Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 3 (20.6.1907)
- Date
- 1907-06-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Sache ist,' daß die jüdischen Abgeordneten polnischer Nationalität mit den Stimmen der Nichtjuden und nur mit einem geringen Bruchteile gekaufter jüdischer Stimmen gewählt worden sind. Die jüdischen Stimmen aber, die entweder gekauft oder durch Terror und Drohungen erzwungen wurden, können nicht als der freie Wille der jüdischen blasse betrachtet werden. Ebenso verhält es sich mit den jüdischen Abgeordneten anderer Nationalität. Weil sie. auf diese Weise gewählt wurden, haben sie kein Hecht, im Namen des jüdischen Volkes das Wort zu ergreifen. Als Repräsentanten des wahrhaft jüdischen Volks willens können sie im Parlamente niemals gelten. Wir müssen dies stärk betonen, hauptsächlich gegenüber den „israelitischen“ Abgeordneten polnischer Nationalität. Denn sie eignen sich nicht nur ungerechtfertigterweise die Bezeichnung „jüdisch“ an, sondern fälschen außerdem noch der Regierung und der Geschichte •gegenüber die wahre Sachlage unter den Juden. Sie informieren die Öffentlichkeit falsch, hemmen die natürliche Entwicklung des jüdischen Volkes, verhindern es, daß die Stimme der jüdischen Bevölkerung rein und unversehrt zur Geltung komme, und schädigen dadurch das jüdische Volk in der konsequenten Durchführung seiner Pläne und Ziele. Aus diesem Grunde sind sie nicht nur unsere persönlichen Gegner als Verkörperung der Käuflichkeit, des Terrors und der politischen Unaufrichtigkeit, sondern sie sind auch die Feinde des Gesamtjudentums, indem sie es herabsetzen, verunglimpfen und seine wirklichen Bestrebungen falschen. Der „Jüdische Klub“ wird zweifellos einen schweren Kampf mit ihnen zu bestehen haben. Gestützt auf starke, fremdnationale Parteien, mächtig durch ihren persönlichen Einfluß und ihr Vermögen, anderseits dadurch bedroht, daß wir ihnen die falsche Maske vom Gesicht reißen, werden sie zweifellos gegen uns mit allen Mitteln kämpfen, die ihnen zur Verfügung stehen, mit List, böswilliger Verleumdung und Denunziation. Sie werden sich mit allen verbinden, die gegen uns auftreten werden, werden gegen uns alles hetzen, was ihnen , ein williges Gehör schenken wird. Es wird ein Kampf auf Leben und Tod rechten Söhne sieht, die etwa die Ackerbauschule in Jaffa oder eine andere mittlere Schule absolviert haben, so freut man sich über diesen prächtigen Menschenschlag. Der künftige palästinensische Jude, in harter Arbeit auferzogen, aber mit nationalem Geiste und von europäischer Bildung, steht in diesen Menschen schon leibhaft vor uns. Wir können uns kein besseres Material wünschen. Von solchen Erwägungen ausgehend, gewinnt die Erziehungsfrage die größte Bedeutung, sie ist die wichtigste und entscheidendste für uns. Eine in unserem Geiste erzogene palästinensische Jugend wird das Land gewiß selbst, ohne besondere Hilfe von außen, erobern. Mit dem Lehrmeister müssen wir daher Palästina gewinnen- Die heutigen Schulverhältnisse lassen leider sehr viel zu wünschen übrig. Abgesehen von vereinzelten Gründungen, kann man in Palästina drei Arten von jüdischen Schulen unterscheiden: die Schulen in den Kolonien, die assimilatorischen in den Städten und die Talmud- Thoras der Orthodoxen. In den Kolonien sind die Schulen primitiven Charakters und je nach dem Wohlstand der Ansiedler verschieden ausgestaltet. Immerhin erfüllen sie im allgemeinen ihren Zweck, den Kindern elementare Bildung in hebräischer und einer anderen Sprache beizubringen. Die europäischen Gründungen in den Städten, seitens