Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 3 (20.6.1907)
- Date
- 1907-06-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 Nr. 3 bleiben muß, daß aber die von politischen Gesichtspunkten aus geleitete p ralcti sc he Arbeit in Palästina im Sinne Warburgs weiter geführt werden soll. Es ist zu erwarten, daß der Zionistentag der künftigen österreichischen Landsmannschaft am VIH. Kongreß in diesem Sinne lautende Direktiven mit auf den Weg geben wird. Jene Frage, welche hingegen als wichtigste erscheinen und die lebhaftesten Debatten hervorrufen wird, betrifft die Neuorganisation der leitenden Behörden der österreichischen Föderation. Es wird vielleicht befremden, daß nach so kurzer Zeit schon weder Änderungen der Organisation vorgesohlagen werden, aber man darf nicht vergessen, daß sich in der zionistischen Partei Österreichs eine so rasche Entwicklung vollzieht, daß die geschaffenen Organisationsformen nicht auf lange Dauer hinaus vollständig genügen können. Dazu kommt, daß die besonderen Verhältnisse des Reiches, welche das österreichische Staatsproblem zu einem so schwierigen machen und einen beständigen Kampf zwischen föderalistischem und zentralistischem Prinzip hervorrufen, sich bis zu einem gewissen Grade auch in der Gestaltung der österreichischen Organisation geltend machen. In dieser herrschte anfangs der Zentralismus. Ein Zentralorgan, das Landeskomitee, hatte von Wien aus die ganze österreichische Organisation zu leiten. Die in den einzelnen Kronländern eingesetzten Distriktskomitees sollten nur abhängige Hilfsorgane sein. Aber je mehr sich der Zionismus ausbreitete und vertiefte, desto weniger war es möglich, von einer zentralen Stelle aus die in den einzelnen Ländern so verschieden gearteten Verhältnisse zu übersehen und ihnen gerecht zu werden. Am IV. Zionistentag zu Prag erfuhr daher die Organisation eine durchgreifende Änderung. Den Distrikten wurde eine weitgehende Autonomie eingeräumt und das Wiener Landeskomitee auf eine Art Oberaufsicht. und auf Agenden mehr administrativer Natur beschränkt. Dieses System hat sich im allgemeinen bewährt. Durch keine Schranken mehr gehemmt, konnte sieh die zionistische Tätigkeit in den einzelnen Ländern frei entfalten, die meisten Distrikte haben in den letzten Jahren einen erfreulichen, teilweise überraschenden Aufschwung genommen. Immerhin erwies es sich als nachteilig, daß die einzelnen Distrikte ohne jede Verbindung mit einander arbeiteten, zumal das lediglich aus Wiener Gesinnungsgenossen zusammengesetzte und durch die Neuorganisation auch finanziell gelähmte Landeskömitee seinen zwar eingeschränkten, aber immer noch genug wichtigen Aufgaben nicht gerecht werden konnte. Es stellte sich das Bedürfnis nach einer engeren Fühlungnahme der Distrikte mit einander heraus, nicht zuletzt auch zu dem Zwecke, um jene Arbeiten gemeinsam auszuführen, welche ihrer Natur nach einheitliche Durchführung erfordern. Von diesen Erwägungen geleitet, haben sowohl der böhmische, als auch der innerösterreichische Distriktstag den Wunsch ausgesprochen, die westösterreichischen Distriktskomitees mögen sich ein Zentralbureau in Wien, die ostösterreichischen sich ein solches in Lemberg schaffen. Es ist zu erwarten, daß der Zionistentag zu dieser Anregung in zustimmender Weise Stellung nehmen wird. Diese Zentralbureaus sind aber nur als Arbeitsbureaus der Distriktskomitees gedacht und. sollen keineswegs ein gesamtösterreiokisohes Zentralorgan