Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 1 (11.5.1907)
- Date
- 1907-05-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Jüdische Zeitung Seite 5 gewesen, so darf er in der Leopoldstadt aus einem Grunde nicht gewählt werden, der ihm zwar als Menschen nicht zur Unehre gereicht, aber darum nicht weniger zwingend ist. Die Wahl eines Mannes, der wie Dr. Ofner als einer der lautesten, hitzigsten und prononciertesten Vorkämpfer für die freie Schule und die Änderung der katholischen Ehegesetze bekannt ist, in einem jüdischen Wahlkreise, müßte von einer großen Zahl von Katholiken als eine Provokation angesehen werden und könnte für die Lage der Juden verhängnisvolle Folgen haben. Gegen die antiklerikale Gesinnung des Herrn Dr. Ofner soll natürlich damit gar nichts gesagt sein; wir nationalen Juden sind nicht weniger gegen den Klerikalismus, das ist gegen das unzulässige Uebergreifen der Kirche in staatliche und bürgerliche Angelegenheiten wie Dr. Ofner selbst und wenn man von katholischer Seite im Parlamente Anträge auf Reform der katholischen Ehegesetze einbringen wird, würden unsere Abgeordneten gewiß im Sinne der weitesten individuellen Freiheit ihre Stimmen abgeben. Etwas anderes aber ist es, daß Juden sich an die Spitze derartiger Bewegungen stellen. Das ist vor allem unklug; denn es schadet nur dem Kampfe gegen den Klerikalismus, wenn die Gegner einen Anlaß bekommen, ihn für eine Judensache zu erklären. Es ist taktlos, weil selbst viele freisinnige .Christen es peinlich empfinden, wenn Juden in Angelegenheiten der christlichen Religion so viel und so laut hineinreden. Es ist endlich gefährlich, und jeder ehrliche Freund des jüdischen Volkes, mag ihn blinder Fanatismus darob auch einen Reaktionär schimpfen, muß auf diese Gefahr aufmerksam machen. Ein ehemaliger Minister, Graf Byland-Reidt hat ohne sich damit gegen die Ehereform auszusprechen, erklärt, Oesterreich habe gegenwärtig genug andere Sorgen, um sich derzeit in einen Kulturkampf einlassen zu können. Und wir Juden, für welche die katholische Ehe doch gewiß nur ein Interesse dritter und vierter Ordnung haben kann, wir, die wir außer den allgemeinen österreichischen noch unsere besonderen jüdischen Sorgen haben, wir, denen das Dach über dem Hause brennt, wir sollen so wahnsinnig sein, den Brand eines Kulturkampfes anzuzünden oder zu schüren, der die gefährlichsten Instinkte der Menge gegen uns wachrufen oder verstärken kann?! Sehr treffend hat jüngst ein Redner in einer jüdischen Wählerversammlung an das Beispiel des Kulturkampfes in Deutschland erinnert. Auch damals standen die Juden, an ihrer Spitze der bekannte Lasker in den ersten Reihen der Kämpfer gegen die katholische Kirche. Wieviel dies zu deren Sieg beitgtragen haben mag, sei dahingestellt; gewiß aber ist, daß diese Kämpfe der Ursprung des bis dahin in Deutschland unbekannten politischen Antisemitismus waren, welcher dann über Deutsch-Böhmen seinen Siegeszug nach den anderen Ländern Oesterreichs antrat und die Entwicklung genommen hat, welche man kennt. Dieser Antisemitismus wird nun zum erstenmal durch unsere Partei nicht mit Jammern und Schimpfen, sondern mit politischen Mitteln bekämpft. Wir verstopfen eine Quelle des Antisemitismus, indem wir die Juden aus den fremdnationalen Parteien herausziehen, wir verschütten eine zweite Quelle, indem wir an Stelle der Politik der Völkerverhetzung für eine solche der Völkerversöhnung und