Israelitische Rundschau
- Journal
- Israelitische Rundschau
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 39 (26.9.1902)
- Date
- 1902-09-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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UövaeUtiJdje Uunfrldjat* an die Menschlichkeit Man schelte uns nicht undankbar, wenn wir uns nicht zu der Auffassung bequemen können, dass .die Rücksicht auf die Humanität das Ausschlaggebende für . Amerika gewesen ist. Bis letzt sind, von wenigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen, noch immer in der Politik der Staaten nicht Recht und Unrecht sondern Vorteil und Nachteil die •Wegweiser gewesen. Und die amerikanische Note spricht es ia deutlich aus, dass die Vereinigten Staaten, trotzdem sie nicht Signatarmacht des Berliner Vertrages sind, ihr Recht zu einem Dazwischentreten aus dem Umstande herleiten, dass sie selbst in dieser Frage interessierte Partei sind. In der That hat Amerika ein aktuelles. Interesse an der Judenein- Wanderung. \Vie England letzt an einer Einwanderungsbill arbeitet, die fast ausschliesslich auf iüdische Einwanderung *urückzuführen ist, so beginnt auch Amerika Dammbauten gegen den immer wachsenden Strom von russischen und rumänischen Juden. Wir haben kein Recht, dieses Vorgehen schon ein antisemitisches zu nennen, denn für die Orte, in denen sich die Juden in grossen Mengen niederlasscn — für New-York lauten die neuesten Zahlen ca. 600 000 — bedeutet das jüdische Element eine furchtbare wirtschaftliche Konkurrenz, bei deren Abwehr auch alle die alten Rassengegensätze, die Amerika begraben glaubte, wieder aufleben. Darum ist es ein Akt gediegener staatsmännischer Klugheit, wenn Amerika sich gegen die Wurzel des Uebcls wendet; unsere „Wohlthäter“, die die Judenfrage mit der Auswanderung gelöst glauben, können manches hieraus lernen. Wir Wollen gern glauben, dass auch der Appell an die Menschlichkeit. in der Note nicht leere Phrase ist, denn die unstillbare Judennot spricht eine zu deutliche Sprache, als dass sie selbst der an harten Daseinskampf gewöhnte Amerikaner nicht verstehen könnte. Und der Erfolg dieses hochherzigen Schrittes? Es liegen zwei Möglichkeiten vor: Entweder die Note wird ad acta gelegt, wie die Intervention zu Gunsten der Buren, oder die Garantiemächte des Berliner Vertrages bekennen sich zu ihrer Pflicht. Nach den neuesten Nachrichten scheint die erste Möglichkeit glücklicherweise nicht Wirklichkeit zu werden. England soll Gründe sind dieselben wie für Amerika — eine ähnliche Umfrage an die .übrigen Garantiemächte veranstaltet haben. Gegen die Aktion zu Gunsten der Juden wenden wird sich wohl keine der Mächte; aber ist damit den rumänischen Juden geholfen? Was wrird für sie geschehen? Ich fürchte, ich fürchte, wenig. Rumänien wird auf Russland, auf Deutschland, auf die gesetzlichen und faktischen Beschränkungen der Juden himveisen — — und das Ist ein wunder Punkt, eine Disharmonie im europäischen Konzert! Wäre Ich doch ein falscher Prophet! Elijahu. flus der Bewegung. Landeskonferenz der russfchen Zionisten In Minsk. (Fortsetzung). Der erste Tag der Verhandlungen wurde von den " Berichten der Rayonsvorsteher und der Diskussion über diese Berichte ausgefüllt. Den ersten Bericht gab Ingenieur Temkin. In seinem Rayon Elisabethgrad liegt Odessa, eine der Zentralen des Zionismus, das allein 50 .Vereine zählt. Er beschrieb in feuriger Weise den gewaltigen Fortgang der Bewegung; es Ist den Zionisten gelungen, nicht nur Vereine zu gründen und Schekel zu sammeln, sondern im Leben des jüdischen Volkes, besonders d?r Jungen Generation, ein mächtiger, vielfach ein' ausschlaggebender Faktor zu werden. Rechtsanwalt Jasinowskv konnte nicht ganz so