Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 1 (11.5.1907)
- Date
- 1907-05-11
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2438141-2438142-2438143--0009-2439490- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 1 Jüdische Zeitung Seite 7 Mit ungeheurer Begeisterung nahmen unsere Stammesgenossen im Osten die Parole der unabhängigen jüdischen Nationalpartei und die von ihr aufgestellten Kandidaten auf, die sämtlich schon lange als gute Juden und Kämpfer für die jüdische Volkssache bekannt waren. Wir geben weiter unten eine Uebersicht über die jüdische Wahlbewegung. Ohne jeden Optimismus. darf man Vorhersagen, dass eine nicht unbeträchtliche Anzahl nationaljüdischer Abgeordneten ins nächste Parlament ziehen und dort einen jüdischen Klub bilden werden. Dass dieser mit allem Nachdruck für alle freiheitlichen und alle speziell jüdischen Interessen eintreten wird, ist selbstverständlich. Prüfen wir aber in wie fern dieser Klub einen Umschwung der Dinge in Bezug auf die Lage der Juden herbeiführen kann. Bisher sassen Abgeordnete jüdischer Konfession im Polenklub, in der deutschliberalen und jungczpchischen Partei und in der sozialdemokratischen Gruppe. Erst i:n letzten Parlament gab es auch einen unabhängigen natio n alj üdisch en Abgeordneten: Dr. Straucher. Wenn irgend eine freiheitliche Forderung auftrat, so mussten die Hausjuden des Polenklubs mit diesem dagegen stimmen! Die Juden wurden daher vom polnischen Volk als reaktionär angesehen und gehasst. Traten die Sozialdemokraten für irgend eine ultraradikale, hypermoderneForderungauf, so kämpften die jüdischen Parteiangehörigen an der Spitze jnit. Die Juden galten als revolutionär, „Judensoci“ wurde ein Schlagwort. Führte die deutschliberale Partei mit aller Macht den Kampf gegen die tschechische und umgekehrt, so machten die Parteijuden das grösste Geschrei. Die Juden galten daher als nationale Hetzer; trotzdem aber — und das ist das Köstlichste an der Sache — wurden sie von den extremnationalen Parteien als Volksfremde ausgeschlossen. Die' ganze Zerfahrenheit und Richtungslosigkeit des armen Volkes spiegelte sich in der politischen Haltung ihrer Vertreter ab. Nur ein jüdischer Abgeordneter Dr. S t r a u c h e r, der als Jude mannhaft für sein eigenes Volk zugleich für alle freiheitlichen Forderungen, für alle Unterdrückten eintrat, hob sich vorteilhaft ab. Er ist dafür heute nicht nur der populärste Mann im jüdischen Volke, sondern auch die Antisemiten haben vor ihm den Hut gezogen. Solche Männer werden nun ein Dutzend ins Parlament einziehen. Dort werden sie im Namen des Judentums, unabhängig von Rücksichten auf Polen, Deutsche, Tschechen, Sozialdemokraten für die Freiheit und gegen jede Unterdrückung kämpfen, für den nationalen Frieden in Oesterreich eintreten, werden gesuchte Bundesgenossen aller Minderheiten sein und sich und dem jüdischen Volk wieder die verlorene Achtung zurückgewinnen. Für die Jnteressen ihres Volkes werden sie aber, frei von den Fesseln der Zugehörigkeit zu fremden Parteien, energisch, offen und rücksichtslos streiten können und auch bei diesem Kampfe Bundesgenossen bei den anderen nationalen Minderheiten und allen wirklich treiheitlichen Parteien finden. Wir Juden sind als Minorität vor allem daran interessiert, dass volle Gerechtigkeit im Staate herrsche. Wir, die wir uns beklagen, dass