Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 3 (20.6.1907)
- Date
- 1907-06-20
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE - ZEITUNG. Nr. 3 nicht wagten. Der Abgeordnete von Znaim, der als Fortschrittler gewählte Professor Bendel hat von seiner größeren Unabhängigkeit und Bewegungsfreiheit im Judenpunkt raschen Gebrauch gemacht und ist dem Deutschnationalen Verband im Abgeordnetenhause beigetreten. Seine Kollegen aus Mähren mimen, weil sie müssen, die deutschfortschrittliche, von den Juden gewollte und diktierte Parteikomödie weiter. Ihre jüdischen Wähler retten in der althergebrachten Statistenpose das Deutschtum mutig weiter und klatschen Beifall, wenn so eine Abgeordnetenprimadonna von Freiheit, Fortschritt, Gleichberechtigung deklamiert. Wenn ein mährischer Khillepolitiker diese Phrasen hört, isfs um ihn geschehen. Der Eigensinn, mit dem er dann auf seinem deutschliberalen Schein bekarrt, ist wirklich nur die Energie seiner politischen Dummheit ... Wahlstatistisches. Die „Arbeiter-Zeitung“ vom 1. Juni 1907 enthält eine sehr interessante und lehrreiche statistische Zusammenstellung über die Parteigruppierung bei den Wahlen. Sie befaßt sich - in erster Linie mit der von ihrem politischen Standpunkt aus begreiflichen Frage, wie in dem Stimmenverhältnis der deutschen Parteien die klerikalen und antiklerikalen Gruppen 'abschneiden. In der Bilanz sämtlicher auf deutsche Kandidaten entfallenen Stimmen ergeben sich für die Klerikalen 40'9 Prozent oder 96 Abgeordnete. Den westösterreichischen Juden bietet die Statistik, in welcher die 233 deutschen Wahlbezirke samt den deutschen Zählkandidaten in Prag und Vororten berücksichtigt sind, für die Beurteilung der antisemitischen Gesinnung der Deutschösterreicher ein anschauliches Bild. Die politischen Ereignisse der letzten Zeit erhalten in der eindringlichen Sprache dieser Ziffern ihren Kommentar und mit geradezu plastischer Schärfe wird die politische Vereinsamung. der Juden unter den Deutschen dieser Beichshälfbe erkennbar. Böhmen: Von den gütigen Stimmen, die auf deutsche Kandidaten enfielen, bekamen die Sozialdemokraten 166.913 Stimmen, die Antisemiten (Freialideutsche, Christlichsoziale, Schönerianer, Deutschvolklicke, Agrarier und andere Deutscbnationale) 217-994 Stimmen. Die Deutschfortschrittlichen erhielten 33.380 Stimmen. Mähren: In 19 deutschen Wahlbezirken entfielen auf die Sozialdemokraten 43.308 Stimmen, die antisemitischen Wahlbewerber erhielten 61.409 Stimmen, für die Deutschfortschrittlichen stimmten 33.518 Wähler. Es muß konstatiert werden, daß die große Majorität der jüdischen Wähler im deutschen Wahlkataster eingetragen ist und deutschfortschrittlich gewählt hat. In Schlesien mit 9 deutschen Wahlbezirken haben die Sozialdemokraten 21.509 Stimmen, die Antisemiten 26.590 Stimmen erhalten, während auf die Deutschfortschrittlichen bloß 4581 Stimmen entfielen. In der Bukowina haben laut dem Statistiker der „Arbeiter-Zeitung“, der fast 5500 Stimmen der beiden Jüdiscknationalen inCzernowitz den Deutschfortscbrittlern zuzählt, diese 10.731 Stimmen erhalten. So ergibt sieh in den Sudetenländern und der Bukowina, daß den 82.210 deutschfortschrittlichen Stimmen 235.431 sozialdemokratische und 310.429 antisemitische Stimmen gegenüberstehen. Wer nun bedenkt, daß in der geringen Ziffer der Deutschfortschrittlichen Tausende jüdischer Stimmen enthalten sind, wird wohl bald darüber im Klaren sein, über welchen Anhang der Liberalismus im deutschen Bürgertum der Sudetenländer verfugt. In den Alpenländern schaut es noch ärger aus. Hier ergeben die Walilziflfern ein Büd antisemitisch-klerikaler Beinkultur, das weder Opportimitätsröcksichten auf eine einflußreiche jüdische Wählerschaft, noch Gründe nationaler Defensivpolitik retouchieren. In den deutschen Alpenländern erhielten die Christlichsozialen 42 Prozent, die Klerikalen 14 Prozent der gütigen Stimmen. Die Fusionierung der Altklerikalen und Wiener Antisemiten hat die Unterscheidung überflüssig gemacht. Zu den 656.831 klerikalen Antisemiten kommen 146.243 Stimmen „freiheitlicher“ Antisemiten hinzu. Die 34.314 Stimmen deutschfortsehrittlicher Kandidaten wurden in Wien, Baden und Vorarlberg (637) abgegeben, während inSteiermark,Oberö st erreich, Tirol, Kärnten Krain, Salzburg keine einzige Stimme auf Liberale entfiel. Für sämtliche deutsche Parteien ist das Stimmenverhältnis folgendes: Christlichsoziale und Klerikale: 720.356 Stimmen oder 40 9 Prozent, 96 Abgeordnete; Sozialdemokraten: 