Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 2 (5.6.1907)
- Date
- 1907-06-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2438141-2438142-2438144--0016-2439498- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 5 Jüdische Zeitung Seite 5 Führung der Wiener Juden, die er sich immer angemaßt hat, längst entglitten ist. Dr. Ofner, dem in der Stichwahl das Mandat in der Leopoldstadt zufallen mußte, hatte als alter Parlamentarier, der sich als Jurist eines sehr geachteten Namens erfreut und mit der assimilatorischen Clique, die in der Kultusgemeinde regiert, nichts gemein hat, vom Beginn an leichtes Spiel. Vom politischen Standpunkt ist Dr. Ofner Herrn Dr. Kohn vorzuziehen. Dr. Ofner hat im Gegensatz zu Dr. Kohn während der berüchtigten Taußig-Affaire eine radikal-freiheitliche Haltung eingenommen und würde im Kultusvorstand gewiß nicht mit den Vertretern des schreienden Wahlunrechts so wahllos paktieren. Er erscheint uns als das kleinere Übel. — Die Jüdischnationalen werden bald an die Arbeit gehen müssen! Es geht nicht an, daß sie sich auf die Bärenhaut legen und mit stoischem Gleichmut die nächsten Wahlen abwarten. Wenn sie siegen wollen, dann müssen sie den Sieg entsprechend vorbereiten. Sonst wäre es schade um die Mühen und Kosten des letzten Wahlkampfes und ein großer Aufwand wäre unnütz vertan! lYss. Die jüdiscbnationalen Reicbsrafs- Jlbgeordneten. Abg. Dr. Benno Straucher. Ab g. Dr. Benno Straucher, Advokat in Czernowitz, geboren in Sadagora, studierte in Czernowitz und Wien, ist seit 1S84 Kultusvorsteher der israelitischen Kultusgemeinde Czernovitz, seit 1904 deren Präsident, seit 1886 Gemeinderat von Czernowitz, seit 1900 Mitglied des Bukowinaer Landtages, seit 1904 Landesausschussbeisitzer, und gehört schon seit 1897 dem Parlamente an. Dr. Straucher hat in seinen offiziellen Stellungen das Einvernehmen der Juden mit den anderen Nationalitäten der Bukowina stets ip hervorragender Weise gefördert und auch das letzte Kompromiß bezügl. der Bürgermeisterwahl ist sein Werk. Im Parlamente hat er immer die Jnteres- ■sen seines Heimatlandes und dessen Bewohner wirksam vertreten, sich stets aller Unterdrückten angenommen. Durch sein mannhaftes Bekenntnis zur jüdischnationalen Jdee, sein Eintreten für die verfolgten russischen Juden sowie für die politischen Rechte der Juden Oesterreichs und ihrer Anerkennung als Nation hat sich Dr. Straucher noch unvergessene Verdienste im verflossenen Parlamente erworben. Dr. Straucher nahm hervorragenden Anteil an der jüdischen Nationalpartei. In der zionistischen Organisation, der Dr. Straucher schon lange angehört, ist er in den letzten Jahren wiederholt aktiv hervorgetreten, indem er bei ] verschiedenen Partei-Konferenzen als Vertreter des Distrikts Bukowina fungierte. Abg. Adolf Stand. Abg. Adolf Stan d, Schriftstellerin Lemberg, geboren 1871 in Lemberg, studierte Jus und Philosophie und widmete sich dann ausschliesslich dem literarischen Beruf. Seit früher Jugend in der jüdischnationalen Bewegung stehend, hat •er den politischen Zionismus mitbegründen geholfen und schon auf dem ersten Kongress eine hervorragende Rolle gespielt. Seither ist er einer der unermüdlichsten Vorkämpfer des Zionismus in Wort und Schrift, bedeutend als Redner, die populärste Persönlichkeit in der jüdischen Bevölkerung Galiziens. Er gehört auch der Leitung der jüdischen Nationalpartei an. Nach dem Tode Byks, knapp vor Auflösung des letzten Parlamentes, kandidierte Stand im Städtebezirke Brody gegen den Polenklubjuden Dr. Gold und erhielt trotz des Kurienwahlrechtes, welches der Schlachta j die Handhabung ihrer berüchtigten Wahlpraktiken j sehr leicht machte, 42 % der