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Jüdische Zeitung · 1907-05-11 · 1 (11.5.1907) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
1 (11.5.1907)
Date
1907-05-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdische 'Zeifung Nr. 1 Die Kandidaten des Ulablhreites Ceopoldstadt 1. Die Jüdischnationale Partei hat ihr Programm, sowie die Politik, die sie zu führen gedenkt, oben skizziert. Wer die einfache Wahrheit noch immer nicht begreift, daß Jedes Volk, jede Gruppe ihre Interessen in wirksamer Weise nur selbst vertreten kann, daß mündige Menschen keinesBevormundung brauchen, wir Juden daher am besten tun, uns .zusammenzuschließen und dort, wo wir die Majorität haben, unsere .eigenen unabhängigen Abgeordneten zu wählen, der lasse einmal die Kandidaten, welche in unserem Wahlkreis auftreten Revue passieren und frage sich, wer von ihnen am besten geeignet ist, die jüdischen Interessen am nachhaltigsten, wirksamsten und achtunggebietendsten zu vertreten. Wer sjn(i diese Kandidaten? Führen wir sie uns der Reihe nach vor: Dr. timM Kolm. Große Plakate an allen Straßenecken fordern zur Wahl des Landesschulrates Dr. -Gustav Kohn auf! Und merkwürdig: das Wort Ju d e ist sorgfältig darauf verschwiegen. In vertraulichen Zetteln werden „arische“ Unterschriften für den Wahlaufruf erbeten. Dieser heimliche Jude und heimliche Vize-Präsident der Kultusgemeinde, aber öffentliche Deutsch-freisinnige soll der wahre r Vertreter des jüdischen Volkes sein! Herr Dr. Gustav Kohn! Sie lassen sich auf eine Kandidatenliste mit dem Antisemiten Komke setzen? Sie kehren dem _ rieutscbfortschrittlichen Wahlkomitee, das Omen solches bietet nicht' verächtlich den Rücken? Sie wollen durchaus der Welt das traurige und lächerliche Schauspiel bieten, daß ein Vizepräsident der größten israelitischen Kultusgemeinde in einem Parlament, in welchem es einen jüdischen Klub geben wird, nicht diesem angehören, sondern als Mitglied einer deutschen Partei in den „deutschen Block“ einziehen wird, um — von diesem kommandiert — Schulter an Schulter mit Lueger, Schönerer und Komke gegen die „slavische Gefahr“ zu kämpfen. Haben wir Juden von den deutschen Parteien (der sogenannten fortschrittlichen sogut wie von den anderen) noch nicht genug Demütigungen und Fußtritte erlitten? . - Ist es unbedingt nötig, daß an dem Tage, welchen jeder Einsichtige immer näher herankommen sieht, da die deutschfortschrittliche Partei sich judenrein machen wird, unter den letzten Juden, die sie abschüttelt, sich auch ein Vorsteher der Wiener Kultusgemeinde befinde? Nun, diese Schande werden die Juden sich und dem Herrn Dr. Kohn ersparen;; denn sie werden ihn am 14. Mai nicht in den Reichsrat entsenden. Die liberalen Bezirksgrößen, welche in ihrer Todesangst, daß ein wirklich jüdischer Volksmann mit einem j üd i-;sehen und wahrhaft freiheitlichen Programm, mit einem Wort, daß der Dr. Scbalit in der Leopoldstadt gewählt werden könnte, die jüdischen Wähler mit der ■Popularität des Herrn Dr. Kohn ködern wollen, werden sich gröblich geirrt haben. ,> Schon die letzten Kultuswählen, bei Reichen trotz des hohen Steuerzensus (20 K) und der stärksten Beeinflußung aller von der Kultusgemeinde abhängigen Personen in den meistenWiener Bezirken die Majorität dieser Wähler, im ganzen über; 1800 gegen Dr. Kohn und Genossen 'gestimmt haben, hat gezeigt, daß breite Schichten der Wiener Judenschaft gelernt |bäben, ihre Vertreter nicht mehr nach dem : würdevollen Aussehen, der sozialen Stellung, . auch nicht nach ihrer persönlichen Gutmütigkeit und