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Jüdische Zeitung · 1907-05-11 · 1 (11.5.1907) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
1 (11.5.1907)
Date
1907-05-11
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Jüdische: Zeitung Nr. 1 handelte und der griechisch-türkische Krieg . ausbrach, da hatte die Judenschaft der ganzen Welt lebhafte Sympathie mit dem Volk, das sich niemals mit Judenblut befleckt hatte. Dr. Schalit rüstete eine ärztliche Expedition aus, trotzdem im türkischen Heere die,Cholera grassierte, und leistete mit seinen Genossen im Feldlazarett erhebliche Dienste. Wenn andere darauf pochen, ihren Mannesmut bewiesen zu haben, indem sie sich nicht taufen ließen oder indem sie offene Briefe an Schönerer geschrieben haben, so glauben wir, daß Dr. Schalt noch ein bischen mehr Mut für sein Judentum aufgebracht hat. Aber nicht nur großen Mut hat D r. S c h a 1 i t stets bewiesen, sondern auch imgewöhnlich große politische Einsicht. Als der große Achtundvierziger, der Jude Adolf Fischhof für ein Programm aiiftrat, das die Versöhnung der Völker Österreichs zum Ziel hatte, als die deutschnationalen Juden ihn niederschrieen, da war es Dr. Schalit und sein Kreis, welche zu Fischhof standen, und dessen Programm ist es auch, das wir heute vertreten. Am Grabe Fischhofs hielt der junge Student Schalit eine begeisterte Rede, die . damals Aufsehen machte, für das Programm . der Völkerversöhnung! Er erwies sich als politisch klüger, als die altliberalen Juden, Reiche mit der „Neuen freien Presse“ an der Spitze, Fischhofs Bestrebungen vereitelt hatten, womit sie den größten Teil der damaligen „Demokraten“ unter ihnen Lueger ins antisemitische Lager trieben. Die 10-jährige Arbeit in der zionistischen Volksbewegung machte Dr. Schalit mit allen Bedürfnissen und Leiden des jüdischen Volkes genau bekannt. Wann immer die armen rumänischen oder russischen Flüchtlinge durch Wien zogen, da waren es D r. Sch a lit und seine Genossen, die sich ihrer in aufopferungsvoller Weise annähmen, nicht aber die Herren, die jetzt plötzlich ihr jüdisches Herz entdeckt haben. Diese genaue Kenntnis der Bedürfnisse des jüdischen Volkes ließen ihn auch in einem für das Judentum Österreichs entscheidenden Moment die Sachlage sofort klar erkennen und rasch und erfolgreich eingreifen: Durch das allgemeine Wahlrecht, welches den Handelskammern und Städtekurien das Wahlprivilegium nahm, war die Gefahr nahe gerückt, daß die Juden über- ' haupt nicht mehr im Parlamente vertreten sein würden. - Dr. Schalit machte alle jüdischen Kreise auf diese Gefahr aufmerksam, er ' brachte die großartige jüdische Massen- bewegung in Fluß, welche sich in über 700 großen Volksversammlungen und in Petitionen jhit hunderttausenden von Unterschriften — darunter von 200 Kultusgemeinden — manifestierte und die Schaffung von Wahlkreisen mit jüdischer Majorität verlangte. Die Assimilanten, welche heute diese Wahlkreise ■ erobern wollen, waren die heftigsten Gegner ihrer Schaffung. Trotz ihres Protestes berücksichtigte die Regierung die jüdische Volksbewegung und schuf eine Reihe von Wahlkreisen mit jüdischer Majorität. Dr. Schalit . würde von dem damaligen Minister des Innern empfangen, um über die Forderungen des jüdischen Volkes Aufschluß zu geben. Dieser sagte ihm wörtlich: „Ich freue mich, endlich einen Juden Ihres Schlages kennen gelernt zu haben, ich sympathisiere mit der