überflüssig machen. Im Gegenteile. Das Landeskomitee muß, und das wird eine Hauptaufgabe des Zionistentages sein, aus einem Wiener Komitee ein wirkliches Österreich ichisches Zentralkomitee werden. Zu diesem Zwecke ist es nötig, daß das Landeskomitee zu einer Körperschaft nach Art des großen Aktionskomitees oder des deutschen Zentralkomitees umgestaltet werde, in welche der Zionistentag eine größere Zahl von Gesinnungsgenossen aus den verschiedenen Distrikten Österreichs, die entweder durch ihre Stellung in den Distriktsorganisationen oder durch ihre sonstige Tätigkeit und Persönlichkeit hiezu berufen erscheinen, entsendet. Dieses erweiterte Landeskomitee wird mit einer ganz anderen Sachkenntnis und Autorität als das bisherige Wiener Komitee eine gesamtösterreichische zionistische Politik inaugurieren können. Nur muß es natürlich von administrativen Agenden, für die es ein zu schwerfälliger Körper sein wird, entlastet werden, während diese praktischerweise den zu schaffenden Zentralbureaus in Wien und Lemberg überwiesen werden könnten. Diese Vorschläge, welche bereits die Zustimmung des innerösterreichischen Distriktstages gefunden haben, werden am Zionistentag von den Delegierten dieses Distriktes vertreten werden und hoffentlich die Zustimmung des Zionistentages finden. Damit würde eine Organisation geschaffen, welche der mächtig aufstrebenden Entwicklung der zionistischen Bewegung in Österreich eine feste Stütze werden könnte. Die mährischen Juden und das mährische Deutschtum. Brünn, 16. Juni 1907. Schon die letzten Landtagswahlen haben viele jüdische Parteigänger der mährischen Fortschrittspartei stutzig gemacht und ihre deutschnationale Begeisterung stark gedämpft. Damals haben, wie noch erinnerlich sein dürfte, die deutschliberalen Führer ihren jüdischen Schäfchen radikal-antisemitische Abgeordnete aufoktroyiert, und in Olmütz haben die liberalen Wahlmacher den deutschen Juden ein Landtagsmandat aus der Handelskammer rundweg abgeschlagen, es vielmehr einem alldeutschen Gewerbetreibenden zugeschanzt. All dies geschah der lieben deutschen Gemeinbürgschaft wegen. Die Juden murrten kurze Zeit gegen die offensichtliche Zurücksetzung, gaben sich aber zufrieden, als im deutschen Landtagsklub jüdische Abgeordnete neben Alldeutschen und Volksparteilern Aufnahme fanden. Siezu verweigern, wäre auf Brünner Kampfesboden, angesichts der starken jüdisch-deutschen Wählerschaft ein gewagtes Experiment gewesen. So legten sich die Deutscharier widerwillig Zwang auf. Auf reichsrätlichem Boden warfen sie die Maske ab imd wiesen die Juden ungeniert hinter die Schranken. Man kennt ja die Geschichte der parlamentarischen Komödie, deren Regisseur ein deutschmährischer Führer, der Abgeordnete von Iglau, Dr. Gustav Groß, war. Sie wirft auf die sonderbare Opportunitätspolitik, welche die Deutschmährer mit den Juden, denen sie so unendlich viel verdanken, treiben, ein scharfes Licht und kennzeichnet die unwürdige politische Stellung, in der diese Juden trotz Kenntnis der Sachlage verharren. Im Landtag sind jüdische Abgeordnete für einen allgemeinen deutschen Klub gut und deutsch genug. Im Reichsrat werden die Juden aus dem gemeinsamen Klub barsch verwiesen und zu Deutschen minderwertigster Kategorie gestempelt. Ein Deutschtum auf erzwungene Kündigung also, das weder seinen nationalen Ausbeutern, noch den jüdischen Ausbeutungsobjekten besondere Ehre macht. Die vielgerühmte, biedere deutsche Treue steckt