Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 2 (5.6.1907)
- Date
- 1907-06-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Zeitung Nr. 2 fragen in neue Bahnen lenken und die alten Wirren hintanhalten wird. Gerüstet sein ist für alle nationalen Vertreter im Parlament die Losung. Wir Zionisten haben uns redlich bemüht, den Juden die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer jüdischnationalen Vertretung und parlamentarischen Kampfbereitschaft beizubringen. Es ist nur zum Teil gelungen. Aber wir können mit dem Wenigen, das wir gegen mächtige Widersacher errungen haben, vollauf zufrieden sein. Das österreichische Parlament wird unter der bewährten Führung Dr. Strauchers einige Jüdischnationale in seiner Mitte haben, die wohl als homines novi ins Parlament einziehen, aber die ersten Juden sind, die ein starker nationaler .Wille und die Kraft der jüdischnationalen Jdee mit der schweren Aufgabe betraut hat, beherzt und rückhaltlos für alle jüdischen Jnteressen einzutreten. Wir sind dessen gewiss, dass unsere : Abgeordneten überall zu finden sein werden, wo es sich um jüdisches Wohl, aber auch , überall, wo es sich um Forderungen wirtschaftlichen und kulturellen Fortschritts, natioi. naler Gleichberechtigung und politischer Freiheit handeln wird. Die Wahl jüdisch-nationaler Abgeordneter bedeutet für die österreichischen Juden — sie : mögen es in unverbesserlichem, assimilatorischem Dünkel leugnen oder nicht — einen ' weithin strahlenden Lichtpunkt nach jahrzehntelanger, politischer Bedrängnis. Die jüdischnationalen Abgeordneten strafen jene Neunmalweisen Lügen, die aus der politischen Sackgasse heraus, in die sie sich verrannt haben, von der Absurdität und Aussichtslosigkeit nationaljüdischer Bestrebungen faseln. Die jüdische Masse im Osten des Reiches hat sich - beim ersten Versuch für diese entschieden. Das nächste Mal soll die Sache gründlicher .besorgt werden. Die jüdischnationalen Abgeordneten werden in größerer Anzahl wiederkehren und die einzig legitimierte, nationale Vertretung der österreichischen Juden bilden. Die SiaM in der Ceopoldstadt. Als im Jahre 1897 zum erstenmal in der 5. Reichsratskurie gewählt -wurde, rechneten die Wiener Sozialdemokraten mit Bestimmtheit auf die Erringung aller Mandate in den Wiener Wahlkreisen. Sie eroberten zu ihrer größten Überraschung nicht ein einziges Mandat. Bei ■den Wahlen im Jahre 1901 verloren sie — wiederum gegen alle ihre Erwartungen — alle Mandate, die sie in Böhmen innegehabt, und behielten nur ein Reichenberger Mandat in ihrem Besitzstand. Die Sozialdemokraten verfügen über die beste politische Organisation, über eine vielgelesene Parteipresse, über geschulte Agitatoren, sie sind eine alte Partei und’ kampfgewohnt, kennen genau die Stärke und Schwächen ihrer Gegner und haben sich in beiden Fällen doch so gründlich geirrt. Sie haben die Scharte bei den nächsten Wahlen ausgewetzt und können heute ihren Gegnern, die sie damals höhnten, den Spott in vervielfachtem Maße zurückgeben. Sie sind schließlich doch Sieger geblieben und dürfen ’ sich ihrer Triumphe freuen. Wozu diese Reminiszenz? werden viele fragen. Die Wahl in der Leopoldstadt hat den Jüdischnatipnalen viel Hohn und Spott eingetragen 'und hat uns gezeigt, wie man uns haßt und wie man uns fürchtet. Es gibt da nichts zu beschönigen: die Jüdisch-Nationalen sind in der Leopoldstadt durchgefallen, konnten nur eine geringe Stimmenzahl auf ihren Kandidaten vereinigen. Sie sind zunächst unvorbereitet in den Wahlkampf getreten, den sie, wie auch die Gegner anerkennen, mit agitatorischem Geschick und den anständigsten Waffen geführt haben. Aber ohne Organisation, ohne gründliche politische Durchackerung des zu erobernden Wahlkreises, ohne Presse