Israelitische Rundschau
- Journal
- Israelitische Rundschau
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 32 (8.8.1902)
- Date
- 1902-08-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Und wenn sie schon durch die bittere Not des Lebens gezwungen wurden, sich in Demut zu ergeben, wenn das Leid und die Qual menschlichen Lebens sie niederdrückten, so haben sie doch versucht das Leid zu vergessen, wenn cs galt, den Tag zu feiern, an dem das Leben des Leides begann, in aller Not und in alter Pein vergaß man nickt den Geburtstag zu feiern. .Auch wir feiern, oder besser, wir begehen in dieser Woche den Geburtstag eines Leidens, das zu dein Grausigsten gehört, was die Weltgeschichte kennt. Wir feiern, ivenn man so sagen darf, den Geburtstag der Judcnfrage. Als am neunten Tage des Monats Abh vor nunmehr 1832 Jahren der Tempel Jerusalems in Flammen emporlohte, wurde die Judenfrage, die mit einem andern Namen auch die Judennot heißt, geboren. Denn mit dem Tempel, den die Flammen fraßen, ging zugleich die Selbständigkeit des Volkes zu Grunde, das fortan nicht mehr in einein eigenen oder auch nur in einem einzigen Staatswesen geeint war. Seitdem ist das Jüdische Volk ruhelos und heimatlos von einem Lande zum andern geirrt, und obwohl es nie ein Land freiwillig verlassen hat, fand es seitdem keine bleibende Stätte in den Ländern, in denen es eine gastliche Zuflucht gesucht hatte. Die ZerstörungJerusalems bedeutet für dieJuden ein größeres nationales Unglück als sämtliche Teilungen Polens für die Polen. Nur das stammverwandte Karthago hat eüw ähnliche Katastrophe betroffen wie Jerusalem, und nur Hannibals Stadt wurde in ähnlicher Weise bei ihrem Untergänge verteidigt wie Judäas Hauptstadt. Die Leiden, welche Jerusalem ivährend der Belagerung nuszustehen hatte, sind trotz all des Elends, das in der Folge seine unglücklichen Söhne betroffen hat, die entsetzlichsten, welche sogar die jüdische Geschichte kennt. Und doch'hat keiner der Kämpfer an Uebergabe gedacht. Keiner hat verzweifelt seine Rettung in der Aufgabe des Volkes gesucht. Die Kämpfer mn Jerusalems Mauern, die eine Stadt Jahre lang gegen die größte Weltmacht verteidigten, die je existieü hat, sind.ein Ruhmestitel in der jüdischen Geschichte, wie sie ähnlich kein zweites Volk der Erde aufzuweisen hat. Man lese einmal Josephus, wie er wider seinen Willen gezwungen ist, den von ihm aufs Grimmigste gehaßten Freiheitskämpfern einen Ruhmcskranz zu winden, wie ihn herrlicher keine andern Helden tragen. T'.e Namen Simon Bar-Giora, Jochanan von Gischala und Elasar Ben Simon werden unvergessen bleiben, so lange noch Weltgeschichte studiert wird. Den Josephus mußt Du lesen, läßt Schiller dem Manne zurnfen, der durch die Erinnerung an gewaltige unerreichbare Heldenthaten zu etwas ganz besonderem aufgereizt werden soll. Und, den Josephus müßt Jbr lesen, müßte man den Juden zurufen, die an der Krasl^ ihres eigenen Stammes verzweifeln. Wer die gewaltige!: Thaten unserer Ahnen kennt, wer das titanenhafte Ringen um Jerusalems Mauen: weiß, der kann nicht glauben, daß unsere Nation ihre Selbstheit, ihr Eigenwesen mit der Zerstörung ihres eigenen Staates endgiltig verloren hat. Er wird vielmehr aus dem Unglücke, das unjern Stamn: betroffen hat, das glühende Gefühl der Liebe zun: eigenen Stamn: herauslesen und wird niemals daran _ denken können, daß der Stamn: Ha:ck» an sich selbst leger: soll und kann, dessen Väter in unvergleichlichem gewaltigen Ringen in unendlich kleiner Zahl es gewagt haben, dem Römischen Weltkoloß zu trotzen, um die nationale Eigenart zu wahren. Selbstnwrdgedanken, — und die Sucht der Judenheit, in fremde Völker bedingungslos und anstandslos aufgehen zu wollen, ist nichts weiter als Selbstmordversuch, — Selbstmordgedanken entstehen bei geistig begabten Individuen zumeist infolge der tiefen Schwermut über Unglück und Kummer. Und tvahrlich, fein Volk, keine Nation, kein Stan:m der Welt hat ein annähernd so schweres Geschick zu tragen gehabt, als gerade unser kleines Juda. Wo in oller Welt ist mehr Unglück beweint worden als in Israel; welche Nation hätte mehr Blut verspritzt für die Verteidigung ethischer Ideen, für die Verteidigung ihrer selbst, für die Erhaltung ihres Lebens! Seit den: Untergange unseres Staates schien die erbarmungslose Hand einer grausamen Weltregierung jede Seite in: Buche der Geschichte unseres Volkes mit Blut zu streichen und mit Feuer zu schreiben. Sind doch seither die besten Quellen für die Geschichte unseres Volkes jene unter dem Nainen „Memorbücher" bekannten Martywlogien, Bücher, in die man Jahr für Jahr die Namen der für das Judentum