gut österreichischen, modernen jüdischnationalen Politik“. Man hat oft gesagt, daß die Juden ein dankbares Volk sind. Es ist daher erklärlich, das die Wähler des jüdischen Wahlkreises Leopoldstadt' für D r. Schalit, dem sie die Schaffung dieses Wahlkreises verdanken, soviel Sympathie entgegenbringen. Sie verehren ihn ihm ohne Unterschied der Partei, den Mann, der zugleich ein guter Jude und ein moderner aufrechter stolzer Mann ist. Auch zahlreiche modern gesinnte christliche Wähler, die nicht für den Antisemiten oder Sozialdemokraten stimmen wollen, versicherten Dr. Schalit ihrer Sympathie und werden ihm ihre Stimme geben. Unsere Gegner mögen nie vergessen: Programme allein genügen nicht, die Wähler fragen auch nach der Persönlichkeit der Kandidaten. Sie wollen keine Abgeordneten, die ihr Leben hinter sich haben und von Erinnerungen zehren. In unsere Zeit, der Periode unsagbaren Judenleides der Verfolgungen und des Boykottesverlangen die jüdischen Wähler den starken Mann und energischen Kämpfer. Dr. Schalit hat sich das Herz der Leopoldstadt erobert. Wie sein Programm die Köpfe beherrscht, so hat sich das Bild seiner Persönlichkeit in die Gemüter eingegraben. Die Leopoldstädter lieben den Mann, der sein Blut für das Judentum verspritzt, der dem jüdischen Volk die jüdischen Wahlkreise gebracht hat, sie werden am 14. Mai einmütig für Dr. Schalit stimmen. Dr. $cMt ist aber Zionist t Dieser Vorwurf wird noch immer von jenen Leuten erhoben, die heute noch das von den hämischen Gegnern des großen Herzl ausgestreute unsinnige Märchen glauben, die Zionisten wollen die Juden zur Auswanderung nach Palästina bewegen! Es ist traurig und beschämend, daß man so etwas noch widerlegen muß. Der Zionismus will lür die Hunderttausende von Juden, die heute schon auswandern (Im Jahre 1906: 250000) und nirgends ein Asyl mehr haben, eine Heimstätte in Palästina schaffen, wo die Juden sich wieder kulturell, wirtschaftlich und politisch frei ausleben können. Es ist selbstverständlich, daß dieses Völkszentrum, dessen Schaffung schon im Werden ist, äußerst günstig auf die Lage der Juden in aller Welt einwirken wird. Aberdie zionistische Partei hat auch noch nicht einen Juden zur Auswanderung veranlaßt! Das also soll die Sünde des Dr. Schalit sein, wegen welcher er nicht gewählt werden darf, daß er seit 10 Jahren für das Wohl seiner unglücklichen, durch die Welt wandern^ den Stammesgenossen aus Galizien, Rußland und Rumänien arbeitet! Wir betrachten das als seinen größten Ruhmestitel! Mer Dr. Schalit bat keine Aussichten; Mit diesem letzten Argument will man jene, die als Freunde gewonnen sind, von Dr. Schalit abbringen, da man es durch Gründe nicht mehr kann. Dieses „Argument“ ist aber das lächerlichste und unhaltbarste. Zunächst ist es_ jedermanns Pflicht, nach seiner Überzeugung zu stimmen, und wer überzeugt ist, daß Dr. Schalit der richtige Kandidat ist, der muß ihm unter allen Umständen seine Stimme geben. Aber es ist nicht nur nicht wahr, daß Dr. Schalit „keine“ Aussichten hat, das Gegenteil ist richtig. / Als D r. K o h n gegen seinen intimen Freund Dr. Ofner auftrat, sagte er, daß er dies nur tue, weil Dr. Ofner keine Aussichten habe, gewählt zu werden! Also die intimsten Freunde des Dr. Ofner beurteilen dessen Chancen so ungünstig und sie müssen es wissen. Im Komitee des Dr. Ofner sind alle Richtungen i vertreten, denn er vertritt eben keine Partei, i sondern