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Jüdische Zeitung · 1907-06-05 · 2 (5.6.1907) · p. Seite 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
2 (5.6.1907)
Date
1907-06-05
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2 Jüdische Zeitung Seite 3 Die Jüdische Zeitung. Die Jüdische Zeitung wird unter der Leitung eines vom innerösterreichischen Distriktscomite eingesetzten Redaktionsausschusses als zionistisches Organ herausgegeben. Als solches wird sie auch unabhängig von einer bestimmten politischen Partei, stets im nationaljüdischen Geiste zu den politischen Tagesfragen Stellung nehmen. Ihre Aufgabe wird sie dabei besonders darin sehen, die politische Erziehung der Juden zu fördern und dazu beizutragen, dass die nationaljüdischen Bestrebungen stets mit politischfreiheitlichem und sozialfortschrittlichem Geiste erfüllt bleiben. Allen Gebieten jüdischen Lebens, vornehmlich aber allen Zweigen jüdischer Kultur und nicht zuletzt auch den jüdischen Gemeindeverwaltungen wird die Jüdische Zeitung ihre vollste Aufmerksamkeit zuwenden. Die Jüdische Zeitung wird für das Wohl und für die Ehre des jüdischen Volkes stets rückhaltlos und unerschrocken eintreten, den Kampf aber stets in würdiger Form und in vornehmer Weise führen. Es ist Pflicht eines jeden Gesinnungsgenossen, es liegt im Jnteresse eines jeden Juden, die „Jüdische Zeitung“, welche keine persönliche Gründung, kein Erwerbsunternehmen ist, zu abonnieren und in jeder Weise zu fördern. Das Redaktion skomite: Adolf Böhm Dr. isidor Margulies Dr. Paul Weisengrün. Das neue Parlament. Die grosse Wahlschlacht ist geschlagen und in einigen Wochen wird sich der Aufmarsch der Parteien, die über die politische und wirtschaftliche Entwicklung Oesterreichs zu entscheiden haben werden, in dem neuen Abgeordnetenhause vollziehen. Wir Juden hatten allen Anlass, dem ersten Parlamente des allgemeinen Wahlrechts pessimistisch entgegenzublicken. Die Schwarzseher, die eine kompakte klerikal-agrarische Majorität kommen sahen, haben Unrecht behalten. Die an Ueberraschungen überreiche Wahl hat einst mächtige, tonangebende Parteien dezimiert, aus kleinen Fähnlein grosse, einflussreiche Abgeordnetengruppen geschaffen, das nationale wie auch politische Bild des Parlamentes gründlich verändert. Die Gesamtbilanz in dem vollzogenen parlamentarischen Szenenwechsel ergibt für die Juden ein Manco, obwohl sie einige erfreuliche Aktivposten aufweist. So wünschenswert und beruhigend die Niederlage fast aller radauantisemitischer Volksvertreter — Schneider, Schönerer, Franco Stein, Breznovsky — ist, die Stärke der. Christlichsozialen und ihre zur Tatsache gewordene Ministerfähigkeit wiegt die Zertrümmerung der Schönerergruppe und das scheinbare Abflauen der antisemitischen Bewegung während des Wahlkampfes auf und eröffnet den Juden nicht sehr hoffnungsvolle Perspektiven. Es ist eingetreten, was von zionistischer Seite vorausgesagt worden war: der lärmende, mit Radau und wüstem Geschimpfe arbeitende Antisemitismus hat sich überlebt, die schleichende, hinter den Kulissen agierende, regierungsfähig gewordene Judenfeindschaft hat ihn abgelöst. Sie ist gefährlicher und fordert Opfer, wo man sich dessen kaum versieht. Die Juden hatten im alten Privilegienparlament nur wenige aufrichtige Freunde. Es scheint, ihre Zahl wird im neuen Hause nicht erheblich grösser sein. Nur naive Leute, die im Hasse gegen Schneider und Konsorten zum grossen Teil ihren Schatz an politischen Gedanken und Gesinnungen erschöpften — eine gewisse