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Jüdische Zeitung · 1907-06-20 · 3 (20.6.1907) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
3 (20.6.1907)
Date
1907-06-20
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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□F Redaktion, Administration und Inseratenaafnabme: IX., Türkensfraße.Nr. 9 •Telephon Nr. 14.199. Sprechstunden täglich von io—12 Uhr vormittags. Q= Erscheint am 5. u. 20. jeden Monats. Ab T. September 1907 jeden Freitag.? Zu haben in Wien: Administration, Türkenstraße Nr. 9. Zeitungshureau GoldscÜnniedt, I., Wollzeile Nr. 11. Abonnementpreise: In Österreich-Ungarn: Ganzjähr. K 6.— balbjähr. K 3.—, Vierteljahr. K 1.60-. Im Ausland: Ganzjähr. K 9.—, halbj. K 4.50. Einzelne Nummern 25 Heller. Vertretungen in der Provinz: In Brünn: Zeitnngsbureau, Ferdinandsgasse. — In Prag; Zeitungsverschleiß Wlczek, Graben 33, — In Lemberg: Karl Buchstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 3. Wien, Donnerstag, den 20. Juni 1907. I. Jahrgang. Eine programmatische Erklärung des „Jüdischen Klubs“. Am 16. Juni fand in Wien die Sitzung der Parteileitung der Jüdischen Nationalpartei ‘ür Österreich statt. Es wurde beschlossen, daß die vier nationaljüdisohen Abgeordneten im Parlamente eine eigene Vereinigung unter dem Samen „Jüdischer Klub“ bilden sollen. Zum Obmann des Klubs wurde Abgeordneter Doktor Benno Straucher gewählt. Der „Jüdische Klub“ verlautbart folgende Erklärung: Der „Jüdische Klub“ wird stets für die Rechte, Interessen und die AVohlfahrt des jüdischen Volkes eintreten, die Anerkennung der jüdischen Nationalität und die faktische Durchführung der Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit der Juden energisch verlangen lind unablässig zu verwirklichen trachten und alle von welcher Seite immer kommenden Angriffe auf das Judentum entschieden abwehren. Im Sinne des jüdischnationalen Parteiprogrammes wird der „Jüdische Klub“ nur eine freiheitliche, wahrhaft volkstümliche Politik vertreten, geleitet von den Grundsätzen politischen und wirtschaftlichen Fortschritts, sozialer Gerechtigkeit, individueller und nationaler FEUILLETON. Palästina. Von Adolf Böbm. II.*) Die Juden des Orientes, welche dort als Volk gelten und nicht einmal die Möglichkeit einer Assimilation haben, bewußt national zu machen, ist begreiflicher Weise leicht und die geschilderte erfolgreiche Agitation für unsere Nationalsprache kann dafür als Beweis gelten. In. dieser Richtung weiter zu arbeiten, ist unbedingte Pflicht unserer Gesinnungsgenossen in Palästina. Das Volksbewußtsein ist den Juden des Orients nie verloren gegangen, was ihnen aber fehlt und was wir ihnen bringen müssen, das ist eine moderne jüdische Erziehung und das nationale Selbstbewußtsein. Ihr Judentum bestand bisher nur in der Gesetzestreue. und der aus den alten Schriften geschöpften, meist sehr mangelhaften Kenntnis der hebräischen Sprache. Die wenigen Einwanderer haben sich in den; Städten rasch dem Milien assimiliert, bestanden übrigens meist nur aus alten Leuten, die nach Palästina kamen, um dort zu sterben; die Kolonisten wiederum, die seit 25 Jahren wackere Pionierarbeit leisten, hatten bei ihrer harten Arbeit keine Zeit und bei ihrem durchschnittlichen Bildungsniveau auch nicht die Lust, sich irgendwie mit religiösen und nationalen Fragen abzngeben. Sie standen unter der Herrschaft großmächtiger Beamter, *) Siehe Nr. 2 dieses Blattes. Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit aller Volksstämme. Der „Jüdische Klub“ wird für die Lösung der nationalen Fragen auf dem Wege der nationalen Autonomie, für den Ausbau der Verfassung huf weitester demokratischer Grundlage unter Schutz der Minoritäten, für die Demokratisierung der Verwaltung, für die kräftigste Förderung der industriellen und kommerziellen Entwicklung Österreichs unter scharfer Bekämpfung der reaktionären Gewerbepolitik, für den Ausbau der sozialpolitischen Gesetzgebung, namentlich für weitestgehenden Arbeiterschntz, KoalitionPreß- und Versammlungsfreiheit wirken. Der „Jüdische Klub“. Von Reiehsratsabgeordneteä Ur. Heinrich GabeL Der „Jüdische Klab“ ist verwirklicht! Was bis nun nur Traum war, ist Wahrheit, was nur ein Verlangen war, ist Tatsache geworden. Die Bedeutung des „Jüdischen Klubs“ liegt nicht nur in der Realisierung eines „Traumgebildes“, nicht bloß darin, daß eine das moderne Judentum bewegende Idee feste äußere Formen, angenommen hat, sondern vielmehr in dem Umstande, die ihnen das anch schwerlich erlaubt hätten. Dafür