man uns verfolgt, wie dürfen wir so thöricht, so wahnsinnig sein als Wähler und Mitglieder nationaler Kampfparteien die verhetzenden Kämpfe einer Nation gegen die andere mitzumachen? Unsere historische Aufgabe ist es, der Freiheit eine Gasse zu bahnen und jede Unterdrückung zu bekämpfen. Weg daher mit allen jüdischen Vertretern, die in nichtjüdischen Klubs sitzen und das Judentum für Dinge engagieren, die es nichts angehen, deren Politik das Ansehen der Juden immer mehr herunterbringt, und die sich um alles andere eher kümmern, als um die bedrohten Volksgenossen! Die mablbewegnng in Galizien und der Bukowina. Die jüdischnationale Partei hat in Galizien und der Bukowina bisher folgende Kandidaten aufgestellt; Städtebezirke. 1. Lemberg III.: Dr. Markus Braude aus Stanislau. 2. Krakau III.: Dr. Chaim Hilfstein. 3. Stanislau: Dr. Markus Braude. 4. Tarnopol: Adolf Stand, Redakteur aus Lemberg. 5. Kolomea: Dr. Oskar Thon aus Krakau. 6. Tarnobrzeg-Nisko-Mielec: Rabb. Gedalje Schmelkes aus Przemysl. 7. Sanok-Stary Sambor: Dr. J. Gottlieb aus Rymanow. 8. Drohobycz-Skole - Bolechow - Turka:' Dr. Gerson Zipper aus Lemberg. 9. Stryj-Kalusz: Dr. Abraham Salz. 10. Rohatyn-Brzezany: Dr. Sam. Rappaport. 11. Brody etc.: Adolf Stand. 12. Buczacz-Zaleszezyki: Dr. Nathan Birnbaum Schriftsteller aus Wien. 13. Zydaczöw-Bobrka etc.: Dr. David Malz aus Bursztyn. Landgemeinden: 14. Chrzanow: Dozent Dr. Arthur Mahler aus Prag. 15. Stryj-Zydaczow-Gliniany: Dr. Jakob Kork i s. 16. Buczacz-Podhajce: Dr. Heinrich Gabel aus Lemberg. 17. Przemyslany - Zloczow: Redakteur Löbl Taubes aus Czernowitz. 18. Trembovyla-Czortköw: Dozent Dr. Arthur Mahler aus Prag. 19. Czernowitz (Ost): Dr. Benno Straucher. 20. Czernowitz (West): Inspektor N. W e n d e r. Galizien durchbraust ein Sturm der Begeisterung. Das Executivkomitee der jüdischnationalen Partei wird täglich mit Telegrammen und Petitionen aus den kleinsten Dörfern und Städtchen Galiziens in denen eine Anzahl von Juden wohnt, bestürmt, überall Zählkandidaten zu nominieren. In den obigen Bezirken, in welchen die aufgestellten Kandidaten fast durchwegs grosse, teilweise sichere Aussichten haben, herrscht eine unbeschreiblich gehobene Stimmung. Hierüber folgen nachstehende einige Berichte: Stryj : Am 21. April sollte Dr. Abraham Salz der Kandidat dieses Wahlbezirkes sich seinen Wählern vorstellen. Schon früh morgens versammelten sich Massen jüdischer Wähler, um den Kandidaten zu erwarten; und als er kam, bereiteten sie ihm einen enthusiastischen Empfang. Die Versammlung war für 3 Uhr nachmittags angekündigt. Schon gegen 2 Uhr war der Saal des ruthenischen Nationalhauses, der 2000 Menschen fasst, vollgepropft, so dass Hunderte von Wählern draußen bleiben mussten, weil sie keinen Platz mehr finden konnten. Als um 3 Uhr die Versammlung eröffnet wurde und der Kandidat Dr. Salz die Tribüne bestieg, da erscholl ein Bravoklatschen und Hochrufen, das mehr als 20 Minuten dauerte. In lVa-stündiger Rede entwickelte er das Programm der jüdischnationalen Partei. Nach Vorlesung der Resolution, in der Dr. Salz als Kandidat nominiert wird, erhob sich förmlich ein Wald von Händen, Hüte und Tücher wurden geschwenkt, und die enthusiastischen, strümischen Vivatrufe auf Dr. Salz und die jüdischnationale Partei wollten fast kein Ende nehmen. Nach der Versammlung begleiteten die Wähler Dr. Salz