Presse hat diese politischen Käuze unter den Juden grossgezogen — werden sich mit dem Jubel über die Wahlniederlage der Ritualmordhetzer begnügen und vor der grösseren Gefahr des latenten Antisemitismus, der heute sicherlich die grosse Majorität der Abgeordneten für sich in Anspruch nehmen kann, die Augen verschließen. Es bietet einen geringen Trost, dass die antisemitisch gesinnten Reaktionäre links und rechts in einer starken sozialdemokratischen Gruppe ein Gegengewicht erhalten, die ihre Gefährlichkeit und Begehrlichkeit einigermassen paralysiert. Sowie diejenigen Juden, die über die Niederlagen einzelner Antisemiten jubeln und das Verständnis für das Wesen des Ganzen vermissen lassen, bald eines Besseren belehrt sein werden, wenn christlichsoziale Minister das Justiz- oder Handelsportefeuille nach ihrer Parteimanier verwalten werden, so werden auch diejenigen, die nach dem imposanten Aufstieg der Sozialdemokratie dieser zulaufen und ihr die Aufgaben einer scharfen Abwehrpolitik gegen den Antisemitismus zumuten eine arge Enttäuschung erleben. Je größer die sozialdemokratische Partei Oesterreichs wird, desto weniger will und kann sie Judenschutztruppe sein. Damit soll nicht geleugnet werden, dass die Existenz eines numerisch so starken und qualitativ hervorragenden sozialdemokratischen Verbandes im Parlament allen zünftlerischen und rektionären Bestrebungen einen festen Riegel vorschiebt. Es wäre aber verfehlt und den Sozialdemokraten weder erwünscht, noch nützlich, wenn ihr einzig-artiger Wahlerfolg die Juden wie hypnotisiert in das sozialdemokratische Parteilager treiben und hier die freie unaufschiebbare Entwicklung der nationalen Fragen stören würde. Die nationalen Fragen! Als die ersten Wahlnachrichten einlangten und von dem Zerfall extrem-nationaler Gruppen (Volksparteiler, Schönerianer, Jungtschechen) Kunde brachten, da gieng es wie langverhaltener Jubel durch den liberalen Blätterwald: die nationale Bewegung in Oesterreich hat den Todesstoss erlitten, nationale Kämpfe werden das neue Parlament nicht mehr durchtoben. Und es war der Haupttrumpf politisierender Assimilanten gegen uns Jüdischnationale, dass auch unser nationales Streben zur Erfolglosigkeit verdammt und mitten im Rückgang der andersnationalen Gruppen nur Anachronismus sei. Der Wunsch war wieder einmal Vater des Gedankens. Kaum war das Debacle der Jungtschechen und damit angeblich der allgemeinen tschechischen Postulatenpolitik offenbar, traten die tschechischen sozialdemokratischen Abgeordneten mit einem Manifest hervor, das Punkt für Punkt die bekannten tschechischen Forderungen aufstellt und durchzuführen verspricht. Was Einsichtigen längst klar war, die radikalnationale Gesinnung der tschechischen Genossen, tritt in diesem Manifest, das der Wiener Parteileitung gewiss nicht viel Vergnügen bereitet, sonnenklar zutage. Die Ralliierung der Parteien in nationaleinheitlichen Verbänden, an der auf allen Seiten mit Hochdruck gearbeitet wird, spricht auch nicht dafür, dass man sich im neuen Parlament über nationale Dinge und Sorgen hinwegzusetzen gedenkt und dass der politische Barometer auf volle Windstille im nationalen Kampfe weist. Im Gegenteil, die nationalen Fragen werden sehr bald aufs Tapet kommen, mit unverminderter Leidenschaft vertreten werden und manche Stürme heraufbeschwören. Es wird sich zeigen müssen, ob das allgemeine Wahlrecht, wie seine Befürworter vorausgesagt haben, den parlamentarischen Kampf um nationale Güter und Streit- Feuilleton. Palästina von Adolf