riesige Fortschritte •aus dem Rayon Warschau'berichten. Die Schwierigkeiten sind liier ungleich grösser, trotzdem aber Ist auch hier unsere Bewegung in raschem Aufsteigen begriffen. Ein Ebenfalls durchaus erfreuliches Bild konnten Rabb. Rabbinowitz für den Rayon Sopotzkin und Herr Ben- Jacob für den Rayon Wilna und Kurland geben. Am Abend desselben Tages fand die Debatte über die Rechenschaftsberichte statt. Sie war sehr lebhaft und lieferte übergenug der Kritik an der Thätigkeit der Rayonvorsteher; fast auf allen Gebieten ihrer Thätigkeit wurden diese von den verschiedensten Seiten angegriffen. Die Debatte konnte nicht zu Ende geführt werden und wurde am Freitag fortgesetzt. Zum Schluss rechtfertigten Ussischkin und Temkin, sowie der Vorsitzende, Dr. Tschlenow, in glänzender- Weise die Thätigkeit der Rayonsvorsteher. Das Ergebnis war, dass der Kongress einstimmig den Rayonsvorstehern sein Vertrauen aussprach. Der Sabbath, an dem die Beratungen natürlich ausgesetzt wurden, gestaltete sich zu einer grossartigen Kundgebung in den Synagogen von Minsk, ln mehreren sprachen die zionistischen Gäste vor der dichtgedrängten Volksmenge, und allenthalben wurden vor der Tora Spenden für den Nationalfond gelobt. Am Nachmittag fand eine von der „Fraktion“ veranstaltete Auseinandersetzung über die Prinzipien der „Fraktion“ statt, in der die Wortführer der Fraktion die von den Gegnern der Fraktionierung vorgebrachten Gründe zu widerlegen versuchten. Nach Sabbath-Ausgang referierte Ussischkin über die Neugestaltung der zionistischen Organisation in Russland mit grosser Gründlichkeit, darauf Rechtsanwalt Rosenbaum über den Nationalfond. Das Referat musste abgebrochen und Sonntag vormittag fortgesetzt werden. An dieses Referat schloss sich eine sehr lebhafte und wichtige Diskussion. Der Referent war dafür eingetreten, dass das Kapital des Fonds stets auf einer bestimmten Höhe gehalten und erst der Ueberschuss dem Landkauf zugeführt werden solle. Dem widersprach vor allem Israel Felkind auf Grund seiner reichen Erfahrungen in Palästina. Er wies nachdrücklich auf die Notwendigkeit hin, alsbald mit dem Landkauf in Palästina zu beginnen, weil sonst die besten Grundstücke von anderer Seite angekauft würden, und schlug für die Praxis des Ankaufs die Erwerbung kleiner Bodenteile vor, um eine ungeheure Preissteigerung zu vermeiden. Der Kongress fasste hierauf eine Resolution in diesem Sinne. Am Sonntag nachmittag gab Prof. Belkowsky einen Bericht über den Stand der Kolonialbank. Im ersten Jahr ihrer geschäftlichen Thätigkeit kann die Bank ihren Aktionären eine Dividende von 2,3 Prozent gewähren. Das ist genug, um alle Spöttereien und Verleumdungen der Gegner niedcrztischlagcn. — Es wurde beschlossen, die Gründung von Share-KIuhs energisch zu betreiben. Abends erstattete Achad-Haam das Referat über die Kulturfrage. Es war die Einleitung zu einer fast dreitägigen, äussert stürmischen Debatte, in deren Verlauf die prinzipiellen Gegensätze aufs heftigste ancinanderstiessen. Das Ergebnis hatten wir schon im I. Bericht mitgeteilt: es wurden zwei Kulturkommissionen aus den beiden sich bekämpfenden Richtungen gewählt. Spät abends am 10. September wurde dann der Kongress unter ungeheurem Enthusiasmus der Teilnehmer geschlossen. Es ist erforderlich, einige wichtige Punkte aus dem Verlauf der Landeskonferenz hervorzuheben. Zunächst ist es fetzt eine offenkundige Thatsache, dass der Zionismus in Russland eine gewaltige Ausbreitung gefunden hat. Wir wussten schon, dass der Schwerpunkt unserer Bewegung in Russland lieert, trotzdem aber hat diese Konferenz und ihr BerHit unsere Erwartungen bei weitem ßbertroffen. Zwei Thatsachen veranschaulichen die Bedeutung des russischen Zionis-