511.760 Stimmen oder 27*4 Prozent, 50 Abgeordnete; Deutschantisemitische Gruppen: 393.147 Stimmen oder 21 Prozent, 66 Abgeordnete; Deutschfortschrittliche: 116.524 Stimmen oder 6'2 Prozent, 19 Abgeordnete, das heißt: die Majorität deutscher Wähler in Österreich hat antisemitisch gewählt, will von einer nationalen Gemeinschaft mit den Juden nichts wissen: Und der Ausschluß jüdischdeutscher Abgeordneter aus dem deutschen Block geschah in Übereinstimmung mit dem an der Wahlurne geäußerten Willen des deutsch-; österreichischen Bürgertums.. Die „Neue Freie Presse“ hat plumpe Stimmungsmache getrieben und ganz keck die öffentliche Meinung frischen woüen, als sie vom Sturme der Entrüstung faselte, der Deutschösterreichs Gaue wegen des Hinauswurfes der „Judenliberalen“ durchtobe. Es fanden sich unter den deutschtuenden Juden politische Gimpel, die auf den Leim gingen. Einsichtsvolle, vernünftige Juden werden sich den logischen und politischen Konsequenzen, die sich in obigem Zififernmaterial gebieterisch aufdrängen, nicht entziehen können. Aus' der Jüdischen Nationalpartei. Die Parteikonferenz vom 16. d. M. beschloß die Schaflung einer Parteiexekutive und die Errichtung eines ständigen Parteibureaus. Der Parteiexekutive gehören ah: die Abgeordneten Dr. Straucher, Dr. Gabel, Dr. Mahler, Stand, ferner Dr. Schalit, Dr. Isidor Margulies, Dr. Paul Weisengrün; Dr. Braude (Stanislau), Dr. Leon Reich (Lemberg) und als Schriftführer Rudolf Nassau, welcher auch als Sekretär des Parteibureaus fungieren wird. Dann wurden die nächsten parlamentarischen Aktionen in Beratung gezogen und die Einbringung folgendes selbständigen Dringlichkeitsantrages durch den „Jüdischen Klub“ genehmigt: über die Wahlmißbräuche in Galizien und ihre Ahndung, über die Verletzung des Berliner Vertrages durch Rumänien und über das „Prügelpatent.“ vom Jahre 1854. In der Parteisitzung vom 17. d. M. wurde die an leitender Stelle veröffentlichte Erklärung angenommen und in einer mehrstündigen Diskussion das Verhältnis zu den anderen nationalen und politischen Parteien des Hauses klargelegt. Dr. Heinrich Gabel Reichratsabgeordneter. Abgeordneter Dr. Heinrich Gabel, Advokat in Lemberg, 1874 in Bue.zacz geboren, hat in Lemberg seine Universitätsstudien absolviert und ließ sich hier im Jahre 1902 als Advokat nieder. Dr. Gabel steht seit 16 Jahren in der zionistischen Bewegung und hat an allen zionistischen Aktionen in Galizien regen Anteil genommen. Als langjähriger Chefredakteur der zionistischen Zeitschriften „Przyszlosc“ und „Wsehöd“. hat er zumeist .ökonomische, politische und statistische Fragen behandelt. Bis zu seiner Wahl war Dr. Gabel auch Vizepräsident des - zionistischen Distriktskomitees für Ostgalizien. Der Landgemeindenbezirk Buczacz hat ihn mit der Wahlhilfe der Juden und Ruthenen in den Reichsrat entsendet, zu dessen jüngsten Mitgliedern er zählt. Festkommers zu Ehren der jüdischnationalen Reichsratsabgeordneten. . Im Hotel Continental fand am 15. d. M. ein Festkommers statt, auf welchem der Eintritt jüdischnationaler Abgeordneter ins österreichische Parlament gefeiert wurde. Es war eine imposante Kundgebung für die jüdischnationale Politik und ihre ersten parlamentarischen Träger. Der Kommers, der einen Massenbesuch auf wies, nahm einen glänzenden Verlauf und gab Zeugnis von der Begeisterung, mit der die Wiener Zionisten ihren Abgeordneten folgen wollen. Ein Moment sei mit besonderer Genugtuung hervorgehoben: die radikale Betonung des zionistischen Charakters der jüdischnationalen Bewegung und das unerschütterliche Festhalten am zionistischen Endziel, dem aüe Redner Treue zu halten gelobten. Der Geist Herzls schwebte über der Versammlung und wird die jüdischnationalen Abgeordneten leiten. Der Zionismus ist in güten Händen! Die vier jüdischnationalen Abgeordneten, Doktor Straucher, Adolf Stand, Dr. Artur Mahler, Dr. Heinrich Gabel, waren Gegenstand begeisterter Ovationen. Namens des veranstaltenden Vereines jüdischer Hochschüler aus Galizien „Bar Kochba“ eröffnete Dr. David Rothblum den Kommers und begrüßte besonders die Abgeordneten, dann den Obmann des L.-K. Dr. Schalit, die Vertreter des D.-K. Doktor Weisengrün und Böhm und Dr. Nathan Birnbaum. Die erste Schlacht, die unsere Brüder in Galizien geschlagen haben, zeige von ihrem Mute und ihrer Selbstlosigkeit. Dieser Tapferkeit haben wir es zu verdanken, daß das jüdische Volk echt jüdische Vertreter im nationalen Sinne des Wortes ins österreichische Parlament zu entsenden vermag. Weü das