vertreten wollen. Was werden wir also tun? Darauf gibt es eine klare, unzweideutige Antwort: eine wahrhaft demokratische, sozialreformatorische Partei müssen wir im Hause bilden. Wir Juden sind Freunde der Freiheit und können nur in freiheitlicher Atmosphäre gedeihen. Reaktionäre Luft ist für uns Stickluft. Wir werden uns deshalb an die Seite der freiheitlichen Parteien stellen und für alle Errungenschaften kämpfen, welche eine moderne Zeit von einem modernen Volke erwartet. Auf unsere sogenannten jüdischen Großen können wir nicht zählen, sie entziehen sich jeder Verpflichtung gegenüber ihrem Volk. Der Satz ,Noblesse oblige1 gilt bei ihnen als Juden nicht. Unsere Hoffnung sind die breiten Volksmassen und in erster Linie unsere Jugend. Einer der Größten unseres Volkes, unser unsterblicher Herzl, hat ihr den Weg vorgezeigt. Möge sie diesen Weg weiterwandeln zum Heile und Segen für das gesamte jüdische Volk!“ (Stürmischer Beifall.) Abgeordneter Adolf Stand, mit lebhaftem Beifall empfangen: „Wir kommen hierher von einem Schlachtfelde. Es hat sich gezeigt, daß die jüdischen Massen eines imponierenden Idealismus, großer Opfer, einer ungeahnten Begeisterung fähig sind, wenn es gilt, die jüdische Ehre und jüdischen Geist zu retten. Der ärmste, gedrückteste Proletarier des dunkelsten Ostens ist wie zu einer Schlachtbank zur Urne geschritten. Weder der Terror, noch die hohen Summen, die man zahlte, konnten den gepeinigten Gettojuden, dem man nachsagt, daß er alles verkaufen kann, bewegen, seine Ehre zu verkaufen. Sie gingen zur Urne, ohne vor dem1 Bezirkshauptmann und vor all den finstern Mächten zu erzittern, die über Nacht gegen uns aufgestanden waren mit einer Wut und Kraft, die hier in Wien nicht begriffen werden kann. Wir haben auf der ganzen Linie gesiegt. Wer hätte das vor einigen Monaten in Galizien ahnen können? Der schwere Sieg wurde erfochten gegen Leute, die das Volk 40 Jahre lang bewuchert, beraubt, verhöhnt und gegen ein Linsengericht verkauft haben. Wir haben es so weit gebracht, daß nicht mehr der Kahalsjude, sondern der jüdischnationale Kandidat der Kandidat des gedrückten Gettojuden war. Gefallen sind diejenigen, die das Judentum bisher zertreten und vertreten haben. Sie repräsentieren nicht mehr das Judentum, sondern nur sich und alles, was morsch, faul, zersetzt im Volke ist. Was jung und kräftig ist, was wachsen und gedeihen will, repräsentieren wir. Nicht mit der käuflichen Presse und nicht mit einigen Bezirkshauptleuten stehen wir im Bunde. Unsere Fäden verbinden uns mit den S00.000 lebenden, leidenden, blutenden galizischen Brüdern. Hinter uns muß das organisierte jüdische Volk stehen, wenn wir den Kampf, den wir erst begonnen, zum vollen Siege führen wollen. Das Resultat unserer schweren, mit großer Verantwortlichkeit und großen Opfern verbundenen Arbeit muß nach sechs Jahren darin bestehen, daß kein jüdisches Mandat Galiziens einem Assimilanten zufalle. Das Vorbild, das uns allen voranleuchten wird, wird der große Tote sein, der unser aller Meister und Lehrer war. Wir brauchen das Programm nicht zu entwickeln, er ist unser Programm. Wenn wir einsam dastehen werden im Parlament, belächelt von den Antisemiten, ignoriert von den Gleichgültigen, verhöhnt von der Bande der jüdischen Assimilanten, dann werden wir hinausschauen auf den Döblinger Friedhof und dort die feinen Fäden zu unserem Herzl finden, damit sein Geist uns beseele und damit wir die Kraft finden, im Namen der ärmsten Proletarier und des verlassensten Volkes der Erde die kräftigen Töne zu finden, die dafür notwendig sind. Unser parlamentarischer Führer soll der Mann werden, dessen zwölfjährige parlamentarische Tätigkeit uns vorbildlich sein soll. Unter der Führung und Leitung Dr. Strauchers'J anerkannt, unterstützt, gefördert von der ganzen jungjüdischen öffentlichen Meinung, werden wir arbeiten, bis die Assimilation tot und abgeschlachtet, die Korruption abgewirtschaftet hat, ihre Vertreter lächerliche Figuren sind. Zionismus und Judentum werden Synonyma sein. Arbeitet mit uns zusammen, organisieret die Juden, prediget die Lehre des Zionismus und Nationaljudentums, arbeitet für Palästina, fordert den Nationalfonds, leistet die ganze heroische Arbeit, die uns unser großer Meister vorgeschrieben hat! Dann werden wir vom Döblinger Friedhof ein Echo hören, das unser größter, einziger Stolz ist: Ich bin mit Euch zufrieden!