führt man Wahlschlachten nicht siegreich zu Ende. Die jüdischen Wähler in der Leöpoldstadt haben sich zur jüdisch-nationalen Erkenntnis noch nicht durchgerungen. Sie sind auch sonst politisch auf keiner hohen Stufe. Dies kann nicht wundernehmen, wenn man bedenkt, daß über einen Teil der Donauklub das politische Kommando führte, während den anderen Teil Bethauspolitiker beherrschten. Von einer politischen Erziehung und Reife war keine Spur. Sie wählten bisher alles, was nicht christlichsozial hieß, bald einen Liberalen, bald einen Sozialdemokraten, bald farblose Gelegenheitskandidaten. Es war klar, daß eine so präparierte, zerrissene Wählerschaft für einen Jüdischnationalen schwer oder gar nicht zu haben sein werde. Wir haben trotzdem den Versuch gewagt und haben nicht vergebliche Arbeit geleistet. Wer schwimmen lernen will, muß einmal ins Wasser gehen. Und wer konsequent jüdischnationale Aufklärungsarbeit vollbringen will, muß früher oder später mit den Massen in Kontakt treten und ihnen jüdischnationale Gedankengänge beizubringen trachten. Wir wären Narren gewesen, wenn wir die geradezu ideale Gelegenheit der Reichsratswahl unbenützt hätten vorüberstreichen lassen. Die Saat, die in der Sein Beispiel und einige andere Faktoren, darunter namentlich das Entstehen der politischzionistischen Bewegung haben Wunder gewirkt. Die Orthodoxie spricht nur hebräisch, so daß diese Sprache die Muttersprache der Kinder ist, wie z. B. unseres Reisemarschalls, eines jungen Jerusalemiten. In den Schulen •der Alliance, des Rotschild etc. wurde hebräisch zwar immer gelehrt, früher aber nur so nebenbei, während in den letzten Jahren selbst diese assimilatorischen Schulen gezwungen waren, fast die Hälfte des Unterrichtes in hebräischer Sprache zu erteilen. Dabei entschuldigten sich die Leiter bei uns, die wir zwar keine offiziellen Persönlichkeiten, aber als gute Zionisten bekannt waren, daß sie nicht noch mehr hebräisch lehren. So werden wir Zionisten in Palästina selbst als Hüter des nationalen Gedankens angesehen, ln den Kolonien ist die Muttersprache der Kinder selbstverständlich hebräisch, die 2 jüdischen . Zeitungen Jerusalems, der Kalender von Luncz, kurz alles, was für den allgemeinen Verkehr gedruckt wird, erscheint in hebräischer Sprache. Unsere Gesinnungsgenossen haben in Jaffa eine Mittelschule mit hebräischer Unterrichtssprache — vorläufig in bescheidenem Umfang — gegründet, auch der Hilfsverein deutscher Juden wird in kurzem ein hebräisches G}Tnnasium im Anschluß an die geradezu ausgezeichnete Lämelschule errichten und was dieser Verein in die Hand nimmt, das wird gut gemacht und hat Dauer. In nicht allzu ferner Zeit, vielleicht in S—10 Jahren wird in Jerusalem eine hebräische Universität erstehen. So hat unsere alte Nationalsprache, die nie vergessen war und in Wort und Schrift weitergebildet wurde, in Palästina mächtige Fortschritte gemacht. Es ist dies umso erfreulicher, als eine jüdische Kultur- Renaissance nur in der vom Volksgeist geschaffenen Sprache, in der all seine Eigenarten I ausgeprägt sind, möglich ist. Wenn man jauch nicht auf dem Standpunkt der reinen „Kulturzionisten“ steht, die in dem kleinsten kulturellen Zentrum und sei es auch nur eine | einzige Kolonie, bereits die vollständige Lösunj der Judenfrage sehen, so ist uns allen klar, i daß ihre bloß wirtschaftliche Lösung ein zu niedrig gestecktes Ziel wäre. Nur durch eine eigene neuhebräische Kultur können wieder einen hohen Rang unter den Völkern eirinehmen und als gleichwertig geachtet werden. Daß eine solche organisch aus den Verhältnissen in Palästina herauswächst, das ist weitaus das Erfreulichste von allem, ’ ich dort gesehen und erkundet. (Fortsetsung folgt). mehrwöchentlichen Wahlcampagne