Liebenswürdigkeit einzuschätzen, -sondern nach ihren Fähigkeiten und yTate n. Und in dieser Beziehung gibt der Kultusvorsteher Dr. Kohn einen Vorgesphmack dessen, was man vom Abgeordneten Dr. Kohn zu erwarten hätte. Herr Dr. Kohn bekämpft in der Kultusgemeinde nicht nur das allgemeine und gleiche Wahlrecht, sondern jede Refo r m des gegenwärtigen ultrareaktionären, unserer demokratischen Volksüberlieferung hohnsprechenden Wahlunrechtes, welches die Gemeindeherrschaft dem Häuflein der Höchstbesteuerten ausliefert, deren Mehrzahl jeden jüdischen Gefühles bar ist. Und dieser Mann soll im Parlament für Freiheit und Fortschritt kämpfen?1. Herr Dr. Kohn gehört dem Kollegium an, welches dem Oberrabbiner Dr. Güdemann einen Verweis erteilte, weil er in der vom Kultusvorstand boykottierten jüdischen Protestversammlung im Sofiensaal gegen die'russischen Pogrome gesprochen hat, dem Kollegium, welches dafür den von der Entrüstung des jüdischen Volkes aus der Kultusstube hinausgetriebenen Ritter von Taußig um Rücknahme seiner Demission gebeten und ihm den Dank für seine Tätigkeit votiert hat. Herr Dr. Kohn hat den Herrn von Taußig in öffentlicher Versammlung in Schutz genommen und gegen eine dessen Verhalten verurteilende Resolution gestimmt. ~ Von ihm durfte .damals der Vizepräsident der „Österr. Israelitischen Union“ sagen: „Die Herren Kultusvorstände haben bei dieser Abstimmung ihre Hände nicht nur gegen die Resolution, sondern gegen das Judentum erhoben“. Und dieser Man n soll im Parlament für die jüdische Ehre streiten! Herr Dr. Kohn ist schließlich ein Mann, im Alter von beinahe 64 Jahren, Energie, Unerschrockenheit, Schlagfertigkeit und Redegewandtheit: - sind Eigenschaften, welche er selbst in jüngeren Jahren nie gezeigt hat. - Und dieser Mann soll — auch wenn er den Willen und das Verständnis dafür hätte — imstande sein, einer Welt des Judenhasses gegenüber, der parlamentarische Vertreter der jüdischen Interessen zu sein? , Gerade die Freunde des Herrn Dr. Kohn sollten davor zurückschrecken, die müden Schultern eines alten Mannes mit dieser schweren Aufgabe, mit dieser furchtbaren Verantwortung belasten zu wollen. In unserer Zeit kann die Vertretung des jüdischen Volkes im Parlament nur jungen, kampfgeübten, unerschrockenen, nach allen Seiten hin unabhängigen, für das Judentum begeisterten Volksmännern anvertraut werden, wie Dr. Schälit einer ist. Dr. Julius Ofner. Ein selbständiges politisches Leben der Juden existiert erst seit Schaffung der jüdischen Wahlkreise und die politische Erziehung lässt daher in manchen Schichten des Judentums noch viel zu wünschen übrig. Trotzdem sollte man es kaum für möglich halten, dass Juden in einem jüdischen Wahlkreise für die Wahl eines Dr. Ofner eintreten. Dr. Ofner gab sich stets und gibt sich weiter als einen Deutschen. Gleich Dr: Kohn würde er im Parlament einem jüdischen Klub nicht beitreten, die jüdische Volkssolidarität verleugnen und dafür den im „Block“ vereinigten mehr oder minder antisemitischen deutschen Parteien sich als „Volksgenossen“ aufzudrängen suchen. Aber Dr. Ofner’s Deutschtum hat noch eine ganz andere Farbe als die des Dr. Kohn, es ist ein bewusstes und prononziertes nationales Deutschtum: Dr. Ofner lässt sich „sein deutsches Herz nicht aus dem Leibe reissen“ er trägt „mit Stolz das schwarz-rotgoldene Band“, er ist alter Herr oder Ehrenphilister oder wie der studentische Ausdruck heissen mag der „Fidelitas“ und hat jüngst wie die Tagesblätter meldeten, bei einer Feier dieser Verbindung in öffentlicher Rede den Ausspruch getan: „Auf Euch, Fideliten, ruht die Zukunft Oesterreichs.