hat nur persönliche Anhänger, eine 1 kleine Schicht von assimilatorischen Intelligenzlern. Und Dr. K o h n? Hierüber sind alle einig. Von der Wahl des Dr. Kohn kann überhaupt keine Rede sein. Und E m e r 1 i n g-? Kein Mensch glaubt, dass die jüdischen Gewerbetreibenden wirklich in Massen diesen ganz unbekannten arischen Sozialdemokraten wählen werden. Aber D r. Schalit vertritt zunächst eine Partei, welche seit vielen Jahren eine organisierte in der Leopoldstadt allein nach Hunderten zählende Anhängerschaft hat. Jeder einzelne von diesen hat seine Bekannten aufgeklärt und gewonnen. Unsere Partei hat einige hunderte studentische Agitatoren, also gebildete und begeisterte Leute, keine „bezahlten“ Wahlmacher, denen die anderen Kandidaten nichts gegenüber stellen können. Jeder Einzelne arbeitet mit grösstem Erfolg an der Aufklärungsarbeit. . Eine glänzende Organisation in 4 Kreisen und 27 Gruppen mit erprobten Leitern an der Spitze umfasst unsere Agitationstruppe. Unsere zahlreichen Versammlungen waren stets dicht gefüllt und obzwar sie stets allgemein zugänglich waren,/ alle Gegner zu Worte kommen liessen, akklamierte jede Versammlung begeistert die Kandidatur Dr. Schalits. In den Versammlungen unserer Gegner dagegen werden unsere Anhänger nicht einmal hinein-' gelassen, kommen nicht zu Worte oder werden niedergeschrien. Dies ist ein Beweis, dass unsere^ Gegner sich schwach fühlen und unsere Argumente fürchten, wir aber lassen jeden spiechen, weil wir nichts zu fürchten haben! Für Dr. Schalit stimmen und arbeiten auch die organisierten jüdischen Arbeiter. (Poale Zion). Für Dr. Schalit werden auch die zahlreichen streng religiösen Kreise der Leopoldstadt stimmen, weil sie in ihm einen treuen Sohn des.jüdischen Volkes sehen, der sich offen dazu bekennt, indes die Gegen- - kandidaten ihr Judentum verbergen. Für Dr. Schalit wird auch jener Teil der Anhänger Dr. Blochs stimmen, welche in diesem einen j üdisch-nationalen Kandidaten sahen, weil nach Zurückziehung der Kandidatur Dr. Blochs nur Dr. Schalit als solcher in Betracht kommt. So erweist sich auf der ganzen Linie das Argument unser Gegner nicht nur als hinfällig, sondern es ist evident und in informierten Kreisen heute längst bekannt, dass Dr. Schalit mehr Chancen hat, wie jeder andere Kandidat. Deshalb wird am 14. Mai kein anderer als Sieger in Kampf um das Mandat des jüdischen Wahlkreises der Leopoldstadt hervorgehen, als Dr. T$idor Schalit. Der „jüdische Klub“ im künftigen Parlament. Der erste Parteitag der nationaljüdischen Partei zu Krakau 1—2. Juli 1906 hat die Einigung von West- und Ostjuden auf dem Boden eines gemeinsamen österreichischjüdischen Programmes herbeigeführt. Damit wurde für die 17S Millionen Juden Oestrreichs die Möglichkeit einer einheitlichen Volkspolitik geschaffen. Das Eingreifen der Partei — wenn man die einzige politische Organisation des jüdischen Volkes überhaupt „Partei“ nenntn kann — in den Wahlkampf war in Ost und West eine Notwendigkeit. Im Westen handelte es sich, um Loslösung von den deutschen Kampfparteien, die immer antisemitischer wurden, im Osten um Loslösung vom Polenklub, der die Juden im Lande als Juden auf das ärgste unterdrückt und sie gleichzeitig als Polen mosaischer Konfession zur politischen Unterdrückung der Ruthenen gepresst hatte. Gesinnungsgenossen i Abonniert die jüdische Zeitung!

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