von den Zionisten gestreut wurde, wird aufgehen und muß Früchte tragen. Zur Entmutigung hat eine junge, aufstrebende Partei, die sich ihrer inneren Kraft bewußt ist und zukunftsicher auf die natürliche Entwicklung pochen darf, keinen Anlaß. Sie hat nur die Verpflichtung, aus den gemachten Fehlern und Erfahrungen die richtigen Schlüße zu ziehen und nutzbringend anzuwenden. Da gilt es, die politische Organisation in emsigstem Bienenfleiße auszubauen, die Parteipresse nach Möglichkeit zu fördern und zu einem verläßlichen Agitations mittel auszugestalten, sich im Bezirke rastlos der politischen Werbearbeit zu unterziehen und die Kleinarbeit nicht zu vernachlässigen. Es genügt einfach nicht und wäre ein Zeichen von unverbesserlicher politischer Naivität, sich einige Wochen vor der Wahl ins Zeug zu legen und wie Don Quixote Kämpfe um dieser willen zu inszenieren. Das ist der Jüdischnationalen nicht würdig und bringt sie politisch nicht weiter. Eine Partei, die auf die nach Hunderten zählende akademische Jugend jederzeit zählen kann, die soviele arbeitstüchtige Poalezionisten zählt und — last, not least — über einen Grundstock zahlreicher und verlässlicher Bürger verfügt, muß siegen, wenn sie durch systematische Vorarbeit und unverdrossene Kleinagitation die Wahlen gehörig vorbereitet, ihre Kräfte mit Umsicht und vernünftig nützt. Deshalb läßt uns die Schadenfreude unserer Gegner kalt. Wir sind unserer Sache sicher und wissen, daß im politischen und nationalen Leben Programme nicht über Nacht verwirklicht und Wählermassen nicht im Handumdrehen gewonnen werden. Die eingangs erwähnte Reminiszenz aus der politischen Geschichte des letzten Jahrzehnts halten wir allen jenen entgegen, welche die Leopoldstädter Wahl mit ihrer unter den obwaltenden Verhältnissen unausweichlichen Niederlage als den ersten ’ und letzten überflüssigen Versuch jüdischnationaler innerpolitischer Betätigung in Wien ansehen. Dem Herrn Dr. Gustav Kohn, der sich ganz anderer Wahlhilfe erfreute und daraufhin recht anspruchsvoll auftrat, erging es viel schlimmer. Für den jüdischnationalen Kandidaten sprach eine ehrliche, nationale Gesinnung, ein offenes jüdisches Programm, eine starke Beredsamkeit und jugendliche Begeisterung, für ihn und die nationale Sache arbeitete eine Schar freiwilliger und begeisterter Agitatoren. Ihm gegenüber ging Herr Dr. Kohn wie ein Krösus in den Kampf. Titel, Einfluß, Geld — so läßt sich eine Wahl viel schöner machen. Der Herr „Landesschulrat“ wirkte auf die Lehrer und imponierte autoritätsgläubigen Juden, die vor klangvollen Namen einen heillosen Respekt haben. „Vizepräsident der Wiener Kultusgemeinde“ — das Wort besticht und die Stellung sichert Einfluß auf Wähler, die von der Kultusgemeinde irgendwie abhängig sind. Solche Arbeit besorgen gut und sicher ihre Diener und Beamten. Auch Geld war für den Kandidaten des deutschfortschrittlichen Zentralwahlkomitees, für den Favorit der Höchstbesteuerten und einiger Bankdirektoren wohl zahlreich da. Die Tagespreße ließ Herrn Dr. Kohn auch nicht im Stich. Die „Österreichische Wochenschrift“ mobilisierte die Bethausvereine, welche Herrn Dr. Bloch Gefolgschaft versprochen hatten, und setzte sich mit rührendem Feuereifer für Dr. Kohn ein, obwohl er als Deutschfortschrittlicher kandidierte und eine „Differenzierung jüdischer und allgemeiner Interessen“ ebenso voreilig als kühn in Abrede stellte. Man sieht, Herr Dr. Kohn und seine Hinter-' männer nahmen unter günstigeren Umständen den Kampf auf. Wenn sie trotzdem unterlagen, so ist dies ein untrüglicher Beweis dafür, daß in der Leopoldstadt die Deutschliberalen endgiltig ausgespielt haben und daß dem Kultusvorstand, deren bester Mann eine empfindliche Niederlage erlitt, die politische.