Böhm. *) Es war eine wundervolle Sternennacht, in der wir von Beirut nach Jaffa zurückfuhren. Zwei Tage waren wir dort still — in Quarantaine — auf der Rhede gelegen, im Angesicht der > mächtig ausgedehnten Stadt, die vom Halbrund des Hafens bis zu den Höhen grünender Hügel ansteigt, dahinter die Schroffen des Libanon aufragen. Bis zu gewaltiger Höhe ist das Gebirge dicht bewohnt und bepflanzt. Die Autonomie, welche die Maroniten in ähnlichem Umfang, wie wir sie für Palästina anstreben, schon mehr als 40 Jahre besitzen, hat das Libanongebiet zu einem Garten gewandelt. Nur die letzten Zacken des über 3000 Meter hohen Gebirges sind kahl und im Winter mit Schnee bedeckt. Wenn die Sonne ins Meer sank, leuchteten die Schroffen des Libanon eine Sekunde' lang im zartesten Rosenrot, wie unsere Dolomiten im Alpenglühen, dann verfärbten sie sich jäh, zeigten ihr natürliches, kalkiges *) Nach einem im Zionistischen Zentralverein gehaltenen Vortrage. Weiß, das langsam in Grau und Schwarz überging. In der Nacht, in der wir nach Jaffa zurückfuhren, standen wir auf Deck, über das Geländer gebeugt, und spähten ins Dunkle hinaus, nach den Umrissen der palästinensischen Küste. Alte Lieder drängten sich auf unsere Lippen und seltsam verwoben sich in unserer Brust geschichtliche und biblische Erinnerungen mit den Hoffnungen der Gegenwart. Das Heimverlangen nach vieltausend-jährigem Wandern, das schlummernde Bewußtsein in all der gewohnten, liebgewordenen Umgebung doch fremd zu sein, die Sehnsucht, den Mutterboden, in dem die Wurzeln unserer Kratt ruhen, zu betreten — all das steigerte die Phantasie und ließ uns träumen von künftiger Größe und Herrlichkeit. Niemals habe ich die begeisternde, die stählende Kraft des Zionismus so tief empfunden, wie in dieser einen Nacht. Und die Erwartung, in ein jüdisches Land zu kommen, wurde durch nichts von alledem enttäuscht, was ich in Palästina gesehen. Nicht die alten Erinnerungen waren es, die dort diese Empfindung wachriefen, sondern gerade das Neue: das sichtliche Erwachen zu jüdischem Geist und jüdischem Leben. Das ist es, was keine noch so liebevoll verfasste Beschreibung des Landes geben, was man nur persönlich erleben kann: Das j Erlauschen all der Stimmungen und Imponder- J abilien, die viel wichtiger sind für die Beurteilung des Kommenden, als alle Ziffern über die Anzahl der Juden in Palästina oder der Quadratkilometer, die sie dort besitzen und bebauen. Was vor allem augenfällig wird, das ist die ganz ungeahnte Verbreitung der hebräischen Sprache. Augenfällig — denn kaum in Jaffa ans Land gestiegen, fallen unsere Blicke auf Plakate in hebräischer Sprache /rqp'rm cn^jr (Juden, sprechet nur hebräisch!) Die Zettel kleben an allen Wohnungstüren, Geschäftsläden, in unserer Bank, man kann keinen Schritt tun, ohne auf sie zu stoßen. Namentlich die jungen, russischen Einwanderer waren es, die energisches Leben nach Jaffa gebracht haben, so daß man sich heute nicht mehr damit begnügt, wenn man hebräisch sprechen kann, sondern direkt eine Agitation entfacht, womit jedem Juden zum Bewußtsein gebracht wird, daß die hebräische Sprache seine Nationalsprache ist. Also eine zionistische Propaganda kat’exochen! Es war nicht imme» so. Als vor 25 Jahren Ben Jehuda nach Jerusalem kam, um sich dort dauernd niederzulassen und nebst seinen gelehrten Arbeiten vor allem durch sein und seiner Kinder Beispiel die hebräische Sprache in Palästina zu verbreiten, da war sie noch wenig gepflegt.

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