Rothschilds, der Ica, der Alliance etc. sind Pflanzstätten der „Exportassimilation“. Die Kinder werden dort zu Franzosen, Engländern etc. erzogen, fühlen sich nach Absolvierung der Schule in Palästina nicht wohl, zumal da sie ihre Kenntnisse im Lande schwer verwerten können, und ziehen es vor, JÜDISCHE ZEITUNG. sein. Aber im festen Vertrauen auf die Wahrheit und Kraft unserer - Idee glauben wir, daß das Mißgeschick auf ihrer Seite und der Sieg auf unserer Seite sein wird, glauben, daß wir diesen größten Feinden des jüdischen Volkes gegenüber imstande sein werden, das Judentum zu verteidigen und das jüdische Volk zu großem Triumph gegen ihre Böswilligkeit und Falschheit zu führen. Aber auch andere Kämpfe stehen dem „Jüdischen Klub“ bevor. Eine große Anzahl von Bänken haben im Parlament die politischen Erbfeinde des jüdischen Volkes inne — die Christlichsozialen. Von den Parlamentssitzen aus strecken sie ihre dreisten Hände nach dem Präsidentensitz aus, sie streben Ministerportefeuilles an und jeder ihrer Schritte, jede Unternehmung bedeutet einen Schlag für das jüdische Volk, ist ein weiterer Schritt, um es zu schädigen. Wie böswillig ihre Provokation sein wird, wie verhängnisvoll ihre Gesetzentwürfe, wie feindlich jede ihrer Äußerungen, wird jeder beurteilen können, der ihreEntsteliungsgeschichte, die Entwicklung, sowie Taktik und Ziele dieser Partei kennt. Jetzt, wo sie im Begriffe sind, die Regierungsgewalt an sich zu reißen, werden sich ihre Bestrebungen naturgemäß potenzieren, und vielfach schwerer wird ihre Macht auf dem Geschick der österreichischen Juden lasten. Jedoch mit dem Bewußtsein der größeren Gefahr wächst auch unser Mut. Je heftiger ihre Angriffe auf das jüdische Volk sein werden, desto verzweiflungsvoller wird unsere Verteidigung sein, wir werden unsere Wachposten nie verlassen und jederzeit zur Verteidigung bereit sein. Alle und zu jeder Stunde! Und wiewohl wir nur eine kleine Gruppe bilden, verlieren wir doch nicht den Glauben und den Mut. Wir rechnen damit,' daß im Parlament sich ’Abgeordnetengruppen finden werden, die unsere natürlichen Verbündeten sein werden. Zweifellos wird sich zum Kampf gegen Klerikalismus und Reaktion eine bedeutende Schar von Abgeordneten zusammenfinden und bei diesen werden wir Unterstützung und Hilfe im schweren Kampfe gegen die Christlichsozialen finden, und wiewohl schwer, werden wir schließlich dennoch sich gleich von der Schule aus, durch Protektion der Institute, Stellungen in Frankreich, Deutschland, England etc. verschaffen zu lassen. Nur bei den Gründungen des Deutschen Hilfsvereins finden wir eine stärkere Betonung des jüdischnationalen Momentes und der Palästinaliebe. Er hat eine ganze Anzahl von ausgezeichneten Kindergärten eröffnet, denen tüchtige, in Deutschland gebildete Pädagoginnen vorstehen, in welchen die hebräische Sprache eifrig gepflegt wird. Dem Hiifsverein untersteht auch die Leitung der Lämel-Schule, der besten Anstalt Palästinas, und des ihr angegliederten Lehrerseminars. Es ist eine wahre Freude, diese Schule zu besuchen, man merkt an dem freien, fröhlichen Benehmen und dem Lerneifer der Kinder, daß in der Erziehung der richtige Geist herrscht. Der Hilfsverein ergänzt das Lehrpersonal nur mehr aus Palästinensern, meist Söhnen von Kolonisten, die durch das Lehrerseminar gegangen sind und ihre höhere Ausbildung in Deutschland genossen haben. Als nationale Erziehungsanstalten können neben den Schalen des Hilfsvereines und jenen einiger Kolonien hur noch die Gründungen der Zionisten in Jaffa gelten: eine'Mädchenschule und das vorläufig