abgegebenen Stimmen. Mit Adolf Stand tritt eine der markantesten Persönlichkeiten der nationaljüdischen Bewegung ins österreichische Parlament ein. Abg. Dr. Beittricb Babel. Dr. Heinreh Gabel. Advokat in Lemberg, geboren 1875. gehört der zionistischen Organisation seit langer Zeit an, ist jedoch erst in der letzten Zeit öffentlich hervorgetreten. Gleichwohl errang er sich durch sein energisches und zielbewusstes Auftreten bald eine geachtete Position. Er erfreut sich auch bei der ruthenischen Bevölkerung grosser Beliebtheit, was ihm bei .seiner Kandidatur sehr zustatten kam. Gleich nach seiner Wahl trat er energisch gegen die Praktiken der Schlachta auf. Abg. Dr. Arthur llfabler. Abg. Dr. Arthur Mahler, Privatdozent in Prag. 1872 in Prag .geboren, studierte er anfangs Medizin, später Technik und gieng dann nach London, um die englischen Jndustrieverhältnisse kennen zu lernen. Dr. Mahler ist nämlich auch Teilhaber einer grossen Textilfirma. Später studierte er Philosophie und erhielt einen Ruf als Professor an das amerikanische archäologische Institut in Rom. Auf Grund eines Buches über die Sammlungen des Louvre und einer Studie über Praxiteles habilitierte er sich 1902 an der Prager deutschen Universität als Privatdozent für Archäologie und Kunstgeschichte. Vor zirka 3 Jahren kam Dr. Mahler mit der zionistischen Jdeenwelt in Berührung, die ihn sofort gefangennahm. Seither ist er in der zionistischen Partei rege tätig und besonders als Redner geschätzt. Er beteiligte sich auch an der Gründung der jüdischen Nationalpartei, deren Leitung er angehört. Die IDablen in Galizien. Ein Unerhörtes ist geschehen. Der galizische Jude, der arme, verhöhnte, geknechtete Lakai der polnischen Unterdrücker, auf den die westlichen Stammesgenossen mit Hochmut herabzusehen sich gewöhnt hatten, mit dem sie um Gotteswillen nicht in einen Topf geworfen werden wollten, hat sicerhoben und als mutiger, freier und moderner Mensoh gehandelt. Ein Ruf von unserer Seite hat genügt, um alle latenten Kräfte in ihm zu wecken! Ohne jahrelange Bearbeitung — denn die jüdisch-nationale Partei ist erst ein paar Monate alt — hat die Macht unserer Idee dies Wunder vollbracht. Man glaubt es beinahe nicht, daß der galizische Jude gegen den unerhörten Terrorismus der Schlachta, gegen die amtliche Bedrohung von Existenz und Eigentum, gegen das ganze offizielle, in den Kultusstuben herrschende Hausjudentum, gegen die Werbekraft und die Rücksichtslosigkeit der Sozialdemokratie, auf unseren bloßen Ruf: „Ermanne Dich, stehe furchtlos zu der Idee der nationalen Wiedergeburt und der Freiheit!“ wie ein Held allen Bedrohungen und Erpressungen getrotzt und unserer Idee | treue Gefolgschaft geleistet hat. Schon die Wahlbewegung, über die wir! in letzter Nummer ausführlich berichtet haben, zeigte, wie zündend unser erstes Auftreten im politischen Kampi gewirkt hat. Einen solchen Enthusiasmus der jüdischen Bevölkerung hat Galizien noch nicht erlebt. Die Schlachta tobte. Kein Zionist darf ins Parlament einzieher.!! Also, sprach der Statthalter von Galizien. Die ganze Macht der Bezirkshauptleute, der wir nur ein einziges jüdisches Tagblatt und eine einzige polnische Wochenschrift entgegenstellen konnten, die ganze Technik der raffiniertesten Wahlschwindler Europas, die Pressionen und das Gel d der Kahal-und Hausjuden Horowitz, Löwenstein, Kolischer und Konsorten — all diese Waffen wurden rechtzeitig geschmiedet und mit souveräner Kunst benützt. Dazu kam, daß ein eigenes tür Galizien zugeschnittenes Wahlsystem und die Absolvierung der Wahlen in kleinen Dosen den Gewalthabern gestatteten, jeweilig ihre ganze Macht auf wenige Wahlorte zu werfen. Und das