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Israelitische Rundschau · 1902-08-08 · Heft 32 (8.8.1902) · page 2

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Journal
Israelitische Rundschau
Volume
1902
Issue
Heft 32 (8.8.1902)
Date
1902-08-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Rundscharr ermordeten Juden eintrug, mib es giebt zun; Beispiel in Deutschland kaum eine Gemeinde, deren Mernorbuch uns nicht das. reichste historische Material an die Hand gäbe, soweit nämlich nicht die Bücher mit den Juden zusammen verbannt oder verbrannt worden sind. .. Giebt es denn seit der Zerstörung unseres Staates auch nur einen einzigeil Augenblick in den; langen Zeitraum von zwei Jahrtausenden, von'dem man sagen -könnte:- Irr diesem Augenblick wenigstens ist unser Volk glücklich gelvesen? Doch wir wollen gerne darauf verzichten, das blutige Schauermärchen, zn erzählen, das sich „Geschichte der Juden im Exil" nennt; — zu erzählen, wie die kräftigsten Stämme niedergchauen, die herrlichsten Blumen zerpflückt, die liebsten Blüten geknickt wurden. Der nraltewige Schnierz, der da Judeilschmerz heisst, ist zu gennltig unb zu brennend, um uiit den kalten Worten einer irdischen Sprache geschildert zn werden. Und trotzdem kann Israel, das schon in seiner Wiege soviel für die Menschheit leistete, so viel urwüchsige Kraft zeugte, nicht für immer verloren sein. Zwar haben die Schläge, die ihm zuteil wurden, sein Rückgrat gekri'unmt, seinen Mut gelähmt, ihrn grausige Selbstmordgedanken cingcgeben. Aber dieses Rückgrat lässt sich wieder gerade richren, sein Mut wieder neu beleben. Zeigt unserem Volke einen Spiegel seines Lebens.' erzählt ihm von seiner eigenen herrlichen Vergangenheit, von seiner strotzenden Kraft, seinen Fähigkeiten, feinem Heldenmute! Blickt hinweg von der traurigeil Gegenwart, zeigt ihm im Spiegel der Vergangenheit seine Zukunft. Zeigt ihrn, dem verachteter;, dag die beste Achtling, für die es sich lohnt, einen Kamps auf Leben und Tod beginnen, die Selbstachtung ist! Liegt doch zum guten Teile das Rätsel der antisemitischen Machterrtwickelurrg in der Feindschaft der Juden selbst gegen ihr Volkstuin. Darin ist der tiefste Fall unserer Nation zu erblicken, daß sie auf Heimat und Sprache, auf Ideal und Zukunft, Selbstachtung und Würdet Freiheit nnb Ehre verzichtet. Und die verachtenswürdigster; Glieder wlseres Stammes.siild diejenigen, die von ihren; Eigelldünkel aus den Stab über ihr unglückliches Volk brechen. Und wenn der Antisemitismus cilvas mit Recht angreifen wollte, so könnte er nur auf den Umstand Hinweisen, daß wir „jüdische Antisemiten" unter;ms haben. Darurn ist cs auch kein Wllnder, wenn die Zahl derer, die die Lebensverhältnisse unseres Volkes kennen, sehr gering ist, wenigstens in Deutschland. Bei weitent der grüßte Teil der deutschen Juden sucht sich über die Anfeindungen, die denl jüdischen Stamiile seit zlvei Jahrtausenden zu teil werden, hinlvegzutäuschen. Die Einen sehen sie für eine göttliche Schickllng an, die mail rllhig und gefaßt ertragerl soll, die anderell pharltasierell von eineul allgemeinen Weltfrieden in nächster ZllklUlft, voll der vollendeten sozialen Ordnung, in der es keinen Haß und keine Leidenschaft giebt. Dazu konlnlt die froste Zahl derjenigen, die sich und ihre Arbeitskraft, ihr Herz nnb ihre Hand dem armen jüdischen Volke entziehen, um für die glänzenden Ideale anderer Völker zu kämpfen, die Israel doch nie zu gute komnleu werden. Zu oft hat nun unser Volk die traurigster' Folgen der inneren Zersplitterung und der räunllichell Zerstreuullg an sich erfahren, zu schwer hat die Har,d frenlder Mächte auf seinem Nacken gelastet, zu lange ist es in der Entwickelung seiner reichen Kräfte gehilldert lvorde«l, als daß es ,licht mit der heißesten Glut seiner Sehnsucht nach jener vergangenen Zeit eines einigen, großen, fultiüierien, herrlichen Juda zurückverlangen sollte; als daß es nicht endlich eine Zukunft ersehnte, in der es nicht mehr.getrieben, vor allen; nicht mehr in seiner.G.esalntheit verachtet würde. Diese tiefe Sehnsucht durchzieht