ebensowenig dahinter, wie jüdisches Selbstgefühl und Kraftbewußtsein. Die Aufregung, die das jesuitische Vorgehen Dr. Groß’ und die schwankende Haltung vieler seiner leitenden Parteifreunde in jüdischen Wahlerkreisen hervorgerufen hat, wird sich ja rasch legen. Das Pflästerchen, das der Parteitag der Deutschfortschrittlichen den beleidigt tuenden Juden mit ein paar nichtssagenden Phrasen aufgedrückt hat, wird vorläufig genügen und größeren Abfall hintanhalten, Aber der Stein ist, dank der Regiekunst des Herrn Dr. Groß, ins Rollen gekommen. Die mährischen Juden sind denn doch nicht mehr mit der alten Opferfreudigkeit bei der deutschen Sache und viele Belastungsproben verträgt in den meisten Orten ihr zweifelhaftes „Deutschtum“ nicht. Bei Handelskammerwahlen, bei Gemeindewahlen, bei der Eintragung in die Wahlkataster, bei der aktiven Mitarbeit an deutschen Schutz- und Trutzvereinen zeigt es sich von Jahr zu Jahr deutlicher, daß die zionistische Agitation tiefere Wirkung geübt hat, als man nach der Stärke der bürgerlichen Zionisten im Lande glauben würde, und daß eine exponierte, allzu deutschtümelnde Stellungnahme zu den Ausnahmen gehört. Sie beschränkt sieh auf wenige Orte: Brünn, Göding, Olmütz, Leipnik, Mähr.-Ostrau. Hier sind es einige Radikal-Assimilanten, Advokaten, Mittelschulprofessoren, Fabrikanten, also Leute in mehr oder minder gesicherter Lebensstellung, die das politische 'Zutreibergeschäft für die Deutschen skrupellos und streberisch betreiben. Der jüdische kleine Kaufmann und Handwerker macht die nationale Hetze, deren Zeche er im tschechischen Boykott und durch Geschäftsrückgang bezahlt, nur schweren Herzens und unter dem wirtschaftlichen Drucke jener rücksichtslosen Wahleinpeitscher mit. In der Stadt wird er häufig wie zwischen zwei Mühlsteinen wirtschaftlich aufgerieben und fallt als das halbschuldige Opfer wirtschaftlich Unerreichbarer. Den Revanehegelüsten der tschechischen Majorität, die im Juden den nationalen Feind erblickt und bekämpft, unterliegt mit vergrößerter Gefahr der Dorfjude, der dann als unschuldiges Opfer der deutschen Stadtjuden seine Existenz verliert und zum Auswandern gezwungen wird. Den Juden des Landes wurde das elementare Rechenexempel, das in dem Bevölkerungsverhältnis des Landes — 78 Prozent Tschechen und 22 Prozent Deutsche — enthalten ist, unzähligemal vorgerechnet. Sie wollten nicht hören. Die deutsche Hegemonie, im Lande, die unnatürlich und provozierend für die Majorität war, wurde unter gesetzlich festgelegten Kautelen als unhaltbar aufgegeben. Eine Stadt nach der anderen fiel, dem Stärkeverhältnis ihrer nationalen Parteien entsprechend, den Tschechen in die Hände. Die Verteidigungskosten in nahezu allen morsch gewordenen deutschen Positionen tragen die Juden, obwohl der endgiltige Fall dieser Positionen eine todsichere Sache und nur eine Frage der Zeit ist. Und da fragen wir: Ist es nicht heller Wahnsinn, Treue halten zu wollen, wo man nur Undank und Antisemitismus erntet, in einer Stellung zu verbleiben, die wirtschaftb'che Opfer heischt und auf die Dauer nicht zu halten ist, eine Partei vor der Auflösung retten zu wollen, die nur aus Not und Opportunität „fortschrittlich“ ist?? Die Affäre Groß wurde mit Mühe ohne Weiterungen beigelegt. Wenn die mährische Fortschrittspartei nach außen hin intakt geblieben ist, so war es nur möglich, weil jene Führer, die den Juden politische Existenz und Einfluß verdanken, den entscheidenden Schritt