Resultat? Dreißigtausend jüdisch-nationale Stimmen im ersten Wahlgang! In sieben Bezirken (zwei Landgemeinden und fünf Stadtbezirken) kamen die Jüdischnationalen in die Stichwahl! Drei jüdischnationale Abgeordnete ziehen aus Galizien in das neue Parlament ein! Und das alles, trotzdem den Jüdischnationalen erwiesenermaßen hunderte von Stimmen weggeschwindelt wurden. Unerhört waren die Machenschaften des Polenklubs. Die Tagespresse ist voll von Berichten, wie es in den jüdischen Wahlbezirken zugegangen ist. Unsere Intervention beim Minister des Innern blieb erfolglos — an der Landesgrenze Galiziens hört die Macht jedes österreichischen Ministers auf. Mindestens zwei Mandate (Stanislau und Buczacz) sind den Jüdischnationalen durch offenen Raub entrissen worden. Das Parlament hat die unbedingte Pflicht, sich von den Mitgliedern zu befreien, -die durch Betrug und Gewalttaten ihr Mandat erlangt haben. Fort mit der Oesterreich schändenden Wirtschaft der Schlachta! Das muß das Feldgeschrei jedes ehrlichen Oesterreichers sein, er sei konservativ oder freiheitlich. Die junge jüdisch-nationale Partei hat aber durch ihr erstes Auftreten nicht nur eine erstaunliche Kraftprobe abgelegt, sondern auch mit einem Schlage die gehässigen und perfiden Verleumdungen zunichte gemacht, welche gegen sie von skrupellosen Gegnern verbreitet wurden. Man nannte uns reaktionär, „jüdisch-klerikal“. Und siehe da — in Lemberg waren die Jüdischnationalen so „reaktionär“ und „klerikal“ in der Stichwahl nicht dem Kultuspräsidenten Horowitz, sondern dem Sozialisten Dr. Diamand die Stimme zu geben. — Sozialisten und Jung-Ruthenen suchten und fanden die Wahlhilfe der Jüdischnationalen und in dem freiheitlichen Block zum Kampfe gegen die erzreaktionäre Stanczykenpartei bildeten die Jüdischnationalen einen integrierenden Bestandteil. Wie anders als früher! Die Juden waren Stimmvieh für diese oder jene Partei und wurden nach geleisteten Diensten mit antisemitischen Praktiken belohnt. Wir aber haben die Juden bündnisfähig gemacht, wir sind stolz darauf, daß ein so wackeres Volk wie die Ruthenen, die jüdischen Kandidaten mit nicht geringer Begeisterung gewählt haben, wo sie nicht selbst durchdringen konnten. Zögernd und,staunend humpelt die Wiener Presse diesen Tatsachen nach. Aber sie kann nicht mehr vertuschen! Klar und deutlich ist i aus den Spalten aller, selbst der uns übeli wollenden Blätter zu entnehmen, daß die; jüdischnationale Partei ein modernes und J freiheitliches Element in Galizien bedeutet, | durch welches für die Lage des jüdischen Volkes in Österreich eine neue Ära einge- I leitet wird. [ Nachstehend bringen wir die Zusammen- , Stellung der Wahlresultate in den Bezirken,! wo Jüdischnationale kandidierten : Galizien. Städtische Bezirke. Stanislau. Hier erhielt der Jüdischnationale Dr. Brau de die meisten Stimmen 1204 und kam in die Stichwahl mit dem polnischen Demokraten Paul Swiertnia (1151 Stimmen). Obwohl der unterlegene jüdische Kandidat Eduard Rauch, der es auf 1119 Stimmen gebracht hatte, mit seinen. Anhängern bei der Stichwahl für Dr. Braude eintrat, obwohl 2500 Personen sich bereit erklärt haben, zu beeiden,- dass sie bei dieser für Dr. Braude gestimmt haben, wurde das Wahlresultat verkündet: Swiertnia 1971 Stimmen, Braude 1835. Nur durch offenen, selbst in Galizien unerhörten Wahlraub (u. a. wurden 156 Stimmzetteln kassiert, weil sie mit „Marcus Braude“ statt „Markus Braude“ ausgefüllt waren) konnte dieses Resultat zustandegebracht werden. Ein Wahlprotest wird eingebracht. Buczacz. Der Jüdischnationale Dr. Birnbaum kam mit 2194 Stimmen gegen den konservativen Polen Stefan v. Moysa, der 3800 Stimmen erhielt, in die Stichwahl. Die