“ Und wollt Ihr wissen jüdische Wähler, wer die „Fidelitas“ ist, auf der die Zukunft Oesterreichs ruht? Bekanntlich haben vor einigen Jahren die alldeutschen studentischen Verbindungen ihren jüdischen Kollegen als Angehörigen einer „minderwertigen Rasse“ die Satisfaktionsfahigkeit abgesprochen. Jeder ehrliebende Jude, er mochte im Uebrigen von den studentischen Sitten und insbesondere dem Schlagen halten, was er wolle, empfand das als einen furchtbaren Schimpf, als einen Schlag in’s Gesicht. Dem glorreichen Beispiel der antisemitischen Korporationen hat sich nun auch die — nebenbei bemerkt— großenteils aus getauften oder ungetauften Assimilanten bestehende deutsche Verbindung „Fidelitas“ angeschlossen; auch sie hat beschlossen, den Mitgliedern d. jüdisch -nationalen Verbindungen keine Satisfaktion zu geben, mit ihnen ihre „deutschen Klingen nicht zu kreuzen.“ ' Und den Freund und Genossen dieser deutschnationalen Studenten, welche unsere Söhne und Brüder beschimpfen, sollen die Juden der Leopoldstadt in den Reichsrat wählen, weil er nach Schaffung jüdischer Wahlkreise, für welche er im Parlamente nicht den Mund aufgetan und keine Hand gerührt hat, plötzlich sein Judentum entdeckt hat und „auch als Jude“ kandidiert?! Welches sind nun eigentlich die Beziehungen Ofner’s zum Judentum, welche ihn zum Abgeordneten "eines jüdischen Wahlkreises qualifizieren sollen? Als ein neugieriger Gesinnungsgenosse in einer Versammlung an ihn die Frage richtete: „Herr" Dr. Ofner, der Nation nach er-' klären Sie ein Deutscher zu sein, das Judentum, sagen Sie, sei nur eine Konfession, religiös .aber sind Sie auch nicht, also in welcher Beziehung sind Sie eigentlich ein Jude?“, da blieb Dr. Ofner die Antwort schuldig. Die besten jüdischen Freunde Ofner’s wissen nicht mehr von seinem Judentum zu sagen, als daß er sich nicht hat taufen lassen. Was aber gar seine christlichen Freunde betrifft, so hat Herr Hofrat Baron Hock in einer der ersten Wählerversammlungen rühmend von Dr. Ofner gesagt, er sei „über die engen Schranken des Judentums hin aus gewachsen“. Nun, das Judentum scheint Herr Baron Hock wenig zu kennen, sonst würde er wissen, daß die Schranken des Judentums weit genug sind, damit man als Jude sogar mit ihm an Freisinn, Humanität und kultureller Betätigung wetteifern kann; aber seinen Freund Dr. Ofner dürfte er genau kennen, und da ist sein Zeugnis, daß dieser dem Judentum entwachsen ist, von höchstem Interesse. Dem Herrn Dr. Ofner mag dieser Freund jetzt freilich unbequem geworden sein, denn seitdem er gemerkt hat, daß in der Leopoldstadt mit dem Deutschtum nichts zu holen ist, wird er von Tag zu Tag jüdischer. Jetzt läßt er sich sein jüdisches Herz nicht mehr aus dem Leibe reißen, speziell jüdische Wählerversammlungen werden einberufen, sein Komitee verschmäht es nicht sogar in Jargonaufrufen für ihn zu agitieren, Zitate aus der Bibel und den Propheten werden für die Versammlungen angeschafft etc. Welch ein trauriges Schauspiel! Scham und Zorn müss jeden Menschen von natürlichen Empfindungen und geraden Gesinnungen ergreifen, wenn er sieht, wie das Judentum, für welches Millionen gelitten und geblutet haben und noch heute bluten und leiden, als Köder benützt wird, um einem Manne ein Mandat zu verschaffen, dem jüdisches Leben, jüdische Leiden und Hoffnungen stets fremder gewesen sind, wie die irgend eines anderen Volkes der Welt. Aber wäre dies alles nicht, wäre Ofner wirklich ein guter Jude und es stets

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