in’s Hotel, wo er sich durch die Ovationen gezwungen sah, nochmals vom Balkon zu sprechen. Am nächsten Tage begleiteten ihn 200 Wähler aus Stryj nach Kalusz, das zu diesem Wahlbezirke gehört, um den Wählern den Empfang, der dem Dr. Salz in Stryj zuteil wurde, zu schildern. In Kalusz wurde Dr. Salz gleichfalls von den jüdischen Wählern enthusiastisch empfangen und der Kultuspräsident Mühlstein stellte sich an die Spitze des jüdisch-nationalen Wahlkomitees. Das Organ der Allpolen in Lerabdrg „Slowo polskie“ berichtet: Eine ungeheure Zahl von Zionisten. Der Kandidat des „polnischen Nationalrates“ wird sicher durchfallen. Der Jüdisch-Nationale Dr. Salz kommt bestimmt mit dem Sozialdemokraten in die Stichwahl. Der Wiener „Zeit“ wird aus Czernowitz telegraphiert: ln einer von 5000 jüdischen Wählern besuchten Versammlung wurde gestern die Kandidatur des Dr. Straucher und des Herrn Wender für die Czernowitzer. Mandate angenommen. Der Versammlung wohnten 800 Polen bei, die gleichfalls dem Kandidaten Beifall zollten. Auch die Jungruthenen unterstützten die Kandidaturen Straucher und Wender. Stanislau: In einer Wählerversammlung in der 3000 jüd. Wähler anwesend waren, wurde die Kandidatur des jüdischnationalen Dr. Braude fast einstimmig angenommen. Diese Nachricht bestätigte auch ein Bericht der Wiener „Zeit“. Als die Kultusgemeinde den Dr. Braude des Predigeramtes verlustig erklärt hatte, bereiteten ihm die Juden nach seiner letzten Predigt eine enthusiastische Ovation, um dadurch gegen die Willkür des Kultusvorstandes zu protestieren. Auf Wunsch der Wähler genehmigte die Exekutive der jüdisch-nationalen Partei die Kandidatur Dr. Braude’s für Stanislau. Czortkow: Eine kleine Stadt an der östlichen Grenze Galiziens, die Residenz des Wunderabbi’s Friedmann verlangt einen jüdisch-nationalen Kandidaten. Und mit Begeisterung nehmen die Chassidim, die vermeinten, erbittersten Gegner der europäischen Kultur und des Fortschrittes, die Kandidatur des Universitätsdozenten Dr. A. Mahler aus Prag an. Brzezäny: Es kam die Nachricht, daß der Rabbiner Schmelkes aus Przemysl für den jüdisch-nationalen Kandidaten Dr. Rappaport in Brzezäny sprechen werde. Die Wahlhyänen wollten dies mit allen Mitteln vereiteln. Sie gingen so weit, daß sogar der Kultuspräsident nach Przemysl fuhr, um den Rabbiner Schmelkes durch Drohungen zu bewegen, nicht nach Brzezäny zu kommen. Selbstverständlich fürchtete Rabbiner Schmelkes die Drohungen nicht. Als es in der Stadt bekannt wurde, daß Schmelkes nach Brzezäny kommen werde, begab sich die ganze jüdische Bevölkerung samt vielen Kultusvorständen weit außerhalb der Stadt, um den Rabbiner Schmelkes, der mit Wagen kam, auf der Landstraße zu empfangen. Die Begeisterung, die er durch seine Rede für die jüdischnationale Sache enfacht hat, ist unbeschreiblich. Drohobycz: Der Bürgermeister. Jacob Feuerstein arbeitet mit dem größten Terrorismus für den Führer der Assimilanten Dr. N. Löwenstein. Er forderte alle Juden auf, am Wahltage mit offenen Stimmzetteln zu stimmen, um damit die jüdische Bevölkerung zu terrorisieren. Die jüdischen Massen haben beschlossen, dem Terrorismus von seiten der Bürgermeister, Bezirkshauptleute und Kultusvorsteher zum Trotze, mit offenen Stimmzetteln für den jüdisch-nationalen Kandidaten Dr. Zipper zu stimmen. 6e$innutid$getto$$en! Abonniert die Jüdische Zeitung!