“ (Minutenlanger Beifall.) Die darauf folgenden Reden der Abgeordneten Dr. Mahler und Dr. Gabel, Dr. Schalit, Dr. Birnbaum, Lucian Brunner, Dr. Kadisch werden wir in der nächsten Nummer auszugsweise wiedergeben. Telegraphische Begrüßungen waren eingelaufen von David Wolffsohn, Dr. Alexander Marmorek, Dr. Ehrenpreis (Sofia), Sokolow, Berthold Feiwel, Prof. Dr. Wender (Czernowitz), S. Weißglas u. s.w. Rundschau. (Von der internationalen Sozialistenkonferenz.) Das internationale Bureau hat anfangs Juni in Brüssel eine Konferenz abgehalten, welche den Vorbereitungen für den im August d. J. in Stuttgart stattfindenden Kongreß diente. Der Bericht über die Konferenz, an der aus Rußland auch zwei Delegierte vom Bund teil— nahmen, enthält u. a. folgende Stelle: „Das Zulassungsgesuch der Kroaten und Slowenen Ungarns wird der ungarischen, das derRuthenen der österreichischen Sektion zugewiesen. Den Russen wird überlassen, die gleichen Forderungen der Zionistischen Sozialisten zu erledigen.“ Die nationale Einreihung und Anerkennung der Juden will von der Tagesordnung der Sozialistenkongresse nicht verschwinden. Die Führer sind ihr bisher in weitem Bogen ausgewichen. Zuerst ging man über die Forderung stillschweigend hinweg, ignorierte sie ohne viel Federlesens, dann suchte man einer klaren Antwort aus dem Wege zu gehen und stützte sich auf Organisationsstatute und tote Paragraphe, jetzt wälzt man die Verantwortung auf die russische Landsmannschaft über. Aber die Führer, denen die Judenfrage überhaupt nicht in den Parteikram paßt, mögen sich um die Entscheidung herumdrücken, so viel sie wollen, sie werden nachgeben müssen, weil die Entwicklung und die Vernunft es fordert. Die Vernunft? Vor zwei Jahren haben sie dieser zum Trotz die Luxemburger Genossen als selbstständige nationale Gruppe anerkannt und mußten sich darob in den „Sozialistischen Monatsheften“ von Ladislaus Gumplowicz gehörig frozzeln lasäen. Und zur selben Zeit haben sie den Armeniern und Letten von Partei wegen das Recht auf eine nationale Sonderorganisation abgesprochen, weil irgendwelche parteitaktische Motive russischer Sozialdemokraten es erheischten. Sie zögern auch jetzt aus Gründen der Parteitaktik, nicht weil die Forderung der inneren Berechtigung entbehrt oder Parteigrundsätzen widerspricht, jüdische Sozialdemokraten, die zugleich Zionisten sind, als gleichberechtigte und vollwertige Genossen in die Sozialistengemeinschaft aufzunehmen, in welcher der Bund trotz seiner nationaljüdischen Färbung längst Platz gefunden hat. Wer fragt die Polen nach ihren allpolnischen Plänen, wer die Tschechen nach ihren nationaltschechischen Bestrebungen? Ist es freiheitlich, entspricht es der primitivsten Auffassung von nationaler Selbstbestimmung, wenn sich die sozialistischen Führer gerade bei zionistischen Sozialisten ein Zensurrecht über ihre Stellung zur großen Judenfrage anmaßen? Es scheint, sie haben den Rückzug angetreten und werden auf die Dauer zionistisch gesinnte Sozialdemokraten ebensowenig ausschließen können, wie es ihnen dem Bund gegenüber gelungen ist. Der Kampf um die Anerkennung der jüdischen Nationalität wird auch in der Sozialdemokratie mit einem Siege des nationalen Gedankens enden. Nicht um den Abstimmungsmodus auf dem Internationalen Kongreß und die Delegationsbefngnis geht der Streit, sondern um ein nationales Grundrecht, um ein sozialistisches Prinzip, das den Juden nicht vorenthalten werden darf, weil ein Teil darauf verzichtet und das Aufrollen von Judenfragen als lästig empfindet. (Der Fall Eisler.) D.er Sachverhalt ist einfach und entbehrt besonderer Kompliziertheit: Herr Dr. Robert Eisler, der längst getaufte Sprößling einer reichen Wiener Judenfamilie, entwendet in der Bibliothek eines italienischen Städtchens ein kostbares Werk, wird ertappt, eingesperrt und sieht im Gefängnis, nachdem er zwei Selbstmordversuche begangen, der Bestrafung entgegen. Also ein Fall, der rein menschliches Interesse erregen und ein Gefühl des Bedauerns auslösen kann darüber, daß ein 26jähriger, hoffnungsvoller „Gelehrter“ sich jäh um seine Karriere bringt. Die Sache wäre für die Öffentlichkeit rasch abgetan und im Drange des Alltags rasch vergessen. Doch die liberale Wiener Presse schert sich, wenn es Sensationen zu erjagen und ihre Spalten mit intimem Tratsch zu füllen gilt, nicht um die Einfachheit eines Dutzendfalles und um die Forderungen des Geschmackes. Gierig hat sie sich auf den Fall Eisler gestürzt und ihn zum Überdruß halbwegs urteilsfähiger Leser breitgetreten. Die „Neue Freie Presse“ hält den Rekord. In einem langen Leitartikel, einem typischen