für eine freie wirtschaftliche Entwicklung Oesterreichs eintreten, wir wollen, was dann noch immer vom Antisemitismus übrig bleiben wird, mit der gesammelten organisierten Kraft des jüdischen Volkes unermüdlich und rücksichtslos bekämpfen. Und wenn da ein Dr. Ofner kommt und diese unerschrockene aber zugleich besonnene Politik zunichte zu machen droht, indem er durch sein — wenn auch einem idealistischen Beweggründe entspringendes — Auftreten in Sachen der freien Schule und der Ehereform, dem Antisemitismus ganz neue Nahrung gibt, so müssen wir ihn auf das Heftigste bekämpfen. Schon ertönt als Echo der Ofner’schen Reden der schrille Ruf: „Die Juden wollen dem christlichen Volk seine Religion rauben, sie vergreifen sich an dem heiligen Sakrament der Ehe“. Daß diese, wenn auch lügenhaften Vorwürfe überhaupt möglich sind und Glauben finden können, ist jedenfalls dem unbesonnenen Verhalten des Herrn Dr. Ofner zuzuschreiben. Bisher konnte man sich wenigstens noch darauf berufen, Ofner sei nur ein Zufallsjude, für den man das Judentum nicht verantwortlich machen dürfe. Wasaberwürdeman sagenkönnen, wenn Dr. Ofner in einem jüdischen Wahlkreise zum Abgeordneten gewählt werden würde? Wird man dann noch bestreiten können, dass die Juden die Ofner’- sche Kirchenpolitik gutheissen? Wahrlich die Gruppe getaufter und ungetaufter Juden, welche für die Kandidatur Ofner’s arbeitet, treibt mit d e r S i c h e r h ei t und Wohlfahrt der jüdischen Bevölkerung der Leopoldstadt und ganz Oesterreichs ein leichtsinniges Spiel! Und welches ist denn eigentlich der Preis, was bietet uns Herr Dr. Ofner dafür, dass wir seine deutsch-nationale Gesinnung und die Gefahren seiner Kirchenpolitik dafür in den Kauf nehmen sollen? Prüfen wir unbefangen seine Vorzüge: Er ist ein Mann von parlamentarischer Erfahrung. Aber ist das bischen Routine, das ein intelligenter Mann in 4 Wochen weg hat, wirklich von so grosser Bedeutung? Dann-dürfte man nie einen neuen Mann in’s Parlament wählen. Er ist ein hervorragender Theoretiker, ein gelehrter Jurist. Aber das ist für einen Politiker häufiger ein Nachteil, als ein Vorteil: Ein Gelehrter sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht, das Leben nicht vor lauter Theorien und Dr. Ofner hat dies wiederholt bewiesen. Herr Dr. Ofner ist ferner ein Sozialpolitiken Das heisst, er repräsentiert eins Partei, die es gar nicht gibt (Die ehemalige sozialpolitische Partei ist unter Führung zweier Gelehrte r,desDr.OfnerunddesProf.Philippowitsch zu Grunde gegangen). Die „sozialpolitischen Forderungen“ werden heute von fast allen Parteien vertreten, nicht in letzter Reihe von der jüdischen Nationalpartei, welche von allen bürgerlichen Parteien das .wirtschaftlich und sozialpolitisch vorgeschrittenste, modernste Programm hat. Dabei wird aber diese Partei stets auf dem Boden der Wirklichkeit bleiben und nie, wie von dem Doktrinär Dr. Ofner unter Umständen zu befürchten ist, um einer sozialpolitischen Doktrin willen die Interessen des jüdischen Mittelstandes und Proletariats preisgeben. „ Man kann die Dinge von welcher Seite immer betrachten, immer zeigt es sich, daß die Wahl Dr. Ofners in einem jüdischen Wahlkreise für das Judentum nur Gefahren mit sich bringen würde, welche durch keinerlei Gewinn aufgewogen werden. Kein denkender Jude, dem die Sache seines bedrückten Volkes höher steht, als die menschlich noch so sympathische Person eines einzelnen Mannes, wird daher dem Herrn Dr. Ofner seine Stimme geben dürfen. 