spielten diese Beamten, dnroh deren Hände Millionen gingen und die bei der Orthodoxie nnd den Behörden als Vertreter mächtiger Institute Einfluß hatten, eine große Rolle. Das Netz von Intrigen, das von Rabbinern, Beamten, Schuldirektoren, Spitalsleitem etc. gesponnen wnrde, war unzerreißbar. Die Orthodoxen hatten eine förmliche Inquisition mit Denunziation bei den Behörden, Boykott und Bann eingesetzt, die einzelnen Sekten wüteten gegeneinander, alle zusammen aber gegen eine handvoll Freidenker. . . . Kurz, die Loft war von solchem Spuk so voll, daß niemand wußte, wie er ihn meiden soll. Der Besserungsprozeß begann vor 10 Jahren. Der Verkehr mit den Kolonisten, das Aufleuchten der politischzionistischen Idee, die Berührung mit europäisch gebildeten Fremden batten einen Umschwung in der Denkweise der Jerusalemer Schnorrgesellschaft angebahnt. Zahlreiche junge Leute, obzwar in diesem Milieu aufgewachsen, schämten sich, Chaluka zu nehmen, sie suchten nnd fanden Arbeit. Mit der Zeit wuchs ihr Selbstbewußtsein nnd sie begannen, ohne von der Orthodoxie abzufallen, innerhalb ihrer Kreise den Kampf gegen Inquisition, Ketzerriecherei nnd Denunziantentum mit Erfolg aufzunehmen. Sie fraternisierten mit den Kolonisten and hielten sich an die immer stärker zuströmenden Intellektuellen. Sie schauten den Beamten scharf auf die Finger, kritisierten ihre Administration nnd setzten so manches Gate durch, hoben namentlich das moralische Niveau ihres Kreises. Aber sie waren zn schwach nnd sind es heute noch. In den letzten eineinhalb Jahren kam ein neues Element hinzn: die jnngen rassischen Einwanderer. Haben ans diese durch ihren sozialidaß dies auf dem Boden des Parlaments, und zwar des ersten Volksparlaments, der Fall ist. In der Völkerrepräsentanz befindet sich mm eine Delegation des jüdischen Volkes. Damit ist ein Faktum geschaffen, welches ein für allemal die Diskussion über die nationale Eigenexistenz eines jüdischen Volkes beschließt und auch darüber, ob die jüdiscbnationale Idee Berechtigung hat. Im Parlamente, diesem Gradmesser der Triebkräfte Österreichs, ist nunmehr die Existenz des jüdischen Volkes festgelegfc und hat die faktische Anerkennung erhalten, über die Regierung und Gesetzgebung, die Öffentlichkeit und die Geschichte nicht mehr werden zur Tagesordnung übergehen können. Das jüdische Volk lebt und hat seine Fähigkeit zum freien politischen Leben gezeigt. Trotzdem ist nicht ausgeschlossen, daß die Abgeordneten mosaischer Konfession, seien es Polen, Tschechen oder Deutsche, doch Neigung empfinden werden, die Existenz und Berechtigung der nationalen Ziele des jüdischen Volkes in Abrede zu stellen. Wir müssen schon jetzt diesen Abgeordneten das Recht, sieh jüdische Abgeordnete zu nennen, absprechen. Schon ans dem einfachen Grunde, weil sie nicht mit den Stimmen der Juden gewählt worden sind. Tatstischen Dogmatismus auch sehr geschadet, so tragen sie dureh ihre geistige Rührigkeit sehr viel dazu bei, die Gärung, in der sieh heute alle Köpfe in Palästina befinden, zn beschleunigen. Diese jnngen Leute platzten mit ihrem konzentrierten Dogmatismus des Juden, des Russen, des Revolutionärs, des Zionisten, des Marxisten und des Atheisten in das geschilderte Milien. Sie haben Zündstoff in die Menge geworfen, und wenn auch vielfach häßliche Leidenschaften aufgewühlt wurden, so ist doch Bewegung in den Massen, die Juden Jerusalems schlafen nicht mehr, sie kämpfen für nnd gegen Ideen, nnd ans diesen Kämpfen wird eine ganz brauchbare Generation hervorgehen. Es wäre ein großer Irrtum, wenn wir glaubten, daß die (ohnehin schon anfs Dreifache gestiegene) Einwanderung — selbst wenn genügend Erwerbsgelegenheiten für alle, die da kommen, vorhanden wären — allein genügte, um uns in Palästina einen Grundstock jüdischen Volkes zn schaffen. Die verschiedenen Elemente sind viel zn heterogen — man denke z. B. an einen Chaluka-Orthodoxen ans Jemen gegenüber einem russischen marxistischen Poale Zion — nm als bloße Parteien innerhalb eines Volkes angesehen zu werden. Erst nach einer durch Jahrzehnte andauernden Durchmengung wird eine Generation, die in Palästina selbst anfgewachsen ist und schwere Entwicklnngskämpfe dnrcbgemacht hat, erstehen, mit der wir rechnen können. Wie dieser neue Typus der palästinensischen Juden anssehea wird, dafür haben wir heute nur wenige Anhaltspunkte. Wenn man in den Kolonien, die ja zum Teile schon 25 Jahre alt sind, so manchen wetterharten Kolonisten nnd seine jungen, gebildeten, auf-

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