unser Volk auch dort, wo mall sich scheut, es cinzugestehen. Hier begeguell sich all die ent« gegengesetzten Parteibestrebungen im Judentum; aber weit gehen sic bei der Frage allseinander, wie das Ziel der allgemeiner; Sehnsucht zu erreiche!; sei. Ucber alle Wege zu diesen; Ziel wurde man-sich vielleicht schneller einigen, wenn man allgemeiner an der Hand der Geschichte die Bedingungen zu ergründen suchte, unter denen unser Volk von der Höhe seiner Kultur und Stellung herabstürzte nnb zum verachteten Paria unter den Völkern wurde. Wir erfeunen die Eigenart unseres nationale!: Unglücks aus den blutigen Malen auf dem Rückgrat unserer zersplitterte,; Nation, ans den Bußgebeter; unb Klageliedern, die noch jetzt allerorten in unseren Bethäusern erschallen, ans jenen; Hep Hep. das den; „lkioro^olvnm •est perclita" seine Entstehung verdanken soll, aus jenen; Schimpfwort, das den Namen „Jude" entehren soll. Sagen lvir es mit dürrer; Worten: Unser Unglück schreibt sich her von unserer Zerstreuung; diese vor; der Zerstörung unseres Staates. Voller; wir unser Unglück vernichtcll. so rnüssen lvir der Zerstremma ein Ziel setzen durch Gründung eines jüdischen GenreiiNvesens. Was gelren will, muß wirkeu und muß dieueu. Den Andern dienen nrrd für die Welt lvirker; karn; aber das Judentun; ers; als Narion für sich, als Gerneinfchaft für sich. Unsere Zukunft, die sich aus unserer Gegenwart ergiebt, ist entweder, völliger Untergang oder nationale Wiedergeburt. Als Jerusalem belagert wurde, da spielten sich jene Schreckerrsscenen ab, die das Entsetzlichste darstellen, was je die Weltgeschichte gesehen hat. Es hatte sich die grause Unheilsverkündignng erfüllt: Arg Morgen sprichst du, wer brächte den Abend, und arn Abend sprichst du:.wer brächte den Morgen vor Bangigkeit deines Herzens, mit der Tu bangen wirst und vor dem .Anblick deiner Angen, den du erblickst. Fürwahr, das „Volk war aus der Ferne gekonnnen. das lvie der Adler herabstößt, das Volk vorn Ende der Erde, dessen Sprache du nicht verstehst; ein Volk mit frechein Antlitz, das den Blick nicht senkt vor dem Greise und dem Knaben nickst hold war. Hub es hatte aufgezehri die Frucht des Viehes und die Frucht des Erdbodelts. um Israel zu vertilgen. Und es bedrängte Juda in allen seinen Mauern, den. hohen und festen, denen es vertraute". Und btrchstäblich erfüllte sich die Arckündiguitg des alten Meisters Israels, der sein Volk nrehr kannte, als irgend einer, die vor ihrn und nach ihrn waren: „Und dies Volk lvird dich bedrängen in allen Deirren Thoren, bis deine Mauern fallen, die hohen und festen, denen dn vertrauest, in deinen; ganzen Lande, und es lvird dich bedrängen in allen deinen Thoren, in deinen; ganzen Lande, das der Ewige, dein Gott, dir giebt. Und aufessen wirst du deine Leibesfrucht, das Fleisch deiner Söhne und deiner Töchter, die der Ewige, dein Gott, dir gegeben, ir; der Bedrängnis und Enge, ir; die dein Feind dich einenger; wird.... Und ihr werdet übrig bleiben in eir;em geringen Häuflein, anstatt daß ihr gelvesen wie die Sterne des Hirnrnels an Menge... und der Ewige wird dich zerstreuen von einem Ende der Erde bis zürn anderrt Ende der Erde... und auch unter diesen Völkern wirst du nicht .Rast finden, lvird keine Ruhestätte fein für den Ballen deines Fußes, und deir; Leben lvird Hanger; fern vor; dir, daß du es schauest als wäre es nicht dein Leber;, nnb zage,; wirft du bei Tag und Nacht, und deinen; Leben rückst trauen. Tann wirst du wieder sprechen: Wer brächte den Abend, nnb arn Abend: wer brächte der; Morgen ob all des Erttsetzlichen. das bu erblicken wirst." Wort für Wort sind die Verkündignngcr; unseres erster; und größten^ Meisters an uns ir; Erfüllung gegangen. und die tiefe Tragik des Tischah-b'Abh wird noch ergreifender, rverm man sich erinnert, daß der Mann. der sein Volk mehr als alles nnb mehr als alle liebte, unser ganzes Elend voransgeahnt hat. Er hatte irr; Geiste die Zerstörrrng Jcrusalerns geschaut, er wußte auch, daß sie dorr Geburtstag der „Judenfrage" bedeute.

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