6. €merlmg. Um jüdische Stimmen bewirbt sich auch der Sozialdemokrat G. Emerling, eine unbekannte Grösse. Mit der Sozialdemokratie haben wir die freiheitlichen Ideen gemeinsam. Diese aber können wir selbst vertreten und unseren jüdischen Abgeordneten wird dies im Parlamente nur Ehre machen. Dr. Schalit ist ein freiheitlicher Mann, wie nur irgend ein Sozialdemokrat, nur dass er mit der Waffe und dem Worte auch für die Freiheit des jüdischen Volkes gestritten hat, von dessen Existenz die Sozialdemokratie nichts wissen will. Aber die Sozialdemokratie ist auch eine Klassen partei, die Partei der industriellen Arbeiterschaft. Als solche kann sie unmöglich gleichzeitig die Interessen des Mittelstandes vertreten, sie kommt mit diesen häufig in den schärfsten Gegensatz. Wenn es sich gar um die Verteidigung speziell jüdischer Interessen, um Abwehr gegen antisemitische Uebergriffe handelt, dann rührt die Sozialdemokratie keinen Finger. Sie will nicht als „Judenschutztruppe“ gelten und hat auch Recht, denn sie ist dazu nicht da. Die Juden müssen eben mit dem System der „Beschützer“ brechen und wie jede aufrechte Gruppe von Menschen ihre Interessen selbst vertreten. Und dazu bieten Ihnen die jüdischen Wahlkreise Gelegenheit, und wenn sie in denen keine aufrechten jüdischen Abgeordneten, die mannhaft zu ihrem Volk stehen, wie es Dr. Schalit tut, wählen, dann sind sie politisch so unreif, wie sie es leider bisher so lange waren. Dr. Isidor Schalit. Niemals ist einem Kandidaten selbst von lauen Freunden und halben Gegnern soviel Sympathie entgegengebracht worden, wie dem Dr. Schalit. Alle, die ihn hören, sagen, er sei ein sympathischer Mensch, ein ausgezeichneter Redner, ein vernünftiger und besonnener Politiker. Langsam sickert überall dieses richtige Urteil durch, und eine zutreffende Gesamtwertung ist die Folge. Die Menge hat immer den richtigen Instinkt. Sie irrt sich auch in der Beurteüung des Dr. Schalit nicht. Vor za. 15 Jahren tobte an der Universität der wildeste Antisemitismus. Hunderte von jüdischen Jünglingen wurden von den antisemitischen Deutschnationalen wegen ihrer Abstammung gehöhnt, verfolgt und geprügelt. Da traten eine kleine Anzahl tapferer junger Juden auf, unter ihnen Dr. Schalit um ihre Ehre und ihr Volkstum mannhaft zu verteidigen. Unter Führung des Dr. Schalit lernten die jungen Kadimaner fechten und wurden gar bald die geachtetsten jüdischen Studenten. Ihre feurige Kampflust flößte den Gegnern Schrecken ein. Bald hieß es an der Universität: — So tapfer wie ein Jüdischnationaler.—Die Deutschnationalen, welche dieser Schar furchtloser Degen nicht standhalten wollten, erklärten plötzlich, dieser „minderwertigen Rasse“ keine Satisfaktion mehr zu geben! In wenigen Jahren war aus den feigen Juden ein tapferes Geschlecht geworden. Dr. Schalit war einer der ersten Erzieher der jüdischen Jugend zur Wehrhaftigkeit. Was der Jüngling versprochen, hat der Mann gehalten. Als Herzl der jüdischen Volksbewegung die Richtung gab, für die Millionen unserer Volksgenossen, die heute ziel- und planlos durch die Welt irren, eine Heimstätte v zu gründen, die gleichzeitig ein Kraftzentrum, werden sollte für alle zerstreuten Volksglieder; ' da war Dr. Schalit unter den ersten, die sich ihm begeistert zur Verfügung stellten. Als Herzl mit dem türkischen Reiche ver-.^ Gesinnungsgenosseni Abonniert die Jüdische Zeitung;