noch kleine hebräische Gymnasium. Aber der nationale Geist dringt auch in' die assimilatorischen Schulen mit unwiderstehlicher Gewalt; ich war Zeuge, wie die Kinder in der Rothschild-Schule begeistert Hatikwah sangen, und ein besonderes Gefühl des Stolzes ergriff mich, als ich sah, wie sich der englische Konsul beim Anhören unserer Nationalhymne erhob. (Fortsetzung folgt) Nr. 3 siegen, wie es schon in der Natur der Sache liegt, daß jederzeit Fortschritt und Recht siegr reich hervorgehen müssen gegen jeden Terrorismus und Rückschritt. Aber es erwartet den „JüdischenKlub“ neben dem anstrengenden und heftigen Kampfe nach zwei Fronten hin außerdem noch positive Arbeit. Wir sind uns dessen bewußt, daß nur bei uns das jüdische Volk Streiter um ^sein Wohl und Wehe findet. Nur wir, die seine wahren Leiden und Schwächen kennen, sind in der Lage, produktive Arbeit für seine Entwicklung zu leisten. Die Hebung des jüdischen Volkes in ökonomischer und sozialer Hinsicht, auf kulturellem und politischem Gebiete — das ist geradeso unsere Aufgabe, wie der Kampf gegen die inneren und äußeren Feinde des jüdischen Volkes, und wir treten an diese Arbeit mit frischem Mut und festem Glauben an das Gelingen heran. Müssen wir doch auf diesem Gebiete auf mächtige Triebkräfte geistiger und finanzieller Art stoßen, die im Judentum verborgen sind. Wir hoffen, daß sich große Massen finden werden, die in unser Lager kommen, wenn die Parole zur realen Betätigung für jüdische Volksinteressen ausgegeben werden wird. Ein Volk, das solche Leiden wie im letzten Wahlkampf heroisch überstand, das so viel Sinn für Fortschritt, so viel Opfermut für Ideale bewiesen hat, darf nicht vereinsamt dastehen in dem geschichtlichen Momente, wo es in die Reihen der Kulturvölker eingetreten ist und einer besseren Zukunft entgegensieht. Und so ist es denn unsere Überzeugung, uns stärkender Trost, daß sich edle und opferwillige Elemente im jüdischen Volke finden werden, die sich uns anschließen, wenn wir als Losung ausgeben das Wort: Wir wollen kämpfen und arbeiten für das Wohl des jüdischen Volkes! Der fünfte österreichische Zionistentag. Am 30. Juni d. J. findet in Bielitz der fünfte österreichische Zionistentag statt. Zwei Jahre sind seit dem letzten ordentlichen Parteitag, der zu Prag am 12. und 13. Juni 1905 abgehalten wurde, verflossen. Der vorjährige Zionistentag (Krakau, 1. Juli 1906) war ein außerordentlicher und lediglich der Frage gewidmet, welche Stellung die Organisation bezüglich der innerpolitischen Betätigung einnehmen soll. Diese Frage ist endgültig und in durchaus befriedigender Weise gelöst, die Grenzlinien zwischen der zionistischen Organisation und der von ihr geschaffenen politischen Partei, der „Jüdischen Nationalpartei“ in Österreich, sind unverrückbar gezogen und, obwohl vier jüdischnationale Abgeordnete als Delegierte und Referenten an den Verhandlungen teilnehmen werden, wird der Parteitag ausschließlich rein zionistischen Angelegenheiten gewidmet sein; die Frage innerpolitischer Betätigung, die noch in Prag und Krakau die Gemüter erhitzt hat, wird auf ihm keine Rolle spielen. Aber auch der Territorialismus, der noch in Prag Gegenstand leidenschaftlicher Debatten war, da die Entscheidungsschlacht am VII. Kongreß bevorstand, wird kaum irgend welche Erwähnung erfahren. In den Fragen der allgemeinen zionistischen Politik dürfte der Parteitag gleichfalls keine tiefgehenden Meinungsverschiedenheiten vorfinden. Die österreichischen Zionisten werden ebenso wie bisher immer darin einig sein, daß der Zionismus eine politische Bewegung